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Der Schmäh mit den Globuli

6 Min
Neben dem Placebo-Effekt ist Homöopathie reine Esoterik.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Midjourney

Homöopathie wirkt nicht, denn in den Präparaten sind keine Wirkstoffe enthalten. Eine Analyse.


Homöopathie wirkt bei mir nicht. Sie hat nicht gewirkt, nicht bei Husten, nicht bei einer Außenohrentzündung, nicht bei Einschlafstörungen, nicht bei Kopfschmerzen. Bei mir hat sie in der Vergangenheit nicht gewirkt, und sie wird in der Zukunft nicht wirken – allein schon deshalb, weil ich sie nicht mehr anwenden werde.

Doch angewendet wird die Homöopathie von anderen, von vielen. Zwar gibt es für Österreich laut Gesundheitsministerium keine Statistiken. Geht man jedoch von einer aktuellen deutschen Studie aus, dann sind bei den Personen, die sich eine Anwendung vorstellen können, mit 40 Prozent die Über-50-Jährigen führend. In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen haben 32 Prozent Homöopathika ausprobiert, 34 Prozent können sich die Anwendung vorstellen, zwölf Prozent wenden sie regelmäßig an. Nur 17 Prozent lehnen homöopathische Mittel kategorisch ab.

Wachsender Wirtschaftssektor

Obendrein ist Homöopathie ein wachsender Wirtschaftsfaktor. Das Institut Intercontinental Marketing Services ( IQVIA) hat die Zahlen für Österreich: In den vergangenen zwölf Monaten wurden im Bereich der Homöopathika in den öffentlichen österreichischen Apotheken für 2,6 Millionen Packungen 49 Millionen Euro ausgegeben. Der Markt wächst aktuell im Vergleich zum Vorjahr um 1,5 Prozent nach verkauften Einheiten und um 7,6 Prozent nach Wert. Auch im Jahr davor verzeichnete der Markt Zuwächse (plus 0,9 Prozent nach Absatz und plus 4,4 Prozent nach Umsatz), nachdem er die beiden Jahre zuvor pandemiebedingt rückläufig war. Ein homöopathisches Präparat kostet derzeit durchschnittlich 18,7 Euro. Führende Kategorien nach Absatz sind Augenpräparate vor Mineralstoffen, Schmerzmitteln, Mitteln gegen Reisekrankheiten sowie Grippe- und Erkältungsmitteln. An der Spitze des Umsatzrankings stehen Schmerzmittel.

Homöopathie ist und bleibt ein Zankapfel in Familien, in Beziehungen, in Freundschaften. Anhänger behaupten, es sei eine sanfte Heilmethode. Ähnliches könne mit Ähnlichem geheilt werden, daher die Bezeichnung: “homoios” für griechisch “ähnlich”, “pathos” für griechisch “Leiden”. Das Konzept besteht in der Verwendung von Substanzen, die den Körper schneller auf die richtige Spur führen, selbst mit dem Unwohlsein oder der Krankheit fertig zu werden. Eine gewagte These, die erstaunlicherweise die Kassen klingen lässt.

Ein Trugschluss

Wie ist das möglich? Norbert Aust betreibt einen Blog zum Thema Homöopathie und ist Mitglied des Münsteraner Kreises, der sich für eine wissenschaftlich gesicherte Medizin und medizinische Versorgung einsetzt. Die Homöopathie baut auf laut Aust ihm auf solch einem Trugschluss auf: „Wenn leichte Beschwerden nach der Einnahme der Kügelchen besser werden, dann schaffen Sie eine Verbindung“, sagt Aust. Er illustriert das mit einer Anekdote aus eigenem Erleben: „Mich hat einmal eine Wespe gestochen. Meine Frau hat mir irgendeine homöopathische Salbe gegen die Schmerzen gegeben. Ich sitze am Schreibtisch und merke, es wird besser. Auf einmal denke ich, der Homöopathie-Gegner: Na bitte, es wirkt ja doch."

Aust führt aus, dass wissenschaftlich fundierte Studien eindeutig zeigen: Homöopathie ist, sieht man vom Placebo-Effekt ab, unwirksam. „Wer Homöopathie anwendet, glaubt an etwas, wofür man keinen faktischen Beweis hat.“

Mitverantwortung der Schulmedizin

Was treibt dennoch so viele Menschen zur Anwendung von homöopathischen Präparaten? Aust: „Die Schulmedizin ist in einem katastrophalen Zustand. Wenn man in die Notfallambulanz geht und nicht den Kopf unter dem Arm trägt, wartet man fünf Stunden. Die Ärzte fertigen die Patienten schnell ab, der Patient fühlt sich nicht ernst genommen. Homöopathen hingegen sind charismatische Menschen, ihre Ausstrahlung ist freundlich und positiv, sie sind Ärzte, wie man sich als Patient oder Patientin einen Arzt oder eine Ärztin vorstellt. Man fühlt sich gut aufgehoben und bekommt die einfachen Lösungen in Form der Zuckerkügelchen. “

Der Politikwissenschaftler Bernd Harder hält fest: „Homöopathie kann nicht wirken, weil sie gesicherten Erkenntnissen der Naturwissenschaften widerspricht. Das Homöopathen-Argument, dass wir noch nicht wissen, warum Homöopathie wirkt (also der Wirkmechanismus noch unbekannt sei), ist falsch. Wir kennen eine Menge Medikamente und medizinische Verfahren, bei denen der genaue Wirkmechanismus noch unbekannt ist - man kann aber trotzdem die Wirkung belegen.“

Potenzieren bedeutet verdünnen

Als gesicherte Erkenntnisse führt Harder an: „Wässrige Lösungen enthalten keine stabilen Strukturen, die beim ,Potenzieren‘ verstärkt werden oder sich vermehren könnten. Es gibt kein ,Wassergedächtnis‘, das sich Spuren des gelösten Stoffes ,merken‘ kann. Weiters: Die Loschmidt‘sche Zahl ist ein Naturgesetz. Sie gibt an, wie viele Atome oder Moleküle eines Gases sich unter Normalbedingungen in einem Kubikmeter befinden. Auf Homöopathika umgelegt bedeutet es, dass ab einer bestimmten Verdünnung kein einziges Molekül Wirkstoff mehr in dem Mittel enthalten ist.“

Oder, wie Christian Weymayr es ausdrückt: „Hohe Potenzierungen enthalten 0,00-und-so-weiter-1 Prozent des Wirkstoffs, also faktisch keinen mehr. Da ist es völlig unerheblich, was da mal drin war. In dieser Potenz ist auch Arsen als Babykost geeignet.“

An Geister glauben

Der promovierter Biologe ist, wie Aust, Mitglied des Münsteraner Kreises. „Christian Friedrich Samuel Hahnemann, der Erfinder des Ganzen, sagt selbst, Homöopathie ist geistige Heilkraft. Das bedeutet: Wer an Homöopathie glaubt, muss an Geister glauben.“

Die Vernunft setzt nach Weymayrs Überzeugung erst wieder ein, „wenn es ernst wird“. Erst dann schenken viele Menschen, wenngleich nicht alle, der Schulmedizin ihr Vertrauen.

Ist demnach alles abzulehnen, was Alternativmedizin ist? Wie steht es um die Kräutermedizin? „Die ist etwas völlig anderes als Homöopathie. Der Grundgedanke ist nahe an der Schulmedizin.“ In Kräutermedizin sind Wirkstoffe vorhanden. Es sei, so Weymayr, die esoterische Überhöhung der Natur, die aus der Kräutermedizin Alternativmedizin macht. „Homöopathie hingegen ist reine Esoterik“, sagt Weymayr. „Statt Globuli einzuwerfen, kann man auch eine schwarze Kerze anzünden.“

Weymayr hält ein ziemlich einfaches Rezept parat, wie man sich gegen die homöopathische Versuchung wappnen kann: „Es reicht, rational zu sein. Niemand wird versuchen, ein Bild an einen Nagel zu hängen, der nicht da ist. Aber Globuli schlucken viele, obwohl das genauso sinnlos ist.“

Homöopathie überall

Der Fehler liegt im System, denn „diese irrsinnige Methode“ sei in der gesamten Gesundheitsversorgung verankert, argumentiert Weymayr. Da sie vom Fachpersonal, also den Ärzten, verschrieben wird, und in den Fachgeschäften, den Apotheken, verkauft wird, und in Apotheken sogar Beratungsgespräche über die richtige Anwendung geführt werden, scheint die Homöopathie seriös. Patient:innen akzeptieren sie, ohne die Behandlungsmethode kritisch zu hinterfragen.

Dass die ehemalige Patientenanwältin der Stadt Wien Sigrid Pilz bereits im November 2018 ein Verkaufsverbot für Homöopathika in Apotheken gefordert hat, hat nichts gebracht. Die Homöopathika sind in Apotheken vorrätig, es gibt sogar spezialisierte Homöopathie-Apotheken.

Nur Hokuspokus

Ein Problem ortet Weymayr bei den Ärzten selbst: „Ärzte sind keine Wissenschaftler. Das ist das Problem.” In den meisten Fällen sei es reiner Pragmatismus, wenn sie Homöopathika verschreiben. Weymayr zufolge fehlt die klare Grenze zwischen Medizin und Homöopathie, „und ebenso fehlt die Kommunikation durch Meinungsmacher mit klaren Aussagen. Der Münsteraner Kreis sagt deutlich, dass es sich bei Homöopathie um Hokuspokus handelt. Nur muss das auch von Ärzte- und Apothekerverbänden kommuniziert werden.“

Und ich selbst? - Die Bekannte, die mir zur Anwendung von Homöopathie geraten hatte, brachte es auf den Punkt: Die Sterne seien ungünstig gestanden.


Infos und Quellen

Genese

Vor einigen Jahren hat sich Edwin Baumgartner hin und wieder überreden lassen, ein Unwohlsein mit Homöopathika zu behandeln. Höhepunkt war eine Außenohrentzündung. Gewirkt haben die Präparate kein einziges Mal. Nachdem bei der Außenohrentzündung das schulmedizinische Präparat eine nahezu sofortige Besserung brachte, begann Baumgartner, die Homöopathie unter die Lupe zu nehmen. Sein Fazit: Wo kein Wirkstoff ist, kann nichts wirken.

Gesprächspartner

  • Norbert Aust hat Maschinenbau studiert und ist Dr.-Ing. Er ist in der GWUP Ansprechpartner für Themen der Alternativmedizin und der Energietechnik. Zu seinen einschlägigen Veröffentlichungen gehört das Buch „In Sachen Homöopathie - Eine Beweisaufnahme“. Außerdem betreibt er den Blog www.beweisaufnahme-homoeopathie.de

  • Bernd Harder hat Politikwissenschaften in Saarbrücken studiert. Er arbeitet für mehrere Zeitschriften, ist Chefreporter des „Skeptiker" und verantwortlich für den „Magazin"-Teil. Zu seinen Interessen im Bereich der GWUP gehören Esoterik, Parawissenschaften, Nostradamus und Okkultismus.

  • Christian Weymayr ist promovierter Biologe. Er hat sich auf den Bereich Patienteninformation spezialisiert. Derzeit ist er Dozent für Medizinjournalismus an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen und Mitglied im Wissenschaftsrat der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und im Münsteraner Kreis. 2014 entwickelte er (mit Christian Egbers) das interaktive Entscheidungshilfetool DecisionCube. Zusammen mit Nicole Heißmann hat er 2012 das Buch „Die Homöopathie-Lüge – so gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen“ veröffentlicht. Außerdem ist Weymayr als Autor, Schauspieler und Regisseur im Kleinen Theater Herne aktiv.

Daten und Fakten

  • Homöopathie ist ein im späten 18. Jahrhundert in Deutschland entwickeltes System, das auf dem Grundsatz basiert, dass Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen sei. Hiervon leitet sich auch der Name ab: „homoios“ für griechisch „ähnlich“ und „pathos“ für griechisch „Leiden“.

  • „Potenzierung“ bedeutet in Wahrheit Verdünnung. Nach der Lehre der Homöopathie ist die „Potenzierung“ eine Intensivierung der Wirkung. Tatsächlich aber bedeutet beispielsweise die Kennzahl D 400 eine Verdünnung von 1 : 10400. Das entspricht der Menge von einem Molekül einer Ausgangssubstanz im 10320-fachen Volumen des gesamten beobachtbaren Universums.

  • Christian Friedrich Samuel Hahnemann (1755-1843) war ein deutscher Arzt und medizinischer Schriftsteller. Um 1779 begründete er die Homöopathie.

  • Placebo (lateinisch „ich werde gefallen“) ist ein Scheinmedikament, das keinen relevanten Wirkstoff enthält.

  • Unter dem Placebo-Effekt versteht man, dass nach der Verabreichung eines Medikaments die erwünschte psychische und / oder physische Reaktion eintritt, obwohl sie auf keinen im Medikament enthaltenen Wirkstoff zurückzuführen ist.

  • Die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften) ist eine 1987 in Deutschland gegründete Organisation der Skeptikerbewegung mit Sitz in Roßdorf (bei Darmstadt). Die GWUP ist ein in Deutschland eingetragener Verein und als gemeinnützig anerkannt. Die österreichische Zweigstelle ist die GWUP Wien - Wiener Skeptiker.

  • Der Münsteraner Kreis ist ein Zusammenschluss von Personen unterschiedlicher Fachrichtungen, die sich für eine Gesundheitsversorgung auf der Basis wissenschaftlich belastbarer Fakten einsetzt.

Quellen

Das Thema in der WZ

Wirksam oder Placebo?

Das Thema in anderen Medien