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Der Sommer der Beweise

6 Min
"Wissen wissen" ist eine Kolumne von Eva Stanzl. Darin ordnet sie aktuelle Themen aus Wissenschaft und Gesundheit ein.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Adobe Stock.

Jahrzehntelang ausgesprochene Warnungen verwandelten sich im Sommer 2026 in Tatsachen. Abnorme Wetterereignisse sind zur Normalität geworden und die Auswirkungen des Klimawandels zur dramatischen Realität.


    • ,,Wissen wissen" ist eine Kolumne, die Meinungselemente enthält.
    • Der Sommer 2026 bestätigt die Prognosen der Klimaforschung: Extreme Hitze, Dürren und Waldbrände sind zur Normalität geworden.
    • Tausende Hitzetote, massive Ernteausfälle, Wassermangel und wirtschaftliche Schäden zeigen die Auswirkungen des Klimawandels.
    • Die Erderhitzung ist kein Zukunftsproblem mehr, sofortiges Handeln ist notwendig.
    • 2026: 12.500 Hitzetote allein in Deutschland bis 2. August
    • Niederschlagsdefizit in Österreich: größtes seit 176 Jahren
    • Stromertrag aus Wasserkraft in Österreich um ein Drittel gesunken
    • Dürreschäden kosten EU heuer rund 180 Milliarden Euro
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Irgendwann werde es heißer, irgendwann extremer, irgendwann teurer, warnen Klimaforscher:innen seit Langem. Nun ist die Zukunft Gegenwart. Der Sommer 2026 liefert die Beweise. Er kann nicht mehr als Ausreißer in der Statistik abgetan werden, wie der Hitzesommer 2024. Denn die abnormen Wetterereignisse sind zur Normalität geworden und die Auswirkungen des Klimawandels dramatische Realität.

Vorhergesagt wurden mehr und längere Hitzeperioden, mehr Hitzetote, mehr Dürren, wärmere Ozeane, mehr Wasserknappheit, mehr Niedrigwasserstände, mehr extreme Waldbrände, mehr Druck auf die Landwirtschaft und die Energieversorgung und größere Probleme für die Welternährung und die Weltwirtschaft, wenn sich die Erde um mehr als 1,5 Grad erwärmt. Dieser Sommer steht für: Prognose erreicht. Europa, wo die Hitzebelastung am stärksten ansteigt, hat die Vorhersagen sogar übererfüllt.

Einige Beispiele für das Orchester der Folgen:

Hitzestress tötet tausende Menschen

Tausende Menschen sterben an den Folgen von Hitze. Bis 2. August zählte das Robert Koch-Institut allein für Deutschland 12.500 Hitzetote. 2026 ist somit das Jahr mit den meisten hitzebedingten Sterbefällen in unserem Nachbarland, wobei für Österreich keine exakt vergleichbaren Zahlen öffentlich gemacht sind.

„Hitze ist weltweit die häufigste Ursache für wetterbedingte Todesfälle“, sagt Rebecca Emerton vom European Centre for Medium-Range Weather Forecasts in Großbritannien im Bild der Wissenschaft. In den kommenden Jahrzehnten würden weitere hunderttausende Menschen gefährlichen Hitzestressbedingungen ausgesetzt sein, welche Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und psychische Erkrankungen verschlimmern.

Hohe Temperaturen beeinträchtigen die Gesundheit sogar im Schlaf, unter anderem weil nächtliches Schwitzen den Körper dehydriert und wir bei Hitze schlechter zur Ruhe kommen. Wer aufsteht, um zu trinken, unterbricht die nächtliche Rast, was ebenfalls schädlich ist.

Brennende Bäume mit mehr CO2-Emissionen

Tausende Hektar Waldfläche sind diesen Sommer in Europa verbrannt. Da der Grundwasserspiegel sinkt und sich mangels Regen nicht auffüllen kann, trocknen die Böden immer tiefer aus, was die Brandgefahr zusätzlich erhöht. Laut einer neuen Studie unter der Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) könnten zunehmend heiße, trockene und windige Bedingungen die von Waldbränden betroffenen Gebiete in ganz Europa erheblich vergrößern.

Waldbrände schaden nicht nur der Pflanzen- und Tierwelt, sondern sie setzen auch CO2-Emissionen frei, anstatt sie – wie lebender Wald – zu binden, was den Klimawandel weiter vorantreibt. Zugleich werden die Meere wärmer, wodurch sich die brandgefährdeten Regionen in Südeuropa noch schwerer abkühlen.

Niedrigwasser bedroht Versorgungssicherheit

Österreich hat laut Geosphere Austria heuer das größte Niederschlagsdefizit seit Beginn der Messungen vor 176 Jahren. Niedrigwasser ist seit diesem Sommer keine Randerscheinung, sondern ein Problem für die Hauptwasserwege und eines für die Energieversorgung mit Wasserkraftwerken.

Die Dürre verringert den Stromertrag aus Wasserkraft laut Verbund-Gesellschaft heuer um ein Drittel. Der Wasserstand in der Donau, aber auch in der Seine und im Rhein, liegt unter dem langjährigen Mittelwert. Ende Juli wurde beim Pegel Kienstock im Bezirk Krems ein Donau-Tiefstwert von 109 Zentimetern gemessen – was der Hälfte des normalen Wasserstands entspricht.

Zahlreiche Transporte müssen auf Straße und Schiene umgestellt werden, was logistische Probleme verursacht und zu wieder höheren CO2-Emissionen führt. Nicht zuletzt haben die Pegel der Fluss-Zubringer Auswirkungen auf die Fischbestände, die in ausgetrockneten Flussbetten verenden.

Weniger Wasser in den Seen und den Alpen

Auch in den Seen sinken die Wasserstände, sowohl im Flachland als auch in den Alpen. Hüttenwirte schränkten wegen Wassermangels in den alpinen Quellen den Betrieb ein. Wer auf Wandertour im Gebirge ist, muss auch hier mit Waldbrandgefahr rechnen und sich vollausgestattet auf den Weg machen, da unterwegs kein oder nur wenig Wasser erhältlich sein könnte.

Kühe mangels Gras verfrüht geschlachtet

Braune Rasenflächen sind im heurigen Sommer Standard. In immer mehr Gebieten dürfen die Gärten nicht gegossen werden. Nicht zuletzt zwingt die Trockenheit Bauern, Kühe verfrüht zu schlachten, weil zu wenig Gras als Futter nachwächst. Das drückt die Fleischpreise vorübergehend, doch schon kommendes Jahr drohen bei Fleisch und Milch Preissteigerungen, weil es zu wenige Tiere geben wird. In Österreich geht die Landwirtschaft von einem Gesamtschaden von einer Milliarde Euro aus, mit entsprechenden Folgen für Lebensmittelversorgung und -preise.

Erderhitzung kein Zukunftsproblem

„Dieser Sommer ist historisch außergewöhnlich, aber leider nicht überraschend“, fasst Karl Scheifinger, Klimaforscher am Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg, im Gespräch mit der WZ zusammen: „Schon im 1. Österreichischen Sachstandsbericht Klimawandel 2014 haben wir festgehalten, dass die Erderhitzung kein Zukunftsproblem sei, sondern bereits seit 30 Jahren Extremwetter zunahmen, es mehr Trockenheit gab und die Waldbrandgefahr stieg, und dass die Landwirtschaft Probleme bekam.“

Im Jahr 2025 erweiterte das Austrian Panel on Climate Change im 2. Österreichischen Sachstandsbericht seine Prognose unter anderem um mehr Hitzetage in Städten und die Verdunstung von offenen Gewässern. „Alle Prognosen waren akkurat. Zu bemängeln ist einzig, dass wir die Geschwindigkeit, mit der sich das Weltklima verändert, unterschätzt haben“, wirft Karl Scheifinger ins Treffen.

Auswirkungen auf Wertschöpfung und Produktion

Da sich selbst die düstersten Prognosen der Klimaforscher:innen bewahrheitet haben, stellt sich die Frage: Was nun? Laut Berechnungen der niederländischen Tridos Bank wird das Leben nämlich nicht nur heißer, sondern auch teurer: Die Analyst:innen gehen davon aus, dass die Dürreschäden das EU-Wachstum in diesem Jahr zunichte machen könnten. Sie beziffern den Schaden auf ein Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung, oder 180 Milliarden Euro.

„Einen Sommer wie heuer wird es in Zukunft wohl standardmäßig geben“, sagt Klimaforscher Scheifinger zur WZ.

Schluss mit der Illusion

Der Sommer der Beweise ist deshalb kein Sommer einzelner Rekorde. Er ist der Moment, an dem sich jahrzehntelange Warnungen in gegenwärtige Tatsachen verwandeln. Denn die Modelle sind eingetroffen. Rechtfertigen müssen sich die Anhänger:innen der Illusion, dass es sich um eine Frage von morgen handle und man weiterhin so tun könne wie bisher.

Nach wie vor steht in praktisch allen Zukunftsszenarien des IPCC, dass es mehr und längere Hitzeperioden, mehr Hitzetote, mehr Dürren, mehr Wasserknappheit, mehr Druck auf Landwirtschaft und Energieversorgung und immer größere Probleme für die Welternährung und die Weltwirtschaft geben wird. Es ist dabei wissenschaftlich gesichert und gut belegt, dass menschliche Aktivitäten die Hauptursache der laufenden globalen Erwärmung sind. Und somit ist spätestens jetzt der Moment für eine Politik, die mit Führungswillen agiert und schnell und entschlossen handelt, um die menschengemachten Emissionen zu senken. Das hat die Welt dringender nötig denn je.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner

Karl Scheifinger, Klimaforscher in der Integrated Assessment and Climate Change Research Group des Energy, Climate, and Environment Program am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg bei Wien.

Daten und Fakten

  • Obwohl die größte Gesamtbelastung durch Hitzestress zwar in Afrika auftritt, zeigt sich der größte Anstieg der Hitzebelastung laut Weltklimarat IPCC in Europa, hier gilt also: Vorhersagen übererfüllt. Die zehn heißesten Tage des Jahres sind bei uns heute um bis zu 4 Grad Celsius wärmer als noch in den 1970er-Jahren, mancherorts sogar um 5 Grad Celsius.
  • Beim Pariser Klimagipfel im Jahr 2015 hatte sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau (Zeitraum 1850 bis 1900) zu begrenzen. In Europa waren aber heuer die zehn heißesten Tage laut IPCC um bis zu 4 Grad Celsius wärmer als noch in den 1970erJahren. Und in Österreich ist es laut dem Austrian Panel für Climate Change heute um etwa 2,5 bis 3 Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit.
  • In 28 ostasiatischen Städten, wo es selbst nachts mehr als 30 Grad haben kann, gingen intensive nächtliche Hitzewellen mit einem Anstieg der Todesfälle um 3 Prozent in den Jahren 2020-2025 einher. In Österreich sind auf dem Weg in diese Richtung: An der Messstation Wien-Innere Stadt zählte die Geosphere Austria heuer schon 34 Tropennächte, in Eisenstadt 17 und in Linz 14.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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