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Der Stanley Cup, das nachhaltige Objekt für SUV-Fahrer:innen

5 Min
Ein Foto von Nunu Kaller
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© WZ

Grelle Thermobecher sind das Must-Have der Stunde. In ein paar Monaten werden sie Ramsch sein.


Es sind nur Frauen. Immer nur Frauen, die ihre rosa-beige-mintfarbenen und völlig überdimensionierten Stanley Cups – Thermobecher für Kaffee und Tee – in die Kamera halten. Auf Instagram kommt man nicht an ihnen vorbei. Die Outfits sind ebenfalls austauschbar – Ugg-Boots, Leggings, große Flanellhemden, Strickmütze, allesamt farblich auf den 45 US-Dollar kostenden Stanley Cup abgestimmt. Eine Braut auf Instagram hält stolz einen weißen Stanley Cup in die Kamera. Mütter erzählen, dass ihre Tochter in der Schule gemobbt wurde, weil sie keinen Stanley Cup hatte. Kleine Mädchen, die zu Weihnachten kreischend ihre Stanley Cups auspacken. Eine Frau, die stolz ihre Sammlung von weit über 50 Stanley Cups in einem extra dafür gebauten Wandregal und farblich sortiert herzeigt.

Der Stanley Cup ist die Diddl-Maus von heute. Ein Sammlerobjekt mit den gewohnten Perversionen, die Sammelleidenschaft mit sich bringt: Frauen, die im Winter vor Filialen der US-Supermarktkette Target übernachten, um an einen der grellpinkfarbenen oder knallroten Stanley Cups ranzukommen, den nur Target verkauft – natürlich streng limitiert. Billigster Marketingtrick: Mach es rar, dann kriegst du´s bar. Dieselben grellpinken und knallroten Stanley Cups findet man derzeit auch auf Ebay – um hundert Dollar und mehr.

In der Getränkehalterung großer Autos

Solche Must-Haves gibt es immer wieder. Mal waren es die braunen Ugg Boots, Stiefel aus Lamm- oder Schaffell, seit Jahren gibt es immer wieder dieses eine Paar Sneakers, das plötzlich alle haben müssen (momentan hoch im Kurs: Adidas Sambas in Weiß. Sie sind überall. Sie verfolgen mich. Ich habe Angst.). Schon in meiner Schulzeit gab es diese gewissen Teile, die alle haben mussten. Der Jansport-Rucksack, optimalerweise in Blau oder Dunkelrot. Danach die eckigen Fjällräven-Rucksäcke mit den unglaublich unbequemen Trägern. Aber dieser Stanley-Cup-Wahnsinn stellt alles in den Schatten.

Stanley Cups sind Thermosbecher, die gut isolieren und daher Getränke lang kalt oder warm halten. Sie fassen 1,2 Liter. Sie passen in Getränkehalterungen von großen Autos, was super ist, wenn man in seinem SUV hunderte Kilometer weit fahren muss! Aber das war’s auch schon wieder mit den Vorteilen. Meine allergrößte Anforderung an Thermobecher ist nicht erfüllt: Sie halten nicht dicht. Während ich meinen randvoll gefüllten No-name-Becher verschlossen irgendwie in meine Tasche werfen kann und mich darauf verlassen kann, dass nix nass wird, rinnt der Stanley Cup bereits bei leichter Schräglage aus.

Social-Media-Marketing in Reinkultur

Aber dennoch: Thermobecher sind grundsätzlich was Gutes. Sie sorgen in der Theorie für weniger Wegwerfbecher, aus denen man überteuerten Kaffee trinkt, und für weniger Einwegplastikflaschen, aus denen man Wasser trinkt, das ausnahmslos immer schlechter schmeckt als das, das an allen Ecken Wiens aus der Leitung kommt.

Die über hundert Jahre alte Firma Stanley wirbt sogar auf ihrer Website damit, dass ihre Produkte fürs ganze Leben gebaut sind.

Die Entstehung dieses Trends ist Marketing unter intensiver und intelligenter Nutzung von Social Media in Reinkultur. Lange Zeit galten die Thermosflaschen von Stanley als eine der besseren Thermosflaschen für Outdooraktivitäten und wurden daher traditionell an Männer vermarktet. Mit der Entdeckung der Cups durch eine Gruppe von Mama-Bloggerinnen in den USA, die durch diese riesigen Nuckelbecher dafür sorgen konnten, dass sie immer auf ihre drei Liter Wasser pro Tag kamen und das auch noch auf nachhaltige Art und Weise, yippie, selbst wenn sie damit beschäftigt waren, die Kinder ständig zum und vom Sport zu bringen – im SUV natürlich! Mehrweg! Save the Planet! Es kam zu einer entsprechenden Kooperation mit Stanley und der eigentliche Trend war geboren.

Das Haus brennt aus

Als dann noch ein Video viral ging, in dem eine Frau ihren noch relativ intakt scheinenden Stanley Cup aus ihrem ausgebrannten Auto holte, und beim Schütteln das Geräusch klackernder Eiswürfel ertönte, wurde der Trend zur Hysterie. Dass bereits mehrere Menschen auf YouTube den Gegenbeweis angetreten und gezeigt haben, dass ein Stanley Cup ein Feuer nur schwer übersteht (no na, die Außenwand ist aus Plastik), und die darin befindliche Flüssigkeit definitiv heiß wird, wird nicht wahrgenommen in der kurzlebigen Welt von TikTok. Alle mussten einen haben, weil he, wenn’s Auto ausbrennt, bleibt das Getränk kalt – und das ist ja wohl das Allerwichtigste, wenn mein Auto ausbrennt.

Noch nie hat ein Trend so eindeutig gezeigt, wie unterschiedlich Männer und Frauen konsumieren. Männer kaufen die Funktion, Frauen den Style und den Trend. Waren die alten Stanley-Thermosflaschen ein Symbol von „ich überlebe locker-flockig in freier Wildnis und genieße zum eigenhändig frisch erlegten Braunbären einen heißen Kaffee“, sind die quietschpinkfarbenen Cups nun ein Symbol von Zugehörigkeit zu einer Konsumkultur, die die Funktion komplett in den Hintergrund stellt. Und diese Kultur ist es, die zu Überkonsum und damit Umweltzerstörung führt. Ja, auch bei einem so nachhaltigen Produkt wie einem Thermobecher.

Der Stanley Cup im Müll

Es ist nämlich eine recht einfache Regel: Wiederverwendbare Produkte sind in der Produktion im Normalfall ressourcen- und energieintensiver als Wegwerfprodukte, das gilt für Stofftaschen genauso wie für Trinkbecher. Damit sie also wirklich nachhaltiger sind als Einwegzeugs, müssen sie auch wirklich signifikant häufiger genutzt werden (bei Baumwolltaschen sind es 131 Mal, bis sie nachhaltiger sind als ein Einweg-Plastiksackerl. Ich denke, durch die komplexere Produktion und den Einsatz mehrerer unterschiedlicher Materialien liegt diese Quote beim Stanley Cup noch höher, Studien dazu habe ich aber leider noch keine gefunden – warum auch, Stanley Cups sind ja gemacht, „ein Leben lang zu halten“.)

Der allergrößte Haken an der Geschichte: In ein paar Monaten wird der Stanley Cup vom Trend zum Ramsch. Bereits jetzt gibt es unzählige Billigst-Kopien bei Primark, Action und wie sie alle heißen. Im besten Fall wird es dann eine Schwemme der Thermosbecher auf diversen Second-Hand-Plattformen geben; im wahrscheinlichsten Fall werden die Becher jahrelang als Staubfänger in hinteren Ecken von Küchenregalen ihr Dasein fristen, im schlechtesten Fall werden die Stanley Cups im Müll landen.

Dehydrierte 80er-Jahre

Der oder die gelernte Social-Media-Nutzer:in kann trotzdem aus dem ganzen Stanley-Cup-Wahnsinn etwas sehr Nachhaltiges lernen: Ist ein Produkt plötzlich wirklich überall, dann sollte man einfach mal abwarten und den Trend vorüberziehen lassen. Und danach auf Ebay schauen, wenn man von der Funktion überzeugt ist.

Den schönsten Kommentar zu diesem befremdlichen Trend, der gerade weltweit kommentiert wird, hat jedoch eine Freundin von mir abgegeben, als ich sie nach ihrer Meinung zu den Stanley Cups fragte: „Wir müssen in den Achtzigern alle unglaublich dehydriert gewesen sein.“


Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.