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„Der steigende Goldpreis macht uns Angst“

8 Min
Der steigende Goldpreis macht uns Angst
© Illustration: WZ

Indigene im Amazonas kämpfen gegen die Zerstörung ihrer Existenz – und für das Weltklima.


    • Der illegale Goldabbau im Amazonas führt zu massiver Umweltzerstörung und Quecksilberverseuchung, was Mensch und Natur schwer schädigt.
    • Indigene wie Marcelina Angulo gründen Bürgerwehren, um sich gegen Goldsucher zu wehren, werden jedoch selbst kriminalisiert und bedroht.
    • Polizei und Behörden sind oft korrupt oder untätig, während der steigende Goldpreis die Situation weiter verschärft.
    • Der Amazonas-Regenwald ist wichtig für das Weltklima.
    • Goldpreis: 116.000 Euro pro Kilo, Wert binnen 2 Jahren verdoppelt
    • Über 100.000 km² Regenwald in Madre de Dios in Peru mit Quecksilber verseucht - eine Fläche so groß wie Österreich plus Niederösterreich
    • Mindestens 20.000 illegale Goldgräber im Amazonas
    • Quecksilberbelastung in Flüssen übersteigt WHO-Grenzwert um das Zehnfache
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Glänzender Schmuck oder auch Münzen als Wertanlage: Wer Gold unter dem Christbaum liegen hatte, kann sich mittels Zertifikat versichern, dass es echt ist. Wo genau das Edelmetall ursprünglich herkommt, ist schon nicht mehr so leicht nachvollziehbar. Denn gerade bei Gold lässt sich die Herkunft leicht verschleiern, wenn es unter fragwürdigen Bedingungen gewonnen wird. Und je höher der Goldpreis steigt, desto einfacher wird es.

Bei einem Wert von derzeit 120.000 Euro pro Kilo und einer nahezu unbegrenzten Haltbarkeit sind Goldbarren nämlich das ideale Schmuggelgut, das sich beliebig oft einschmelzen und in kleinen Einheiten leicht vom illegalen in den legalen Markt transferieren lässt. Ist es einmal in die globalen Lieferketten gelangt, verliert sich die Spur – die vielleicht in den Amazonas führen würde. In Südamerikas Regenwald wird Gold nicht nur in Minen abgebaut, sondern auch aus Flüssen gewaschen. Das klingt erst einmal harmlos, ist es aber ganz und gar nicht.


Mercelina Angulo zeigt einen mit Quecksilber veseuchten Fisch
Auch die Fische sind mit Quecksilber verseucht. Das haben hunderte Proben gezeigt, berichtet Marcelina.
© Christen in Not/Larissa Eckhardt

Hochgiftiges Quecksilber verseucht Amazonas-Flüsse

Die oft illegalen Goldsucher:innen roden nämlich nicht nur riesige Flächen im Regenwald, um an Bodenschätze zu kommen, sondern befahren außerdem die Flüsse mit Booten und pumpen die Sedimente nach oben. Dabei setzen sie Quecksilber und Salpetersäure ein, um das Gold zu lösen. Beide Chemikalien sind hochgiftig und richten massive Schäden an, wenn sie in die Umwelt gelangen. Quecksilber ist nicht biologisch abbaubar, reichert sich in der Nahrungskette an und verursacht bei Menschen und Tieren irreversible Schädigungen des Nervensystems. „Sie vergiften unsere Flüsse, deren Wasser wir trinken und deren Fische wir essen. Sie zerstören unseren Lebensraum und unsere Lebensgrundlage“, sagt die indigene Menschenrechtsaktivistin Marcelina Angulo, die im Nordosten Perus mitten im Dschungel lebt.

Wir wurden auch schon beschossen, bis jetzt gab es aber keine Verletzten.
Marcelina Angulo, indigene Aktivistin im peruanischen Amazonas

Der Río Nanay, der in der Nähe von Iquitos in den Amazonas mündet, und seine Nebenflüsse sind bereits nachweislich mit Quecksilber kontaminiert. Die Belastung übersteigt hunderten Proben zufolge den WHO-Grenzwert um das Zehnfache oder mehr. Es geht hier aber nicht bloß um das Schicksal der Indigenen im Amazonas; die Umweltzerstörung hat auch globale Folgen. Der Regenwald wird nicht umsonst als „grüne Lunge der Erde“ bezeichnet. Wird dieser CO₂-Speicher zerstört, hat das dramatische Folgen für das Weltklima.

Raubbau und Menschenhandel

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland geht von mindestens 20.000 illegalen Goldsucher:innen im Amazonas aus, wahrscheinlich sind es noch viel mehr. Es sind vor allem Männer aus der Region, die kaum Perspektiven haben. Denn die nächste große Stadt Iquitos, in deren Ballungsraum an die 400.000 Menschen leben, liegt mitten im Regenwald, isoliert von der Außenwelt. Ideale Voraussetzungen für kriminelle Banden, die bei der Goldsuche mitmischen, Menschenhandel inklusive. Rita Ruck, die als Menschenrechtsanwältin für die Diözese Iquitos arbeitet, berichtet von Frauen, die unter falschen Versprechungen in den Regenwald gelockt werden. „Sie werden als Köchinnen geholt und landen im Bordell. Und an Flucht ist nicht zu denken, sie würden sich im Dschungel heillos verirren.“ Es geht hier um Flüsse, die so breit sind wie die Donau, und um Siedlungen, die mehrere Stunden mit dem Boot auseinanderliegen, manchmal sogar eine ganze Tagesreise.

Kirche und Bürger:innenwehr im selben Boot

Die Indigenen, denen ihre Flüsse seit unzähligen Generationen heilig sind, wollen das alles nicht mehr hinnehmen und haben eine Bürger:innenwehr gegründet. Es sind vor allem Frauen, die sich den illegalen Goldsucher:innen entgegenstellen. Gewaltlos, mit Flussblockaden und Menschenketten. „Wir setzen unsere Rolle als Ehefrauen, Mütter und Großmütter ein, um ihnen ins Gewissen zu reden. Wenn Worte nicht genügen, müssen wir sie bei ihren kriminellen Machenschaften Handlungen stören oder ihnen das wegnehmen, was sie dafür benötigen“, erzählt Marcelina Angulo, die in der Bürger:innenwehr eine Gruppe von 68 Personen anführt, im Gespräch mit der WZ. Als Übersetzerin fungiert dabei Larissa Eckhardt von „Christen in Not“.

Marcelina (Mitte) und ihre Bürgerwehr
Marcelina (Mitte) mit ihrer Bürgerwehr.
© Christen in Not/Larissa Eckhardt

Die in Wien ansässige NGO ist eine wichtige Projektpartnerin der Bürger:innenwehr im Amazonas. Dafür wurde „Christen in Not“ vor kurzem vom österreichischen Außenministerium mit dem „Intercultural Achievement Award 2025“ in der Kategorie Religionsfreiheit ausgezeichnet. So wie in Brasilien steht die katholische Kirche auch in Peru an der Seite der Indigenen im Amazonas, die zwar religiös gemischt sind (katholisch, freikirchlich, animistisch), aber alle eines gemeinsam haben: Der illegale Goldabbau bedroht ihre Existenz.

Selbst wenn sie gegen die Goldsucher vorgehen könnten, würden sie es nicht tun.
Rita Ruck, Menschenrechtsanwältin der Diözese Iquitos, über die lokalen Behörden

Für die Preisverleihung ist Marcelina Angulo gemeinsam mit Rita Ruck nach Wien gekommen. Im Büro von „Christen in Not“ spielt sie der WZ auf ihrem Smartphone Videos von ihren Aktionen vor, die nicht ungefährlich sind: „Wir wurden von den Goldgräber:innen auch schon beschossen, bis jetzt gab es aber keine Verletzten“, berichtet Angulo, die selbst unter Polizeischutz steht.

Untätige oder korrupte Polizei

Den Regenwald schützt die peruanische Exekutive allerdings nicht. Zwar sind sowohl die Polizei als auch die Marine vor Ort – „ihre Stationen liegen direkt am Fluss, und ihre Aufgabe wäre es eigentlich, die illegalen Boote zu stoppen“, sagt Ruck. „Aber sie sind erstens oft nicht gut ausgestattet, es fehlt ihnen teilweise am Benzin. Und zweitens sind sie korrupt. Selbst wenn sie gegen die Goldsucher:innen vorgehen könnten, würden sie es nicht tun.“ Und so kommt es, dass die Umweltzerstörung nicht eingedämmt wird, sondern im Gegenteil dabei ist, sich noch weiter auszubreiten.

Kriminalisierte Indigene

Und die Behörden bleiben nicht nur untätig, sie stellen sich teilweise sogar gegen die Indigenen. Für ihre Flussblockaden werden den Mitgliedern der Bürger:innenwehr mehrjährige Haftstrafen angedroht. „Wir werden kriminalisiert, während die echten Kriminellen munter weitermachen können“, ärgert sich Angulo. Hier kommt Rechtsanwältin Rita Ruck ins Spiel, deren Aufgabe es unter anderem ist, die Verteidiger:innen des Regenwaldes zu verteidigen. Der Kampf um den Amazonas-Regenwald und die Rechte der Indigenen ist nicht einfach, sagt sie, „aber es ist nicht aussichtslos, auch wenn es sehr langwierige Prozesse sind. Beim Verfassungsgerichtshof haben wir schon wichtige Ergebnisse erzielt.“

Schulbildung und medizinische Versorgung nur auf dem Papier

Auf Hilfe vom Staat wollen sich Angulo, Ruck und die anderen Indigenen aber nicht verlassen. Zu schlecht sind die Erfahrungen, die sie schon gemacht haben, auch in anderen Bereichen. So gibt es etwa Schulbildung für die Bewohner:innen der abgelegenen Dörfer oft nur auf dem Papier. Die Aktivistin und die Anwältin erzählen von Lehrkräften, die Geld für den Unterricht und für die Erhaltung der lokalen Schulgebäude kassieren, aber dann nie einen Fuß ins Dorf setzen. Und auf dem Papier sind zwar alle Dorfbewohner:innen krankenversichert, doch der Zugang zu medizinischer Versorgung ist nur rudimentär. Die nächste Erste-Hilfe-Station ist mehrere Stunden mit dem Boot entfernt und auch nicht unbedingt gut ausgerüstet. Ein giftiger Spinnenbiss kann da rasch lebensgefährlich werden. Mit dem Preisgeld von 6.000 Euro, das die Bürger:innenwehr und „Christen in Not“ nun in Österreich bekommen haben, soll unter anderem eine neue Krankenstation gebaut werden.


Die Idylle trügt - die Flüsse im Amazonas sind vergiftet
Die Idylle trügt: Zahlreiche Flüsse im Amazonas sind vergiftet.
© Christen in Not/Larissa Eckhardt

Angulo, Ruck und Eckhardt, die den Nanay schon besucht hat, räumen allerdings mit dem Klischee von rückständigen Ureinwohner:innen auf, die fern jeder Zivilisation so leben wie ihre Urahnen. „Es stimmt schon“, sagt Angulo, „manche von uns tragen noch den traditionellen Lendenschurz. Aber ich bin daheim genauso gekleidet wie hier in Wien.“ Und sie hat dank Satelliten auch einen Internetanschluss. Strom kommt aus dem Generator, das Wasser muss sie sich allerdings aus dem Fluss holen. Aus jenem Fluss, den die Goldsucher:innen vergiften.

Der Regenwald in Madre de Dios ist bereits tot.
Larissa Eckhardt von „Christen in Not“ über eine Fläche, die größer ist als Österreich

Das weiß auch die Gesundheitsbehörde in Iquitos, berichtet Ruck. „Aber sie tut nichts. Es ist eine Schande für Peru und seine Bevölkerung, was hier passiert.“ Die Kirche, ergänzt Eckhardt, sei die einzige öffentliche Institution, die auf den Umweltskandal hinweise, werde aber ignoriert. „Dabei geht es eben nicht nur um die Wasserversorgung für eine Großstadt mitten im peruanischen Dschungel, sondern um das Weltklima.“ Deshalb wünscht sich Anwältin Ruck mehr Druck von außen. Zum Beispiel könnte die EU die Verhandlungen um das Mercosur-Abkommen dazu nutzen, die südamerikanischen Staaten zu mehr Umweltschutz zu zwingen. In Österreich machen aktuell die Sternsinger:innen auf den Amazonas-Regenwald aufmerksam: Dessen Rettung ist nämlich ein Schwerpunktprojekt bei der heurigen Dreikönigsaktion.

Steigender Goldpreis – zunehmende Umweltzerstörung

Und die Zeit drängt. Denn der Goldpreis steigt und steigt. Und damit wird die Goldwäsche im Amazonas noch attraktiver. Vor zehn Jahren gab es in Iquitos nur ein, zwei Goldhändler:innen, erzählt Ruck – jetzt ist es ein ganzes Viertel. Angulo blickt mit Sorge auf die weitere Entwicklung: „Der steigende Goldpreis macht uns Angst.“

Allein in den vergangenen zwei Jahren hat sich der Wert von Gold verdoppelt. Nicht zuletzt deshalb, weil die globalen Goldreserven endlich sind und bei einer Beibehaltung der Förderquote Anfang der 2040er-Jahre ausgeschöpft sein könnten – also in gar nicht so ferner Zukunft. Verdoppelt hat sich binnen weniger Jahre auch die Fläche der Regenwaldrodungen wegen Goldschürfungen. In der Amazonas-Region Madre de Dios im Südwesten Perus, an der Grenze zu Brasilien und Bolivien, sind bereits mehr als 100.000 Quadratkilometer mit Quecksilber verseucht – eine Fläche, die so groß ist wie ganz Österreich plus Niederösterreich, rechnet Eckhardt vor: „Der Regenwald dort ist tot.“ Die Indigenen am Nanay und an den anderen Amazonas-Nebenflüssen wollen mit ihrer Bürgerwehr unbedingt verhindern, dass ihr Lebensraum zu einem zweiten Madre de Dios wird.


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Infos und Quellen

Gesprächspartnerinnen

  • Marcelina Angulo lebt mitten im peruanischen Amazonas und führt eine indigene Bürgerwehr an.
  • Rita Ruck ist Menschenrechtsanwältin der Diözese Iquitos im Norden Perus.
  • Larissa Eckhardt arbeitet für die in Wien ansässige NGO „Christen in Not“

Quellen

Das Thema in der WZ

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