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Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 40 Jahren war ein epochales Ereignis. Die WZ hat sich bei Zeitzeug:innen und Nachgeborenen umgehört.
Das Technische Museum Wien führt seinen Besucher:innen die Gefährlichkeit der Atomkraft eindrucksvoll vor Augen. Hier, im Erdgeschoss, ist ein großes Schwarz-Weiß-Foto zu sehen, das den komplett zerstörten Reaktor 4 des ehemaligen sowjetischen AKW Tschernobyl zeigt. Am 26. April 1986 wurden dort nach einem Unfall Tonnen an radioaktivem Material in die Luft geschleudert, das Unheil nahm seinen Lauf. Dutzende Menschen, die als „Liquidatoren“ die Unfallstelle aufräumen mussten, starben, Millionen wurden verstrahlt. Am heftigsten traf es das heutige Belarus, aber auch in Österreich ging die Strahlenbelastung in die Höhe. Es herrschte Verunsicherung, die phasenweise in Alarmstimmung und Panik überging.
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„Atomkraft ist super“
40 Jahre später schlendert im Technischen Museum eine Handvoll Besucher gemächlich an zahllosen Glasvitrinen vorbei. Es ist ruhig, nur eine Schulklasse bringt etwas Leben in das ehrwürdige Haus. Einer der Jugendlichen, die durch die Ausstellung streifen, ist Sergej. Tschernobyl ist ihm ein Begriff, erzählt er der WZ, „meine Eltern stammen von dort, aus Dnipro.“ Vater und Mutter seien als Ukrainerin und Ukrainer südöstlich des Unglücksortes Betroffene gewesen und hätten ihm schon als Kind von dem Super-GAU erzählt.
Doch Unfall hin, Eltern her, Sergej ist heute ein Befürworter der Atomkraft. Für ihn ist sie der einzig mögliche Weg, in unsicheren Zeiten wie diesen die Energieversorgung Europas sicherzustellen. Da ist er ganz auf der Linie von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die zuletzt ein Loblied auf Kernkraft gesungen hat. „Die Deutschen haben es mit dem Atomausstieg verbockt“, findet auch Sergej. Risiken gebe es, dessen sei er sich bewusst, aber: „Wenn ein AKW nicht gerade in die Luft fliegt, dann ist Atomkraft doch super“.
Hochschwanger und verunsichert
Sergejs Schulkollege Wesam äußert sich skeptischer. Er sei „eher gegen Atomkraft“, bekennt er und geht rasch weiter. Eine ältere Österreicherin, die unweit mit ihrem kleinen Enkel auf einem gepolsterten Sessel sitzt, ist nicht „eher“, sondern „sehr“ dagegen. Der 26. April 1986 hat sie in dieser Hinsicht geprägt. „Ich war damals hochschwanger“, sagt sie, „das Kind sollte vier Wochen später auf die Welt kommen“. Die Vorstellung, dass die radioaktiven Strahlen aus Tschernobyl dem Ungeborenen etwas antun könnten, habe sie damals massiv beunruhigt. Sie sei „erschüttert“ gewesen, erinnere sich an Empfehlungen der Behörden, was man essen dürfe und was nicht. „Keine Pilze“, weiß sie noch. Ihr Sohn sei jedenfalls gesund zur Welt gekommen, habe sich prächtig entwickelt und ist jetzt 40 Jahre alt.
Eine ältere Dame, die 1986 direkt an der Grenze zu Österreich in Bratislava gewohnt hat, erzählt, dass sie in den Tagen nach der Katastrophe so gut wie nichts über den Super-GAU erfahren habe. „Was wir wussten, hatten wir vom ORF“, erinnert sie sich. Die kommunistisch kontrollierten tschechoslowakischen Medien berichteten kaum. Zudem sei die Familie von einem befreundeten US-Amerikaner telefonisch aus den USA über das Unglück informiert worden. Ihr Mann habe dann versucht, die Fenster ihrer Plattenbau-Wohnung mit Klebeband abzudichten.
Vom Maronenröhrling wird immer noch abgeraten
„Es war chaotisch“, sagt ein österreichischer Zeitzeuge in der Rückschau auf das Jahr 1986. Er habe seine Kinder damals nicht aus dem Haus gelassen, erinnert er sich, und er weiß noch, „dass es Gerüchte und Verschwörungstheorien“ gegeben habe. „So wie bei Corona.“ An Details könne er sich freilich nicht mehr erinnern, „es ist lange her“. Eines wisse er noch: Der damalige Gesundheitsminister, Franz Kreuzer, habe empfohlen, nur Gemüse zu essen, das unter der Erde gedeiht.
Im Technischen Museum ist unter dem Foto des zerstörten Reaktors in einem Schaukasten neben einer Packung Jodtabletten, die zur Behandlung nach Verstrahlung gebraucht werden, ein Plastikschwammerl ausgestellt: „Bestimmte Pilzarten wie der Maronenröhrling zeigen auch heute noch erhöhte Konzentrationen des radioaktiven Isotops Cäsium-137 (…)“, steht auf der Erklärtafel geschrieben. In der Tat: „Auf den Konsum von Maronenröhrlingen sollte generell eher verzichtet werden“, heißt es auch auf der Infohomepage des Ministeriums für Konsumentenschutz, Stand September 2025.
In der Ukraine und in Belarus stieg die Krebsrate nach der Tschernobyl-Katastrophe jedenfalls signifikant an, vor allem die Schilddrüse bei Jugendlichen war betroffen. Wie viele Österreicher:innen in Folge des Unfalls erkrankt oder gestorben sind, lässt sich auch heute, 40 Jahre später, nicht eruieren.
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Infos und Quellen
Quellen
- Strahlenfrühwarnsystem
- Bundesministerium Arbeit, Soziales, Gesundheit: Radioaktivität in Wildpilzen und Wildfleisch
- In Österreich gemessene Strahlenwerte nach Tschernobyl
Daten und Fakten
- Der Super-GAU (Super-Größter anzunehmender Unfall) bezeichnet technisch einen Atomunfall, der die Sicherheitsauslegung eines Kernkraftwerks überfordert und zu einer Kernschmelze mit massiver Freisetzung von Radioaktivität führt.
- Der Reaktorunfall in Tschernobyl wurde von den sowjetischen Behörden zunächst vertuscht. Erst, als eine schwedische Messstation zwei Tage später stark erhöhte radioaktive Werte feststellte, räumte Moskau einen „Vorfall“ ein. Wie viele Menschen an den Folgen der Katastrophe starben, ist bis heute unklar. Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftler:innen sprechen von tausenden bis zehntausenden Opfern.
- In Österreich wurden in den Folgetagen des Unfalls verschiedene Schutzmaßnahmen verfügt und Empfehlungen ausgesprochen. Kinder sollten zuhause bleiben, auf öffentlichen Spielplätzen wurde der Sand in Sandkisten ausgetauscht. Schulen blieben zeitweise geschlossen, es gab ein Weideverbot für Kühe und Verzehrverbote für bestimmte Lebensmittel wie Gemüse und Pilze.
- Heute verfügt Österreich über ein automatisiertes Strahlenfrühwarnsystem mit über 300 Messstationen, um bei Atomunfällen rasch reagieren zu können (mit Sirenenalarm). Im Ernstfall würden Jodtabletten verteilt, die die Schilddrüse mit Jod sättigen und so verhindern, dass sich dort radioaktiv verseuchtes Jod einlagert und zu Krebs führt. –
- Deutschland hat die zivile Nutzung der Kernenergie 2023 mit der Abschaltung der letzten drei Atomkraftwerke (Isar 2, Neckarwestheim 2, Emsland) offiziell beendet. Dieser Schritt erfolgte nach einem langjährigen politischen Prozess, der nach der Katastrophe von Fukushima 2011 beschleunigt wurde.
- Im japanischen Fukushima ereignete sich am 11. März 2011 die größte nukleare Katastrophe seit Tschernobyl. Ein Erdbeben führte zu einem Tsunami, Wellen überwanden die Schutzmauern des AKW und fluteten die Atommeiler. Große Mengen Radioaktivität wurden freigesetzt.
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- Salzburger Nachrichten: Mini-Atomkraft? Nein danke, sagt Österreichs Regierung
- Der Standard: Havariertes Kernkraftwerk Tschernobyl von Drohne getroffen
- Der Standard: Tschechien will Atomkraftwerk Dukovany länger laufen lassen
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