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Bei den Almabtrieben im Herbst werden Dirndl und Lederhose hervorgekramt. Die Touristenbusse kommen und gehen, die Kühe traben durchs Dorf. Die Jugend bleibt an der Bar. Ein Lokalaugenschein im Alpbachtal in Tirol.
„Die nächsten Kühe kommen in 60 bis 90 Minuten“, sagt der Mann in der grellgelben Warnweste, der eine der Absperrungen um den Dorfkern bewacht. Er gehört zur Freiwilligen Feuerwehr, die heute aus allen umliegenden Tälern zusammengekommen ist. Mit vereinten Kräften wird hier der Almabtrieb im Tiroler Alpbachtal unterstützt. Mit Walkie-Talkies kommunizieren die Organisatoren mit jenen Helfer:innen, die bei den Kühen sind: Wann sind die Huftiere fertig geschmückt? Wann werden sie losgeschickt, und durchs Dorf getrieben? Um dann von mehr als tausend Handys gefilmt und fotografiert zu werden. Fünf Herden dürfen heute durch das Dorf laufen. Aber dazwischen braucht es doch immer wieder eine Pause, in der die Gäste konsumieren können.
- Kennst du schon?: Die Generation Jackpot
Es sind bestimmt wieder mehr als 3000 Besucher:innen auf diesem Fest. Heute, am letzten Samstag im September, vielleicht so viele wie noch nie. Ein Vorwärtskommen ist an den Engstellen kaum möglich. Für die Kühe muss sich die Menge trotzdem an die Seiten quetschen, während „Skandal im Sperrbezirk“ von der einen Festbühne intoniert wird, „dem Land Tirol die Treue“ von der anderen. Bier kommt im Plastikbecher, Hochprozentiges im Glasstamperl auf der Schnapslatte (Holzstück mit mehreren Einbuchtungen für die gleichzeitige Bewirtung vieler Edelbrände). „Griaß di. Was mogst?"
Herbstzeit bedeutet im alpinen Raum traditionell, dass die Kühe (und Schafe und Ziegen) von den Almen, wo sie auf Sommerfrische waren, wieder hinab ins Tal getrieben werden. Jede Landwirtschaft hat da ihre eigene Herde, die nun alle nacheinander ins Tal kommen. Der Blumenschmuck hat oft Anleihen beim christlichen Glauben: Man signalisiert mit Kreuzen und Ikonografien die Dankbarkeit, dass die Tiere den Sommer überlebt haben. Wenn eine Herde Tiere verloren hat – an die Felsspalte oder an einen Wolf – werden die Tiere mit Trauerflor geschmückt und diskret an einem anderen Tag ins Tal geleitet.
Hauptattraktion der Nebensaison
Mit der Zeit hat sich dieser Almabtrieb in manchen Gebieten hin von einem kleinen Volksfest zu einem riesigen Event entwickelt. Wie etwa in Reith im Alpbachtal, wo im September sogar an zwei Samstagen ein dementsprechendes Fest stattfindet. Beliebt bei Touristengruppen – aber auch bei der lokalen Dorfjugend. Dirndl und Lederhose inklusive.
Wer von hier ist, markiert das auch. Wer nicht von hier ist, zieht trotzdem das karierte Hemd an und gehört für heute dazu. Manche Dirndl sind mit Pailletten besetzt, manche von Tattoos umrandet. Oder man trägt Filzhut, Lederhose oder ein T-Shirt mit dem Tiroler Adler. Es ist jedenfalls viel los heute, zwischen Käseverkostung, Zirbenschnaps und Tiroler Handwerkskunst. Die Menschen können sich kaum von A nach B schieben. Kein Wunder, dass die Kühe die Menschen in den grellgelben Warnwesten brauchen, denn die mehrere hundert Kilo schweren Tiere müssen durch, ob sie wollen oder nicht. Vom Dorfeingang zum Dorfausgang. An den Festbühnen, dem Käse, dem Schnaps, den Hufeisen, den Trachtentaschen, den Federstickern vorbei. Auf den Ständen wird Tiroler Tradition in der Auslage präsentiert. Bei den Weberinnen sitzen drei Generationen am Stand. Die Oma, die die Wolle bürstet, trägt Tracht. Die Enkelin am Webstuhl trägt ein Nike-T-Shirt. Heute darf alles sein. Heute wird gefeiert.
Eventisierung der Tradition
„Almabtriebe in dieser Größe sind eher neu“, sagt die Tiroler Ethnologin Nadja Neuner-Schatz, die eine „Eventisierung“ feststellt. Neu ist dabei auch der Umgang mit Dirndl, Loden und Co. In der Kulturwissenschaft sagt man „Bricolage“, übersetzt heißt das „Mix and Match“.
Und wozu das Ganze? „Kleidung an sich markiert immer Zugehörigkeit“, sagt Neuner-Schatz. „Anlässlich solcher Feste kann man Tracht und Trachtiges durchaus als „Look“ verstehen. Als ein Look den man sich für dieses Event anziehen kann und den man aber durchaus wieder loswird“, sagt Neuner-Schatz. „Es ist ähnlich wie bei jedem Fußballverein: Man zieht sich diesen Dress an. Dann gehört man zeitweilig zu dieser Gruppe und verkörpert sie auch.“
Lockenstab und Instagram
„Wir ziehen das an, so oft wir können“, sagt eine Gruppe von Teenagerinnen im Glanz-Dirndl, sichtlich stolz auf ihr Outfit. Die Mädchen kommen erst zur späteren Stunde Richtung Eingang und machen viele Fotos von sich.
An den Füßen tragen sie Nikes und Adidas, die Haare wurden mit dem Lockenstab bearbeitet. „Man sieht Leute, die mit verschiedenen Markern ihre diversen Zugehörigkeiten demonstrieren“, sagt Neuner-Schatz. „Dabei handelt es sich um ganz viele Versatzstücke, die alle möglich scheinen auf derartigen Festen.“
Früher waren die alpinen Kleidungsvorschriften ganz strenger Natur. Das starke Reglement wird heute noch in Musik-Kapellen oder in anderen Traditionsvereinen hochgehalten. Dort dürfen so manche Frauen und Mädchen nur vom Lockenstab träumen. Hier muss sich das weibliche Geschlecht die Haare zopfen. Oder jedenfalls nicht offen tragen.
Die Trachtengruppen oder Kapellen, die auch beim Almabtrieb auf die Bühne dürfen und für Atmosphäre sorgen, halten die ganz gleiche, homogen gearbeitete Trachtenkleidung dagegen hoch – und werden von den Tourist:innen dankbar fotografiert. So sieht man also aus, in Tirol.
Woher rührt die Anziehungskraft?
Die Faszination für den alpinen Raum ist in den europäischen Metropolen in der Zeit der Romantik entstanden. So wird seit rund 150 Jahren der alpine Raum touristisch vermarktet.
„Dazu gehört eine gewisse Exotisierung, auch eine Selbstexotisierung“, sagt Neuner-Schatz. Die alpine Bevölkerung macht also mit bei der Erzählung, besonderes Gewand zu tragen, um das Leben oder den Urlaub in ihrer Region „verkauf- und vermarktbar zu machen“. Man „performe“ spezielle Kleidung, spezielle Musik, spezielle Speisen.
Niemand rennt das ganze Jahr im Dirndl herum
Auch wenn es manchmal so scheinen mag: Jahresdurchgängig renne selbst im Tiroler Dorf niemand die ganze Zeit im Dirndl herum. „Kein Mensch hält es aus, durchgängig zu performen“, sagt Neuner-Schatz.
Und was macht die lokale Jugend auf diesen Festen? „Meist ist in den ländlichen Gemeinden ja nicht sehr viel los, abseits vom Tourismus. Natürlich nutzt die Jugend da dann diese touristischen Angebote. Aber vielleicht auf eine subversive Weise“, sagt Neuner-Schatz. Man geht erst später hin – wenn die ersten Busgruppen die Szenerie verlassen. Man bestaunt nicht die ausgestellte Handwerkskunst, sondern geht direkt zur Bar. Man parkt die Mopeds direkt vor dem Gemeindehaus und markiert so seinen Platz in diesem Ort.
Wie politisch ist eigentlich die Tracht?
Auch wenn es heute beim Almabtrieb nicht so scheint: Es gibt wenige Modestücke, die so politisch aufgeladen wirken, wie Tracht oder Dirndl. Es ist ein Kleidungsstück, das oft vereinnahmt worden ist (mehr dazu unter Daten und Fakten). Inzwischen haben sich die Kleidungsstücke emanzipiert. Der ehemalige Grünen-Politiker Alexander Van Der Bellen hat den Trachtenjanker im Wahlkampf getragen. Der FPÖ-Chef Herbert Kickl ebenso. „Die Tracht erlangt erst Bedeutung in ihrem Kontext.“
Für den Almabtrieb bedeutet die Trachtenmode: Ich bin bereit zu feiern. Ich gehöre zumindest heute dazu.
Ob die Kühe bei allen Almabtrieben just an diesem Tag zum ersten Mal seit dem Sommer ins Tal gekommen sind, so wie es die Tradition will, sei dahingestellt. Manchmal zwingen das Klima, der Pragmatismus oder andere Gründe einen früheren Abstieg des Weideviehs. Reith hat in dieser Hinsicht bisher Glück gehabt.
Der Almabtrieb im September ist in allen alpinen Gemeinden mit Tourismus der Höhepunkt der Nachsaison, halb Erntedank, halb Wiesenfest. Wer nachfragt, seit wann da die Tiere im Tal sind, bekommt oft ein Augenzwinkern. Pfiat di.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Nadja Neuner-Schatz, Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Innsbruck
- Unterschiedliche Teilnehmer:innen des Almabtriebs in Reith im Alpbachtal
Daten und Fakten
Was ist der Unterschied zwischen Tracht und Dirndl?
- Die Volkskunde arbeitet seit über hundert Jahren daran, diesen Trachtbegriff zu definieren. Ganz wichtig dabei: Die Ortsgebundenheit. Immer war die Suche nach der „echten, der originären, der authentischen“ Tracht mit einer lokalen Zuschreibung verbunden. In der NS-Zeit wurde eine Trachtenlandkarte für Österreich entworfen. In Tälern, wo man nicht fündig geworden ist, wurde eine neue Tracht erfunden.
- Alles, was den NS-Entwürfen entspricht, wird seitdem als „echte Tracht“ begriffen, und alles, was diesen NS-Entwürfen nicht entspricht, wird als Mode-Dirndl abgetan. Eine seltene, dritte Variante, die sogenannte Alt-Tracht sei noch erwähnt, die aus früheren Entwürfen stammt.
- Das Wort „Tracht“ kommt vom „Tragen“. Es wurde vor der NS-Zeit als Sonntagsgewand begriffen, bei dem jede Art von Haut-Zeigen unerwünscht war. Die betonte Taille und das ostentative Dekolleté ist erst im 20. Jahrhundert entstanden.
- Gertrud Pesendorfer war die Leiterin der Mittelstelle Deutsche Tracht in Innsbruck. Sie hat bis in die 1980er Jahre gewirkt. Ihr Buch ist mit nur unwesentlichen Veränderungen aus der NS-Zeit bis in die 80er Jahre verlegt worden und hat immer nur dieselben Entwürfe für Tirol propagiert.
Quellen
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
Orf.at: Die Dirndln von Gertrud Pesendorfer
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