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Der Tod, der ins Zimmer donnerte

4 Min
Eine von den Schneemassen zerstörte Häuserfront in Galtür
Mehr als 50 Menschen werden verschüttet, 31 von ihnen sterben.
© www.picturedesk.com, AP Photo/Rudi Blaha

Vor 25 Jahren begräbt in Galtür eine Lawine Menschen in ihren Häusern. Wie konnte es so weit kommen? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.


Was genau geschah am 23. Februar 1999 im Tiroler Skiort Galtür?

Am 23. Februar 1999 um etwa 16 Uhr stürzt eine gigantische Lawine in den Ort Galtür, ein hochalpines Dorf in den Alpen Tirols. Sie löst sich am Westhang des Grieskogels auf 2.700 Metern Höhe und reißt Häuser, Autos und Menschen mit sich. Sie verschüttet einen ganzen Ortsteil. Ungefähr 800 Einheimische sowie 3.500 Tourist:innen befinden sich zu dieser Zeit in Galtür. Vor dem Lawinenabgang schneit es wochenlang, die Zufahrtstraße nach Galtür ist bereits seit 17. Februar unpassierbar. Es herrscht die höchste Lawinenwarnstufe. Hubschrauber bringen Lebensmittel in den Ort.

War die Lawine von Galtür die einzige, die abging?

Nein. Einen Tag nach Galtür stürzt eine weitere Lawine ins benachbarte Valzur. Der Ort gehört zur Gemeinde Ischgl. Ischgl heuert jedoch einen Berater an, der den Medien erzählt, dass diese Lawine ebenfalls in Galtür abgegangen ist: Es funktioniert. Der zweite Lawinenabgang wird fälschlicherweise nicht Ischgl zugerechnet, sondern Galtür.

Wie viele Menschen wurden verschüttet und wie viele starben?

In Galtür werden mehr als 50 Menschen verschüttet. 31 von ihnen sterben, darunter sechs Einheimische und 25 Urlauber:innen. Der letzte Überlebende wird drei Stunden nach dem Lawinenabgang gefunden, die letzte Tote vier Tage danach. In Ischgl-Valzur sterben sieben der zehn Verschütteten. Insgesamt sind zwölf Kinder unter den Toten.

Warum war Hilfe von außen anfangs nicht möglich?

Der Schneesturm ist zu stark, und es können keine Hubschrauber fliegen. Die Bewohner:innen und Tourist:innen in Galtür sind auf sich allein gestellt. Sie bilden Suchtrupps, stechen mit meterlangen Sonden in den Schnee und graben, sobald sie auf Widerstand stoßen – doch der Schnee ist hart wie Beton. Am Tag nach der Lawine klart es am Vormittag kurz auf, und Hubschrauber fliegen die Verletzten aus. Am Nachmittag kehrt jedoch der Schneesturm zurück, und Galtür ist erneut abgeschottet. Erst ab 25. Februar geht es los: Hubschrauber starten und landen, sie fliegen auf der einen Seite nach Galtür hinein und auf der anderen mit den Evakuierten an Bord wieder hinaus. Das österreichische Bundesheer bekommt Unterstützung aus dem Ausland, größere Hubschrauber etwa aus den USA sind zusätzlich im Einsatz.

Wie konnte sich eine derart gigantische Lawine aufbauen?

Vor dem Lawinenunglück gibt es mehrere Perioden mit viel Neuschnee, der sich jedes Mal gut setzen kann. Dadurch verzahnen sich die einzelnen hohen Schneeschichten miteinander und bleiben übereinander liegen. Dazu kommt der Wind, der noch mehr Schnee auf die Schichten bläst und sie weiter anwachsen lässt. Als sie zu schwer werden, entsteht ein Riss in der Schneedecke. Das Schneebrett bricht ab und stürzt als Staublawine mit 300 Stundenkilometern ins Tal. Der Lawinenkegel, der in Galtür zu liegen kommt, ist 400 Meter breit und acht Meter hoch.

Was wurde aus Galtürs damaligem Bürgermeister Anton Mattle?

Anton Mattle (ÖVP) ist zur Zeit des Lawinenunglücks Bürgermeister von Galtür. Nicht einmal zwei Wochen nach dem Unglück finden am 7. März 1999 die Tiroler Landtagswahlen statt. Die ÖVP mit Landeshauptmann Wendelin Weingartner erhält 47 Prozent und bleibt stimmenstärkste Partei. Auch Mattle bleibt Bürgermeister. Seine Amtszeit wird von 1992 bis 2021 dauern. Im Oktober 2022 wird er Tiroler Landeshauptmann.

War menschliches Versagen mit schuld an der Katastrophe?

Das wurde nicht endgültig geklärt. Nach den Lawinenkatastrophen von Galtür und Ischgl-Valzur gehen mehrere Anzeigen ein: gegen Bürgermeister Anton Mattle, gegen den Landecker Bezirkshauptmann Erwin Koler und gegen den damaligen Landeshauptmann Wendelin Weingartner. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck prüft. Doch zu einem Prozess kommt es nicht. Denn Anfang 2001, zwei Jahre nach den Katastrophen, stellt die Staatsanwaltschaft das Untersuchungsverfahren ein. In der Begründung wird auf ein Gutachten des Schweizer Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos verwiesen, wonach der Lawinenabgang „in einer so flächenhaft katastrophalen Größe nicht vorhersehbar" gewesen sei.


„Galtür. Der weiße Tod." ist ein fünfteiliger Dokumentar-Podcast der WZ zum Lawinenabgang von Galtür, den die WZ-Hosts Petra Tempfer und Bernd Vasari gestaltet haben. Die Folgen erscheinen von 16. Februar bis 15. März wöchentlich jeden Freitag auf wz.at und überall, wo es Podcasts gibt.

Geographische Karte von Galtür im Westen Tirols.
Der kleine Ort Galtür liegt am Ende des Paznauntales in Tirol.
© Illustration: WZ

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Infos und Quellen

Genese

Wie konnte es so weit kommen, dass eine gigantische Lawine einen ganzen Ort verschüttete − und, dass sie niemand kommen sah? Wie gehen die Menschen, die damals dabei waren, heute damit um? 25 Jahre nach der Katastrophe von Galtür in Tirol wollten sich die WZ-Redakteurin Petra Tempfer und der WZ-Redakteur Bernd Vasari selbst ein Bild davon machen: Sie fuhren nach Galtür, Ischgl, Innsbruck und Imst, haben mit Betroffenen gesprochen und nach Antworten gesucht.

Bernd Vasari und Petra Tempfer
Die beiden WZ-Hosts Bernd Vasari und Petra Tempfer.
© Mara Hohla

Gesprächspartner:innen

  • Andreas Ermacora ist Anwalt in Innsbruck und hat ein Lawinenkommissionsmitglied von Galtür vertreten.

  • Barbara Juen leitet die Arbeitsgruppe Notfallpsychologie und Psychotraumatologie an der Universität Innsbruck. Zur Zeit des Lawinenunglücks hat sie die Opfer psychologisch betreut.

  • Horst Konrad war mehr als 20 Jahre der Leiter der Bildstelle und Fotograf des Militärkommandos Tirol. Die ersten Fotos des Unglücks, die er damals gemacht hat, hat er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Am Tag nach der Lawine sucht Galtür nach den Verschütteten.
Nach der Lawine sucht Galtür nach den Verschütteten.
© Militärkommando Tirol/Horst Konrad
Die Suchenden stoßen meterlange Sonden in den Schnee – treffen sie auf Widerstand, wird gegraben.
Die Suchenden stoßen meterlange Sonden in den Schnee – treffen sie auf Widerstand, wird gegraben.
© Militärkommando Tirol/Horst Konrad
  • Anton Mattle ist seit Oktober 2022 der Landeshauptmann von Tirol. 1992 bis 2021, also zur Zeit des Lawinenunglücks, war er Bürgermeister von Galtür.

Der Tiroler Landeshauptmann Mattle in seinem Büro bei der Aufnahme mit den WZ-Hosts Tempfer und Vasari.
Der Tiroler Landeshauptmann Mattle in seinem Büro bei der Aufnahme mit den WZ-Hosts Tempfer und Vasari.
© Alex Kulaita
  • Helmut Pöll ist Amtsleiter von Galtür und für die Projektleitung und Finanzen des Erlebnismuseums „Alpinarium Galtür" zuständig.

  • Thomas Schönherr war zur Zeit des Lawinenunglücks 1999 für die Kommunikation des Bundesheeres zuständig.

Thomas Schönherr, der zur Zeit des Lawinenunglücks Kommunikator des Bundesheeres war, im Gespräch mit den WZ-Hosts Petra Tempfer und Bernd Vasari
Der ehemalige Kommunikator des Bundesheeres Schönherr (l.) im Gespräch mit den WZ-Hosts Tempfer und Vasari.
© Alex Kulaita

Daten und Fakten

Geographische Karte von Galtür im Westen Tirols.
Der kleine Ort Galtür liegt am Ende des Paznauntales in Tirol.
© Illustration: WZ

Galtür ist eine Gemeinde mit aktuell rund 800 Einwohner:innen im Bezirk Landeck, Tirol (Google Maps).

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien