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Der Vatertag oder: Feiertage, auf die ich verzichten möchte

5 Min
Nunu Kaller schreibt zweimal im Monat eine Kolumne für die WZ.
© Illustration: WZ

Wann wurde eigentlich aus jeder einzelnen Tradition ein Konsumfest, fragt sich Nunu Kaller


Heute ist Vatertag. Nein, Gratulation dazu gibt’s von mir keine, liebe Väter. Warum? Weil ich allein schon die Entstehungsgeschichte für absurd halte. 1908 entstand der Muttertag in den USA: Die Sozialaktivistin Anna Jarvis wollte damit ihre Mutter ehren. So weit, so gut. In den 1920er-Jahren schwappte der Feiertag rüber nach Europa, angetrieben von Frauenorganisationen, aber auch damals schon von der Blumenindustrie – ja, damals schon. Anna Jarvis beschwerte sich sogar noch zu Lebzeiten darüber, dass aus ihrem Muttertag ein Konsumfest geworden war. Danach missbrauchte Hitler den Muttertag noch dazu zu Propagandazwecken, denn nur eine gute Mutter war im Nationalsozialismus eine gute Frau.

Und der Vatertag? Der war ein klassisches „Aber wir Männer auch!“. Zwei Jahre nach der Schaffung des Muttertags wurde er eingeführt. Immerhin: zu Ehren eines Mannes, der nach dem Tod seiner Frau sechs Kinder allein großgezogen hatte. Und deshalb feiern wir jetzt also alle Väter? Auch die, die ihre Vaterrolle als „Sie hat sich um alles zu kümmern, ich bring die Knödl heim“ interpretieren? Super. Ich find ja ein „Aber die Männer müssen auch geehrt werden wie die Frauen“ fast so schwierig wie #notallmen, aber das hier ist eine Nachhaltigkeitskolumne, Beatrice Frasl ist nächste Woche wieder dran.

Kommerz, Kommerz, Kommerz

Und auch aus Nachhaltigkeitssicht nerven mich Mutter- und Vatertag: Beide Tage wurden inzwischen komplett durchkommerzialisiert. Supermärkte, die am Samstag vor dem Muttertag vor hässlich dekorierten Blumensträußen übergehen, von denen mehr als die Hälfte dann am Montagmorgen weggeschmissen werden muss, weil niemand dran gedacht hat, vielleicht Samstag vorm Zusperren doch noch ein bissl Wasser in die Kübel, in denen sie stehen, zu füllen.

Doch nicht nur das: Inzwischen gibt es eine ganze weitere Industrie rund um den Muttertag, die Mütter mit sinnlosen Geschenken, meist aus Plastik, und den Sonntagsfrühstückstisch mit sinnloser Muttertagsdeko, meist aus Plastik, versorgt.

Zugegeben, am Vatertag sieht’s – noch – ein bisschen anders aus, weniger Plastik, weniger Blumen, mehr Bier. In Teilen Deutschlands wurde aus dem Vatertag sicherheitshalber der „Herrentag“, damit auch alle angesprochen sind und man eine Ausrede für Trinkgelage, Motorradausflüge und Marketingschwerpunkte hat.

Elterntag? Oder grundsätzliche Anerkennung?

Meiner Ansicht nach könnte man beide Tage ersatzlos streichen – vielleicht fällt Menschen dann auch auf, dass Eltern eigentlich immer Dank verdienen, weil sie den wichtigsten Job auf diesem Planeten leisten: Kinder großzuziehen.

Apropos „ersatzlos streichen“ – ich hätte da noch ein paar Kandidaten:

Den Valentinstag. Auch so ein Tag, der sich als Fest der Liebe verkleidet hat und in Wahrheit ein Assessment-Center für Beziehungsperformanz ist. Wer nichts schenkt, liebt nicht genug. Man hat auch an diesem Tag Blumen zu schenken – inklusive Pestiziden und Flugkilometern –, mit der Schokolade schenkt man Palmöl und Kinderarbeit, und dann sind die üblichen Deko-Shops auch noch voll von roten oder rosa Herzen auf allen möglichen Produkten – natürlich wieder aus Plastik. Alles andere wär dann ja zu teuer. Ich finde ja, Liebe sollte im Idealfall nicht davon abhängen, ob am 14. Februar noch irgendwo ein trauriger Rosenstrauß an der Supermarktkassa steht, der so aussieht, als hätte er selbst grad eine ziemlich toxische Beziehung hinter sich gebracht. Vielleicht wäre die nachhaltigste Valentinstagsgeste, einmal nicht zu kaufen, sondern zuzuhören. Aber damit lassen sich halt keine Auslagen dekorieren.

Halloween. Hat es in Rekordzeit vom „Gibt’s nur in US-Filmen!“ zu „Warum ist mein gesamter Supermarkt orange und schwarz?“ geschafft. Ich habe grundsätzlich nichts gegen Verkleiden, Kürbisse oder Kinder, die an Türen läuten und Zucker verlangen – mein Nachbarsbub war letztes Jahr unfassbar entzückend gruselig. Aber warum muss Halloween eigentlich eine Plastikprozession sein? Plastikspinnen und zugehörige -netze, Plastikskelette, Plastikkürbisse, Polyesterkostüme, blinkende Grabsteine, einzeln verpackte Süßigkeiten, die wiederum in größere Plastikverpackungen verpackt sind, damit man nach einem Abend möglichst viele kleine Müllportionen produziert hat. Und dann diese Kostüme, die genau eine Nacht überleben, weil sie schon beim Auspacken riechen, als hätte die petrochemische Industrie persönlich „Buh!“ gesagt. Das Gruseligste an Halloween ist der Müllsack am 1. November.

Der Black Friday. Der passt in diese Liste nicht rein, meint ihr? Na ja, doch! Weil: Black Friday ist in den USA immer direkt nach dem wichtigsten Feiertag des Jahres: nach Thanksgiving. Das ist ja an sich ein wirklich schönes Fest: Die Familie kommt im Spätherbst zusammen und feiert Erntedank. Die Tage vor Thanksgiving gehören zu denen mit dem höchsten innerstaatlichen Reiseaufkommen in den USA. Der Tag nach Thanksgiving ist nun seit Jahren schon – und mittlerweile ebenfalls traditionell – ein riesiger Ausverkaufstag. Auch nach Europa hat es der Black Friday geschafft, und zwar so sehr, dass inzwischen ganze Black Weeks oder sogar Black Months in den Marketingabteilungen erfunden werden. Aber Erntedank und Familie? Nö!

Nachhaltigkeit heißt nicht, Rituale abzuschaffen

Um jetzt nicht komplett als zynisch schimpfende Fuchtel gecancelt zu werden, lass ich Weihnachten jetzt mal weg. Aber ihr könnt euch schon gut vorstellen, was in einem Absatz über dekorative Einwegprodukte rund um Weihnachten stehen würde, oder? Versteht mich nicht falsch: Nachhaltigkeit heißt nicht, alle Rituale abzuschaffen. Es heißt, jene Rituale zu hinterfragen, deren eigentlicher Inhalt nicht mehr Beziehung, Erinnerung oder Gemeinschaft ist, sondern Kaufzwang.

In diesem Sinne: Genießt den Sonntag, egal, ob Vatertag ist oder nicht. Habt eure Väter lieb, Väter, lasst euch von euren Kindern lieb haben – und bringt ihnen bei, dass gekaufter Plastikkrempel nichts über den Wert der Liebe zum Vater, zur Mutter oder zu irgendeinem Menschen aussagt.

Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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