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Der „Volkskanzler“ und warum Kickl einer sein will

6 Min
FPÖ-Bundesparteiobmann Herbert Kickl gibt sich gern volksnah.
© Fotocredit: Max Slovencik / picturedesk.com

Herbert Kickl inszeniert sich als „Volkskanzler“. Den Bezug zu den Nazis weist er zurück. Doch wie sie verwendet er den Begriff als Instrument der Ausgrenzung.


Im März 2023 wird Herbert Kickl in einer Presseaussendung der FPÖ erstmals als „Volkskanzler Kickl“ bezeichnet. Seither benutzt die Partei den Begriff inflationär. Kickl und seine Parteikolleg:innen stilisieren den Parteiobmann zum Volkstribun, zum „Volkskanzler“ − für das Volk aus dem Volk. Das ruft Kritik auf den Plan. Schließlich nannte sich schon Adolf Hitler so.

„Der Volkskanzler rechnet mit den Irrlehren von Demokratie, Klassenkampf und Pazifismus ab“, heißt es im Parteiorgan der NSDAP, dem Völkischen Beobachter vom 3. März 1933. Das Zitat stammt aus prominenter Feder. Joseph Goebbels, der Propagandaminister des Dritten Reichs, schreibt in sein Tagebuch: „Ich fahre mit dem Führer zur Redaktion des ‚Völkischen Beobachters‘. Wir gehen dort beide gleich an die Arbeit, schreiben Leitartikel und Aufrufe.“

Kickl weist Nazi-Bezug zurück

Kickl weist den Vorwurf des NS-Bezugs zurück; auch andere Persönlichkeiten der österreichischen Geschichte hätten den „Volkskanzler“ für sich beansprucht. Im ORF-Sommergespräch am 21. August 2023 wird er von der Moderatorin Susanne Schnabl auf den „historisch umstrittenen“ Begriff angesprochen – worauf Kickl entgegnet, es sei der „Volkskanzler“ Leopold Figl, an den er gedacht hätte.

Ist es Zufall, dass sich Kickl mit demselben Wort wie Hitler betitelt? Benutzt die FPÖ ihren „Volkskanzler“ im gleichen Sinn wie die Nazis? Soll er dieselben Bilder suggerieren – oder meinen beide etwas völlig anderes, wenn sie vom „Volkskanzler“ reden? Denn mit Begriffen ist es wie mit Vexierbildern: Man kann sie so oder so sehen. Es kommt auf Intention und Kontext an.

Hitler inszenierte sich mit der Bezeichnung „Volkskanzler“ als Politiker, der – anders als die politische „Elite“ seiner Zeit – für die Interessen des „eigentlichen Volks“ eintrete. Er grenzte sich und das Volk klar ab – von den anderen Parteien, von Menschen, die nicht in die NS-Vorstellung des „arischen Menschen“ passten. Der Begriff suggerierte „Volksnähe“ und schaffte gleichzeitig Distanz zum politischen System vor seiner Ernennung zum Reichskanzler 1933.

Gegen das System und die Eliten

Auch Kickl schafft mit seinem „Volkskanzler“ Nähe und Distanz. In seiner Rede beim Frühschoppen in Hartberg am 2. Oktober 2023 sagt er: „Wir hören uns die Sorgen und Nöte an, weil genau das es ist, was es in unserem Land braucht, was aber in der Politik zu einer aussterbenden Tugend geworden ist. Ich tue das bei echten Veranstaltungen, und ich tue das auf echten Plätzen, auf echten Straßen, in echten Festzelten, bei echten Begegnungen, beim echten Volk“. Kickl sei ein Teil des „Volkes“, er höre die Sorgen der Menschen. Die „Politik“ – zu der er sich offensichtlich nicht zählt – tue das nicht.

Im ORF-Sommergespräch 2023 wird Kickl noch konkreter: „Das heißt ja nichts anderes als ein Kanzler aus dem Volk für das Volk. Das ist was anderes als ein Kanzler aus dem System für das System.“ Kickl grenzt sich ab, vom System, von den Eliten.

Gegen den „Volksaustausch“

Und seine Parteikolleg:innen helfen dabei. Auf der Website der FPÖ gibt es ein zweiminütiges Video einer Rede des Tiroler Abgeordneten Christoph Steiner. Steiner echauffiert sich über die Regierung. Sie wolle das „Volk“ austauschen, gegen eine Mischung „aus bunten Leuten aus aller Herren Länder, und das Volk, das österreichische Volk, soll abgeschafft werden“. Dem würde sich nur die FPÖ entgegenstellen, und mit einem „Volkskanzler Kickl“ wäre es nicht „das Volk“, das von der „linkslinken verschwurbelten Ideologie“ ausgetauscht würde, „sondern dann ist es das Volk, das euch endlich austauscht“.

Der „Volkskanzler“ in spe sei der Einzige, der solche drohenden Gefahren abwenden könne. Die FPÖ, erklärt Kickl beim Frühschoppen in Hartberg, sei die einzige Schutzmacht der Menschen: „Wir sind Diener, Lautsprecher und Schutzpatron der Bevölkerung. Der politische Gegner wird an seinen bösen Absichten und an seinem dunklen und kalten Herzen scheitern.“

Kalte Herzen, fremde Meuten, dunkle Mächte, geheime, bedrohliche Verschwörungen: Die FPÖ bilde den Wall zwischen dem „echten Volk“ und diesen Gefahren. Sie könne die Menschen gegen „das System“ verteidigen. „Das Volk“ steht außerhalb des Systems. Wer dazugehört, sagt die Partei nicht. Sie bleibt vage. Fest steht, es sind nicht alle gemeint. Der Begriff „Volkskanzler“ definiert Kickl als Mann eines undefinierten Volkes, als einen, der in direktem Kontakt mit diesem undefinierten Volk steht, das sich wiederum gegen undefinierte Eliten wende, die nicht zu diesem Volk gehören. Genauso wenig wie die Ausländer:innen, die von diesen Eliten unbegrenzt ins Land gelassen würden. Als Kickl als Innenminister für Aufenthaltstitel zuständig war – und eindeutig Teil des Systems –, gab es allerdings auch nicht weniger Zuwanderung.

Die „Volkstümlichkeit“ der FPÖ

Neben dieser ausgrenzenden Komponente suggeriert der „Volkskanzler“ auch etwas anderes, nicht weniger Wichtiges – eine starke Verbindung zum Volk. Auch die Nationalsozialist:innen suchten diese Nähe zum „Volk“. Es ging ihnen darum, „den führenden Mann in unmittelbaren Kontakt mit dem Volk selber, dem ganzen Volk und nicht nur seinen Vertretern, zu bringen“, schreibt der jüdische Philologe Victor Klemperer in seinem Buch LTI. Notizbuch eines Philologen. Klemperer, der die NS-Zeit überlebte, verfasste eine Analyse der „Lingua Tertii Imperii“, der Sprache des Dritten Reichs.

Auch die FPÖ und ihr Obmann geben sich „volkstümlich“, in dem Sinn, den Klemperer bei Hitler ortete. Der Duden definiert den Begriff so: „In seiner Art dem Denken und Fühlen des Volkes entsprechend, entgegenkommend.“ Die „Volkstümlichkeit“ erzeugt die Partei, indem sie emotional aufgeladene Bilder zeichnet. Die Reden der Parteimitglieder sprechen konkrete Lebenserfahrungen, das Sinnliche und Greifbare an, nicht den Intellekt und abstrakte Ideen. Sie wollen nicht zur Reflexion anregen.

Gegen den Intellekt

Die erwähnte Rede des Tiroler FPÖ-Abgeordneten Steiner ist ein gutes Beispiel einer solchen „volkstümlichen“ Ansprache. Steiner schwärmt für den „Volkskanzler Herbert Kickl, der für das Volk da ist und sich für das Volk einsetzt“. Diesem „Volk“ wäre es egal, wie sein Kanzler genannt werde, wenn die Menschen nur den Kühlschrank öffnen könnten und dieser voll wäre.

Der „Volkskanzler“ allein sei fähig, für die Interessen des „Volkes“ einzutreten. In vielen Reden, Presseaussendungen, Interviews ist diese Inszenierung das zentrale Motiv; und dabei können auch wissenschaftlich unumstrittene Tatsachen übergangen werden. Wenn von Susanne Schnabl im Sommergespräch der Klimawandel angesprochen wird, geht Kickl nicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse ein, sondern verweist auf den „institutionalisierten Zweifel“ in der Wissenschaft. Er appelliert nicht an die Auseinandersetzung mit Fakten und an den Intellekt, sondern an die herrschende Verunsicherung durch bestehende Krisen und beängstigende Zukunftsaussichten. Er scheint sich an einen Grundsatz der Massenverführung zu halten, den auch Adolf Hitler in seinem Manifest „Mein Kampf“ formuliert. Dieser Grundsatz besagt, dass es eben nicht wissenschaftliche Erkenntnisse wären, die die „Masse“ zu verführen vermögen: „Wer die breite Masse gewinnen will, muß den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihrem Herzen öffnet. Er heißt nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft.“


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Infos und Quellen

Genese

Bei der Lektüre der Lingua Tertii Imperii, Viktor Klemperers Analyse der Sprache des Dritten Reichs, fielen Dominik Matzinger viele Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen mit der Sprache der FPÖ auf. Nicht zuletzt zählt zu diesen Parallelen, dass sich der Parteivorsitzende Herbert Kickl seit geraumer Zeit als Volkskanzler inszeniert. Dies nahm der Autor zum Anlass, diesen Begriff und seine Verwendung durch die FPÖ in einem Artikel etwas näher zu beleuchten.

Quellen

  • Joseph Goebbels (2003): Tagebücher 1924–1945. München/Zürich: Piper.

  • Adolf Hitler (1943): Mein Kampf. München: Franz Eher Nachf.

  • Victor Klemperer (1947): LTI. Berlin: Aufbau Verlag.

  • Zitate von Herbert Kickl auf der Website der FPÖ und auf Youtube

  • Landtagsrede des Tiroler FPÖ-Abgeordneten Christoph Steiner

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