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Der Wunderbrunnen von Maria Schutz

6 Min
Das "Gnadenwasser".
© Illustration: WZ, Bildquelle: Unsplash

Im niederösterreichisch-steirischen Grenzland wird eine Quelle verehrt, die Wunder wirken soll. Die WZ hat sich einer Bittwallfahrt angeschlossen, um der Sache auf den Grund zu gehen.


Gloggnitz, Sonntag, 13.00 Uhr: Regentropfen fallen vom Himmel. Auf dem Vorplatz des Bahnhofs steht eine Menschengruppe. Alle sind mit festem Schuhwerk und Rucksack ausgerüstet. Es handelt sich um eine „Bittwallfahrt für geistliche Berufungen“, sagt Kaplan Anselm Becker, der die Leitung innehat. Überproportional vertreten: Klosterschwestern verschiedener Orden. Mit dabei sind auch ganz normale Laien - eine Mutter etwa mit ihrem kleinen Sohn im Volksschulalter. An die Spitze des Pilgerzuges setzt sich ein Marketing-Student, der erst seit kurzem getauft ist, wie er sagt. In beiden Händen hält er ein an einem Stab befestigtes Kruzifix. Das Kreuz ist schwer, „Es hängt sich ganz schön an“, sagt er. Ziel der Wallfahrt ist Maria Schutz.

Dort steht eine barocke Kirche im Wald, direkt über einer Quelle. Ihr Wasser soll 1679 Pestkranke geheilt haben. Die, die von dem Wasser getrunken haben, wurden außerdem, so die Erzählung, gegen die Seuche immun. Später soll eine blinde Frau durch das Wasser sehend geworden sein, einer anderen seien nach Jahren wieder Haare gewachsen. Mit einem Wort: Es sollen sich Wunder zugetragen haben.

„Gott ist kein Zigarettenautomat“

Wunder? Gibt es die? „Wunder gibt es“, sagt eine Pastoralassistentin, während sie kräftig ausschreitet. Aber: „Gott ist kein Zigarettenautomat.“ Den Menschen würden göttliche Fügungen nicht einfach so auf Bestellung zufallen. Es sei nicht alles rational erklärbar, sagt sie, und es liege oft nicht in der Hand des Einzelnen, zu bestimmen, was geschehe. Wichtig sei, dass man für Wunder offenbleibe – „gerade viele Theologen tun das nicht“ –, damit man ein Wunder auch erkenne, wenn es eintrete. Die Herausforderung bestehe gerade darin, zu glauben. Auch dann, wenn man etwas nicht mit eigenen Augen gesehen habe.

Die Pilgergruppe betet, dann geht es bergauf. Die Gläubigen bitten für mehr Zulauf zur Kirche, die Menschen sollen sich wieder mehr – in welcher Funktion auch immer – engagieren. „Die Ernte im Weingarten des Herrn ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter“, sagt Kaplan Becker. Von der Quelle in Maria Schutz weiß er, diese sei aber nicht das vorrangige Ziel der Wallfahrt.

Eine etwas füllige Klosterschwester aus Leipzig hat den Anschluss verloren. Ob sie glaubt, dass es Heilungen gibt, die medizinisch nicht erklärbar, also Wunder sind? „Wenn die Ärzte sagen, dass es medizinisch nicht erklärbar ist, dann kann es eigentlich nur ein Wunder sein“, sagt sie.

Dem „Gnadenwasser“ entgegen

In Maria Schutz sind Brüder vom Orden der Passionisten stationiert, es gibt auch Schwestern – „Schulschwestern“ – dort, die sich um die Beherbergung kümmern. Eine von ihnen erzählt von den vielen Wallfahrern, denen sie über das Jahr begegnet. Das Wasser der örtlichen Heilquelle helfe vor allem bei Augenleiden. Die Menschen trinken es und beträufeln ihre Augenlider mit dem Wasser. Die Gläubigen kommen in Reisebussen, viele sind aus Ungarn, aus Tschechien, natürlich aus Österreich und sogar aus Japan. Es sei „Gnadenwasser“, so die Schwester, das hier für Heilung sorge, daran sei aber „nichts Magisches“: Alles steht und fällt mit dem Glauben. Und natürlich wirke das Wasser auch gegen Corona. Warum? „Weil es gegen jede Krankheit hilft.“

Eine Nonne trinkt Wasser aus dem Brunnen in Maria Schutz
Eine Klosterschwester an der Quelle von Maria Schutz.
© Michael Schmölzer

Für die Schulschwester ist außerdem klar, dass die Kirche von Maria Schutz besonders gesegnet ist. Im Zweiten Weltkrieg war die Gegend heftig umkämpft, zahlreiche russische Granaten sind in die Kirche eingeschlagen, aber keine einzige explodierte. Die Granaten wurden später am Dachboden gefunden. In dieser kritischen Situation, so die Schulschwester, habe die Mutter Gottes ihren Schutzmantel ausgebreitet. Doch es gibt auch jüngere Wunder – wenn auch nicht ganz so spektakulär. Eine ältere Dame mit Rollator wäre in die Kirche gekommen, habe von dem Wasser getrunken und sich dann beim Hinausgehen an die Schwester gewandt und von einer „großen Veränderung“ gesprochen. „Das war vor zwei Wochen und das war ein Wunder.“

Irdische Dinge

Es geht voran, die Pilgergruppe bewegt sich durch Wälder und über eine Bundesstraße in Richtung Maria Schutz. Es nieselt immer noch, die Gläubigen singen und beten den Rosenkranz, bitten auch für die, die auf dem Weg zur geistlichen Berufung gescheitert sind. Unterhaltungen sind jetzt nicht erwünscht.

Die Schwester aus Leipzig kümmert sich um irdische Dinge und schaut an einer Haltestelle, wann der letzte Bus von Maria Schutz zurück nach Gloggnitz fährt. Im Ort Schottwien ist Pause, hier wird kurz Rast gemacht und Brot gegessen. Am soliden Holztisch sitzend, erzählt eine Klosterschwester, was für sie kein Wunder ist: Heilungen durch Handauflegen – das sei ihr nicht sympathisch, das komme ihr irgendwie komisch vor, sagt sie. Ein Wallfahrer aus Ungarn, Koch von Beruf, schaltet sich ein. Er hält viel vom „Gnadenwasser“ der Quelle Maria Schutz, immer nach der Messe trinkt er davon. Vor einer Operation an der Luftröhre habe er einige Schlucke genommen, die OP sei gut verlaufen. Wobei es nicht das Wasser als solches sei, das helfe, es stelle nur die „Verbindung“ zur Mutter Gottes her.

Plastikflaschen um 1,30 Euro

Nach einem steilen Aufstieg über einen schmalen Pfad ist es vollbracht. Die Kirche taucht auf. Die Quelle befindet sich hinter dem Altar. Nach der Messe ist es so weit. Neben dem Eingang zur Kirche gibt es Plastikflaschen mit Heilwasser zu kaufen Eine Flasche kostet 1,30 Euro. Ein junges Mädchen hat ihre eigene mitgebracht und füllt sie an der Quelle, andere trinken nur einen Schluck oder benetzen ihre Augen oder den Mund.

Wichtig ist, ein Wunder als Wunder zu erkennen.
Eine Pilgerin

Der Brunnen ist wichtig für viele Gläubige, auch aus der Region, die regelmäßig kommen. Berichtet wird von einem Fernfahrer, der vor jeder einzelnen Fahrt mit dem Lkw hier Halt gemacht hat, um die Gottesmutter um eine sichere Reise zu bitten. Es soll sogar Menschen geben, die hier ganze Kanister mit Wasser befüllen. Den dankbaren, angeblich durch das hiesige Wasser Geheilten ist eine Nische in der Kirche gewidmet, wo Holztäfelchen mit Malereien und Dankbarkeitsbezeugungen aus den letzten Jahrhunderten hängen.

Reliquie ohne Heilkraft

Der Bedarf an nicht rational Erklärbarem ist groß im Österreich des 21. Jahrhunderts. In der nahegelegenen Pfarrkirche Reichenau an der Rax, etwa zwei Stunden zu Fuß von Maria Schutz entfernt, befindet sich eine Reliquie des letzten österreichischen Kaisers Karl, der selig gesprochen wurde, nachdem er laut kirchlicher Lehre ein Wunder gewirkt hat. Er soll Krampfadern geheilt haben.

Ein kleiner Splitter von Karls Rippe ist in eine Monstranz eingearbeitet und wird von Gläubigen verehrt. Besondere Heilkraft wird dem Kaiser, der im Ersten Weltkrieg unter anderem Giftgas einsetzen ließ, allerdings nicht zugeschrieben.


Infos und Quellen

Genese

Die Idee zu dem Artikel ist WZ-Redakteur Michael Schmölzer gekommen, als er im Internet zufällig über eine Annonce der Diözese Wien stolperte, in der für die Teilnahme an einer „Bittwallfahrt um geistliche Berufungen“ geworben wurde. Neugierig, um was es sich dabei handelt, hat Schmölzer beschlossen, an der Wanderung teilzunehmen. Der Heilbrunnen von Maria Schutz stieß auf sein besonderes Interesse.

Gesprächspartner:innen

  • Kaplan Anselm Becker war zwar ob der theologischen Unkenntnis des Autors erstaunt, hat aber bereitwillig Auskunft gegeben.

  • Die Schwestern verschiedener Orden und jene Pastoralassistentin, die offen über ihre Erfahrungen mit Wundern gesprochen haben.

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