Zum Hauptinhalt springen

Ein Ort wehrt sich gegen die Aufarbeitung der Nazi-Zeit

12 Min
In der Gegend um Goldegg verschanzten sich 1944 Deserteure.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

1944 führten die Nazis in Goldegg eine brutale Razzia durch, Bewohner:innen wurden erschossen oder ins KZ deportiert. Bis heute werden in der Salzburger Gemeinde die Opfer zu Tätern gemacht.


Es war noch dunkel, als am Morgen des 2. Juli 1944 das Unglück über die Salzburger Gemeinde Goldegg hereinbrach. Die Menschen wurden durch Schüsse und Schreie geweckt. 1.000 SS-Soldaten und 60 Gestapo-Männer, Hitlers brutalste Truppen, setzten im Bereich des Ortsteils Weng zu einer blutigen Razzia an. Jeder Hof wurde von der Todesschwadron durchkämmt, jeder Stein umgedreht, die Heustadel mit Lanzen durchsucht und angezündet. Die Nazis machten Jagd auf sechs Deserteure - Bauernsöhne, die nicht in Hitlers Krieg kämpfen wollten -, die sich seit einiger Zeit in der Gegend aufhielten und unter der Bevölkerung breite Unterstützung hatten. Die Brutalität, mit der die NS-Schergen vorgingen, war einzigartig: Es sollte ein Exempel statuiert werden. Anführer der Rebellen war Karl Rupitsch, der Wehrmachsoldaten auf Heimaturlaub überredete, zu desertieren und sich ihm anzuschließen.

Nur ein Deserteur überlebte den „Sturm“, wie das traumatische Ereignis im Ort noch heute genannt wird. Rupitsch und die anderen vier wurden gefasst und ermordet. Die Gestapo verhaftete dutzende Frauen, weil sie die Deserteure verpflegt und unterstützt hatten. 15 wurden in das KZ Ravensbrück verschleppt, elf kehrten schwer gezeichnet zurück. Insgesamt kostete der „Sturm“ 14 Menschen das Leben.

Doch wie stehen die Menschen von Goldegg und Weng heute zu dem Ereignis? Sind sie stolz auf ihre Vorfahren, die sich dem NS-System entgegengestellt haben? Wie erinnern sie an den Widerstand, den es hier vor 80 Jahren gab?

Widerwille und Ablehnung

Rasch wird deutlich: Wenn die Rede auf die Deserteure kommt, herrschen Widerwille und Ablehnung. Schweigen ist dann in Goldegg das oberste Gebot. Sepp Unterkirchner etwa weiß, dass er mit dem Deserteur Franz Unterkirchner verwandt ist: „Das war der Bub der Großtante.“ Sonst will er nichts dazu sagen, genauso wenig wie Johannes Pfeiffenberger, der „Wichtigeres zu tun“ hat. Im Ortskern von Goldegg steht ein Mann vor der Kirche und sagt, dass er 1944 fünf Jahre alt gewesen sei und sich sehr undeutlich erinnere. Überhaupt rede man hier nicht über den 2. Juli 1944. Jetzt hat er es eilig, er „muss nach Hause“.

Einige Kilometer weiter, am malerischen kleinen Böndlsee, da, wo der „Sturm“ über die schlafenden Menschen hereinbrach, betreibt Familie Kößner das Hotel „Seeblick“. Ein Verwandter, Georg Kößner, war einer jener Männer, die nicht für Hitler in den Krieg wollten und dafür sterben mussten. Hier heißt es: „Kein Kommentar“. Nicht jetzt und nicht später.

„Deserteure waren Feiglinge“

Der erste, der die Mauer des Schweigens durchbricht, ist Albert Gschwandtl. Der Senior-Chef des nahe des Böndlsees gelegenen Gasthofs „Pesbichl“ sitzt vor seinem Anwesen auf einer Holzbank und isst. „Die Deserteure waren Feiglinge“, knurrt er kauend. „Und der Rupitsch, das war der größte Feigling.“ Seine Schwiegermutter sei nach der Razzia im KZ gewesen und habe ihm erzählt, wie es genau gewesen sei damals. „Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ Gschwandtl setzt eine abweisende Miene auf, legt Messer und Gabel zur Seite und wünscht einen schönen Tag.

Das irritiert. Immerhin war es der österreichische Widerstand gegen das Hitler-Regime, der es ermöglicht hat, dass das Land nach Kriegsende 1945 wieder eine freie Nation werden konnte. Und spätestens seit dem Jahr 2009 ist per Gesetz festgehalten, dass jeder Deserteur in Österreich voll rehabilitiert ist, egal aus welcher Motivation er nicht kämpfen wollte. Und klar ist auch, dass es sehr viel Mut brauchte, sich gegen das NS-Regime zu stellen; nicht für Hitler zu kämpfen, nicht mit allen anderen in den Krieg zu ziehen. Und vor allem: Warum machen die Wenger den Widerstand ihrer Vorfahren gegen die Nazis schlecht?

Außenansicht des Hochleitner-Hofs
Der Unterdorf-Hof in der Nähe des Böndlsees, wo sich der Deserteur Rupitsch versteckte.
© WZ

Aufklärung bringt ein Besuch auf dem Unterdorf-Hof, der von der Familie Hochleitner betrieben wird. Johannes Hochleitner und die Bäuerin, Christa Kohl, sind hier – und sie wollen erzählen. Reden über das Fürchterliche, das hier am 2. Juli 1944 geschehen ist. Sie kennen die Ereignisse so, wie sie von den Eltern und Schwiegereltern und anderen Vorfahren berichtet worden sind. Und wissen eines: „Die Geschichte wird falsch erzählt.“

Rupitsch kam nicht aus seinem Versteck

Wie also lautet die Wahrheit? Am Unterdorf-Hof so: Der Anführer der Deserteure, Karl Rupitsch, hatte ein Verhältnis mit der Bauerstochter, Elisabeth Hochleitner, der „Liesl“. Durch die SS-Razzia in Bedrängnis gebracht, habe Rupitsch sich über den Balkon in das Haus seiner Freundin geflüchtet und in dem weitläufigen Anwesen in einem Zwischenboden versteckt. Die SS habe das beobachtet und Rupitsch überall im Haus gesucht - aber nicht gefunden. Darauf wurde die „Liesl“ als Freundin des Gesuchten von der Gestapo verprügelt und gefoltert, damit sie den Aufenthaltsort ihres Geliebten preisgebe. Aber die Schwerverletzte konnte nichts sagen, weil sie nichts wusste. Rupitsch aber sei nicht aus seinem Versteck gekommen. Er habe sich wie ein Feigling versteckt, „die Liesl“ ihrem Schicksal überlassen. Er und seine Kumpanen hätten die Strafaktion der SS und der Gestapo durch ihre Desertion überhaupt erst provoziert und Unschuldige ans Messer geliefert. „Was haben die Deserteure Gutes gebracht?“, heißt es hier. Allesamt seien sie keine Helden gewesen. Im Zuge der Razzia wurden außerdem zwei Brüder der „Liesl“, Simon und Alois, von der Gestapo hinterrücks erschossen. Auch das sei die Schuld Rupitschs, heißt es, beide jungen Männer seien seine Opfer.

Was haben die Deserteure Gutes gebracht?
Christa Kohl, Bäuerin am Unterdorf-Hof

All das sorgt für böses Blut bis zum heutigen Tag. So freiwillig sei die Unterstützung für die Widerständler durch die Bevölkerung nicht gewesen, hört man zudem im Ort. Sie hätten die Sennerinnen mit der Waffe im Anschlag bedroht und mit Erschießen gedroht, sollten diese den Behörden über ihren Aufenthaltsort Auskunft geben. Sie hätten Vieh gestohlen, gewildert und auf die Polizei geschossen.

In Goldegg kennen die meisten diese Geschichten. Es wird aber nicht darüber geredet, auch um die Einheit im Ort nicht zu gefährden. Denn früher haben die Menschen aus Goldegg auf die Bewohner von Weng als „böse“ Partisanen-Unterstützer hingezeigt. Das, so wird versichert, sei jetzt schon längst nicht mehr so.

Früher war die Gestapo der Feind

Dass das stimmt, kann der Historiker Michael Mooslechner bestätigen. Er beschäftigte sich bereits 1980 mit den Goldegger Deserteuren - und konstatiert eine fatale Entwicklung: „Damals war klar die Gestapo der Feind“, sagt der Historiker im Gespräch mit der WZ. Und es habe eine Wertschätzung für die Deserteure gegeben. Und das, obwohl schon lange davor ein folgenschwerer Trend eingesetzt habe: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges strömten zehntausende Kriegsheimkehrer in die Region, voller Aggression gegen Deserteure, und sie verdrängten diese von den Stammtischen: Die, die nicht für Hitler gekämpft hatten, waren „Eidbrecher“ und Unehrenhafte. Die Kinder der Deserteure seien in den Schulen gehänselt worden: Der Vater habe sich versteckt und sei ein Feigling gewesen. Diese Haltung habe es über Jahrzehnte gegeben. Gleichzeitig sei als neuer „Frame“ das Gerücht gestreut worden, dass die Nazis die Einwohner von Weng und Goldegg wegen der Unterstützung für die Deserteure in die Ukraine aussiedeln wollten und das nur durch Intervention der ortsansässigen NS-Größen verhindert werden konnte. Der Heimatort war bedroht, die Retter waren zur Stelle.

Mittlerweile ist klar, dass das ein Märchen ist, mit dem sich die NS-Größen des Dorfes nach Ende des Krieges selbst in ein gutes Licht stellen wollten. Cyriak Schwaighofer, Obmann des Kulturvereins und früher Grün-Politiker, berichtet gegenüber der WZ von alten Goldeggern, die sich bis heute absolut sicher sind, dass sie die Waggons, mit denen die Bevölkerung in den Osten deportiert werden sollte, mit eigenen Augen gesehen hätten. Die „Verteidigungslüge“ sei so oft wiederholt worden, sagt Schweighofer, dass sie für die Realität gehalten wird.

Opfer-Familien wurden ihrem Schicksal überlassen

Zur unseligen Situation, wie sie heute in Goldegg besteht, ist es auch deshalb gekommen, weil andere Widerstandsgruppen – wie Eisenbahner und Katholiken – jeweils eine Lobby hatten. Sie waren protegiert von der Sozialdemokratie und der Kirche und konnten Stolz auf ihr widerständisches Handeln entwickeln. Anders bei der Gruppe der Bauern rund um den Böndlsee, die sich nach 1945 „sehr alleingelassen gefühlt“ hätte, wie Mooslechner sagt. Diese hätten dann die Sache mit sich selbst ausgemacht und in Folge die „Identifikation mit den Opfern aufgegeben“. Die Opfer-Familien wurden mit dem Vorwurf, ihre Väter hätten „Furchtbares angerichtet“, ihrem Schicksal überlassen. Die Erzählung von den schlechten Deserteuren habe sich durchgesetzt. Die, die dem widersprechen, werden bis heute als ortsfremd und - von außen - abqualifiziert. Auch dann, wenn die Kritik aus dem Ort selbst, also ganz von innen kommt.

Portrait von Cyriak Schweighofer
Ältere Goldegger sind bis heute überzeugt, dass die Deportation des Ortes unmittelbar bevorstand, sagt Cyriak Schwaighofer vom Kulturverein.
© WZ

Haben die Deserteure Fehler gemacht? Wenn, dann den, dass sie geglaubt hätten, ihre Ortskenntnis schütze sie, sagt Mooslechner. Möglich, dass sie leichtsinnig, ja im Lauf der Wochen übermütig agiert und die Gefahr unterschätzt hätten. Und sie unterschätzten die Dauer des Krieges. Einige Deserteure seien von der Ostfront gekommen und hätten miterlebt, dass die Wehrmacht ständig auf dem Rückzug war. Die Deutschen verzeichneten eine Niederlage nach der anderen. Da sei 1944 bei den Widerständlern die Einschätzung gewesen, dass der Krieg schon so gut wie vorbei wäre.

Irgendjemand muss schuld sein an der Katastrophe vom 2. Juli 1944, und der Deserteur Rupitsch eignet sich ideal als Sündenbock. Er kam als „Fremder“ aus der Ortschaft Mühlbach am Hochkönig nach Goldegg, hat dort die Frauen verführt, für „Unruhe“ gesorgt und andere zur Desertion angestiftet. Eine Erzählung, die sich über die Jahrzehnte gebildet hat und die mit den historischen Fakten und der Wahrheit nicht viel zu tun hat. Mooslechner selbst spricht in diesem Zusammenhang von „Verzerrung“ der Tatsachen. Die Deserteure an der Seite Rupitschs sind heute über ihre Nachfahren stärker in Goldegg verwurzelt, es sind wichtige Vertreter des Ortes darunter, sie kommen als Sündenböcke nicht in Frage.

„Wir ducken uns nicht weg“

In der Ortschronik von Goldegg sind Formulierungen zu finden, die aus der Nazi-Zeit stammen. So ist von den Deserteuren als „Landplage“ die Rede. In einer wissenschaftlichen Überarbeitung aus 2018 wurde das korrigiert. Jetzt aber sind die Deserteure nicht im Kapitel „Widerstand, Verfolgung, Ermordung“ angeführt, sondern in einem eigenen Abschnitt. Was für Kritik sorgt. Der Bürgermeister von Goldegg, Hannes Rainer, verweist im Gespräch mit der WZ darauf, dass alles auf wissenschaftlicher Expertise fuße und man sich in der Frage nicht wegducke. Die Zusammenarbeit mit dem „Verein der Freunde des Deserteursdenkmals in Goldegg“, den es seit einigen Jahren gibt, funktioniere gut, er sei als Bürgermeister bei den Gedenkveranstaltungen dabei. Kritisiert werde hier im Ort das „Einwirken von außen“ in der heiklen Frage. Die Bürger würden sich insgesamt einen „unaufgeregteren Umgang“ mit der Sache wünschen.

Die Tochter von Karl Rupitsch, Brigitte Höfert, hat lange versucht, einen Gedenkstein für die 14 getöteten Opfer der Nazis vom 2. Juli 1944 in Goldegg aufstellen zu lassen - und sich fast die Zähne daran ausgebissen. Nach langen Streitigkeiten steht der Stein jetzt in Goldegg auf dem Privatgrund der Gebietskrankenkasse ÖGK. Der Deserteurs-Verein hat rund 90 Mitglieder und hält Gedenkveranstaltungen und Wanderungen zu Ehren der Widerständischen ab. Sie sei im Zusammenhang mit der Aufstellung des Gedenksteins bedroht worden, sagt Höfert im Gespräch mit der WZ. Bedroht und verhöhnt: Vielleicht lasse sie ihren Vater sogar noch heiligsprechen, habe es zu ihren Versuchen geheißen, Rupitsch zu rehabilitieren. 2018 wurde die Gedenktafel von Unbekannten mit grüner Farbe besprüht. Jeder einzelne Name wurde unkenntlich gemacht. Die Polizei ermittelte, der Verfassungsschutz schaltete sich ein. Cyriak Schwaighofer vermutete damals, dass es sich um eine „feige Aktion junger Neo-Nazis“ gehandelt habe.

Österreich hat seine düstere Vergangenheit stellenweise aufarbeiten können, in Goldegg ist das nicht der Fall. Hier war man in den 80er-Jahren schon weiter als jetzt, scheint es. Damals wurden die Deserteure zumindest in Teilen des Ortes geschätzt. Diese Sicht ist verloren gegangen, neue Perspektiven auf das Geschehene sind schwer vermittelbar.


Infos und Quellen

Genese

2024 jährt sich die Goldegger Katastrophe zum 80. Mal, in einer Gedenkaktion soll der Unterstützungs-Widerstand in der Salzburger Gemeinde gewürdigt werden. Vor allem viele Frauen halfen den Widerständischen und mussten dafür ins KZ. Der Historiker Albert Lichtblau hat WZ-Redakteur Michael Schmölzer von der geplanten Gedenkaktion erzählt, die in St. Johann über die Bühne gehen soll. So reifte der Entschluss, nach Goldegg zu fahren und dort mit den Menschen über den 2. Juli 1944 zu reden.

Gesprächspartner

  • Johannes Hochleiter: Der Betreiber des Unterdorf-Hofes und vor allem die Bäuerin, Christa Kohl, hatten viel zu erzählen, nachdem der Autor bei anderen Goldeggern auf Schweigen gestoßen war.

  • Albert Gschwandtl: Der Altchef des Gasthauses „Pesbichl“ hat das Schweigen als erster durchbrochen. Durch ihn wurde endgültig klar, dass die Deserteure im Ort allgemein nicht hoch angesehen sind.

  • Michael Mooslechner: Der Historiker ist der Experte für das Thema. Er hat mit seiner Analyse eine Einordnung der unmittelbaren Eindrücke vor Ort ermöglicht.

  • Brigitte Höfert: Die Tochter des Deserteurs Karl Rupitsch hat einen langen Leidensweg hinter sich und der WZ davon erzählt.

  • Cyriak Schwaighofer: Der Chef des Kulturvereins und ehemalige Grün-Politiker wusste spannende Details darüber, wie die Goldegger heute mit historischen Belastungen umgehen, zu erzählen.

  • Hannes Rainer: Der Bürgermeister von Goldegg konnte bestätigen, dass seine Gemeinde wenig Lust auf Belehrungen aus Salzburg-Stadt oder Wien hat.

Daten und Fakten

Landkarte mit Goldegg und dem Böndlsee.
© WZ

Neben der Deserteursgruppe in Goldegg hat es eine große Zahl an Widerständlern im Tiroler Vomperloch gegeben. Die NS-Justiz hat 30.000 Todesurteile gegen Wehrmachtsdeserteure ausgesprochen, rund 25.000 wurden vollsteckt.

Das Thema in anderen Medien

STANDARD: Essay von Hanna Sukare