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Dickpics und Upskirting: Keine Bagatellen, sondern Gewalt

5 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zu einem feministischen Thema in der WZ.
© Illustration: WZ

Sexuelle und sexualisierte Gewalt sind nie Bagatellen. Auch nicht in ihren gesellschaftlich weitgehend normalisierten Varianten.


    • Upskirting ist in Österreich und Deutschland seit 2021 strafbar.
    • Das Dickpic-Gesetz trat am 1. September 2025 in Österreich in Kraft.
    • Catcalling ist in Österreich weiterhin nicht strafbar.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Du erinnerst dich gewiss noch an Gisèle Pelicot –jene Frau aus Marzan, die über viele Jahre von ihrem Ehemann Dominique Pelicot und zahlreichen anderen Männern, an die er sie auslieferte, sediert und vergewaltigt wurde. Fall und Prozess Pelicot erregten weltweit öffentliches Aufsehen. Eine Sache, die in der Berichterstattung aber oftmals fehlte, war eine Erwähnung der Umstände, die dazu führten, dass Dominique Pelicot überhaupt erst gefasst wurde. Dominique Pelicot wurde festgenommen, weil er in einem Supermarkt Frauen unter den Rock filmte. Man nennt diese Form sexualisierter Übergriffigkeit „Upskirting“ – in Frankreich ist sie erst seit Sommer 2018 ein Straftatbestand. In Österreich und Deutschland überhaupt erst seit 2021 – dank dem Engagement von Hanna Seidel und Ida Marie Sassenberg, die durch eine Petition und Öffentlichkeitsarbeit Druck auf die Politik erzeugt hatten.

„War ja nur Spaß“

Wie jede Verschärfung des Sexualstrafrechtes war auch das Upskirting-Gesetz von Kritik begleitet, unter anderem von der Beschwerde, man würde relativ „harmlose“ Übergriffigkeiten pönalisieren. Egal ob es um „Po-Grabschen“, verbale sexuelle Belästigung oder Upskirting geht, die Argumente gegen die Kriminalisierung sind immer dieselben: „Da darf man ja bald gar nichts mehr“, „das ist doch keine sexuelle Gewalt, das ist doch nur Spaß“, „wenn es dich stört, dann wehre dich doch, wofür braucht es da das Strafgesetz?“.

Aber: Jede Form der sexualisierten und sexuellen Gewalt muss ernst genommen werden. In keiner ihrer Ausprägungen ist Gewalt eine Bagatelle. Auch nicht in jenen Erscheinungsformen, die gesellschaftlich weitgehend normalisiert sind. Der Skandal ist nicht die Kriminalisierung sexueller Gewalt, der Skandal ist, für wie normal sie gehalten wird, insbesondere vor ihrer Kriminalisierung. Genau aufgrund der normativen Wirkung von Gesetzgebung ist es auch wichtig, dass jene Formen sexueller und sexualisierter Gewalt, die „komplett normal“ und alltäglich sind, unter Strafe gestellt werden: Sie werden so ent-normalisiert und tatsächlich als Übergriffigkeiten und als Gewalt definiert, die in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Rahmen unerwünscht sind und sanktioniert werden.

Wiederkehrende Muster

Menschen, die sexuell übergriffig agieren, tun dies selten einmalig und selten nur auf eine Art und Weise. Vergleichsweise „weniger schlimme“ Übergriffe sind oft Hinweise auf tiefergehende und wiederkehrende Muster sexueller Übergriffigkeit, die auf seriell agierende Täter hinweisen.

Und an der Stelle kommt wieder Dominique Pelicot ins Spiel, denn wäre Upskirting kein Straftatbestand gewesen, wäre Dominique Pelicot nicht gefasst und sein Handy und sein Computer nicht durchsucht worden. Seine weiteren, noch gravierenderen Verbrechen wären nie entdeckt worden – weder die Vergewaltigungen seiner Frau, noch eine Reihe anderer Sexualverbrechen, mit denen er teils per DNA in Verbindung gebracht werden konnte. Das ist ein weiterer Grund, warum sexuelle und sexualisierte Gewalt immer ernst genommen werden muss, und das in all ihren Ausformungen.

Der Dickpic-Paragraph: ein richtiger Schritt

Die aktuelle österreichische Regierung hat Anfang September diesbezüglich einen wichtigen Schritt getan, indem sie das unerwünschte und unaufgeforderte Zusenden sexueller Abbildungen – meist sogenannte „Dickpics“ – unter Strafe gestellt hat. Das Gesetz trat am 1. September 2025 in Kraft und ist, wie auch das Verbot von Upskirting in Deutschland, eine Folge des Aktivismus engagierter Frauen: Im Falle der Dickpics ist das Frederika Ferková, die mit Klagen gegen Dickpic-versendende Männer viel Aufmerksamkeit erregte.

Dickpics sind kein harmloses Flirten, sie sind digitale Grenzverletzungen, sie normalisieren sexuelle Gewalt im Alltag. Den Sendern geht es nicht um das Anbahnen einvernehmlicher sexueller Beziehungen, sondern viel eher um Macht, Kontrolle und das Herstellen von Dominanz. Und: Auch im digitalen Raum kann sexualisierte Gewalt schwerwiegende Konsequenzen für Opfer haben, auch im digitalen Raum ist sie keine Bagatelle.

Catcalling

Immer noch frei von Strafe ist in Österreich indes verbale sexuelle Gewalt – sogenanntes Catcalling. Entwürdigendes Hinterherschreien, Hinterherpfeifen und unangenehme sexualisierte Kommentare im öffentlichen Raum sind, ebenso wie Dickpics im digitalen Raum, nicht „Flirten“, sondern Machtdemonstrationen. Sie sind nicht dazu angetan, jemandem ein „Kompliment“ zu machen, sondern gezielt dafür zu sorgen, eine andere Person zu entwürdigen, ihr Angst zu machen, sie zu verunsichern und ihr gegenüber Dominanz zu signalisieren. Und auch im Falle von Catcalling gibt es engagierte Frauen, die aktuell das Unter-Strafe-Stellen fordern – der Grazer Frauenrat hat aktuell eine Petition gestartet, die die österreichische Bundesregierung dazu auffordert, Catcalling im Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt zu verankern.

Sexuelle Gewalt muss auch im Alltag ernst genommen werden, egal ob es um Dickpics, um Grapschen oder um verbale sexuelle Gewalt geht, denn in jeder Ausprägung kann sie für Betroffene schwerwiegende Folgen haben und: Die Normalisierung alltäglicher Übergriffe schafft das Fundament für schwerwiegendere Taten. Wer sie verharmlost, schützt Täter und gefährdet (potenzielle) Opfer. Ihre Würde und ihre Sicherheit sind wichtiger als der „Spaß“ der Täter.

Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Feminismus. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.


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Infos und Quellen

Zur Autorin

Beatrice Frasl war schon Feministin, bevor sie wusste, was eine Feministin ist. Das wiederum tut sie, seit sie 14 ist. Seitdem beschäftigt sie sich intensiv mit feministischer Theorie und Praxis – zuerst aktivistisch, dann wissenschaftlich, dann journalistisch. Mit ihrem preisgekrönten Podcast „Große Töchter“ wurde sie in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten feministischen Stimmen des Landes.

Im Herbst 2022 erschien ihr erstes Buch mit dem Titel „Patriarchale Belastungsstörung. Geschlecht, Klasse und Psyche“ im Haymon Verlag. Als @fraufrasl ist sie auf Social Media unterwegs. Ihre Schwerpunktthemen sind Feminismus und Frauenpolitik auf der einen und psychische Gesundheit auf der anderen Seite. Seit 1. Juli 2023 schreibt sie als freie Autorin alle zwei Wochen eine Kolumne für die WZ.

Quellen

Das Thema in anderen Medien

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