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Die Tiroler Schützen haben eine Kompanie suspendiert. Was ist passiert? Eine Geschichte über die großen Auseinandersetzungen im Kleinen – und was die über unsere Gesellschaft aussagen.
In der Pitztaler Ortschaft Wald herrscht in drei Punkten absolute Einigkeit: Erstens, die ganze Angelegenheit ist eine zutiefst traurige. Zweitens, gewünscht hat sich diese Situation niemand. Und drittens: Mittlerweile geht es um’s Prinzip – und zwar für jeden.
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Aber beginnen wir von vorne. Es ist ein sonniger Herbsttag im 600-Einwohner:innen-Weiler, der Wind bläst leicht durch die Bäume und die abgefallenen orangenen Blätter sammeln sich in kleinen Haufen auf den Gehsteigen. Es ist ruhig im Dorf, nur vereinzelt sind Spaziergänger:innen unterwegs. Irgendwo bellt ein Hund, vor der weißen Postgarage parkt ein silbernes Auto und im ersten Moment kann man gar nicht glauben, dass dieses unscheinbare Gebäude der Ausgangspunkt dieser Geschichte sein soll. Dunkler Dachstuhl, abgeplatzte graue Farbe am Garagentor, „Einfahrt freihalten“. Schützenhauptmann Daniel Eiter hätte hier gerne das Vereinslokal für seine Kompanie eingerichtet.
Der ehemalige Landeshauptmannstellvertreter Georg Dornauer habe ihm dafür sogar eine Förderung in Aussicht gestellt. Dornauer bestätigt das gegenüber der WZ: „Wäre ich noch in der Exekutive, würde ich mich nach wie vor für dieses Projekt einsetzen.“
Bei einem Gespräch zwischen Eiter und Gemeinderat, bei dem auch Schützen-Ehrenmitglieder anwesend sind, kommt es allerdings anders. Recht schnell wird klar, dass die Gemeinde eine Gesamtlösung für alle sechs Vereine in Wald deutlich spannender fände – sprich: ein gemeinsames Vereinshaus.
„Die Treue zu Gott und dem Erbe der Vorfahren“
Die Tiroler Schützen sind mittlerweile so etwas wie die personifizierte Erscheinung des Bundeslandes, irgendetwas zwischen gesellschaftlichem Treffpunkt, Traditionsbewahrer, Postkartenmotiv und Männerkreis. Gewehr in der Hand, Tirolerhut am Kopf und Andreas Hofer im Herzen.
Über 17.000 Mitglieder zählt der Bund der Tiroler Schützenkompanien. Waren sie in der Vergangenheit für die militärische Absicherung Tirols zuständig, kümmern sie sich heute vor allem um die „geistige und kulturelle Landesverteidigung“. An Feiertagen marschieren sie mit Blaskapellen auf, veranstalten Feste und sportliche Wettkämpfe. Die Jungschützen und Jungmarketenderinnen zählen zu den größten Jugendorganisationen des Landes. Tracht und Brauchtum sind dabei von Jung bis Alt ein Ausdruck der eignen Landesidentität, in ihr würden sich Regionen und Talschaften symbolisch widerspiegeln.
Drei Fragezeichen
Beim Treffen der Walder Schützen mit dem Gemeinderat knatscht es zum ersten Mal. Laut Eiter hätten sich die ebenfalls anwesenden Schützen-Ehrenmitglieder zu wenig für die Postgarage eingesetzt. Jene verneinen den Vorwurf: „Als Ehrenmitglieder stehen wir beratend zur Seite, aber mischen uns nicht aktiv in eine Diskussion ein“, so Reinhard Schuler, Ehrenhauptmann der Schützenkompanie Wald. In einer darauffolgenden Sitzung legt man ihm und zwei weiteren Ehrenmitgliedern den Austritt nahe. „Sie sind mir und der ganzen Kompanie in den Rücken gefallen“, erklärt Eiter – „Das ist ja fast schon Trumpismus. Ein Wort dagegen und du bist weg“, entgegnet Schuler.
Was dann passiert, lässt sich schwer überprüfen. Laut Eiter hätten sich die drei Ehrenmitglieder auf den Austritt eingelassen, er verweist auf ein handschriftliches Sitzungsprotokoll, laut Alt-Schützen sei genau das nicht passiert. Zum Wohle des Dorffriedens hätten sie zwar beschlossen, nicht mehr in der Gemeinde Wald „auszurücken“, also bei Feiertagen nicht mehr aufzumarschieren. Mitglieder der Kompanie seien sie aber geblieben.
Der Aufforderung, ihre Trachten der Walder Kompanie zurückzugeben, leisten sie dementsprechend auch nicht Folge. „Wir sind nicht ausgetreten und haben auch kein grobfahrlässiges oder vereinsschädigendes Verhalten gesetzt, das es für einen Ausschluss braucht. Wir wollen die Tracht behalten, insbesondere für Begräbnisse von Kameraden“, so Schuler.
Ab diesem Zeitpunkt kommt es immer wieder zu verbalen Konflikten. Solange, bis das Pitztaler Bataillon – der Kompanie übergeordnet – die Walder Schützen suspendiert.
Schützenimage in Gefahr
Ein Sprichwort besagt: „Alle Wege führen nach Rom.“ Im Fall der Walder Schützen führen alle Wege nach Innsbruck. Am 8. November hat dort nämlich der Außerordentliche Bundesausschuss der Tiroler Schützen getagt. Er beriet in Tagesordnungspunkt elf über die Suspendierung der Pitztaler Kompanie.
Das Ergebnis: Bis zur nächsten Sitzung am 7. März 2026 bleiben die Walder suspendiert. Nächstes Jahr wird beraten, ob man verlängert. „Die Schützenkompanie Wald im Pitztal hat im Rahmen dieser zeitlichen Beschränkung nun Zeit, Offenes zu erledigen“, sagt Landeskommandant Thomas Saurer, „dieses leidige Thema hat dem Tiroler Schützenwesen bereits sehr geschadet – jetzt gilt es, dies wieder in Ordnung zu bringen!“ Die Situation in Wald wurde in Tirol öffentlich heiß diskutiert, die lokalen Medien haben den Konflikt mitbegleitet.
Von ihnen hat Eiter am Ende auch die Entscheidung des Bundesausschusses erfahren. „Die Kompanie Wald bleibt weiterhin bestehen, wir haben 30 Mitglieder und werden als Verein weitermachen“, sagt er. „Es ist traurig, dass sich hier in kompanieinterne Angelegenheiten eingemischt wird. Und zur geforderten Entschuldigung: Bei wem soll ich mich entschuldigen?“
„Me hat allerhand derlebt“
Die Causa Wald ist in der Geschichte der Tiroler Schützen einzigartig. Dabei verrät sie so viel über unsere Gegenwart. Am Ende geht es in ihr nämlich um die großen Themen: um Loyalität und Verrat, um Tradition und Neubeginn, um alt gegen jung. Um alles, was uns überall sonst auch beschäftigt.
Es ist eine Geschichte voller Widersprüchlichkeiten. Eine Geschichte, die ständig fragt, ob und wie wir uns zusammenraufen können.
Auf der Homepage der Tiroler Schützen ist die Walder Kompanie nach wie vor zu finden. In ihrem Vorstellungstext liest man: „Also mittlerweile sei d’Walder Schitze iats über 100 Jahr und me hat allerhand derlebt. Seis guat oder schlecht, d’Kameradschaft unter de Schitze isch bis heint oumi nou im Vordergrund gstande“ (Also mittlerweile sind die Walder Schützen über 100 Jahre alt und haben vieles erlebt. Gutes wie Schlechtes, die Kameradschaft der Schützen ist dabei bis heute immer noch im Vordergrund gestanden“).
Einigkeit herrscht in Wald wohl auch dahingehend, dass das momentan nicht stimmt. Verbal wird gegeneinander geschossen, die Dorfidylle hängt schief. Schließlich geht es um’s Prinzip – und zwar für jeden.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Bewohner:innen der Gemeinde Wald
- Daniel Eiter, Walder Schützenhauptmann
- Georg Dornauer, ehemaliger Tiroler SPÖ-Landesparteivorsitzender und Landeshauptmann-Stellvertreter
- Reinhard Schuler, Walder Ehrenhauptmann
- Siegfried Wöber, Bataillonskommandant Pitztal
- Thomas Saurer, Landeskommandant
Daten und Fakten
- Im Bund der Tiroler Schützenkompanien sind laut eigenen Angaben über 17.000 Mitglieder organisiert.
- Die Organisationsstruktur funktioniert hierarchisch. An der Spitze stehen der Landeskommandant und die Bundesleitung. Darauf folgen vier Viertel (Oberland, Tirol Mitte, Unterland, Osttirol), zwei Regimenter (Oberinntal und Zillertal), 26 Bataillone und 235 Kompanien.
- Die Geschichte der Tiroler Schützen reicht bis ins Mittelalter zurück. Ursprünglich waren sie vor allem Bürger und Bauern, die ihre Heimat verteidigen sollten. Heute „verteidigen“ die Schützen laut eigenen Aussagen Tiroler Traditionen und „Lebensweisen“. Unteranderem beinhaltet das das Mitwirken bei traditionellen Festen, das Austragen von sportlichen Wettkämpfen und das Aufmarschieren an Feiertagen („ausrücken“).
- Ein Gewehr zu tragen ist momentan nur Männern erlaubt. Beim „Ausrücken“ sind Frauen zwar als Marketenderinnen dabei, aber eben nur mit kleinen Holzfässern voller Schnaps, ans Gewehr ließ man sie bis dato nicht. Das könnte sich nun ändern. Vom 1. Dezember bis zum 15. Januar können rund 320 Stimmberechtigte via Briefwahl abstimmen, ob Frauen zukünftig als Gewehrträgerinnen zugelassen werden.
- Die Schützenkompanie Wald im Pitztal ist bis zur nächsten Sitzung des Bundesausschusses am 7. März 2026 innerhalb des Bundes der Tiroler Schützenkompanien suspendiert. Eine Aufhebung oder eine Verlängerung dieser Suspendierung wird dort erneut diskutiert.
Quellen
- Grundsätze des Bundes der Tiroler Schützenkompanien
- Leitmotive des Bundes der Tiroler Schützenkompanien
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