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Die Chefdirigentin, das unbekannte Wesen

Genese 

Gibt es Dirigentinnen? – Ja, langsam entwickelt sich die Szene. Aber wieso gibt es kaum Chefdirigentinnen? Das ist eine Frage, die in der Klassikbranche immer wieder auftaucht. Letzten Endes klären kann man sie vorerst nicht. Edwin Baumgartner versucht eine Bestandsaufnahme und eine Analyse.

Daten und Fakten 

  • Die Frau am Pult eines Orchesters ist kein neues Phänomen. Bereits im 17. Jahrhundert stand die Italienerin Vittoria Raffaella Aleotti (1575-1646) dem Orchester des Klosters San Vito vor. Von der Komponistin Francesca Caccini (1587–1640) ist überliefert, dass sie Aufführungen ihrer eigenen Werke leitete. Allerdings verfestigt sich die Rolle des Dirigenten, wie sie heute verstanden wird, nämlich als mehr oder minder alleiniger Koordinator und Impulsgeber der Aufführung eines Musikwerks, erst im 19. Jahrhundert. Als eine der Pionierinnen seither kann die in der damals zu Österreich gehörenden Slowakei geborene Josephine Weinlich (1848-1887) gelten, die in Wien an der Wende zu den 1870er-Jahren ein Frauenorchester gründete, das unter Namen wie „Weinlich’sches Damenorchester“, „Wiener Damencapelle“, „Wiener Damenorchester“ oder „Erstes Europäisches Damenorchester“ Europatourneen unternahm. Eine weitere Pionierin war die Französin Nadia Boulanger (1887–1979), bekannt vor allem als Kompositionslehrerin, die renommierte Orchester wie das Boston Symphony Orchestra und das New York Philharmonic dirigierte. Als weitere namhafte Pionierin kann die US-Amerikanerin Antonia Brico (1902–1989) gelten, die 1930 als erste Frau ein reguläres Konzert der Berliner Philharmoniker leitete und Gastauftritte beim Los Angeles Philharmonic Orchestra, dem San Francisco Symphony Orchestra und dem London Philharmonic Orchestra hatte und 1934 die New York Women’s Symphony als reines Frauenorchester gründete. Die US-Amerikanerin Sarah Caldwell (1924–2006) gründete die Opera Company of Boston, die sie als Chefdirigentin leitete und mit der sie ein breitgefächertes Repertoire samt Uraufführungen bestritt. Sie war obendrein Gastdirigentin u. a. des New York Philharmonic Orchestra, des Boston Symphony Orchestra und der Metropolitan Opera. Die Tschechin Vítězslava Kaprálová (1915–1940) trat in ihrer kurzen Lebensspanne sowohl als Dirigentin wie als Komponistin hervor. Trotz ihrer Erfolge gelang es keiner von ihnen, als Dirigentin im Mainstream der Klassikbranche Fuß zu fassen. Derzeit treten als Dirigentinnen hervor: 

  • Joana Mallwitz, 1986 in Hildesheim geboren, ist seit 2023 Chefdirigentin und künstlerische Leiterin des Konzerthausorchesters Berlin. 2019 wurde sie von der Fachzeitschrift Opernwelt zur „Dirigentin des Jahres“ gewählt. Ihre Ausbildung erhielt sie an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wo sie bei Martin Brauß und Eiji Ōue Dirigieren studierte.

  • Marin Alsop, 1956 in New York geboren, studierte bei Seiji Ozawa und Leonard Bernstein, der ihr Mentor wurde. 2013 dirigierte sie als erste Frau die Londoner Last Night of the Proms. Von der Saison 2007/08 bis 2021 war sie Chefdirigentin des Baltimore Symphony Orchestra und damit die erste Frau an der Spitze eines überregional bedeutenden US-Orchesters. Seit 2019 ist sie Chefdirigentin des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien und seit 2020 Artist in Residence an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, an der sie Dirigieren unterrichtet. 

  • Christine Pluhar, 1965 in Graz geboren, ist eine österreichische Lautenistin und Barockharfenistin, die ebenso als Arrangeurin und Dirigentin Alter Musik hervortritt. Sie lehrt am Königlichen Konservatorium Den Haag und gibt Meisterkurse an der Universität Graz.

  • Michi Gaigg, 1957 in Schörfling am Attersee geboren, ist eine österreichische Geigerin und Dirigentin sowie Musikpädagogin mit dem Schwerpunkt Barockmusik. Sie gründete das Festival „L’arpa festante“ in München sowie das L’Orfeo Barockorchester. Seit 2003 ist sie Intendantin der Donaufestwochen im ober- und niederösterreichischen Strudengau. 

  • Marie Jacquot, 1990 in Paris geboren, startete ihre Karriere als Tennisprofi. Zusätzlich absolvierte sie eine Ausbildung als Posaunistin, ehe sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar Dirigieren studierte. 2019 wurde sie Kapellmeisterin an der Deutsche Oper am Rhein (Düsseldorf/Duisburg).

  • Eva Ollikainen, 1982 in Espoo (Finnland) geboren, wurde als Dirigentin von Jorma Panula und Leif Segerstam in Helsinki ausgebildet. In der Saison 2018/19 übernahm sie das Nordic Chamber Orchestra für drei Spielzeiten als Chefdirigentin. Nach mehreren Gastdirigaten beim Iceland Symphony Orchestra wurde sie ab der Spielzeit 2020/21 zu dessen Chefdirigentin bestellt.

  • JoAnn Falletta, 1954 in Brooklyn, New York, geboren, studierte Dirigieren an der New Yorker Julliard School u.a. bei Jorge Mester. Von 1991 bis 2000 war sie Chefdirigentin des Virginia Symphony Orchestra, 2000 wechselte sie in gleicher Position zum Buffalo Symphony Orchestra. Von 2011 bis 2014 war sie zusätzlich Chefdirigentin des Ulster Symphony Orchestra.

  • Simone Young, 1961 in Sydney geboren, ist ausgebildete Komponistin und Pianistin. Ihre Karriere als Dirigentin startete, als sie 1985 an der Oper von Sydney für einen erkrankten Kollegen einsprang. Bei dieser Gelegenheit stand sie zum ersten Mal als Dirigentin vor einem Orchester. Danach assistierte sie in Europa u.a. Daniel Barenboim. Von 1999 bis 2002 war sie Chefdirigentin des Bergen Philharmonic Orchestra in Norwegen, von 2001 bis 2003 Chefdirigentin und künstlerische Leiterin der Opera Australia in Sydney und Melbourne, 2005 bis 2015 Intendantin der Hamburgischen Staatsoper sowie Hamburgische Generalmusikdirektorin und unterrichtete an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. 2006 und 2015 leitete sie die Konzerte zum Nationalfeiertag in Wien. Seit 2022 ist sie Chefdirigentin des Sydney Symphony Orchestra. 

  • Oksana Lyniv, 1978 in Brody (damals Ukrainische SSR, Sowjetunion) geboren, hat in Lwiw ihre Ausbildung zur Dirigentin und danach weitere Meisterkurse in Mitteleuropa absolviert. Von 2013 bis 2017 war sie Assistentin von Kirill Petrenko und Dirigentin an der Bayerischen Staatsoper in München. Von dort wechselte sie bis 2020 als Chefdirigentin an die Grazer Oper und zum Grazer Philharmonischen Orchester. 2017 gründete sie das internationale Kulturfestivals LvivMozArt in Lwiw. Seit 2022 ist sie Generalmusikdirektorin des italienischen Teatro Comunale di Bologna.

  • Gisele Ben-Dor, 1955 in Montevideo (Uruguay) geboren, wurde von Leonard Bernstein ausgebildet, dessen Assistentin sie wiederholt war. Als Gastdirigentin trat sie weltweit auf, u.a. mit dem New York Philharmonic Orchestra, dem London Symphony Orchestra, dem Los Angeles Philharmonic, dem Orchestre de la Suisse Romande, dem Israel Philharmonic Orchestra und dem Jerusalem Symphony Orchestra. Derzeit ist sie Chefdirigentin des Symphonieorchesters von Santa Barbara (Kalifornien). Sie gilt als Spezialistin für die Musik lateinamerikanischer Komponist:innen. 

  • Sian Edwards, 1959 in West Sussex (Großbritannien) geboren, ist ausgebildete Hornistin und Dirigentin. Dirigieren studierte sie u.a. in London und in St. Petersburg. Ihr Operndebüt gab sie 1986, als sie bei einer Aufführung von Kurt Weills Oper „Mahagonny“ für Simon Rattle einsprang. Von 1993 bis 1995 war sie Musikdirektorin der English National Opera, London. Seit 2013 unterrichtet sie an der Royal Academy of Music als Leiterin des Fachbereichs Dirigieren und seit dem Wintersemester 2022/23 hat sie eine Professur an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Sie gilt als Spezialistin für zeitgenössische Musik. 

  • Han-Na Chang, 1982 in Suwon (Südkorea) geboren, ist ursprünglich als Cellistin ausgebildet. Dirigieren studierte sie beim US-amerikanischen Dirigenten James DePreist. 2013 wurde sie zur Ersten Gastdirigentin des Trondheim Symphonieorchesters ernannt und ist seit 2017 dessen Chefdirigentin.

  • Mirga Gražinytė-Tyla, 1986 in Vilnius (Litauen) geboren, studierte zuerst Kunst, ehe sie sich u.a. an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz zur Dirigentin ausbilden ließ. Nach Stationen und Gastdirigaten an diversen mitteleuropäischen Opernhäusern war sie von der Spielzeit 2015/16 bis 2017 Musikdirektorin des Salzburger Landestheaters. 2016 wurde sie Chefdirigentin beim City of Birmingham Symphony Orchestra und blieb in dieser Position bis 2022. Seither ist sie erste Gastdirigentin dieses Orchesters und sonst freischaffend tätig. 

  • Susanna Mälkki, 1969 in Helsinki (Finnland) geboren, war von 2016 bis zum Sommer 2023 Chefdirigentin der Helsinkier Philharmoniker. Sie ist ausgebildet als Cellistin und absolvierte zusätzlich ein Dirigierstudium in Finnland. Gefördert wurde sie u.a. vom französischen Dirigenten und Komponisten Pierre Boulez. Von 2002 bis 2005 war sie Chefdirigentin des norwegischen Stavanger Symphonieorchesters und von 2016 bis 2022 Erste Gastdirigentin beim Los Angeles Philharmonic. Sie gilt als Spezialistin für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. An der Wiener Staatsoper leitete sie Aufführungen von Gottfried von Einems „Dantons Tod“, bei den Salzburger Festspielen dirigierte sie Benjamin Brittens „War Requiem“. 

  • „Tár“ ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Todd Field, der 2022 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig vorgestellt wurde und anschließend in die Kinos kam. Dabei handelt es sich um ein Drama, das in der Welt der klassischen Musik spielt und sich um die fiktionale Stardirigentin Lydia Tár (gespielt von Kate Blanchett) dreht.

Quellen 

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