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Warum ich im Urlaub Plastikscheiß kaufe – und das sogar mit Freude.
Diese Zeilen entstehen in Kroatien. Traditionell fahre ich mit engen Freundinnen jedes Jahr entweder zu Pfingsten oder zu Fronleichnam – je nachdem, was besser liegt – nach Istrien und wir eröffnen den Sommer.
- Mehr für dich: Nachhaltigkeit ist kein Add-on
Dazu gehören einige Traditionen: Das erste Abendessen gibt’s immer im Lokal unter unserem Apartment, ein Eis von dieser einen Kette mit den ungewöhnlichen Eissorten muss sein, und Frühstück wird am ersten Morgen am Markt geholt und dort immer beim ersten Gemüsestand links, der hat die besten Kirschtomaten und Erdbeeren.
Eine der Traditionen ist allerdings auch eine, die nicht zwingend zu meiner Konsumwelt passt: Es gibt in diesem Ort einen Laden mit lauter Dingen aus Plastik, die man eigentlich nicht braucht. Da gibt es zum Beispiel Quietscheentchen in allen möglichen Verkleidungen; Schreibutensilien einer bei Kindern momentan sehr beliebten Marke; bunte, lustige Socken; lustige Küchengadgets; Fächer, auf denen „Fucking Hot“ draufsteht; und völlig überteuerte Thermosbecher. In diesem Laden – und zwar nur dort – lasse ich auch jedes Jahr Geld. Am liebsten für Dinge, auf denen „Fuck“ steht, ich bin im Geiste nämlich ein frisch pubertierender Bub, müsst ihr wissen. Dieses Jahr war’s eine Cap mit „Fuck off“ drauf und obengenannter Fächer mit „Fucking Hot“. Einfach, weil.
Nostalgie als Kauftrigger
Ich weiß, dass es diese Produkte auch in Wien gibt, ich weiß sogar, in welchem Laden, und ich kenne und mag die Besitzerin dieses Ladens wahnsinnig gern. Aber kaufen tu ich so gut wie nie bei ihr, maximal Geburtstagsbillets. Hier in Kroatien liebe ich diesen Mini-Kaufrausch, hier erlaube ich es mir. Weil es mich auch an die Urlaube meiner Kindheit in Ungarn erinnert. Da ging ich mit Papa immer in ein ganz bestimmtes Papiergeschäft und da durfte ich einfach aussuchen. Ohne irgendwie sparen zu müssen, weil es damals für uns Österreicher:innen dort quasi nix kostete, so billig war’s.
Mich erinnern meine Besuche im hiesigen Laden (eine Freundin und ich nennen es nur noch „unser Laden“) an dieses Gefühl damals, diese Freude am Konsum. Es ist pure Nostalgie, gepaart mit Produkten, die einfach Spaß machen. Dass ich vor ein paar Jahren eine Laptopunterlage aus Polyester und Plastik in einem braunen Papiersack mit dem Aufdruck „Save the Planet“ entgegennahm, brachte mich dann doch ein bisschen zum Grinsen. Es brachte meinen inneren Widerspruch auf den Punkt.
Was das jetzt in einer Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit verloren hat? Wo ich doch bekanntermaßen die bin, die immer wieder sagt, wie blöd Plastik ist, dass man keine unnötigen Produkte kaufen soll, dass wir insgesamt zu viel kaufen und dass das wiederum ein riesiges Umweltproblem ist?
Sei nicht päpstlicher als der Papst
All meine Recherchen rund um Konsumpsychologie zeigen mir, dass es nichts bringt, päpstlicher als der Papst zu sein. Ja, man darf sich hin und wieder Schwachsinn aus Plastik leisten. Es darf nur nicht zur Selbstverständlichkeit, zum Alltag werden. Würde ich mich an diesem einen Tag im Jahr selbst kasteien und mir diesen Nostalgietrip verbieten, und das meine ich jetzt ganz persönlich: Ich würde es hassen. Ich würde hassen, dass ich nicht diese lustigen Socken mit Hunden drauf kaufen darf, an diesem einen Tag, nur weil ich ganz grundsätzlich die Welt retten will.
Also erlaube ich es mir. Denn die Konsumpsychologie besagt auch: Jede Verhaltensänderung funktioniert nur dann, wenn sie Spaß macht. Solange es mir Spaß macht, an 364 Tagen im Jahr auf solche Produkte zu verzichten, solange sind sinnlos ausgegebene 50 Euro in „meinem Laden“ auch ok. Und der schöne Nebeneffekt an dieser Methode: Diese Käufe bleiben so etwas Besonderes, über das ich mich dann sogar noch mehr freue.
Diese ganze Kolumne klingt jetzt wie eine Rechtfertigung vor mir selbst. Doch im Grund möchte ich nur eines aufzeigen: Die Dosis macht das Gift – und die Forschung gibt mir recht.
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Konsumverzicht funktioniert nur mit Ausnahmen
Konsumverzicht als Dauerzustand funktioniert nicht. Das zeigen Studien zur Verhaltenspsychologie eindeutig: Wer sich zu rigiden Regeln verpflichtet, scheitert häufiger als jemand, der bewusste Ausnahmen einplant – ein Phänomen, das in der Forschung als „Moral Licensing" beschrieben wird. Gelegentliche kleine Ausrutscher können das nachhaltige Gesamtverhalten sogar stabilisieren, weil sie den psychologischen Druck reduzieren und Selbstwirksamkeit erhalten.
Und eines sollte auch inzwischen klar sein: Nicht der perfekte Konsum Einzelner rettet das Klima, sondern strukturelle Veränderungen. Und: Nachhaltigkeit muss endlich als Gewinn an Lebensqualität begriffen werden, bei dem es nicht um Verzicht geht. Wenn ich mich an 364 Tagen im Jahr bewusst verhalte und am 365. einen Plastikfächer mit „Fucking Hot" drauf kaufe, dann habe ich trotzdem das System nicht verraten.
Bereits nachgewiesen ist auch: Nachhaltige Verhaltensänderung läuft immer, immer, immer über positive Emotionen – und nicht über Schuld. Wer in der Stadt vom Auto aufs Fahrrad umsteigen möchte, der wird nicht lang dabei bleiben, wenn er nur daran denkt, dass er jetzt überallhin länger braucht und sich anstrengen muss. Wer jedoch daran denkt, dass er garantiert keinen Parkplatz suchen und bezahlen muss, und wer merkt, dass diese zusätzliche Bewegung im Alltag gesundheitliche Vorteile bringt, der wird beim Radfahren bleiben.
Freude, Nostalgie, das Gefühl von Freiheit: Das sind keine Feinde der Nachhaltigkeit. Das sind ihre Verbündeten.
Also: Kauft euren Plastikschwachsinn. Einmal im Jahr. Bewusst. Mit Freude. Und dann macht weiter mit Weltretten. Ich mach das zumindest so.
PS: Nur dem nachgemachten riesigen Stanley Cup, auf dem „Size Matters“ stand, habe ich dann doch widerstanden. Weil DAS ist wirklich ein sinnloses Produkt.
Nunu Kaller schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne zum Thema Nachhaltigkeit. Alle Texte findet ihr auch in ihrem Autor:innenprofil.
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Infos und Quellen
Quellen
- SageJournals: A Meta-Analytic Review of Moral Licensing
- SageJournals: Barriers perceived to engaging with climate change among the UK public and their policy implications
- Tiny Habits: Tiny Habits, Big Results: Your method for success
- lifestyle.sustainability-directory.com: Perfectionism
- Not Controversial: It's okay not to be 100% sustainable
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