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Die ewige Legende der jüdischen Weltverschwörung

6 Min
Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung lebt bis heute.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Die Protokolle der Weisen von Zion sind die Mutter aller Weltverschwörungstheorien. Sie dienten Hitlers Antisemitismus als Blaupause. Im arabischen Raum erleben sie eine neue Hochblüte. Und befeuern den Hass auf Israel.


Mächtige Juden aus aller Welt treffen sich an einem geheimen Ort. Thema der Zusammenkunft – die Weltherrschaft. Die Juden beraten, wie sie die Menschheit unterjochen, Finanzen, Medien, Kultur kontrollieren, die nichtjüdische Welt zersetzen können. Ein Masterplan mit einem Ziel: die Diktatur der Welt durch das Judentum.

Das ist Unsinn. Niemals hat es ein solches Treffen gegeben, niemals griff ein „internationales Judentum“ nach der Weltherrschaft. Der Plot entspringt einem antisemitischen Pamphlet. Es wurde unter dem Namen „Protokolle der Weisen von Zion“ berühmt. Der Text gibt vor, das Geheimtreffen zu protokollieren. Seit mehr als hundert Jahren wissen wir, dass er eine Fälschung ist. Fiktion. Eine perfide Lüge, von Antisemit:innen herbeifantasiert.

Antisemitische Telenovela

Trotzdem lebt der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung weiter – bis heute. Momentan erleben die Protokolle der Weisen von Zion in der arabischen Welt eine neue Hochblüte. Und machen Stimmung gegen Israel und den Zionismus. „Die Protokolle der Weisen von Zion sind in der arabischen Welt weit verbreitet“, sagt der deutsche Historiker Wolfgang Benz gegenüber der WZ. „Der Taxifahrer in Kairo kennt sie genauso wie der Bauer in Syrien.“ Auf Buchmessen vertreiben Verlage die Schrift. In Buchhandlungen stehen Ausgaben des Pamphlets im Schaufenster.

Pünktlich zum Ramadan 2002 strahlte das ägyptische Fernsehen die erste Folge der Telenovela „Reiter ohne Pferd“ aus. Die 41-teilige Serie stellt die Juden als hinterhältig und verschwörerisch dar. Sie basiert auf den Protokollen der Weisen von Zion. „Im Iran, Ägypten, Syrien und dem Libanon wurde und wird sie bis heute gezeigt“, sagt Benz.

Hamas bezieht sich auf die „Protokolle“

Auch die Hamas beruft sich auf das Pamphlet. Die Vernichtung Israels ist die Grundideologie der Terrororganisation. Im Artikel 32 der Hamas-Charta heißt es: „Der Zionismus macht nirgends Halt: Nach Palästina strebt er eine Expansion vom Nil bis zum Euphrat an, und wenn er sich diese Region einverleibt hat, folgt weitere Expansion und so fort. Die Pläne der Zionisten sind in den Protokollen der Weisen von Zion nachzulesen und ihre derzeitigen Taten belegen bestens, was wir hier sagen.“

Die Lüge funktioniert bis heute. Ihren Anfang nimmt sie vor 120 Jahren. Der russische Esoteriker Sergej Nilus fügt die Protokolle im Jahr 1905 einem seiner Bücher als Anhang bei. Der Autor bleibt anonym. Das fiktive Dokument ist in 24 Protokolle gegliedert. Es soll eine Rede zitieren, die ein jüdischer Sprecher an einem unbekannten Ort vor unbekannter Hörerschaft gehalten hätte.

Sammelsurium antisemitischer Vorurteile

Mit hämischer Ehrlichkeit erzählt er über die geheime Strategie einer jüdisch-freimaurerischen Verschwörung. Die Menschen und Völker sollen durch Seuchen, Klassenkämpfe, Kriege, Revolutionen, Hungersnöte zermürbt werden. Liberalismus, Materialismus, Atheismus werden sie moralisch zersetzen, Spekulationsgeschäfte und Gier die Wirtschaft ruinieren. In Elend und Chaos gestürzt, würden die Nichtjuden den Juden schlussendlich die Macht übergeben.

Die krude Fantasie ist ein Sammelsurium antijüdischer Vorurteile, Ressentiments, Stereotype. Sie bestätigt alle Gerüchte, die im modernen Antisemitismus über die Juden im Umlauf sind – ein blutrünstiges, Wucher treibendes, heuchlerisches, heimlich agierendes Volk, das alle anderen Völker hasst.

Die Protokolle sind der Prototyp aller Weltverschwörungstheorien, eine Blaupause für Agitatoren. Sie lieferten eine einfache Erklärung für Krisen – vom Umsturz der Bolschewiki in Russland über soziale Unruhen, den Zusammenbruch der Monarchie, den Ersten Weltkrieg. Im Streben der Juden nach globaler Weltmacht liege der Kummer der Welt begründet.

Fälschung und Plagiat

Von wem der Text stammt, konnte bis heute nicht geklärt werden. Sicher ist – die Fälschung ist ein Stückwerk mehrerer Schriften. Das Setting – also das Geheimtreffen der Juden – geht auf einen Schundroman des bekennenden Antisemiten Biarritz von Hermann Goedsche alias Sir John Retcliff zurück. Der Autor beschrieb ein solches Treffen in einer dunklen, sternenlosen Nacht am Grab eines Rabbiners auf dem Friedhof von Prag in seinem Roman „Die Geheimnisse des Judenfriedhofs in Prag“.

Ein Großteil des Inhalts stammt wiederum von einem Text aus dem Jahr 1864, geschrieben von Maurice Joly. Der französische Anwalt und Schriftsteller wollte Kaiser Napoleon III. belasten und verfasste einen fiktiven Dialog zwischen Machiavelli und Montesquieu. Die Protokolle der Weisen von Zion sind ein Plagiat dieser Kampfschrift. Der „Kaiser“ wurde mit den „Juden“ ersetzt, der Dialog einem Rabbiner in den Mund gelegt. Das deckte Philip P. Graves bereits 1921 auf. In einer Artikelserie der Londoner Times entlarvte der Journalist die Protokolle als Fälschung.

Siegeszug auf der ganzen Welt

Zu diesem Zeitpunkt waren sie längst im deutschen Sprachraum angekommen. Russische Revolutionsgegner:innen hatten sie auf der Flucht vor den Bolschewiken nach Europa gebracht. Ab 1920 erscheinen Ausgaben in Großbritannien, im Deutschen Reich, Frankreich, Polen – und bald auch im Nahen Osten und in Japan.

In den USA steckte der Automobilfabrikant und bekennende Antisemit Henry Ford viel Geld in die Verbreitung der Hetzschrift. Als er sich 1927 dem öffentlichen Druck beugte und sich halbherzig distanzierte, war es längst zu spät. Das Buch wurde in alle Weltsprachen übersetzt und millionenfach verbreitet.

Auch in der völkischen Bewegung Europas wurde es bereitwillig aufgenommen. „Übersteigerter Nationalismus verband sich in diesen Kreisen mit rassistischem Überlegenheitsdenken und antisemitischen Wahnvorstellungen“, schreibt der Historiker Benz. Der Erste Weltkrieg bereitete den Boden für die Protokolle weiter. Ein gebeuteltes Europa suchte nach Antworten – und fand sie im modernen Antisemitismus. Die Protokolle wurden zum Bestseller und vielfach aufgelegt. Etwa von der NSDAP, die sich die Rechte an der Verschwörung sicherte. Adolf Hitler bezieht sich in „Mein Kampf“ direkt darauf.

Hitlers Umkehr der Realität

Die Protokolle seien der Beweis für das Streben der Juden nach der Weltherrschaft. In einer Umkehr der Realität sieht Hitler gerade im Nachweis der Fälschung den Beleg für ihre Echtheit. „Wie sehr das ganze Dasein dieses Volkes auf einer fortlaufenden Lüge beruht, wird in unvergleichlicher Art in den von den Juden so unendlich gehaßten Protokollen der Weisen von Zion gezeigt. Sie sollen auf einer Fälschung beruhen, stöhnt immer wieder die Frankfurter Zeitung in die Welt hinaus: der beste Beweis dafür, daß sie echt sind. Was viele Juden unbewußt tun mögen, ist hier bewußt klargelegt“, schreibt Hitler. Nach der Machtergreifung der Nazis kamen die Protokolle der Weisen von Zion in den Lehrplan deutscher Schulen.

Wahr oder unwahr sind für die Antisemit:innen bis heute keine Kategorie. Die Widerlegung ihrer Echtheit konnte die Wirkung der Protokolle nicht bremsen. Ganz im Gegenteil: Sie stützen die Vermutung eines wahren Kerns der paranoiden Fantasie. Gründen sich viele Verschwörungstheorien in einem realen historischen Ereignis, fehlt hier jede Realität. Die Protokolle sind nichts als Fiktion. Eine bewiesene Fälschung absurden Inhalts. Und sie funktionieren trotzdem als Instrument der Propaganda.

Die simple Antwort auf komplexe Zusammenhänge, die perfide Simulation eines Protokolls, die mythische Qualität eines „Geheimdokuments“, der Enthüllungs-Charakter haben sie zur mächtigen Waffe gegen Israel und die Juden gemacht; und zum wirkungsvollsten antisemitischen Text aller Zeiten. Bis heute.


Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteur Matthias Winterer studierte Geschichte. In den 2000er-Jahren belegt er ein Seminar bei dem deutschen Historiker Wolfgang Benz. Es ging um die Protokolle der Weisen von Zion, einem antisemitischen Pamphlet, einer Verschwörungstheorie, die seit hundert Jahren widerlegt ist. Nach dem Angriff der Hamas auf Israel erinnerte sich Winterer an das Seminar – und wollte wissen, wie groß der Einfluss der Hetzschrift heute noch ist.

Gesprächspartner

  • Wolfgang Benz, Historiker und ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin

Quellen

  • Wolfgang Benz: Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert.

  • Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung.

  • Christian Hartmann, Othmar Plöckinger, Roman Töppel, Thomas Vordermayer: Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition.

  • Michael Hagemeister: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung.

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