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Die Fallstricke der Geschichte

8 Min
Eine Hand zeichnet auf einer alten Europakarte Grenzen ein.
Falsch verstandene Geschichte kommt der Völkerverständigung in die Quere. Ländergrenzen sind keine Frage der historischen Gerechtigkeit.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Geschichte verzeichnet Fakten. Doch wenn Geschichte emotional aufgeladen wird und nationalistischer Argumentation dient, befeuert sie schwelende Konflikte bis hin zum Krieg. 


Geschichte ist etwas Wunderbares − als Schul- und Forschungsgegenstand und Interessensgebiet für Nerds, die stundenlang über die Interpretation von Details der Hergänge und Entwicklungen in aller Freundschaft streiten können. Sobald Geschichte aber zum Symbol des Nationalgefühls mystifiziert wird, entstehen Fallstricke, in denen sich ganze Nationen verheddern. Dann verbildet Geschichte den gesunden Nationalstolz zum ungesunden Nationalismus. Den Selbstüberhöhungen folgen Auseinandersetzungen, die in Gewalttätigkeit bis hin zum Krieg münden können. Deshalb stellt sich gerade in der Gegenwart immer vehementer die Frage: Wie sollen wir mit Geschichte umgehen?

Zwei aktuelle Kriege werden, wenngleich auf unterschiedlichen Ebenen, durch die Geschichte befeuert: der Angriff Wladimir Putins auf die Ukraine und der Krieg Israels gegen die Hamas. Eine dritte Ausweitung der Geschichte auf das Nationalgefühl verursachte in der jüngeren Vergangenheit den ersten Krieg auf europäischem Gebiet seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Ursache war die Auseinandersetzung zwischen Serbien und dem Kosovo.

Aus der Vergangenheit gäbe es unzählige andere Beispiele, sogar aus Österreich, nämlich die Südtirol-Frage, die in den 1960er-Jahren zu terroristischen Akten führte; ebenso beruht der viele Jahre schwelende Konflikt um die zweisprachigen Ortstafeln in Kärnten letzten Endes auf der Frage, welchem Land Kärnten gehört: Österreich oder dem damaligen Jugoslawien beziehungsweise später Slowenien. 

Knackpunkt Amselfeld 

Im Fall von Serbien und Kosovo ist der Knackpunkt das Amselfeld, das Austragungsort von vier Schlachten war: 1389 rangen die Osmanen die serbischen Truppen nieder, 1402 kämpften zwei serbische Heere gegeneinander, 1448 schlugen die Osmanen ein Kreuzfahrerheer und 1915 kam es zu einer Schlacht, in der österreichisch-ungarische und mit ihnen verbündete bulgarische Truppen jene Serbiens nach Albanien zurückdrängten.

Eine Karte von Serbien als Montenegro und der Kosovo noch ein Teil davon waren.
Serbien mit Montenegro und dem Kosovo als Teil des Landes.
© Illustration: WZ

Für den Konflikt bedeutsam ist die Schlacht des Jahres 1389. Serbien feiert sie bis zum heutigen Tag am 28. Juni, dem Vidovdan (St. Vitustag). Der im Kampf gefallene Fürst Lazar wurde 1390 heiliggesprochen und ist einer der wichtigsten Heiligen der serbisch-orthodoxen Kirche.

Um die Schlacht rankt sich eine mythische Überhöhung: Zwar ist die serbisch-bosnisch-albanische Koalitionsarmee den Osmanen unterlegen, aber das Heldentum der Serben und ihre Opferbereitschaft gilt Nationalist:innen als Inbegriff und sogar Wiege des serbischen Selbstverständnisses.

Eine Karte wo Serbien, Kosovo und Montenegro jeweils eigenständige Staaten sind.
Serbien, Kosovo und Montenegro als jeweils eigenständige Staaten.
© Illustration: WZ

In diesem gilt das Amselfeld mit seinen heiligen Stätten als Jerusalem Serbiens, wo das Christentum in einem gerechten, wenngleich verlorenen Krieg verteidigt wurde. Die Gesänge des Kosovozyklus aus dem 15. Jahrhundert sind, obwohl fragmentarisch, das serbische Nationalepos, und zahlreiche Volkslieder nehmen Bezug auf die Schlacht. Kurz gesagt: Das Amselfeld ist das Herz Serbiens. Nur liegt der dem serbischen Nationalstolz heilige Ort aufgrund der politischen Entwicklungen und neuer Grenzziehungen nicht mehr in Serbien, sondern im Kosovo.

Die Christianisierung begann in Kiew 

Eine ähnliche Situation bildet die weltanschauliche Unterströmung im russisch-ukrainischen Krieg. Der Ursprung des russischen Reichs ist das sogenannte Kiewer Reich. Rjurik war ein Fürst der russischen Waräger. 882 eroberte sein Feldherr Oleg Kiew, das bis dahin von den Warägerfürsten Askold und Dir beherrscht wurde. Rjurik machte Kiew zu seiner Hauptstadt. Auch die Christianisierung Russlands geht von Kiew aus, und zwar durch die Taufe des Großfürsten Wladimir des Großen im Jahr 988.

Eine Karte von Russland mit angeschlossener Ukraine.
Russland und die Ukraine als ein gemeinsamer Staat.
© Illustration: WZ

Der russische Präsident Wladimir Putin hat zweifellos befürchtet, dass die seit Dezember 1991 von Russland unabhängige Ukraine eine Annäherung an den Westen sucht, inklusive − im für Russland schlimmsten Fall − Konzession für US-Stützpunkte und -Raketenbasen an der russischen Grenze, die das strategische Gleichgewicht der Supermächte empfindlich ins Wanken gebracht hätten.

Es steckt jedoch noch mehr dahinter: Putin denkt in historischen Dimensionen und damit großrussisch in engem Schulterschluss mit der russisch-orthodoxen Kirche. In dieser Auffassung der Geschichte ist die Ukraine, das ehemalige „Kleinrussland“, das in Nikolai Gogol einen der Nationaldichter und den, neben Alexander Puschkin, zweiten Schöpfer der russischen Literatur stellte, ein Teil Russlands, in Bezug auf die für die russische Kultur wichtige Christianisierung sogar Russlands Herzstück.

Eine Karte von Europa wo Russland und die Ukraine getrennt sind.
Der Horror russischer Nationalisten: Die Ukraine als eigenständiger Staat, der mehr zum Westen als zu Russland neigt.
© Illustration: WZ

Russische Nationalist:innen hatten mit einer eigenständigen Ukraine von vornherein ein Problem. Das verstärkte sich zunehmend durch die West-Annäherung der Ukraine. In der Überzeugung der Nationalist:innen muss die Ukraine aus den Klauen des Westens befreit und heimgeführt werden in das geschichtsgegebene alte großrussische Reich.

Wer war zuerst da? 

Szenenwechsel. In den Sozialen Medien wird seit langem eine Farce zum Nahost-Konflikt aufgeführt, über die man schmunzeln könnte, hätte der mit beispielloser Härte geführte Krieg Israels gegen die Hamas im Gazastreifen mittlerweile nicht Tausende Todesopfer unter der Zivilbevölkerung gefordert. Die zunehmend heftigen Diskussionen drehen sich darum, wer die ersten Siedler:innen auf dem Land waren, auf dem sich das Staatsgebiet des heutigen Israel befindet: Juden und Jüdinnen oder Muslim:innen. Der Hintergedanke dabei: Wer zuerst da war, hat Anspruch auf das Land. 

Eine Karte von Israel in heutiger Zeit.
Israel in seinen gegenwärtigen Grenzen.
© Illustration: WZ

Die Antwort scheint einfach, denn natürlich waren Juden und Jüdinnen vor den Muslim:innen im Land. Der Islam ist schließlich erst im siebenten nachchristlichen Jahrhundert entstanden und somit wesentlich jünger als das Judentum.  

Die Gegenüberstellung „Juden – Muslime“ ist dennoch ungenau. „Jude“ bzw. „Jüdin” bedeutet nämlich sowohl die Zugehörigkeit zu einer Religion wie zu einer Ethnie, während „Muslim“ bzw. „Muslimin” ausschließlich die Zugehörigkeit zu einer Religion bedeutet. Territoriale Grenzen können in der Gegenwart indessen nicht an Religionszugehörigkeiten festgemacht werden. Daher müsste, wollte man das Thema frei von Polemik diskutieren, „Muslim:innen” durch „Araber:innen und deren Vorfahren“ ersetzt werden.  

Allerdings sagt eine erste Landnahme ohnedies wenig aus über aktuelle Nationen und Grenzziehungen. Die Tatsache etwa, dass in Ephesos antike römische Tempel und Bauwerke stehen, gibt dem heutigen Italien, an dessen Anfang das römische Reich der Antike stand, keinen Herrschaftsanspruch über die heutige Türkei.

Biblische Grenzen 

Dabei steht das Existenzrecht Israels, sieht man von antisemitischen Fanatiker:innen ab, außer Frage. Doch die leidenschaftliche, scheinbar historisch fundamentierte Diskussion über den Erstbesitz des Landes nimmt immer nationalistischere Züge an, denn im Hintergrund wird nur allzu oft „Eretz Israel“ mitgedacht. „Eretz Israel“ bedeutet Israel in der Ausdehnung des Reichs von König David auf der Basis der Schilderungen der Tora.

Eine Karte von Palästina in römischer Zeit (ca. 39 n. Christus).
Palästina in römischer Zeit (etwa 39. nach Christus). Israelische Nationalist:innen sähen gern die alten Grenzen heute wiederhergestellt.
© Illustration: WZ

Dass das Gebiet des heutigen Staates Israel seit dem Altertum von Juden und Jüdinnen besiedelt war, bezeugen die Grundmauern des Tempels, den Salomo als Hauptheiligtum des Reiches Juda in Jerusalem errichten ließ. Das Gebiet stand unbezweifelbar unter jüdischer Herrschaft, ehe die Römer kamen. Doch das Argument, die Juden seien als erste im Land gewesen, steht auf tönernen Füßen: Die Tora berichtet, dass das Volk Israel die zuvor dort siedelnden Kanaaniter ausgerottet hat.

Damit würde sich, soll der Landbesitz konsequent weiter bibelhistorisch argumentiert werden, die Frage stellen: Haben die Kanaaniter doch noch Nachkommen?

Die Nachkommen der Kanaaniter 

Zwar wurden die Kanaaniter laut Bibel völlig ausgelöscht. Doch was, wenn die Bibel eben doch nur ein Sagenbuch wäre, geschrieben, wie so viele Sagenbücher und Epen, um einer Nation auf der Basis erinnerter Geschichten einen Gründungsmythos zu verleihen?

Der Evolutionsbiologe Chris Tyler-Smith hat versucht, den Kanaanitern mit Hilfe der Genetik auf die Spur zu kommen und festgestellt: „Über 90 Prozent des genetischen Hintergrunds der heutigen Libanesen scheinen von den Kanaanitern zu stammen. Angesichts der enorm komplexen Geschichte dieser Region in den letzten Jahrtausenden war dies ein überraschendes Ergebnis.“

Der israelische Historiker Shlomo Sand, emeritierter Professor der Universität von Tel Aviv, kommt sogar zu dem Schluss, das jüdische Volk sei eine von Nationalismen vorangetriebene Erfindung vor allem des zu Nationalismen neigenden 19. Jahrhunderts, und zwar auf der Basis der „mythohistorischen“ Tora. Sand bezweifelt dabei nicht das Existenzrecht Israels. Doch von seiner These, das jüdische Volk sei ein Konstrukt, leitet er seine Überzeugung ab, dass Israel schon längst eine friedliche Einigung mit den Palästinenser:innen hätte finden müssen.

Serbien und der Kosovo, Russland und die Ukraine, die Diskussion über die Erstbesiedelung des israelischen Staatsgebiets: In allen drei Fällen schürt ein emotional unterfüttertes Geschichtsverständnis einen Nationalismus, der sich bis zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, Terror und Krieg steigert. Gerade beim Beispiel Israel und Hamas darf nämlich nicht übersehen werden, dass Israel jetzt zwar einen unverhältnismäßig harten Krieg führt, der unsägliches Leid über die Zivilbevölkerung des Gazastreifens bringt, dass aber die Ursache dieses Krieges ein terroristischer Überfall der Hamas auf Israel war. 

Geschichte fragt nicht nach Gerechtigkeit 

Ebenso argumentiert die Hamas ihren anti-israelischen Terror historisch: Die arabischstämmige Bevölkerung sei im Besitz des Landes gewesen, sei aber nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 von jüdischen Siedler:innen und israelischem Militär vertrieben worden; deshalb sei alles, was gegen Israel unternommen wird, nur die Korrektur einer historischen Ungerechtigkeit. Mit dem gleichen Argument einer historischen Ungerechtigkeit könnte Österreich die Länder des k.u.k.-Vielvölkerstaats zurückfordern. Was nur zeigt, dass die Kombination von Nationalismus und Geschichte zu bizarren, allerdings auch gefährlichen Fehlschlüssen führt. 

Schon der französische Diplomat Charles-Maurice de Talleyrand hat angemerkt, dass Geschichte nichts anderes sei als die Unfallchronik der Menschheit. Ein solches Fundament scheint denkbar ungeeignet, um davon nationalistische Ideen abzuleiten.

Nur: Wie entkommt man diesen verführerischen nationalistischen Fallstricken, die die Geschichte parat hält?

Im Prinzip ist es lediglich notwendig, Geschichte emotionslos zu betrachten. Geschichte, zumal weit zurückliegende, ist ein Verzeichnis von Fakten, aber kein Argument, heutige Nationen und Grenzen in Frage zu stellen. Denn in den allermeisten Fällen wird es einen geben, der noch früher da war, einen, der eine Schlacht gerecht oder ungerecht verloren, einen, der eine Schlacht gerecht oder ungerecht gewonnen hat, wozu noch die Heiratspolitik der Fürstenhäuser kommt. Geschichte aufzuladen mit nationalistischen Emotionen und ideologiegesteuerten Interpretationen hat in die beiden größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt, nämlich in den Ersten Weltkrieg und in den Nationalsozialismus mit seinem Völkervernichtungswahn. Die Geschichte könnte freilich lehren, diesen Mechanismen zu entkommen. 

Im schlimmsten Fall setzt sie sie ein weiteres Mal in Gang.