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In der „größten Demokratie der Welt" brodelt es. Angeführt von der Gen Z wächst eine Protestwelle heran, die das Machtgefüge von Narendra Modi erschüttert – und mittlerweile dessen Bildungsminister zum Rücktritt gezwungen hat.
Alles begann in einem Gerichtssaal. Der Chief Justice of India wetterte gegen junge Kritiker:innen: Sie seien arbeits- und perspektivlos oder würden irgendetwas mit „Medien oder soziale Medien“ machen. Und dann würden sie wie „Kakerlaken“ über einen herfallen. Diese Menschen, so hieß es weiter, seien „Parasiten der Gesellschaft“.
- Kennst du schon?: Geöffnetes Pulverfass
Kurz darauf folgte der Knall, oder anders ausgedrückt: der Aufstand ebenjener „Kakerlaken“.
Einen Tag später reagierte Abhijeet Dipke, ein indischer Kommunikationsstratege aus Boston. Auf X stellte er die satirische Frage: Was passiert, wenn sich alle Kakerlaken zusammentun? Er gründete eine Bewegung: die Cockroach Janta Party (CJP) – eine Anspielung auf Modis Regierungspartei BJP. Aufnahmekriterien: jung, frustriert, online. Innerhalb weniger Tage sammelte die CJP Millionen Follower. Sie ist keine bei der Wahlkommission registrierte Partei, sondern das digitale Ventil einer wütenden Generation, die nun die Straße erobert.
Die offene Wunde des Bildungssystems
Der Funke schlug ein, weil das indische Prüfungssystem seit Jahren kollabiert. Für Millionen Jugendliche sind zentrale Prüfungen der einzige Weg zu sozialem Aufstieg. Doch Leaks und Korruption entwerten ihre Arbeit systematisch. Nachdem wiederholt Prüfungsunterlagen vorab durchsickerten und Aufnahmetests gestrichen werden mussten, gingen Millionen Anwärter:innen leer aus. Verantwortung übernahm niemand.
Als Abhijeet Dipke im Juni in Neu-Delhi landete, forderten Hunderte junger Menschen an der historischen Sternwarte Jantar Mantar, geschmückt mit Kakerlakenmasken und Schulbüchern, den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan. Unter Modi hat noch nie ein Minister wegen Fehlleistung seinen Hut genommen. Doch nun fand eine Zäsur statt: Pradhan ist am Wochenende zurückgetreten. „Wir haben es geschafft“, resümierte Dipke. Damit hat die Bewegung vorerst ihr Ziel erreicht. Doch der Protest gegen das Modi-System dürfte andauern.
Zur moralischen Integrationsfigur des jüngsten Protests wurde Sonam Wangchuk. Der 59-jährige Ingenieur und Träger des Magsaysay-Preises – Indiens alternativen Nobelpreises – ist der Regierung seit Jahren ein Dorn im Auge. Er trat in einen unbefristeten Hungerstreik für Bildungsreformen und sorgte weit über Indien hinaus für Schlagzeilen. Nach rund drei Wochen holte ihn die Polizei gewaltsam aus dem Protestcamp und brachte ihn in ein Spital.
Diese Ergreifung ließ die Lage eskalieren. Zehntausende marschierten in Delhi. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein, U-Bahn-Stationen wurden abgeriegelt. Längst brennt es nicht mehr nur in der Hauptstadt: In Mumbai, Bengaluru, Kolkata, Hyderabad und Guwahati gingen die Menschen auf die Straße. Im Parlament legte die Opposition die Arbeit nieder. Premierminister Narendra Modis Ankündigung von Schnellgerichten gegen Prüfungsbetrug wirkte auf die Straße wie ein Hilflosigkeitsnachweis. Nun hat er Reformen versprochen.
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Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Das demokratische Fassadenproblem
Die Gefahr für das Modi-Regime liegt in der Demografie. Die Hälfte der 1,4 Milliarden Inder:innen ist unter 25 Jahre alt. Es ist die größte Gen-Z-Gruppe der Welt. Anders als frühere Proteste lässt sich dieser Aufstand kaum als „vom Ausland gesteuert“ oder „extremistisch“ diffamieren. Schüler:innen und Studierende fordern keine ideologische Revolution, sondern funktionierende Institutionen und politische Konsequenzen.
Das bringt auch die westliche Rhetorik in Bedrängnis. Gebetsmühlenartig wird Indien in Berlin, Brüssel und Washington als „größte Demokratie der Welt“ inszeniert und als geopolitisches Gegengewicht zu China. Doch Demokratie-Indizes wie V-Dem führen das Land längst als „Wahlautokratie“. Freedom House stuft Indien als nur noch „teilweise frei“ ein, Reporter ohne Grenzen sieht die Pressefreiheit seit Jahren im Tiefflug. Haft ohne Anklage, entzogene Lizenzen für NGO-Spenden und staatlicher Druck auf die Justiz gehören zum Alltag. Fakt ist, dass Modis Hindu-Nationalisten die demokratischen Institutionen des Landes schon seit Jahren gekapert haben.
Während viele westliche Staaten Jugendproteste in Nepal oder Bangladesch als demokratische Befreiung feierten, hielten sie sich zu den Vorfällen in Indien weitgehend zurück. Offenbar wollen sie wichtige Rüstungs- und Handelsdeals nicht gefährden.
Den Demonstrierenden in Delhi war das egal. Die Verachtung der Polit-Elite tragen sie weiterhin mit Stolz. „Wir sind Kakerlaken“, stellt die Jugend fest. Und Kakerlaken haben eine Eigenschaft, die Autokrat:innen fürchten: Sie lassen sich extrem schwer wieder loswerden.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Bharatiya Janata Party (BJP) und Hindutva: Die seit 2014 unter Narendra Modi regierende BJP ist der politische Arm einer rechtsextremen, ethno-nationalistischen Ideologie: Hindutva. Ziel dieser Doktrin ist es, das von Verfassung wegen säkulare Indien in einen rein hinduistischen Staat (Hindu Rashtra) umzubauen. Ideologisch verwurzelt in der Kaderorganisation RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh), die sich in den 1920er-Jahren explizit an europäischen faschistischen Bewegungen orientierte, verknüpft die BJP neoliberalen Kapitalismus mit radikalem Mehrheitschauvinismus. Die Kultur und Geschichte des Landes wird mit einer rein hinduistischen Tradition gleichgesetzt. Wer nicht ins Schema passt, gilt schnell als „antinational“ und Ähnliches.
- Cockroach Janta Party (CJP) und die aktuelle Bildungskrise: Was im Mai 2026 als Onlinesatire begann, nachdem der Supreme-Court-Richter Surya Kant arbeitslose Jugendliche als „Kakerlaken“ beschimpfte, wuchs in wenigen Tagen zu Indiens größter Gen-Z-Protestbewegung heran. Mit der Cockroach Janta Party wandte die Jugend den Spott als Protestwaffe gegen die regierende BJP. Der Auslöser ist ein kollabiertes Bildungssystem: Millionen junge Inder:innen bereiten sich jahrelang auf nationale Aufnahmeprüfungen (wie NEET fürs Medizinstudium) vor, nur um durch systematische Leaks, Korruption und gestrichene Tests um ihre Zukunft gebracht zu werden. Für eine Generation ohne Jobs ist die kaputte Bildungsleiter die offene Wunde eines Landes, in dem die Hälfte der Bevölkerung unter 25 ist.
- Systematische Verfolgung von Minderheiten: Unter der BJP-Herrschaft hat sich die Repression gegen religiöse Minderheiten (rund 20 Prozent der Bevölkerung) drastisch verschärft. Muslim:innen geraten durch diskriminierende Gesetze und staatlich geduldete Lynchjustiz durch selbsternannte „Kuh-Schützer“ (Gau Rakshak) ins Fadenkreuz. Christ:innen sehen sich rigorosen Anti-Konversionsgesetzen und Angriffen auf Kirchen ausgesetzt, da ihnen unterstellt wird, Hindus gewaltsam zu bekehren. Auch Sikhs werden, insbesondere seit den Bauernprotesten von 2020/21, regelmäßig als Separatisten verleumdet. Menschenrechtsorganisationen sprechen längst von einem System der Segregation und Entrechtung, das Minderheiten zu Bürger:innen zweiter Klasse degradiert.
- Die indische Demokratie: Indiens Werbeslogan als „größte Demokratie der Welt“ bröckelt in internationalen Rankings zusehends. Das schwedische V-Dem-Institut stuft das Land seit Jahren nicht mehr als Demokratie, sondern als „electoral autocracy“ (Wahlautokratie) ein – der gezielte Abbau der Pressefreiheit, die Gängelung von NGOs und der Druck auf die Justiz lassen keinen anderen Schluss zu. Auch Freedom House führt Indien nur noch als „teilweise frei“, während das Land auf dem World Press Freedom Index von Reporter ohne Grenzen auf die hinteren Ränge durchgereicht wurde. Die Wahlen sind zwar weiterhin kompetitiv, doch das demokratische Fundament, gewaltenteilende Kontrolle, Minderheitenschutz und freie Meinungsäußerung wurden unter Modis Führung systematisch ausgehöhlt.
Das Thema in anderen Medien
- Die Zeit: Narendra Modi will Indiens Bildungssystem reformieren
- The New York Times: The Accidental Hero Who Faced Down India’s Government
- The New York Times: The Indian Diaspora in New York Joins the ‘Cockroach Party’ Protests
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