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Die Klimabewegung lebt

9 Min
Wer ein Interesse an der Bewältigung der Klimakrise hat, sollte vor allem zuhören.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Pexels

Einst als Zukunftshoffnung gefeiert, findet sie heute nur noch gelegentlich Beachtung: Was ist eigentlich aus der Klimabewegung geworden? Doch es gibt noch wichtigere Fragen.


Freitag ist Streiktag, zumindest ab und zu. Mitte November war es auch in Graz wieder einmal so weit. Gegen Ende des zweistündigen Klimastreiks schepperte im Herzen der steirischen Landeshauptstadt eine leere Getränkedose über den fahlen Asphalt der Herrengasse. Ein junger Mann streift über die Tasche seines schwarzen Mantels, stockt kurz und enttarnt sich damit als Besitzer der Dose. Sie bleibt liegen, er eilt weiter.

Verlockend, an dieser Stelle zu fragen, was eigentlich aus der Klimabewegung geworden ist, und in weiterer Folge ein Kommentar über unglaubwürdige Klimaaktivist:innen zu verfassen. Oder das drohende Aus der Klimabewegung zu prophezeien, samt Schuldzuweisung für ihr eigenes Versagen. Gründe dafür gäbe es genügend. Tatsächlich sind die Zeiten vorbei, in denen – wie im Jahr 2019 – rund 8.000 überwiegend junge Menschen dem Aufruf von „Fridays for Future Graz“ folgten und in der zweitgrößten Stadt Österreichs auf die Klimakrise aufmerksam machten.

Das bestätigt auch die Sprecherin von „Fridays for Future“ Österreich, Laila Kriechbaum. Allerdings wendet sie ein: „Müsste die Frage nicht eigentlich sein, was machen denn gerade die Politiker:innen, wenn die Wissenschaft doch so klar ist?” Die 22-jährige Aktivistin hat recht. Nischendiskussionen lösen keine Krisen. Sie bieten höchstens Ablenkung von komplexen Problemen.

Im Rückwärtsmarsch zum Klimaziel

Auch wenn die Sprechchöre der rund 150 Demonstrant:innen nur noch in gedämpfter Lautstärke einzelne Straßenabschnitte der Grazer Innenstadt füllen, sind die Anliegen der Klimabewegung nicht weniger relevant geworden. Das Pariser Klimaziel, das die Erhitzung der Erde eigentlich auf 1,5 Grad Celsius beschränken sollte, gilt als gescheitert. Prognosen gehen mittlerweile von bis zu 2,8 Grad aus.

Die Verfehlung wird schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben auf unserem Planeten haben. Über 600 Wissenschaftler:innen aus der ganzen Welt warnen jährlich im Weltklimabericht vor den Folgen der Klimakrise: Überflutungen und Dürren, Hungersnöte, vernichtete Lebensräume. Auch österreichische Wissenschaftler:innen präsentieren im Sachstandsbericht zum Klimawandel Jahr für Jahr ähnliche Ergebnisse. Seit 1900 ist die durchschnittliche Temperatur hierzulande um rund 3,1 Grad gestiegen – doppelt so stark wie die weltweite Durchschnittstemperatur.

Um den Anstieg der Temperatur und die dafür verantwortlichen CO2-Emissionen zu begrenzen, treffen sich jedes Jahr hochrangige Politiker:innen bei der UN-Klimakonferenz. Die Ergebnisse lassen aus wissenschaftlicher Sicht jedoch meist zu wünschen übrig. Anlässlich der diesjährigen COP in der brasilianischen Amazonas-Stadt Belém wollte „Fridays for Future“ in Graz unter dem Motto „Zurück Richtung Zukunft“ auf klimapolitische Rückschritte aufmerksam machen. Die Herrengasse sollte deshalb im Rückwärtsmarsch bewältigt werden. Dort herrschte aber wenig Verständnis für das Anliegen der Demonstrant:innen.

Solide Mehrheit für das Klima

Ein Bauarbeiter übertönt das Geschehen mit den Worten: „Und de soll’n uns’re Pensionen zahlen?“ Eine ältere Frau stimmt ihm lachend zu und meint: „De soll’n amol wos Schepfn geh’n!“ Andere werfen neugierige Blicke auf die Banner, ein paar klatschen den Demonstrant:innen verhalten zu. Weder unter Passant:innen, noch unter den Teilnehmer:innen der Demonstration will an diesem globalen Aktionstag Enthusiasmus für das Klima aufkommen. Doch es wäre fehlgeleitet, von dieser Beobachtung abzuleiten, dass die Anliegen der Klimaaktivist:innen nicht das Verständnis der breiten Masse haben.

Mittlerweile hat sich das Bild der Demonstrant:innen gewandelt: Schüler:innen sind in der Unterzahl. Machten die 15- bis 35-Jährigen im zweiten Jahr der Proteste 2019 noch zwei Drittel aus, war vier Jahre später nur noch die Hälfte jünger als 36 Jahre. Die Grazer Aktivist:innen von „Fridays for Future“, die ihre Ursprünge in der Jugendbewegung rund um die Schwedin Greta Thunberg haben, wurden neben der Grünen Jugend Steiermark unter anderem von Omas for Future, Museums for Future, Religions for Future oder dem Gewerkschaftsbund unterstützt.

Die österreichischen „Fridays“ sind also erwachsen geworden. Laila Kriechbaum, die sich seit über sechs Jahren bei „Fridays for Future“ engagiert, betont gerne, dass das Ökosystem rundum die Klimabewegung in den letzten Jahren gewachsen ist. Sie nennt unter anderem das Kontext Institut, dessen Co-Gründerin Katharina Rogenhofer Ende 2018 gemeinsam mit Johannes Stangl und Philipp Wilfinger auch den österreichischen Ableger der „Fridays for Future“ ins Leben gerufen hat.

Auch repräsentative Umfragen zeichnen ein Bild, das auf mehr Rückhalt in der Bevölkerung schließen lässt, als man meinen möchte. Wie etwa das Umfrageinstitut Marketagent in einer Eigenstudie im August unter 1.000 Österreicher:innen erhob, halten 68 Prozent die Klimakrise für die größte Herausforderung unserer Zeit. Im Generationenvergleich findet diese Aussage unter der jüngsten Generation Z mit 76 Prozent die größte Zustimmung. Mehr als zwei Drittel aller Befragten halten eine Veränderung des Lebensstils im Namen des Klimaschutzes für zumutbar.

Es gibt also nach wie vor eine solide Mehrheit für das Klima – trotz der aufsehenerregenden Protestaktionen der „Letzten Generation“, deren Aktivist:innen zahlreiche Straßen blockierten. Die Bewegung gab bereits vor über einem Jahr ihre Auflösung bekannt und plant auf Anfrage bis auf weiteres keine Aktionen.

Strategische Unterschiede

Ob die „Letzte Generation“ den „Fridays for Future“ geschadet hat? Die Sprecherin der „Fridays“ antwortet diplomatisch: „Am Ende sind es Menschen, die sich Sorgen gemacht und sich eingesetzt haben, für eine Lebensgrundlage, die uns allen erhalten bleiben soll.“ Die 22-Jährige zeigt Verständnis für die Sorgen und Motivation der „Letzten Generation“. Es sei aber „sehr wichtig, wenn man sich aktivistisch einsetzt, dass man immer strategisch überlegt: Erfüllen wir mit dem Weg, den wir gerade gehen, unsere Ziele?“ Weniger diplomatisch fällt ihr Urteil über die Rolle der Öffentlichkeit aus: „Wir diskutieren das regelmäßig. Medien und die politische Sprache haben ganz stark dazu beigetragen, Menschen auch zu entmenschlichen.“

Dass „Fridays for Future“ in Österreich immer strategischer arbeitet, bestätigt Petra Dannecker, Entwicklungssoziologin an der Universität Wien. Trotz sinkender Zahlen und schwindender Aufmerksamkeit wertet die Expertin den Aktivismus der österreichischen Bewegung als Erfolg: „Fridays for Future ist es gelungen, das Thema Klima auf die globalen und nationalen Agenden zu setzen.“ Gemeinsam mit ihrer Kollegin Antje Daniel vergleicht sie im Rahmen eines Forschungsprojekts „Fridays for Future“ Österreich mit den Bewegungen in Uganda und Bangladesch. Während die europäischen Bewegungen vor allem versuchen, politische Entscheidungen zu beeinflussen, setzen Aktivist:innen in den Ländern des Globalen Südens stärker auf Hilfe vor Ort im Krisenfall.

Protest ist ein Privileg

Die Zahlen der Wissenschaftlerinnen zeigen allerdings auch, dass „Fridays for Future“ ein Problem mit Diversität hat. Das ist auch Laila Kriechbaum bewusst. 2023 ordneten sich drei von vier Aktivist:innen der Mittelklasse zu. Zwei Drittel waren weiblich, Menschen mit Migrationshintergrund unter- und jene mit akademischem Abschluss überrepräsentiert. Die Sprecherin betont auf Nachfrage, man bemühe sich um möglichst niederschwellige Möglichkeiten, sich in der Bewegung zu engagieren, aber „momentan ist es so, dass manche Verantwortung übernehmen für andere.“ Sie meint, dass „wir uns insgesamt als Gesellschaft auch überlegen müssen, wie schaffen wir es, dass alle da mitreden können, wo sie mitreden sollten?“ Zur Klimakonferenz in Brasilien ist Laila Kriechbaum dieses Jahr nicht geflogen.

Auf internationaler Ebene vertreten in diesen Tagen vier Jugenddelegierte die Interessen von Österreichs Jugendlichen im brasilianischen Belém. Eine der Delegierten ist die 24-jährige Benedicta Opis. Auch sie ist sich bewusst: „Es ist ein Privileg, sich freiwillig engagieren zu können.“ Es brauche Ressourcen, also Zeit und Geld, sich in der Freizeit aktiv für das Klima einzusetzen. Finanziert wird der zweieinhalbwöchige Aufenthalt in Belém zwar vom Umweltministerium. Vor- und Nachbereitung sowie die Abhaltung von Workshops in Schulen erfolgen aber über einen Zeitraum von zwei Jahren ehrenamtlich, ohne Bezahlung. In Brasilien versuchen die Jugenddelegierten, gemeinsam mit ihren Verbündeten, auf die Verhandler:innen einzuwirken und sie an ihre Versprechen zu erinnern – etwa den Ausstieg aus fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas.

Die Sprecherin der österreichischen „Fridays” findet, dass es parallel zum Aktivismus auf internationaler Ebene auch den Druck in Österreich braucht. Sie habe den Eindruck, man könne und müsse in Österreich mehr erreichen. Damit spielt sie auf das ausstehende Klimaschutzgesetz an, das den Weg zur Klimaneutralität ebnen soll.

Ein Appell für die Zukunft

Ob Klima, Erde und Mensch mit Bare Minimum schikaniert oder Princess Treatment hofiert werden, darüber entscheiden wir alle jeden Tag: beim Einkaufen und Urlauben, am Arbeitsplatz und am Weg dorthin, beim Verhandeln von Gesetzen und Arbeitsverträgen.

Die Entscheidung, ob die Bewältigung der Klimakrise sozial gerecht vonstatten geht, treffen aber in erster Linie Politiker:innen. Auf lokaler Ebene geht es um leistbaren öffentlichen Verkehr und Wohnraum. Parlament und Bundesregierung können über Anpassungen im Steuersystem für einen Ausgleich zwischen Arm und Reich sorgen. In Brüssel und auf internationalen Klimakonferenzen können Politiker:innen über faire Beiträge zwischen den reicheren Ländern des Globalen Nordens und den benachteiligten Ländern des Globalen Südens entscheiden. „Je weniger man Klima mit politischen Richtungen zusammen denkt, umso eher wird man die Einteilung in Wir und Ihr und die Nischendiskussion los“, appelliert die deutsche Journalistin Yasmine M’Barek in ihrem Buch „Protest – Über Wirksamkeit und Risiken des zivilen Ungehorsams“.

Ein Erfolgsrezept gibt es dafür vermutlich keines. Eine Grundvoraussetzung, für komplexe Probleme die passenden Lösungen zu finden, ist aber zweifellos Ausdauer. Ganz besonders, weil das Bündeln von Kräften, Wissen und Macht ohne Aussicht auf schnelle Erfolge an die Substanz gehen kann. Wenn Aktivist:innen, Bauarbeiter:innen, Journalist:innen, Pensionist:innen, Politiker:innen, Schüler:innen und Wissenschaftler:innen einander zuhören und ernst nehmen, ist das ein erster Schritt zur Bewältigung der Klimakrise. Wer daran ein ernsthaftes Interesse hat, sollte zuallererst jenen zuhören, die mit ihr am besten vertraut sind.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Laila Kriechbaum ist seit 2019 bei „Fridays for Future” aktiv und seit 2023 deren Sprecherin.
  • Benedicta Opis und Sigrid Karl sind zwei von vier österreichischen UNFCCC-Jugenddelegierten. Sie nehmen an zwei UN-Klimakonferenzen teil, wo sie die Interessen österreichischer Kinder und Jugendlichen vertreten.
  • Petra Dannecker ist Professorin für Entwicklungssoziologie am Institut für internationale Entwicklung an der Universität Wien. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Antje Daniel untersucht und vergleicht sie im Rahmen eines Forschungsprojekts die „Fridays for Future” Bewegungen in Österreich, Bangladesch und Uganda.
  • Philipp Wilfinger war 2018 Jugenddelegierter auf der UN-Klimakonferenz in Katowice und hat im Anschluss gemeinsam mit Katharina Rogenhofer und Johannes Stangl „Fridays for Future” in Österreich gegründet.

Daten und Fakten

„Fridays for Future” wurde 2018 durch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg gegründet. Der österreichische Ableger der Bewegung formierte sich noch im selben Jahr und macht seitdem mit friedlichen Protesten auf die Klimakrise aufmerksam.

Die UN-Klimakonferenz hat dieses Jahr in Brasilien stattgefunden. Zu Beginn der COP (Conference of the Parties) hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, das Pariser Klimaziel für gescheitert erklärt. Es wurde im Jahr 2015 von 195 Staaten beschlossen und sollte den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius beschränken. Gelingt das nicht, drohen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen unumkehrbare Folgen für Mensch und Umwelt.

Quellen

Das Thema in der WZ

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