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Die Erwartungen an die COP30 sind zu hoch, um erfüllt werden zu können. Darüber sollte man nicht übersehen, was Klimakonferenzen schon geleistet haben.
Ich esse weniger Fleisch als früher. Ich kaufe so wenig in Plastik verpackte Nahrung wie möglich, fahre mit dem Auto nur dann, wenn es keine halbwegs vergleichbare öffentliche Alternative gibt, und verschenke meine Kleidung, wenn sie mir nicht mehr passt, anstatt sie wegzuwerfen. Außerdem drucke ich in der Redaktion weniger Dokumente als früher und wenn ich am Abend die Letzte bin, die unseren Raum verlässt, schaue ich nach, ob alle Klima- oder Heizgeräte abgedreht sind.
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Trotzdem merke ich nichts. Der Klimawandel schreitet weiter voran. Wir steuern sogar auf plus 2,4 statt wie angepeilt höchstens plus 1,5 Grad zu. Trotz meines Beitrags und trotz der Bemühungen aller diesbezüglich motivierten Menschen, die ich kenne, wird es einfach nur heißer. Das beschäftigt uns. Müssen wir ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir gerade keine Stofftasche dabeihaben und im Supermarkt daher Sackerln kaufen? Wie viel Erdöl enthält eine Gesichtscreme? Wie umweltfreundlich ist Glas-Recycling? Und wenn es sinnvoll ist, warum wird der Großteil aller Getränke immer noch in Plastikflaschen verkauft? Tun wir zu wenig oder das Falsche? Oder müssten im Grunde genommen ganz andere Leute in die Gänge kommen, um das Klima zu retten?
Eine:r alleine löst die Klimakrise nicht
„Das Individualverhalten ist wichtig, weil jede Tonne CO2 weniger etwas bringt. Es löst aber die Klimakrise nicht“, klärt der Klimaforscher Carl Schleussner, Forschungsgruppenleiter am Institut für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg, im Gespräch mit der WZ auf: „Als Individuum trägt man zwar Verantwortung für seine Handlungen, aber man handelt in einer Gesellschaft unter den Rahmenbedingungen, die einem finanziell und persönlich möglich sind. Und diese Rahmenbedingungen werden politisch gesetzt.“ Das heißt: Nur durch große Zusammenschlüsse können wir die Transformation zur nachhaltigen Gesellschaft schaffen.
Das ist der Grund, warum Weltklimakonferenzen wie die COP30, die seit 10. November läuft, so bedeutend sind. Effizienter Klimaschutz ist nur durch das Handeln von vielen Staaten möglich.
Um die Erfolgsaussichten dieser COP ist es allerdings schlecht bestellt, denn die USA nehmen erst gar nicht daran teil, Europa hat im Vorfeld seine Klimaziele für 2040 deutlich aufgeweicht und einer der wesentlichen Verhandlungspunkte ist die Finanzierung. Klimaschutz und die Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft sind teuer und können eigentlich nur von den reichen Industrienationen bezahlt werden. Die wiederum befinden sich derzeit in finanziellen Schieflagen beim Budget – mit Rekorddefiziten etwa in Großbritannien, Frankreich und nicht zuletzt den USA. Auch Chinas Wirtschaft boomt nicht, und obwohl es den Ausbau von erneuerbaren Energien schnell vorantreibt, hat es immer noch besonders hohe CO2-Emissionen.
Nur nicht die Motivation verlieren
Trotzdem sollten wir nicht den Mut verlieren. Denn immerhin kommen zu dieser COP all jene, die ernsthaft am Klimaschutz interessiert sind. Und tatsächlich befürwortet ihn eine Mehrheit. In einer Befragung, die im Fachmagazin “Nature” veröffentlicht wurde, waren 89 Prozent von 130.000 Teilnehmenden aus 125 Ländern dafür, dass die eigene Regierung mehr gegen die Klimakrise tun solle und 69 Prozent dazu bereit, ein Prozent ihres Einkommens zur Bewältigung klimabedingter Katastrophen zur Verfügung zu stellen. Wenn Riesen wie Industrie und Energiewirtschaft mitmachen würden, könnte das einen Gamechanger bringen.
Und wir selbst in unserem Alltag? Wir sind diejenigen, die die Produkte kaufen. Und wir müssen alles daransetzen, uns unsere Motivation für den Klimaschutz auf individueller Ebene nicht schlechtzureden oder schlechtreden zu lassen. Nur weil er langsamer als gewünscht vorankommt und der individuelle Beitrag die Erde nicht rettet, dürfen wir uns den Klimaschutz nicht ausreden lassen. Möglicherweise werden größere Fortschritte erst bei einer der nächsten Klimakonferenzen erzielt werden können, wenn die aktuell sich abzeichnende Verbesserung der Weltkonjunktur voranschreitet und die Präsidentschaft von Donald Trump dem Ende zugeht.
Zum Abschluss daher die gute Nachricht: Bei der Klimakonferenz von Paris vor genau zehn Jahren hat die Weltgemeinschaft sich auf einen verbindlichen Plan zum Schutz des Klimas und zur konsequenten Minderung der globalen Treibhausgasemissionen geeinigt, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Die Idee war damals, dass die Länder immer neue Ziele vorlegen, bis die große Vorgabe erreicht ist. Das ist zwar nicht gelungen, vielmehr befindet sich die Welt auf einem Pfad, der eine Erwärmung von 2,4 Grad zur Folge haben wird. „Vor Paris waren wir aber der Meinung, dass wir eher bei 3,5 Grad landen, und jetzt ist es um ein ganzes Grad besser“, sagte der Klimaforscher Niklas Höhne, Experte für nationale und internationale Klimapolitik, bei einem Pressebriefing des Science Media Center Deutschland. Also ist uns gemeinsam doch etwas gelungen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Seit 10. November tagt die 30. UN-Klimakonferenz COP30 im brasilianischen Belém. Bis 21. November treffen sich Vertreter:innen der fast 200 Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention, um erneut über die Umsetzung und Ausgestaltung des Pariser Klimavertrages zu verhandeln.
- Vor genau zehn Jahren hatte sich die Weltgemeinschaft in Paris auf einen verbindlichen Plan zum Schutz des Klimas und zur konsequenten Minderung der globalen Treibhausgasemissionen geeinigt. Das Pariser Abkommen von 2015 ist der vielleicht wichtigste Klimavertrag der Geschichte. Im Vergleich zu vor rund 200 Jahren, als es noch keine Fabriken gab das Auto noch nicht erfunden war, sollte sie auf maximal zwei Grad, im Idealfall aber auf 1,5 Grad, begrenzt werden. Trotzdem ist die Welt auch zehn Jahre nach Paris in keinem relevanten Sektor auf Kurs. Im Gegenteil: Laut dem kürzlich erschienenen Emissions Gap Report ist die Welt auf einem 2,4 Grad Pfad, wenn alle angekündigten nationalen Selbstverpflichtungen auch tatsächlich umgesetzt werden.
- Aus diesem Grund ist die Anpassung an diese neuen Umstände ein Top-Thema bei der COP. Dafür braucht es Gelder der Staaten, um den Menschen etwa Wasserversorgung bei höheren Temperaturen zur Verfügung zu stellen, oder um die Landwirtschaft anders aufzustellen.
Gesprächspartner
Carl Schleussner, Forschungsgruppenleiter Integrated Climate Impacts im Energy, Climate, and Environment Program des Instituts für Angewandte Systemanalyse in Laxenburg.
Quellen
- Science Media Center Germany Briefing: Zehn Jahre nach Paris: Was wird wichtig auf dem Klimagipfel COP30 in Brasilien?
- Climate Change Austria: Budget, Mobilität, Klima: Wer profitiert?
- Nature: Globally representative evidence on the actual and perceived support for climate Action
Das Thema in der WZ
Das Thema in anderen Medien
- ARD-Tagesschau: Klimakonferenz in Brasilien: "Vielleicht ist dies der richtige Moment" und UN-Klimakonferenz in Belém: Was wird aus den Klimazielen?
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