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Schlechtes Image trotz Jobgarantie: Wie wird Pflege cool?

11 Min
Bis zu 200.000 zusätzliche Pflegekräfte braucht Österreich bis 2050.
© Illustration: WZ

Wie schließen wir die massive Personallücke in der Pflege? Die WZ lässt junge Pflegekräfte zu Wort kommen.


Rund 51.000 zusätzliche Pflege- und Betreuungspersonen braucht Österreich bis 2030, um die aktuelle Versorgungssituation aufrecht erhalten zu können. Bis zum Jahr 2040 sind es mehr als doppelt so viele und bis 2050 sogar viermal so viele. Abgesehen davon, dass der jetzige Zustand des Pflegesystems von vielen schon als sehr kritisch bezeichnet wird: Wie bekommen wir innerhalb von fünf Jahren 51.000 Menschen und innerhalb von 25 Jahren fast 200.000 Menschen in die Pflege und Personenbetreuung, wo aktuell etwas mehr als 127.000 beschäftigt sind?

Derzeit absolvieren jedes Jahr etwas weniger als 5.000 Personen eine Pflegeausbildung – bei einem „weiter wie bisher“ wären das 125.000 neue Pflegekräfte bis 2050, also um 75.000 zu wenig. Für Helmut Lutz, Geschäftsführer des mobilen Pflegedienstes Malteser Care, ist es schon fünf nach zwölf: „Wir sind vor Jahren ohne Fallschirm aus einem Flugzeug gesprungen, und die Politik versäumt es, zumindest irgendwo einen Strohhaufen hinzulegen, damit wir mit dem Pflegesystem nicht komplett detonieren“, findet er drastische Worte. Die Pflegereform der vorherigen Regierung sei ein wichtiger Schritt gewesen, „aber es ist bei weitem nicht genug. Vor allem, wenn man bedenkt, dass jeder Hebel, den man umlegt, erst Jahre später eine Wirkung zeigt.“

Ein Teufelskreis aus Personalmangel und schlechten Rahmenbedingungen

Es ist ein Teufelskreis, in dem sich die Pflege befindet: Der chronische Personalmangel in vielen Bereichen sorgt für schlechte Arbeitsbedingungen – die wiederum fehlende Pflegekräfte abschrecken. Laut einer Sora-Studie halten es zwei Drittel aller befragten Pflegekräfte für unwahrscheinlich, dass sie ihren Beruf bis zur Pension ausüben werden, und 15 Prozent haben konkrete Absichten, zumindest den Tätigkeitsbereich oder überhaupt den Job zu wechseln.

Die Leidtragenden sind die Pflegebedürftigen und ihre Familien. Einerseits spricht Helmut Lutz von „Drehtürpatient:innen, die aus wirtschaftlichen Gründen vom Spital in einem Zustand nach Hause entlassen werden, wie es noch vor einigen Jahren denkunmöglich war. Wir sprechen hier von Personen, die daheim keinerlei Versorgungssituation haben und oft keine 24 Stunden später wieder vom Hausarzt ins Spital eingewiesen werden müssen.“ Andererseits gibt es in Österreich schon jetzt gut eine Million pflegende Angehörige. Und ihre Zahl steigt kontinuierlich, je größer die Pflegelücke wird – mit allen Konsequenzen von Altersarmut bei Frauen bis hin zu Young Carers, deren Schulbildung darunter leidet. Allein deshalb sei rasches Handeln geboten, mahnt Helmut Lutz: „Für jeden Euro, den wir hier investieren, bekommen wir ein Vielfaches zurück.“

Die Pflege ist besser als ihr Ruf

Was aber ist konkret zu tun? Wie lässt sich die Situation verbessern? Was würde die Pflege attraktiver vor allem für junge Leute machen? Das wollte die WZ von jungen Pflegekräften aus verschiedenen Bereichen wissen. Was dabei oft zu hören war: Die Pflege ist eigentlich besser als ihr Ruf.

Aber das müsse man halt vermitteln, meint Tobias (25). Der Stationshelfer in einem Pflegeheim würde sich mehr Aufklärung wünschen, „was Pflege wirklich bedeutet. Viele haben keine richtige Vorstellung davon. Das Waschen, auf das sie oft reduziert wird, macht nur einen Bruchteil unserer Tätigkeit aus.“ Tanja (37), diplomierte Pflegerin in einer Notfallstation, ergänzt: „In der Pflege bist du nicht nur medizinisches Personal, du bist auch Psychologin, Angehörigenbetreuerin, Krisenmanagerin, Pharmazeutin.“

Mehr Männer motivieren

Und Pflege ist nicht gleich Pflege: Im Krankenhaus ist das Setting ganz anders als in einem Seniorenwohnheim, in mobilen Diensten bei den Patient:innen daheim oder in der 24-Stunden-Personenbetreuung. „Wenn man vermitteln würde, wie viele verschiedene Sparten es hier gibt, könnte man auch mehr Männer dafür motivieren“, ist Tanjas Kollege Max (27) überzeugt. Hier ist noch viel Potenzial auszuschöpfen, denn Männer machen weniger als 15 Prozent der Personen aus, die im Bereich Pflege und Betreuung tätig sind. „In meiner Grundausbildung waren wir vier Männer auf zwanzig Frauen“, berichtet Max.

Ich denke, die hohe Professionalität ist vielen nicht bewusst.
Max, Pfleger in einem Spital

Gerade als Mann sei er von manchen gefragt worden, warum er nicht gleich Arzt geworden sein, sondern „nur“ Pfleger. „Ich denke, die hohe Professionalität, mit der unsere Tätigkeit einhergeht, ist vielen nicht bewusst. Und dass es für jede und jeden mindestens zwei Bereiche gibt, in die man reinpasst.“ In der Pflege, ergänzt die 24-jährige Altenpflegerin Veronika, „begleiten wir den Menschen vom ersten bis zum letzten Atemzug. Das muss wieder in die Köpfe hinein.“

Eine Imageverbesserung ist dringend nötig

Auch Tobias hatte eigentlich keine Ahnung, was auf ihn zukümmen würde, bevor er vor fünf Jahren in die Pflege gegangen ist. Ein Schritt, über den er heute froh ist, weshalb er mit Freude bei einer Recruiting-Kampagne seines Arbeitgebers mitgemacht hat. „Das haben viele meiner Bekannten gesehen und mich angesprochen – auch Leute, mit denen ich schon lange nicht mehr geredet hatte. Personen, von denen ich nie gedacht hätte, dass die Pflege sie interessieren könnte, haben mich gefragt, wo sie sich bewerben können, weil sie es cool fanden.“ Die Pflege braucht also offenbar ein besseres Marketing.

Pfleger Tobias mit einer Pflegeheimbewohnerin
Stationshelfer Tobias könnte sich keinen schöneren Beruf für sich vorstellen, betont er..
© WZ/Mathias Ziegler

Das findet auch Sarah (30), die aus dem Spitalsbereich kommt: „Die Pflege sollte nicht immer so schlechtgeredet werden, auch in den Medien. Ja, es ist einer der physisch und psychisch anstrengendsten Jobs, die es gibt, aber es ist so ein wunderbarer Beruf. Wenn man jedoch dauernd in den Medien hört und liest, wie furchtbar alles ist, dann schreckt das junge Menschen sicher ab.“

Die Bezahlung hat sich verbessert

Das gilt auch für das Einkommen. „Die Bezahlung im öffentlichen Bereich ist heute besser als noch vor zehn Jahren“, sagt Sarah. Im Wiener Gesundheitsverbund zum Beispiel beginnen schon Pflegeassistent:innen bei 2.830 Euro brutto, das Einstiegsgehalt für diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen auf einer Intensivstation beträgt sogar knapp über 4.257 Euro brutto, Zulagen für Wochenend- und Nachtdienste sowie Überstunden sind da noch gar nicht dabei.

Einen Kritikpunkt hat Max allerdings: Obwohl die Pflegeausbildung sehr zeitintensiv war, hat sein Ausbildungsgeld im ersten Jahr lediglich 80 Euro netto betragen, „im dritten Jahr waren es 180 Euro – ohne die Unterstützung meiner Eltern hätte ich mir nicht einmal meine Miete leisten können.“ Zum Vergleich: Als Tischlerlehrling hätte er 800 Euro im Monat bekommen. Hier wäre die Politik gefordert, ihre eigenen Wünsche umzusetzen: Hat doch die SPÖ, die nun Sozialministerin und Finanzminister stellt, im Wahlkampf nicht nur mehr und kostenfreie Ausbildungsplätze gefordert, sondern auch ein Gehalt von 2.300 Euro brutto während der Pflegeausbildung nach Vorbild der Polizeischüler:innen, zudem Sozialversicherung und Gratis-Klimaticket.

Insgesamt wurde die Ausbildung aufgewertet. Doch die Akademisierung findet Tanja negativ: „Die Absolvent:innen können zwar auf dem Papier mehr, aber sie bekommen zu wenig Praxis mit. Es gibt nicht einmal mehr eine ordentliche Anatomieausbildung. Dementsprechend verstehen sie gewisse Zusammenhänge nicht. Auch das ist ein Systemproblem.“ Eine Kollegin von ihr findet es zwar gut, dass die Einstiegsgehälter gestiegen sind, ortet aber nun eine Neiddebatte, weil „in manchen Bundesländern frischgefangene Kolleg:innen mit der neuen Bachelor-Ausbildung von Anfang an mehr bezahlt bekommen als erfahrenere Pflegekräfte im alten System, die dann einen Pick auf die Jungen haben.“

(Anmerkung des Autors: Nach Veröffentlichung des Artikels hat sich der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) bei der WZ gemeldet: Die hochschulischen Qualifikationen in der professionellen Pflege seien „kein Selbstzweck, sondern ein gesundheitspolitisch begründeter Schritt, der sich am steigenden Pflegebedarf, der demografischen Entwicklung und der Komplexität heutiger Versorgungssituationen orientiert. International gesehen ist der deutschsprachige Raum in der Akademisierung der Pflegeberufe ohnehin Schlusslicht. Akademisch ausgebildete Pflegepersonen bringen ihre Kompetenzen in Entscheidungsfindung, Versorgungssteuerung und evidenzbasierter Praxis ein und bedienen sich hierbei wissenschaftlich fundierten Wissens.“ Durch verschiedenste Qualifizierungswege in aufbauenden Masterprogrammen (zum Beispiel in Advanced Practice Nursing, Pflegepädagogik oder Community Health Nursing) würden die Versorgungsqualität verbessert und auch neue Rollen im System ermöglicht, was diese Berufe attraktiver machen könne.)

Einspringen am freien Tag

Ambivalent gesehen werden die Arbeitszeiten. Wer nicht gerade in einer Spitalsambulanz angestellt ist, hat in der Regel Schichtdienst mit bis zu zwölf Stunden, den die einen als familienunfreundlich erleben, während die anderen ihre freien Tage dazwischen genießen. Allerdings sorgt der Personalmangel dafür, dass oft eingesprungen wird, was zwar zusätzliches Geld bringt, aber man kann sich vorstellen, wie erholsam ein freier Tag ist, wenn man im Hinterkopf ständig einen Anruf vom Arbeitgeber erwartet. So erzählt Veronika, dass sie in ihrem Pflegeheim nominell eine 37-Stunden-Woche hat. „Aber im Mai hatte ich binnen elf Tagen neun Dienste zu je zwölf Stunden.“

Wir buhlen um die besten Pflegekräfte.
Ulrike Geier-Palaschke, Direktorin eines Wiener Pflegeheims

„Wir brauchen mehr Dienstplansicherheit“, sagt dazu Helmut Lutz, der einen Mitgrund für das Problem darin sieht, dass viele überlastete Pflegekräfte ihr Stundenausmaß reduziert haben – und jetzt erst recht für teurere Überstunden einspringen. „Die Arbeitgeber müssen nun für die gleiche Leistung mehr Geld aufwenden.“

Veronika vermutet, dass viele Junge vor allem die Aussicht auf durchwachte Nachtdienste abschrecke. „Bei uns im Pflegeheim bin ich mit 38 Bewohner:innen alleine im Stockwerk, weil es der Betreuungsschlüssel so vorsieht. Da gibt es nur einen Zusatznachtdienst, den ich im Notfall dazurufen kann – wenn ich ihn erreiche.“ Eine Situation, die im Haus Liebhartstal in Wien-Ottakring, wo Tobias (25) und Sophie (24) arbeiten, tunlichst vermieden wird. „Bei der Einteilung der Dienste berücksichtigen wir die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Mitarbeiter:innen“, erklärt die Direktorin des Hauses, Ulrike Geier-Palaschke. Das ist zwar eine Herausforderung bei der Dienstplanerstellung, „fördert aber die Zufriedenheit im Team und hilft uns, Personalausfälle zu reduzieren“.

Jobgarantie und Aufstiegschancen

Die Pflegeheimleiterin sieht die Arbeitgeber gefordert: „Wir buhlen alle um die besten Kräfte. Und wer ihnen die besten Rahmenbedingungen schafft, hat die besten Chancen, sie zu bekommen.“ Denn wer in die Pflege geht, bekommt dank Personalmangel garantiert einen Job und kann sich den Arbeitgeber praktisch aussuchen. Zudem, so ist öfters zu hören, bietet die Pflege gute Aufstiegschancen, wie das Beispiel von Elwira Sebera zeigt. Die 51-Jährige aus Polen hat einst als Heimhilfe begonnen und ist jetzt Pflegedienstleiterin von Malteser Care.

Aber auch hier wären Verbesserungen notwendig, und zwar in Bezug auf die Nostrifikation bei ausländischen Pflegekräften. Die 29-jährige Marija zum Beispiel wurde in ihrer Heimat Serbien als Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin ausgebildet, darf in Österreich aber „nur“ als Pflegefachassistentin arbeiten. „Viele unserer Mitarbeiter:innen waren in ihren Heimatländern hochqualifiziert, aber wir müssen sie niedriger einstufen, weil ihre Ausbildung nicht voll anerkannt wird“, erzählt Helmut Lutz. Und so können oft nur Heimhilfeleistungen erbracht werden, obwohl höherwertige Hauskrankenpflege benötigt würde.

Wir haben keine Pflegekammer, die hinter uns steht
Tanja, Pflegerin in einem Spital

Das bedeutet in der Praxis, dass vor allem selbständige 24-Stunden-Personenbetreuer:innen regelmäßig Pflegeleistungen erbringen müssen, die ihnen laut Gesetz gar nicht erlaubt sind – weil niemand anderer da ist. Von latenten Kompetenzüberschreitungen berichtet auch Spitalspflegerin Tanja: „Wir machen viel mehr, als wir eigentlich dürften. Wenn jemand Schmerzen hat, und ich weiß, ich kann sie binnen Minuten lindern, soll ich dann wirklich stundenlang auf den Arzt warten?“ Bis zu einem gewissen Grad werde das sogar erwartet, weil das System es notwendig mache, meint Tanja. „Aber letztlich ist es halt unsere eigene Verantwortung, wenn was passiert. Und wir haben keinen Support wie die Ärztekammer, für uns gibt es keine Pflegekammer, die hinter uns steht.“

(Anmerkung: Auch hierzu hat sich der ÖGKV bei der WZ gemeldet: Die Forderung nach einer Pflegekammer sei fachlich nachvollziehbar, politisch jedoch aktuell nicht umsetzbar. Umso mehr übernehme der ÖGKV als anerkannte freiwillige Interessenvertretung zentrale Aufgaben im Bereich der Berufsentwicklung, Qualitätssicherung, Mitarbeit bei Legislativprozessen und strategischen Positionierung der professionellen Pflege. Der Verband vertrete als langjähriger Partner von Politik, Wissenschaft und Praxis die Interessen der österreichischen Pflegepersonen national und international.)

Pflegerin Sophie mit einer Bewohnerin im Altenheim
„Im Endeffekt geht es darum, jeden Tag für die Bewohner:innen schön zu gestalten“, sagt Sophie.
© WZ/Mathias Ziegler

Wichtig ist Tanja zu betonen: „Bei all diesen Dingen geht es mir nicht um meine eigene Befindlichkeit – mir geht es um das Wohl unserer Patient:innen. Wir kennen sie ja auch besser, weil wir den ganzen Tag mit ihnen verbringen. Bei uns menschelt es sehr, und da kriegen wir auch menschlich sehr viel zurück.“ Im Endeffekt, ergänzt Pflegeheimmitarbeiterin Sophie, gehe es darum, „jeden Tag für die Bewohner:innen schön zu gestalten. Man verbringt ja viel Zeit miteinander. Und wenn ich zwei Wochen im Urlaub bin, dann vermisse ich tatsächlich meine Arbeit.“ Empathie und Idealismus schwangen bei allen Gesprächen mit, die die WZ mit Pflegekräften geführt hat. Pflegeheimleiterin Ulrike Geier-Palaschke fasst es so zusammen: „Wir sind kein Bürogebäude, wo man am Abend das Licht abdreht und nach Hause geht. In dem Moment, wo mich zumindest in der Zeit, die ich hier bin, die Schicksale der Menschen nicht mehr berühren, wäre es für mich Zeit, den Job zu wechseln.“

„Ohne hochqualifizierten Zuzug wird es definitiv nicht gehen“

Nur, wo findet man 200.000 empathische Idealist:innen? Nicht nur in Österreich, ist für den Pflegeexperten Helmut Lutz klar. „Ohne hochqualifizierten Zuzug wird es definitiv nicht gehen.“ Am besten sollte eine Bundesagentur gegründet werden, die Pflegepersonal aus dem Ausland holt. „Da müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen, statt dass ein einzelner Landeshauptmann auf die Philippinen fliegt.“ Das Reiseziel wäre freilich schon richtig, denn die Philippinen bilden ebenso wie Indien und Indonesien dezidiert mehr Pflegepersonal aus, als im eigenen Land gebraucht wird.

Gleichzeitig sollten aber auch Herkunftsländer vor der Haustür mehr beachtet und hier Hürden abgebaut werden. Dann kommen vielleicht auch mehr Pflegekräfte wie der Bosnier Emir (29) ins Land, der sich hier wie seine Kollegin Marija in der mobilen Pflege unter Wert verkaufen muss. „Ich hatte lukrativere Angebote aus Deutschland, wo ich sofort als Diplomierter Krankenpfleger arbeiten hätte können und nicht als Pflegefachassistent. Aber Wien ist einfach näher an meiner Heimat.“ Diesen geografischen Vorteil sollte Österreich nicht verspielen.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Christoph Ertl, Pressesprecher der Gesundheit Österreich GmbH
  • Helmut Lutz, Geschäftsführer von Malteser Care
  • Ulrike Geier-Palaschke, Direktorin des Hauses Liebhartstal in Wien-Ottakring
  • Julia Guthan, Sprecherin der Gewerkschaft vida
  • Verschiedene junge Pflegekräfte aus dem Spitalsbereich, Pflegeheimen und der mobilen Pflege
  • Inge Köber-Hiebler, 1. Vizepräsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands (ÖGKV)

Daten und Fakten

Die formal niedrigste Ausbildung im Bereich Pflege und Personenbetreuung haben die Heimhelfer:innen, darüber stehen die Pflegeassistent:innen (bis 2016 Pflegehelfer:innen genannt), dann die Pflegefachassistent:innen und die höchste Ausbildung die Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonen. Der Gesetzgeber unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Sozialbetreuungsberufen (wie Heimhelfer:innen), deren Tätigkeit über die jeweiligen Landesgesetze geregelt ist, und den bundesrechtlich anerkannten Pflegeberufen. Das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) definiert in seiner aktuellen Fassung drei Pflegeberufe mit klar zugeordneten Kompetenzbereichen: Pflegeassistenz (§ 82 GuKG), Pflegefachassistenz (§ 83 GuKG) und gehobener Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege (§§ 14–17 GuKG). Eine präzise Differenzierung ist laut dem Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) insbesondere im öffentlichen Diskurs wesentlich, da pflegerische Kernkompetenzen – etwa klinische Einschätzung, pflegewissenschaftliche Planung oder interprofessionelle Koordination – nicht durch sozialbetreuende oder unterstützende Berufe abgedeckt werden können.

Im Jahr 2019 bezifferte die Gesundheit Österreich GmbH die Zahl der Pflegepersonen, die bis zum Jahr 2050 in den Krankenanstalten und in der Langzeitpflege zusätzlich benötigt werden, mit rund 70.000. Mittlerweile wurde diese Zahl auf 200.000 nach oben korrigiert. Das Sozialministerium beziffert den Mehrbedarf mit 7.000 zusätzlichen Pflege- und Betreuungspersonen pro Jahr, davon rund 5.800 Pflegepersonen (Diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger:innen, Pflegefachassistent:innen, Pflegeassistent:innen) und 1.200 Betreuungspersonen anderer Berufsgruppen (zum Beispiel Heimhilfen). Zusätzlich braucht es im Langzeitbereich noch zusätzliches Personal, wie zum Beispiel Alltagsbegleiter:innen, Heimhilfen oder Medizinisch-Technische Dienste – diese müssen aufgrund der demografischen Entwicklung von rund 18.200 Personen auf 36.500 ansteigen, um die aktuelle Betreuungssituation aufrechterhalten zu können.

Dazu kommen die Pflegekräfte, die in Pension gehen und laufend nachbesetzt werden müssen. Das betrifft in den nächsten fünf Jahren rund 20.600 Personen und in den nächsten 25 Jahren 92.000 Personen. Eine Schätzung zum sonstigen Betreuungspersonal ergibt einen Ersatzbedarf von rund 16.200 Personen. Nicht mitberechnet sind Personen, die den Beruf verlassen, ohne das Pensionierungsalter erreicht zu haben, und ein erhöhter Bedarf aufgrund von Strukturänderungen, weshalb die 200.000 benötigten Pflegekräfte bis 2050 als absolute Untergrenze zu sehen sind.

Da der jährliche Mehrbedarf nicht alleine durch die derzeit etwas weniger als 5.000 Absolvent:innen der Ausbildungseinrichtungen gedeckt werden kann, empfehlen die Studienautor:innen:

  • Rekrutierung von Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteigern,
  • Rekrutierung von Personal aus dem Ausland,
  • Maßnahmen zur Personalbindung,
  • Effizienzsteigerungen im System und Technikunterstützung
  • und einen verstärkten Fokus auf Prävention und Gesundheitsförderung, um die Zahl der Pflegebedürftigen zu reduzieren.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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