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Die Risiken der Rocket Science

7 Min
Die Raumfahrt kurbelt die Wirtschaft an.
© Illustration: WZ, Bildquelle: NASA

Josef Aschbacher will zum Mond. Der Chef der europäischen Raumfahrtagentur ESA hat große Pläne. Doch in Europa fehlt das Geld.


WZ | Eva Stanzl

Von neuen Antriebssystemen bis zur Leichtbautechnik: Die Weltraumtechnologie bringt innovative Produkte auf die Erde und schafft Arbeitsplätze. Doch Europa gerät in der Weltraumwirtschaft ins Hintertreffen. Unsere Raumfahrtindustrie hinkt jener Amerikas oder Asiens hinterher. Warum bringen wir nicht mehr zustande?

Josef Aschbacher

Die Weltraumwirtschaft zählt zu den am schnellsten wachsenden Sektoren. Ihre globale Wertschöpfung (Gesamtwert der Dienstleistungen und Güter, die in der Raumfahrtindustrie erzeugt werden, Anm.) beträgt derzeit 450 Milliarden Dollar. Europa ist nur mit einem Bruchteil beteiligt. In den USA, Japan und China investiert die öffentliche Hand heuer insgesamt 100 Milliarden Dollar in die Weiterentwicklung der Raumfahrtindustrie, in Europa sind es zwölf Milliarden Euro. Unser Potenzial ist aber weitaus größer. Ökonomen schätzen, dass Europa ein Viertel der Investitionen in die globale Weltraumwirtschaft abdecken könnte.

WZ | Eva Stanzl

Die Stärke einer Raumfahrtindustrie hängt von der Höhe der Förderungen ab, die ein Land investiert?

Josef Aschbacher

Österreich gibt pro Bürger und Jahr etwa 8,50 Euro für die Raumfahrt aus, Europa 14 Euro. Im Vergleich zu den USA haben wir Nachholbedarf und es ist simpel: Wenn man nicht die Mittel investiert, die für eine starke Weltraumwirtschaft nötig sind, kann diese nicht groß werden. Man kann auch keine Firmen wie SpaceX oder Blue Origin aufbauen, die auch von öffentlichen Geldern abhängen. Space X profitiert wahnsinnig von der wissenschaftlichen Expertise der Nasa und öffentlichen Mitteln. Um CEO Elon Musk zu zitieren: „Ohne Nasa hätte SpaceX nicht entstehen können.“ In Europa muss man mutiger sein, um auch solche Firmen aufbauen zu können, wir haben das Potenzial und die Leute, aber nicht so viel Geld.

Ein Portrait von ESA-Chef Josef Aschbacher
ESA-Chef Aschbacher: "Das Gute ist, dass Europa auch mit weniger Geld gut wirtschaftet und sehr gute Systeme aufbaut."
© apa/afp/Joel Saget
WZ | Eva Stanzl

Haben wir tatsächlich keinen Zugriff zu potenten Finanzierungsquellen?

Josef Aschbacher

Wir haben den Zugriff nicht. Mehr als zwei Drittel der Venture-Capital-Firmen (diese finanzieren Unternehmen mit vielversprechenden, aber riskanten Ideen, Anm.), die Gelder an innovative Firmen mit neuen Ideen vergeben, sind im Silicon Valley an der US-Westküste beheimatet. Da hat Europa ein Defizit. Aber Europa hat Möglichkeiten, es müsste nur etwas entschiedenerer und mutiger vorangehen, um große Projekte zu starten, die globale Firmen und Gelder anziehen.

WZ | Eva Stanzl

Ist Geld der einzige Hebel zum Erfolg im Weltraum?

Josef Aschbacher

Das ist es nicht. Das Gute ist, dass Europa auch mit weniger Geld gut wirtschaftet und sehr gute Systeme aufbaut.

WZ | Eva Stanzl

Welche?

Josef Aschbacher

Unser Erdbeobachtungsprogramm Copernicus liefert die meisten Geodaten der Welt. Unser Satelliten-Navigationssystem Galileo ist präziser als das GPS-System. In den Weltraumwissenschaften punkten wir mit dem Teleskop Euclid zur Erforschung der Dunklen Materie. Die Sonde Juice ist unterwegs zum Jupiter und seinen Eismonden, die Mission Bepi Colombo wird 2025 den Merkur erreichen. Diese Systeme haben Weltstandard, sind vielleicht sogar die weltbesten, und das haben wir mit weitaus weniger Mitteln erreicht als die USA, die ihr Geld in erster Linie auf die Erforschung von Mars und Mond und den Bau einer Raumstation ausrichten.

Auf den Mond zu fliegen hat Symbolkraft, es gibt ein neues Rennen zum Mond.
WZ | Eva Stanzl

Sie propagieren eine europäische Mondbasis. Warum wollen Sie zum Mond?

Josef Aschbacher

Auf den Mond zu fliegen hat natürlich große Symbolkraft, es gibt ein neues Rennen zum Mond. Indien ist mit einer Sonde auf dem Südpol gelandet, China will 2030 mit Taikonauten dort landen, Amerika kehrt mit dem Artemis-Programm zurück zum Mond. Ein „europäisches Mondprogramm“ aufzubauen ist also ein ganz wichtiges Symbol, um hier engagiert zu sein. Ich rede nicht davon, eine eigene Rakete zu bauen, sondern davon, mit den USA zusammenzuarbeiten.

WZ | Eva Stanzl

Sie sprechen von Rohstoffabbau auf dem Mond. Wie lässt es sich rechtfertigen, dass wir auf unseren Trabanten ein Wirtschaftssystem übertragen, das – wie uns der Klimawandel zeigt – einen Planeten zugrunde richtet? Sollten wir nicht in die Bewältigung der Probleme hier investieren?

Josef Aschbacher

Natürlich sollten wir investieren, um das Leben auf dem Planeten Erde auf Jahrtausende abzusichern. Aber der Mond eröffnet sich als neuer Kontinent, auf dem wirtschaftliche Aktivitäten durchgeführt werden. Es wird Bergbau geben, es werden Ressourcen abgebaut und Wasser gewonnen werden und es werden wahrscheinlich Mondbasen entstehen. Das wird einige Dekaden dauern, aber die Entscheidungen dazu werden jetzt getroffen. Im nächsten Jahrzehnt werden europäische Staaten durch die ESA am Mond aktiv werden.

WZ | Eva Stanzl

Und wenn wir das alles nicht machen?

Josef Aschbacher

Dann machen es andere und Europa wird zu Hause sitzen und zuschauen, wie auf dem Mond Aktivitäten ohne uns stattfinden. Es ist unabdingbar, dass der neue Wirtschaftszweig, der sich auf dem Mond aufbaut, mit Europa geschieht.

Wir werden alles tun für Erfolg, aber im Raketenbereich kann viel schiefgehen.
WZ | Eva Stanzl

Während in den USA private Raumschiffe starten, ist Europa kürzlich der Start der neuen europäischen Ariane-6-Rakete missglückt. Auch der Satelliten-Launcher Vega C konnte bisher nicht abheben. Was macht die ESA falsch?

Josef Aschbacher

Derzeit sind wir bei Weltraumtransporten abhängig. Aber Amerika hat über mehr als zehn Jahre Astronauten mit Russland zur Raumstation ISS gebracht. Auch die große Weltraumnation hat sich eine Dekade lang auf jemand anders verlassen müssen, um ihre Astronauten ins All zu bringen.

WZ | Eva Stanzl

Wie lange wird es in Europa dauern?

Josef Aschbacher

Wir werden etwa ein Jahr ohne neue europäische Rakete sein. Natürlich ist das kein guter Zustand, aber er ist nicht so außergewöhnlich, dass man sich Sorgen machen muss. Ariane 6 kommt, sie ist in der letzten Phase der Entwicklung, der Erststart ist für nächstes Jahr geplant.

WZ | Eva Stanzl

Und wenn es wieder schiefgeht?

Josef Aschbacher

Ich halte die Daumen, dass das nicht passiert! Raketenentwicklung – Rocket Science – ist ein sehr riskantes, kritisches Gebiet. Da passieren immer wieder Unfälle, wie wir kürzlich bei Starship, dem Großraketenprojekt von SpaceX, gesehen haben. Auch der Erststart der H3-Rakete in Japan hat leider nicht funktioniert. Wir werden alles tun, um Erfolg zu haben, aber im Raketenbereich kann viel schiefgehen.

WZ | Eva Stanzl

Auch das Militär verlässt sich auf private Firmen – die Ukraine etwa im Krieg auf Elon Musks Internet, Stargate. Auch Japan testet dieses Angebot. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Josef Aschbacher

Es war eigentlich immer schon so, dass das Militär auch private Infrastruktur verwendet hat. Mit Starklink ist das etwas mehr so als in der Vergangenheit, das ist sicher richtig. Aber auch in der Erdbeobachtung greift das Militär auf zivile Daten zurück – selbst solche, die für Klimaforschung verwendet werden, weil sie für beide Zwecke geeignet sind. Die Wettervorhersage ist das beste Beispiel: Auch das Militär verwendet Wettersatelliten.


Infos und Quellen

Genese

Anlässlich der Europäischen Interparlamentarischen Weltraumkonferenz am 25. September 2023 bekam WZ-Redakteurin Eva Stanzl das Angebot, ESA-Chef Josef Aschbacher zu interviewen.

Gesprächspartner

Josef Aschbacher, geboren am 7. Juli 1962 in Ellmau, ist seit März 2021 Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), deren Sitz sich in Paris befindet. Der Österreicher hat sein Studium der Naturwissenschaften an der Universität Innsbruck mit einem Doktortitel abgeschlossen. Er blickt auf eine internationale Laufbahn in der Raumfahrt mit über 35 Jahren Berufserfahrung bei der Europäischen Weltraumorganisation, der EU-Kommission, der Österreichischen Raumfahrtagentur, dem Asiatischen Institut für Technologie und der Universität Innsbruck zurück.

Als Generaldirektor der ESA ist Aschbacher für die Definition, Umsetzung und Weiterentwicklung der europäischen Weltrauminfrastrukturen und -tätigkeiten zuständig, zu denen Raumfahrzeugträger, Satelliten für die Erdbeobachtung, Navigation, Telekommunikation, Weltraumwissenschaft und robotische Exploration sowie die Arbeit der ESA-Astronauten auf der Internationalen Raumstation (ISS) gehören. Er ist verantwortlich für einen Jahreshaushalt von sieben Milliarden Euro und 5.500 Beschäftigte.

Daten und Fakten

ESA-Statistik "Die Umwelt im All", Stand: 12. 06. 2023:

  • Zahl der erfolgreichen Raketenstarts seit dem Beginn des Weltraumzeitalters mit dem Start des ersten russischen Sputnik-Satelliten am 4. Oktober 1957: 6420

  • Zahl der Satelliten derzeit in der Erdumlaufbahn: 10590

  • Zahl der Satelliten in der Erdumlaufbahn, die derzeit funktionieren: 8600

  • Gewicht aller Objekte im Orbit: Mehr als 11.000 Tonnen

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