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Die Rückkehr der Penis-Kanone

7 Min
Beatrice Frasl schreibt alle zwei Wochen eine feministische Kolumne zu einem aktuellen politischen Thema für die WZ.
© Illustration: WZ

Rammstein tourt wieder wie früher, der LASK engagiert Jerome Boateng und Justiz wie Politik agieren zögerlich bei Fällen sexualisierter Gewalt. Ist #metoo vorbei?


Mitte Mai machte Rammstein Schlagzeilen. Wieder einmal. Diesmal allerdings nicht mit Vorwürfen sexueller Gewalt, sondern eher damit, dass der „Sturm“, wie es Till Lindemann bei einem Konzert in München nannte, nun vorbei zu sein scheint. Die staatsanwaltlichen Ermittlungen wurden eingestellt, da, so wird im ARD-Podcast „Rammstein. Row Zero“ berichtet, viele Frauen, die sich medial anonymisiert zu Wort gemeldet hatten, nicht mit Behörden sprechen konnten oder wollten – aus Angst vor Retraumatisierung, aus Angst vor juristischen Schritten der Gegenseite oder weil ihnen von Anwält:innen aus genau diesen Gründen davon abgeraten wurde. Der #metoo-Aufschrei gegen Rammstein ist also so gut wie wirkungslos verpufft. Die Stadionkonzerte gehen also weiter. Und, so lautete die Schlagzeile: „Die Penis-Kanone ist zurück“. Die wurde bei den Liveshows der Band während des Songs „Pussy“ verwendet, um das Publikum mit weißem Schaum zu bespritzen (nein, das ist keine Satire und nein, ich habe das nicht erfunden), dann kurz aus dem Programm genommen und jetzt ist sie wieder zurück, als wäre sie ein kurz zur Seite getretener österreichischer Regierungspolitiker.

Re-etablierte Macht

Der Aufschrei um Rammstein war der größte, wie nennt man das, „#metoo-Fall“ im deutschsprachigen Raum der letzten Jahre. Daran, wie die Vorwürfe in diesem Fall verhandelt werden, wie die Justiz darauf reagiert und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, lässt sich also vermutlich einiges über das gesellschaftliche Klima ablesen, in dem diese öffentlichen Verhandlungen stattfinden. Und ein Stück weit klingt „Die Penis-Kanone ist zurück“ nicht nur wie eine Überschrift, die die Wiederaufnahme einer Bühnenrequisite in ein Rockkonzert ankündigt, sondern wie die metaphorische Beschreibung eines Zeitgeistes, in dem die durch die #metoo-Bewegung kurz und vielerorts nur oberflächlich angekratzte männliche Macht, die sich allzu oft auch in Form von sexualisierter und sexueller Grenzüberschreitung artikuliert, wieder re-etabliert ist. Die Penis-Kanone ist, so scheint es, auf allen Fronten zurück.

Kulturwandel oder Temperaturverschiebung

Die #metoo-Bewegung hat das Denken und Sprechen über sexualisierte und sexuelle Gewalt verändert, zumindest in manchen Bubbles, während andere wiederum nach wie vor gänzlich unberührt scheinen von feministischen Diskursverschiebungen. In jedem Fall aber hat sie ein Nachdenken über Grenzen und Grenzüberschreitungen, Macht und Machtmissbrauch, sexuelle und körperliche Integrität, Gewalt, Sex und Konsens mit einer Wucht und Lautstärke in die öffentliche Debatte gedrängt wie kaum eine Bewegung vor ihr. Die Frage ist, wie nachhaltig die angestoßenen Veränderungen letzten Endes sind, ob diese kurzfristigen Temperaturänderungen gleichkommen oder einem nachhaltigen Kulturwandel. Und dann stellt sich noch die Frage, ob dieser Kulturwandel, wenn er denn stattfindet oder stattgefunden hat, auch Veränderungen dort mit sich bringt, wo es um tatsächliche Ressourcenverteilung und tatsächliche rechtliche Konsequenzen geht (sowohl in einem gesetzgeberischen Sinn in Form einer Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingung für Opfer als auch im Sinn der juristischen Konsequenzen für Täter).

#metoo als Euphemismus

An der #metoo-Bewegung kann man vieles kritisieren. Zum einen jenen Umstand, dass es sich vorrangig um eine Aufschrei-Bewegung handelt, die vorrangig im digitalen Raum stattfindet. Oder dass das Label „#metoo-Fall“ alles undifferenziert in einen Topf wirft: vom Serienvergewaltiger bis zur Grenzüberschreitung bei einem Date, vom Missbrauch Minderjähriger bis zum grapschenden Politiker, vom Grooming in der Musikindustrie bis zum schreienden Regisseur − im digitalen Raum, auf Social Media, wo gern geshitstormed und gecancelt wird, was das Zeug hält, geht, auch wenn es um sexualisierte Gewalt geht, die differenzierte Debatte oft flöten. Dieser Feststellung lässt sich entgegnen: Der Hinweis auf das Strukturelle der Gewalt ist genau der Kern und das Ziel von #metoo. Der Hinweis darauf, dass es ein Spektrum von Gewalt gibt, dass die äußersten Formen dieser Gewalt nicht die einzigen sind, über die wir sprechen müssen, und dass sehr viel davon als „Grauzone“ in vor allem sexuellen Kontexten völlig normalisiert ist, ist genau der Punkt, über den gesprochen werden soll. Durch das Abarbeiten an Einzelfällen ist aber genau das Herausarbeiten dieses strukturellen Elements oft nicht gelungen. Überhaupt verschwanden Fälle von Gewalt hinter dem undifferenzierten und undifferenzierenden Label „#metoo-Fall“, das damit in vielen Causen zu einem neuen Euphemismus für oft schwerwiegende, oft lebensbedrohliche und sehr oft traumatisierende männliche Gewalt wurde. „#metoo-Fall“ ist das „Beziehungsdrama“ unserer Zeit, ein Begriff, der erlaubt, männliche Gewalt in ihrer Schrecklichkeit, oft auch in ihrer Systematik, hinter einem sehr unspezifischen und beliebig befüllbaren Begriff verschwinden zu lassen.

Social Media vs. Realpolitik

In der Sphäre des Digitalen lässt ein Shitstorm zudem bei den Beteiligten die Illusion entstehen, sie seien wirksam und selbstwirksam, während sich im Praktisch-Politischen wenig bis nichts verändert. Schon gar nicht zum Guten. Insgesamt lässt sich in den letzten Jahren Folgendes feststellen: Während in vielen medialen und kulturellen Bubbles feministische Perspektiven durchaus breitflächig en vogue wurden (welche Feminismen das sind und warum ausgerechnet sie in einem an und für sich patriarchalen epistemischen Rahmen dominant werden, ließe sich nochmal gesondert diskutieren), sind diese Diskurse weitgehend wirkungslos, wenn es um die harten Verteilungsfragen geht: um die Verteilung von Macht, von Geld, von Zeit. Und nicht nur das: Wer einen Blick in Popcharts, in Kinos oder auf Social Media wirft, bekommt schnell den Eindruck einer Dominanz feministischer Diskurse, während gleichzeitig realpolitisch ein Backlash zu konstatieren ist, und das global. Aktuell zeigt sich nur allzu oft: Die tatsächlichen Machtverhältnisse werden kaum berührt von Popfeminismus und Hashtags. Realpolitik und popkultureller Diskurs könnten nicht weiter voneinander entfernt sein. Erst vor kurzem beispielsweise scheiterte das EU-Parlament daran, eine einheitliche Definition von „Vergewaltigung“ nach dem feministischen „Ja ist Ja“-Prinzip umzusetzen. Es gibt deshalb nach wie vor eine Reihe europäischer Länder, in denen ein Übergriff juristisch nur dann als Vergewaltigung gewertet wird, wenn er unter körperlicher Gewaltanwendung stattfindet und diese körperliche Gewaltanwendung auch nachgewiesen werden kann. Die Diskursverschiebungen durch #metoo schlugen sich also auch in der EU auf gesetzgeberischer Ebene nicht nieder.

Von Harvey Weinstein bis Donald Trump

Abseits der Wirkungslosigkeit auf einer realpolitischen und juristischen Ebene brachten die letzten Tage auch ernüchternde Updates aus einigen der bekanntesten #metoo-Fälle der letzten Jahre. Harvey Weinsteins, und damit jenes Filmproduzenten, dessen Übergriffe und dessen systematische Gewalttätigkeit #metoo im Jahr 2017 überhaupt erst so richtig ins Rollen brachte, New Yorker Vergewaltigungsverurteilungen wurden im April 2024 von einem New Yorker Gericht aufgrund von Formfehlern aufgehoben – es soll eine Neuverhandlung geben.

Der ehemalige deutsche Nationalspieler Jerome Boateng wurde soeben vom österreichischen Fußballverein LASK unter Vertrag genommen. Wer in diesem Kontext nicht versteht, warum das ein Problem ist, dem sei der Spiegel-Podcast „Die Akte Lenhardt“ ans Herz gelegt.

Dann ist da noch der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten.

Donald Trump hat schon vor seiner ersten Wahl zum US-Präsidenten damit geprahlt, Frauen sexuell zu belästigen („grab them by the pussy“), ihm wurde von zahlreichen Frauen vorgeworfen, sie belästigt, missbraucht, geschlagen oder vergewaltigt zu haben, inklusive Vorwürfe, sogenannte „Sex-Partys“ mit Minderjährigen gefeiert zu haben. 2023 erst verlor er eine Verleumdungsklage gegen E. Jean Carroll: Ein Gericht stellte fest, dass der Vorwurf seinerseits, sie würde über die Vergewaltigung durch ihn lügen, falsch ist. Die Chancen stehen gut, dass Trump 2024 wieder Präsident der mächtigsten Demokratie der Welt werden wird.

Gleichzeitig, und das stimmt etwas hoffnungsfroh, verweist die Veröffentlichung zahlreicher neuer Fälle – jener des US-amerikanischen HipHop-Moguls P.Diddy beispielsweise oder die kürzlich publizierte #metoo-Recherche im europäischen Parlament – darauf, dass wir noch lang nicht fertig sind mit dem Aufdecken männlichen Machtmissbrauches, mit dem Hinzeigen und Aufzeigen und Sprechen.

Die Penis-Kanone mag zurück sein. Aber wir bemerken sie. Wir nehmen sie nicht mehr wortlos hin. In der Hoffnung, dass sich Gesetzgeber und Justiz irgendwann auch bewegen.


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