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Ausreichend Bewegung ist auch für Menschen mit Behinderung wichtig. Bowling ist eine der Sportarten, die sie mit sichtbaren Erfolgen betreiben können – Strike!
Als sie an diesem Samstag im Juni um 8:52 Uhr am Wiener Westbahnhof ankommen, hat es bereits 25 Grad. Es soll der bisher heißeste Tag des Jahres werden. Die „Specialisten“, wie sich die Spieler:innen mit Behinderungen des Vereins Strike and Spare nennen, werden aber heute nicht schwimmen gehen, sondern zum Strike and Spare Bowlingclub Vienna im 17. Bezirk fahren, wo sie bei der Wiener Meisterschaft gegen Spieler:innen von den Vereinen Blue Pin Special und Special Tigers antreten werden.
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Mit dem Zug aus Linz angereist
Behindertenbetreuer Thomas Steuding (53) führt die Gruppe als zertifizierter EBF-Trainer (die EBF ist die European Bowling Federation) an, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Romana Ortmann, die heute am Wettbewerb teilnehmen wird. Im Tross mit dabei sind noch sieben weitere Spieler:innen in den gelben Vereinsshirts sowie das Ehepaar Stadlbauer, das seinen Sohn Daniel anfeuern möchte. Raphael Baier ist anfangs der Gesprächigste unter den Spieler:innen: „Darf ich eine rauchen?“, fragt er, sobald wir den Bahnhof in Richtung U6 verlassen haben. Seine Beeinträchtigung rührt von einem Autounfall her, erklärt Steuding, der Baiers Wunsch nach einer Zigarette zurückweist: „Gewöhn es dir lieber ab!“
Die Specialisten – die sich selbst genau so schreiben und früher Pin Busters hießen – reisen aus Linz an. Sie trainieren im Ocean Park PlusCity in Pasching bei Linz, schlossen sich aber dem Strike and Spare Bowlingclub Vienna an, der sie unter dem Dach des Landesverbandes Wien Bowling beheimatet. Dieser richtet alljährlich die Special Needs League aus, bei der an jeweils drei Tagen Einzel-, Doppel- und Triowettbewerbe stattfinden. Heute wird noch die Wiener Meisterschaft ausgetragen. Drei Spiele zu jeweils zehn Frames werden alle Spieler:innen auf jeweils wechselnden Bahnen absolvieren müssen. In jedem Frame kann man mit höchstens zwei Versuchen 30 Punkte erreichen. Oberstes Ziel ist ein „Strike“, der alle Pins abräumt und den schnellen Wechsel zur nächsten Bahn ermöglicht.
Mit der U-Bahn in die Bowlinghalle
Von der U-Bahnstation Alser Straße gehen wir hinauf zur Halle, und als wir diese endlich betreten, ist es dort angenehm kühl. Andreas Treiss verschwindet mit seiner orangen Profi-Bowlingtasche sofort in Richtung Umkleide, während Daniel Stadlbauer (40) seinen Ball zu reinigen beginnt. Bettina Weiss hat schon „ein paar Medaillen gewonnen“, wie ihr Trainer erzählt, ist heute aber noch ein wenig still: „Mich freut es nicht“, sagt die 32-Jährige, die mit Trisomie 21 geboren wurde. Unter der Woche lebt sie bei ihren Eltern „am Bindermichl in Linz“. Das Café, in dem Bettina arbeitet, gehört nicht zur Lebenshilfe. Es heißt „Café viele Leute“ und ist am Pfarrplatz in Linz. „Da wird gekocht, und ich bringe die Suppen und Eintöpfe zum Tisch.“ Das Geld, das sie dort verdient, spart sie, um in den Urlaub fahren zu können.
Bei den Spieler:innen von Blue Pin Special, die sich in ihren blauen Dressen um die ersten beiden Bahnen versammelt haben, „ist bei diesen Temperaturen heute ein wenig der Schlendrian drin“, stellt deren Trainer fest. Dabei genießen sie hier Heimvorteil, weil sie ihre Trainings in dieser Halle absolvieren. Teilnehmerin Christa Czerny hatte vor sechs Jahren vier Schlaganfälle hintereinander, „seitdem ist es aus mit normalem Bowling“. Aber die 64-Jährige blickt nach vorne. „Es muss gehen!“
„Habt Spaß!“
Das Niveau der Spieler:innen, sagt Steuding, bleibe natürlich auch nach vielen Trainings sehr unterschiedlich. Darum würden die Spieler:innen entsprechend ihrer Beeinträchtigung mit ihrem jeweiligen Bowling-Handicap in Gruppen eingeteilt, sodass ein fairer Wettbewerb garantiert sei. „Manche müssen mit dem Rollstuhl zur Bahn gebracht werden, anderen wird der Ball gereicht, nachdem sie mit dem Stock selbst dorthin gegangen sind.“ Und dann hänge es natürlich von der Tagesverfassung und der Gesundheit ab, wie sie spielen. Als Referee muss er schauen, „dass keiner dem anderen reinläuft!“ 22 Spieler:innen werden heute gegeneinander antreten. Die meisten für die Special Tigers, die in ihren roten Dressen die größte Gruppe bilden.
Unter der Leitung ihrer ehrenamtlichen Betreuerin Karin Schwarzinger wärmen sie sich bereits auf: „Nicht zu zahm beim Pendeln der Arme!“, feuert sie ihre Schützlinge an. „Und bitte schaut geradeaus! Guten Morgeeen! Alex! Die Hand ausstrecken!“ Alex Bauer beeindruckt erst mit seiner Körpergröße von knapp zwei Metern und später mit seinem Spiel: „Dabei bin ich gar nicht so gelenkig!“, wie er seine Betreuerin wissen lässt, als das Aufwärmen zu Ende geht. Diese erwartet dann vor allem eines von ihren Schützlingen: „Habt Spaß! Denn je mehr ihr euch verkrampft, desto weniger gut werdet ihr nachher bowlen.“
Professionelles Training
Um diesen Spaß zu gewährleisten, erklärt sie, werde großer Wert darauf gelegt, dass die Spieler:innen unter der Woche von professionellen Trainer:innen individuell geschult werden. „Denn wenn ich die ganze Gruppe zu einer Bahn stelle und jeder alle zwanzig Minuten drankommt, geht sofort jede Freude verloren.“ Schwarzinger betreut seit 34 Jahren Menschen mit Behinderungen, und dies „mit Herz und Engagement“. Vor 30 Jahren fing ihr Verein mit Kegeln an. Da dies aber kein Sport war, mit dem man bei den Special Olympics antreten durfte, wechselte man zum Bowling. Am Anfang bestand die Bowlingmannschaft, für die Schwarzinger ein paar Trainer:innen organisierte, aus drei Personen. „Man muss sie positiv unterstützen und auf ihrem Level abholen“, sagt sie über ihr Team. „Dann macht es ihnen Freude, und sie sehen den Erfolg.“ Sie selbst hat mit sechs Jahren mit dem Kegeln begonnen, kann ihren Spieler:innen aber heute nichts mehr beibringen. „Ich habe kaputte Bandscheiben, darum bin ich längst in Bowlingpension.“
Die wohl größte Freude strahlt heute Andreas Treiss aus, der nun aus der Umkleide zurückkommt und die Bahn betritt wie Jesus Quintana, der exzentrische Bowler aus dem 90er-Jahre-Kultfilm „The Big Lebowski“, gespielt von John Turturro. Die Baseballkappe trägt Treiss verkehrt herum, unter seiner Lederjacke sieht man das Gelb seines Vereinsshirts, in seiner Tasche hat er Reserveshirts und seine beiden individuell angefertigten Bälle: Der 12 Pfund schwere Strikeball wird mit seiner Unwucht speziell für den ersten Wurf verwendet. „Mit dem geht man in die Vollen, er macht die berühmte Kurve, die man aus allen Bowlingfilmen kennt.“ Den Spareball hingegen wirft man auf der zu zwei Dritteln geölten Bahn geradeaus, um die eventuell stehen gebliebenen Pins zu eliminieren. Was heute nur Treiss trägt, ist ein spezieller Handschuh mit Gelenkstütze. „Er schaut zu Hause sehr viele YouTube-Videos von Profis und studiert deren Technik“, weiß Steuding: „Ihm etwas zu sagen, hat daher gar keinen Sinn. Wenn ihm ein Ball nicht passt, dann spielt er nicht damit.“
Bowlingbälle und anderes Equipment
Die Bowlingbälle müssen von allen privat gekauft werden. Dann wird die Hand vermessen, um an diese angepasst die Löcher zu bohren. Der Preis dafür: „Ungefähr 240 Euro“, erzählt der Trainer. Romana Ortmanns Equipment kommt auf weit über 1.000 Euro. „Da sind drei Strikebälle dabei, ein Spareball, die Bowling-Schuhe, die auch nicht billig sind – 250 Euro!“ Dazu die Wechselsohlen, die einen Gleitschritt vor dem Wurf erlauben und je nach Bahnverhältnissen gewechselt werden.
Vater Stadlbauer begleitet seinen Sohn Daniel zusammen mit seiner Frau, die heuer zum ersten Mal mitgefahren ist und während der drei Stunden im Bowlingcenter unermüdlich Badetücher mit gehäkelten Bündchen verziert, die dann Ende des Jahres am Weihnachtsmarkt verkauft werden sollen. „Ob ich zu Hause häkle oder hier, ist wurscht“, lacht sie. Zu Hause, das ist in Kematen an der Krems, etwa 20 Minuten mit dem Auto vom Ocean Park PlusCity entfernt, wohin die Eltern ihren Sohn regelmäßig zum Training bringen.
Linkshänder Daniel Stadlbauer erklärt stolz, dass er heute „für Österreich“ spielen will. „Zu seinem 40er hat er sich eine große Geburtstagsfeier und eine Vitrine für seine Medaillen und Pokale gewünscht“, erzählt sein Vater. Anders als Raphael Baier und Andreas Treiss, die in der geschützten Werkstätte der Lebenshilfe Grillzünder herstellen, geht Daniel Stadlbauer einer regulären Beschäftigung nach. „Er arbeitet seit 21 Jahren für 20 Stunden pro Woche in der Haustechnik des Altenheims Neuhofen. Früher war er bei den Putzdamen dabei, aber die haben untereinander so viel gestritten. Das ist für Menschen mit Behinderung nicht ideal.“ Mit dem Haustechniker hingegen verstehe er sich blendend. So wie meistens auch mit Daniel Hollnsteiner, der aus Biberbach stammt. Sind sie beste Freunde? „Immer wieder“, lacht die Mutter. „Zeitweise schwierig“, ergänzt der Vater.
Ab jetzt zählt’s!
Noch fünf Minuten bis zum Beginn der Meisterschaft, die Proberunde läuft. Die Hitze kriecht nun auch in die Halle herein und lässt die Finger der Spieler:innen anschwellen. Vor jedem Wurf wird die Hand nun am Gebläse gekühlt. Nicole Wolfgruber von den Special Tigers freut es noch nicht wirklich: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich gewinne.“ Der großgewachsene Alex Bauer wirft die Bälle routiniert in die Vollen und klatscht alle ab, die sich mit ihm freuen. Daniel Stadlbauer bewegt seinen Ball im Putztuch, während seine Mutter weiterhäkelt. Romana Ortmann spürt bald ein leichtes Ziehen im Oberschenkel, wird aber trotzdem mit einem Schnitt von knapp 160 Punkten Wiener Meisterin. Auch die anfangs lustlose Bettina Weiss wirft ihre Kugeln immer besser und landet schließlich auf Platz zwei. Wenig überraschend entscheidet Andreas Treiss die Männerwertung seiner Gruppe für sich. Bald kann er Videos von sich selbst auf YouTube hochladen.
Alle sind Gewinner
Thomas Steuding ist da schon im Aufenthaltsraum, wo es brütend heiß ist. Nach Beendigung der Meisterschaft wird er schnell die Resultate in die Liste eintragen und die Rangliste erstellen. Zuvor müssen drei Kartons voller Pokale auf einen Tisch gestellt werden. „Da kriegt tatsächlich fast jede:r einen!“, sagt er. „Und doch gibt es immer wieder die Situation, dass jemand keinen bekommt.“ Um 11:30 Uhr sind die letzten Würfe absolviert. Während der Trainer noch rechnet, kommen auch die Spieler:innen schon in den Aufenthaltsraum und freuen sich auf ihre Hühnerschnitzel. Die Pokalüberreichung ist ein Fest, die Freude ist groß. Und schon nächste Woche geht es weiter. Da finden in Wien die Nationalen Sommerspiele 2026 statt, und es wird wieder heißen: „Strike!“
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Infos und Quellen
Quellen
- Die Specialisten
- Special Tigers
- Wien Bowling
- Vereine und Behindertenorganisationen
- Die Nationalen Sommerspiele
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