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US-Gesundheitsminister Kennedy kürzt Budgets zur mRNA-Impfforschung. Dafür opfert er wissenschaftliche Evidenz und bremst den Kampf gegen Krebs.
Nicht nur Krankheiten können tödlich sein, sondern auch Dummheit und - noch schlimmer – bewusste Lügen.
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Krebs tötet jedes Jahr zehn Millionen Menschen weltweit. Die Hälfte aller Männer und ein Drittel aller Frauen erhalten im Lauf ihres Lebens diese Diagnose. Das besonders Traurige ist, dass die Betroffenen jünger werden. Insbesondere Brust- und Darmkrebs werden bei unter 35-Jährigen immer häufiger diagnostiziert.
Doch es gibt Hoffnung. Bei allem Schrecken ist die Bekämpfung der Krankheit eine Erfolgsstory der Wissenschaft. Junge Menschen überleben Krebs öfter als früher. Tumorzellen werden zunehmend zeitiger erkannt und besser in Schach gehalten. Und es gibt neue Therapieformen. Eine wichtige Rolle wird den nobelpreisgekrönten mRNA-Impfstoffen beigemessen, die erstmalig während der Covid-19-Pandemie breit eingesetzt wurden.
Kampf gegen Krebs und Aids
Therapeutische Impfungen auf mRNA-Basis unterstützen Patient:innen, indem sie deren Immunsystem gezielt gegen die Tumorzellen mobilisieren. Zudem gibt es erste positive Ergebnisse zu einem universellen Impfstoff gegen Krebs, der die Krankheit verhindern könnte. Die mRNA-Impfungen gelten außerdem auch im Kampf gegen Aids als vielversprechender Ansatz für eine Impfung.
Doch nun droht das alles zu kippen, weil wissenschaftliche Ergebnisse entweder böswillig oder aus Dummheit falsch interpretiert werden. Robert Kennedy, Gesundheitsminister der aktuellen US-Regierung - will diese beweisbaren Erfolge nämlich nicht anerkennen. Der als Impfgegner bekannte Kennedy streicht 500 Millionen Dollar an Forschungsfinanzierung für mRNA-Impfstoffe in den USA, die in diesem Fachgebiet führend sind. Seine Begründung: Die Technologie bringe nichts, lasse Viren mutieren und funktioniere weder gegen Corona noch gegen die Grippe – alles beweisbar falsch. Er wolle auf stabilere Wirkmechanismen setzen und in Forschung zu Totimpfstoffen – bei Krebs bislang völlig unwirksam - investieren, sagt Kennedy und bezieht sich in einer Presseaussendung auf ein 181-seitiges Dokument.
Ein Zahnarzt als Virologie-Experte
Das Dokument ist jedoch keine offizielle Analyse eines Expert:innengremiums, sondern eine Ansammlung von Beiträgen, die nicht von Immunolog:innen, Vakzinolog:innen oder Infektiolog:innen, sondern als Hauptautor ist ein Zahnarzt angeführt. Größtenteils dreht es sich darin nicht um die direkte Wirkung von Impfungen, sondern um Laborexperimente zum Verhalten des Spike-Proteins des Coronavirus. Die Autor:innen bestärken Kennedy außerdem nicht, sondern sie heben hervor, dass die Impfung immer noch weit besser ist als die Krankheit, mRNA-Impfstoffe also nützlich sind.
„Die meisten Studien in dem Dokument bieten Evidenz für die Impfung. Doch Kennedy dreht genau diese Evidenz gegen Vakzine. Er handelt also entweder mit erstaunlicher Inkompetenz oder macht absichtlich eine Fehlinterpretation“, schreibt Jake Scott, Infektionsmediziner an der Stanfords University School of Medicine, in einer Analyse zum Thema.
Wirkungen und Nebenwirkungen
Wenn wir das Vertrauen in Gesundheits- und Wissenschaftssysteme stärken wollen, müssen wir zuallererst Forschungsergebnisse korrekt wiedergeben. Kennedy aber kehrt wissenschaftliche Evidenz ins Gegenteil, um Technologien zu schlecht zu reden, die wir dringend brauchen. Dass er das nicht aus reiner Dummheit macht, legt ein Vorwurf seiner Cousine Caroline Kennedy nahe. Die Tochter des früheren Präsidenten John F. Kennedy wirft ihrem Cousin in einer Videobotschaft an den US-Senat Heuchelei vor, da er seine eigenen Kinder sehr wohl impfen lasse, andere aber davor warne.
Wenn sie ihren Cousin richtig einschätzt, ist er ein Lügner, der auf dem Altar einer abstrusen Ideologie nicht nur wissenschaftliche Erkenntnis opfert, sondern auch Menschenleben. Zu Wirkungen und Nebenwirkungen frage man also am besten nicht den US-Gesundheitsminister.
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Infos und Quellen
Transparenz
Daten der Statistik Austria zeigen: In Österreich steigt die Zahl der Krebsdiagnosen. 2023 wurden rund 46.500 Neuerkrankungsfälle gemeldet – ein Jahr zuvor waren es knapp 1.300 weniger. Die Überlebenswahrscheinlichkeit nach einer Krebsdiagnose ist in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen sterben laut Statistik Austria derzeit jährlich etwa sechs von 100.000 Personen an den Folgen einer Krebserkrankung – vor 40 Jahren waren es in derselben Gruppe noch mehr als doppelt so viele. Mehr darüber auf science.orf.at.
Quellen
- Bericht zu mRNA als Vorlage für US-Regierung: mRNA "vaccine" harms research Collection
- STAT: Kennedy’s case against mRNA vaccines collapses under his own evidence
- ÖAW: Welche Folgen die US-Entscheidung für die mRNA-Forschung hat
- UF College of Medicine: Surprising finding could pave way for universal cancer vaccine
Das Thema in der WZ
- Trumps Krieg gegen US-Unis schadet jungen Forscher:innen
- ,,Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen”
- Eine Impfung gegen Krebs
Das Thema in anderen Medien
- ARD-Tagesschau: Ein Impfgegner für den Gesundheitsschutz? und Kennedy streicht Gelder für mRNA-Impfstoffe
- Economist/The Intelligence Podcast: The smaller C: progress in beating Cancer
- Scientific American: Why mRNA Vaccines Are So Revolutionary—And What’s at Stake if We Lose Them
- Quarks: mRNA-Impfung: erst Corona, dann Krebs?
- Der Standard: Bringt eine neue mRNA die Impfung gegen Krebs?
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