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Auf der Suche nach den toten Migrant:innen von Arizona

8 Min
Ein Grenzzaun mit einem Totenkopfschatten und der amerikanischen Flagge hinter den Pfählen.
Flucht in die USA - ein hochriskantes Unterfangen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Aktivist:innen einer humanitären Organisation starten regelmäßig Gewaltmärsche durch die Sonora-Wüste, um die sterblichen Überreste umgekommener Migrant:innen zu bergen: WZ-Reporter Arndt Peltner hat sie begleitet.


Ajo in Arizona ist mit knapp 3.000 Einwohnern die letzte größere Gemeinde vor der mexikanischen Grenze. Der Highway 85 führt von Norden kommend zur zentralen Plaza, die von einstöckigen Gebäuden im spanischen Kolonialstil umrahmt ist. In einer Seitenstraße liegt das kleine Haus von James Holeman, das er zum „Headquarter” seiner humanitären Organisation „Battalion Search & Rescue” umfunktioniert hat. Von hier aus startet der 58-Jährige regelmäßig mit ein paar Mitstreiter:innen seine Gewaltmärsche in die Wüste. Auf der Suche nach sterblichen Überresten von Migrant:innen, die ohne legale Dokumente über die Grenze kamen und einfach verschwanden. Auf der Suche nach den „Verlorenen, aber nicht Vergessenen” da draußen, wie James Holeman sagt.

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Da draußen, das ist die Sonora-Wüste im Süden des US-Bundesstaates Arizona. Eine Wüste, die flächenmäßig zu den größten der Welt gehört, mit einer Landschaft, die außergewöhnlich ist: mit Kakteen, Mesquite, seltenen Vögeln und einem schier endlosen Horizont. Faszinierend für Besucher:innen – tödlich für viele Migrant:innen auf ihrem Weg in ein besseres Leben. Sie stranden hier in der Wüste, auf US-amerikanischem Boden.

Raus ins Niemandsland

Vor etlichen Monaten, im Hochsommer, war ich schon einmal mit James unterwegs. Damals hatte er einen Tipp und genaue Koordinaten übermittelt bekommen. Wir trafen uns auf einem Parkplatz südlich von Ajo und James nahm mich in seinem alten Pickup mit. Es ging erst Richtung Süden und dann gut 30 Kilometer weiter auf einer unbefestigten Straße Richtung Westen, immer weiter raus ins Niemandsland. Es war heiß, die Autofenster waren offen. Ich werde seine Worte nie vergessen: „Right here. Can you smell it? Oh fuck, he’s still there.” Der stechende Geruch eines verwesenden Leichnams lag in der Luft. Und dann fanden wir ihn: In einem großen Rohr unterhalb der Straße lag ein menschlicher Körper. Die rechte Hand wies starr nach oben. Der Kopf des Mannes lag abgewandt auf dem Oberarm. Nur ein paar Schritte entfernt von der sogenannten „Trump Wall“, einem mehr als zehn Meter hohen Konstrukt aus Stahlträgern, das mit Beton im Boden eingelassen und schnurgerade entlang der Grenze zu Mexiko gezogen ist.

Ende Februar kam ich nach einer langen Autofahrt wieder nach Ajo. James, Abbey, Duffy und Aidan warteten schon auf mich. Kurz nach meiner Ankunft ging es gegen 18:30 Uhr los. Wir luden unsere vollgepackten Rucksäcke auf die Ladefläche des Pickups und dann brachte uns Mike, ein Nachbar, über eine holprige Piste auf eine Anhöhe. Vor uns lag das „Cabeza National Wildlife Refuge”, ein riesiges Naturschutzgebiet. Es war stockdunkel, als wir nach 45 Minuten Autofahrt am Ziel ankamen.

Endloses, offenes Tal

Am nächsten Tag bei Sonnenaufgang geht es los. Zwei Kilometer marschieren wir auf einem ausgewaschenen Weg den Berg hinunter. Ein paar Reifenspuren von Geländewagen und ATVs sind zu erkennen. Am Fuß der Anhöhe eine lebensrettende Wasserstelle von „Humane Borders“, einer humanitären Organisation in der Region, die regelmäßig Dutzende von Wasserfässern befüllt. Schon von weitem ist die blaue Fahne der NGO zu sehen.

Wir machen uns bereit für den ersten langen Tagesmarsch, füllen unsere Wasserflaschen, tragen Sonnencreme auf. Vor uns liegt ein fast 18 Kilometer breites und von Norden nach Süden zur mexikanischen Grenze schier endlos offenes Tal. Das Gelände ist mal sandig, mal steinig, zerfurcht von den Sturzbächen nach den Regenfällen. Überall sind Kakteen, stachelige Sträucher und Gebüsch. Wir marschieren im Tageslicht, können die Unwägbarkeiten des Untergrunds erkennen. Migrant:innen, die von Süden kommen, sind nachts unterwegs, versuchen sich anhand des Sternenhimmels und verschiedener Bergketten zu orientieren.

James Holeman hat sich für dieses Wochenende ganz bewusst dieses Tal ausgesucht. Es sei zwar aktuell nicht mehr eine der Hauptrouten Richtung Norden, meint er, doch auf Karten verschiedener humanitärer Gruppen sei ersichtlich, dass hier draußen bereits Hunderte von menschlichen Überresten gefunden wurden. Unsere Linie aus fünf Personen ist gerade mal 100 Meter breit. Wir gehen um Sträucher herum, marschieren durch hohes Gras, vertrocknetes Unterholz. Es ist wie eine Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen entlang von sogenannten „Washs“, ausgetrockneten Bachbetten, die während der Regenzeiten zu reißenden Strömen werden. Entlang der Ufer wachsen Bäume, die den einzigen Schatten zum Ausruhen spenden. Rastplätze für durchkommende Menschen, aber auch Sterbeplätze für ausgemergelte und verdurstende Migrant:innen.

„Trump Wall“ hat Menschen nicht gestoppt

Die karge und oftmals tödliche Wüstenlandschaft soll Abschreckung für Migrant:innen sein. Und das nicht erst seit der Wahl von Donald Trump im Jahr 2016. Schon seit Mitte der 1990er-Jahre, als der Demokrat Bill Clinton Präsident war, wurde eine Grenzpolitik verfolgt, die mit einer Militarisierung der „Border”, mit dem Einsatz von schwerbewaffneten Grenzpolizisten, Hubschraubern, Drohnen und Aufklärungstechnik, Migrant:innen abschrecken sollte. Der Bau der „Trump-Wall“ hat die Menschen auf ihrem Weg ins gelobte Land USA nicht gestoppt, nur weiter hinaus in gefährlichere und abgelegenere Gegenden geführt.

Nach etwa zwei Stunden Marsch stoßen wir auf den ersten Knochen. Grau, ausgetrocknet, lang, wie ein Oberarmknochen. Abbey fotografiert ihn, legt einen Maßstab daneben, um die Größe zu dokumentieren, notiert sich die genauen Koordinaten, die nach unserer Rückkehr an das Büro des Sheriffs durchgegeben werden. Dann markiert sie die Stelle mit einem rosafarbenen Band. Berührt oder bewegt werden die Knochen nicht, denn das hier ist ein Tatort, auch wenn die Ermittler:innen wohl nur zum Einsammeln der sterblichen Überreste kommen werden.

Eine Momentaufnahme an der Grenze zwischen USA und Mexiko.
Migranten an der berüchtigten Trump-Wall.
© Fotocredit: GO NAKAMURA / REUTERS / picturedesk.com

Zahl der Toten steigt rapide

Im Bezirk Pima County setzt man auf „Closure”, ein würde- und respektvolles Ende einer tragischen Geschichte, die sich immer und immer wieder wiederholt. Das ist einmalig im Grenzbereich der USA zu Mexiko. Nirgends sonst arbeiten humanitäre Gruppen, die Gerichtsmedizin und weitere gemeinnützige Organisationen so eng zusammen. Die Zahl der Toten, die in diesem County in der Wüste gefunden wurden, stieg seit dem Jahr 2000 rapid an. Weit über 4.000 menschliche Überreste wurden seitdem gefunden und in die Gerichtsmedizin von Pima County gebracht. Dort werden die Leichname in den Kühlräumen aufbewahrt, in der Hoffnung, sie zu identifizieren und die Angehörigen zu finden.

Gleich neben dem Flachbau der Gerichtsmedizin steht ein 20 Meter langer Lkw-Anhänger: Darin liegen etwa 300 Kartons, in denen die Knochen und Schädel der Menschen liegen, die noch nicht identifiziert werden konnten. Abgepackt in Säcken, versehen mit einem Aktenzeichen und dem Fundjahr. Seit 2018 werden alle Knochenfunde aufbewahrt, zuvor wurden sie kremiert. Die Behörden versuchen, die Namen der Verstorbenen zu ermitteln – mithilfe von Details wie Größe, Tätowierungen, Verletzungen, Narben oder Zahnlücken. Auch DNA wird entnommen. Manchmal liegen am Fundort noch Kleidungsstücke, Ausweise, Fotos, Schmuck. Jedes noch so kleine Detail wird aufgelistet und aufbewahrt. Ziel ist es, Familien und Angehörige benachrichtigen zu können, „Closure“ zu geben.

Das hier sind die amerikanischen „Killing Fields“. Keiner weiß, wie viele Menschen in der Wüste elendig verreckt sind.

Wir marschieren weiter durch die Wüste. Vor einem „Wash“ stoße ich auf einen längeren Knochen, drei Meter daneben zwei weitere. Ich rufe die anderen. Aidan findet noch einen, Duffy stößt hinter einem Strauch auf den Schädel. Das Loch in der Schläfe sieht aus wie eine Schusswunde.

Vier Schädel und mehrere Knochen von insgesamt acht Menschen werden wir in den zwei Tagen Wüstenwanderung über mehr als 50 Kilometer finden. Das hier sind die amerikanischen „Killing Fields“. Keiner weiß, wie viele Menschen in der Wüste elendig verreckt sind, ihre sterblichen Überreste von Tieren gefressen wurden. Gefunden werden schließlich nur noch wenige Knochen.

Amerika hat ein Problem

Amerika hat ein Problem an der Grenze, das ist allen klar. Doch die Lösung dieses Problems wird es nicht an der Grenze geben. Was die letzten Jahre trotz Militarisierung, „Trump-Wall“, aktiven Militia-Gruppen an der „Border“ und brutalen Kartellen auf der mexikanischen Seite ganz deutlich gezeigt haben, die Menschen kommen und nehmen diese Risiken und Gefahren auf sich, selbst die, in der Sonora-Wüste zu sterben.

Nach fast 48 Stunden werden wir am „Devil’s Highway“ abgeholt. Es war für uns alle eine Extremerfahrung, körperlich wie auch psychisch. James meint, es sei diese konkrete Hilfe, die er hier leisten kann, die ihn antreibt, die ihn immer wieder in die Wüste bringt. Er sei keine morbide Person auf der Suche nach Knochen und Leichen, meint James. Er liebe das Leben, jeden Atemzug. Aber hier könne er sich einbringen. Jedes Leben zähle.