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Singen macht nicht nur Spaß, sondern ist auch gesund und bringt Menschen einander näher. Also viel Spaß bei den Weihnachtsliedern!
Weihnachtslieder singen, ja oder nein? Wer befürchtet, dabei nicht den richtigen Ton zu treffen, sollte sich nicht den Kopf zerbrechen, sondern aus voller Kehle „Stille Nacht” anstimmen. Denn Singen macht nicht nur Spaß, sondern ist auch gesund. Es stärkt die Abwehrkräfte, kurbelt den Kreislauf an, verbessert die Körperhaltung und macht glücklich. Vom Gehirn bis zum Herzen bring das Singen Vorteile für diejenigen, die es tun, speziell wenn sie in Gruppen tönen.
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„Singen ist eine kognitive, körperliche, emotionale und soziale Handlung“, sagte der Musiktherapeut Alex Street https://cambridgeshiremusictherapy.co.uk/ vom Cambridge Institute for Music Therapy Research kürzlich zur britischen BBC. Er untersucht, wie Musik eingesetzt werden kann, damit Menschen nach Hirnverletzungen schneller genesen. Der Gesang aktiviert neuronale Netzwerke auf beiden Seiten des Gehirns, wodurch die Regionen für Sprache, Bewegung und Emotionen angesteuert werden – mit erstaunlichen Auswirkungen.
Das vielleicht bemerkenswerteste Beispiel dafür ist die ehemalige US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords, die 2011 bei einem Attentat einen Kopfschuss überlebte. Im Laufe vieler Jahre lernte Giffords wieder zu gehen, zu sprechen, zu lesen und zu schreiben. Dabei setzten die Therapeut:innen Lieder aus ihrer Kindheit ein. Ähnliche Ansätze helfen Schlaganfallpatient:innen bei der Wiedererlangung ihrer Sprachfähigkeit, da das Singen die vielen Stunden der Wiederholung bietet, die erforderlich sind, um neue Verbindungen zwischen den Gehirnhälften herzustellen.
Der Körper ist das Instrument
Psycholog:innen wiederum fasziniert die Einigkeit, die gemeinsam singende Menschen zu haben scheinen. Bands oder Chöre können ein Gefühl der sozialen Zusammengehörigkeit entwickeln, das selbst die zurückhaltendsten Mitglieder der Gruppe im Gesang vereint. Sogar völlig fremde Personen können beim gemeinsamen Singen schneller als sonst enge Bindungen knüpfen. In diesem Sinne sind Chöre ein Eisbrecher (siehe Infos und Quellen).
Warum der Effekt stärker ist als beim Musizieren mit Instrumenten, haben schwedische Forschende untersucht. Das Team der Universität Göteborg hat die Herzfrequenz von Chormitgliedern bei der Darbietung verschiedener Liedstrukturen gemessen und herausgefunden, dass das gemeinsame Singen ihre Herzfrequenz und Gehirnaktivität bis zu einem gewissen Grad synchronisiert. Beim Singen ist der Körper das Instrument. Es schwingt nicht die Geige, sondern man selbst.
Endorphine steigern das Wohlbefinden
Laut den Forscher:innen um den Musikwissenschaftler Björn Vickhoff verlangsamt sich der Herzschlag beim Ausatmen und erhöht sich beim Einatmen. Die Art der Atmung steuert also die Herzfrequenz, die wiederum der Art des Liedes folgt. Zurückzuführen sei dieser Effekt auf die Aktivität des Vagusnervs, der den Körper entspannen lässt. Der Vagus ist mit den Stimmbändern und Muskeln im hinteren Teil des Rachens verbunden. Er reguliert das Nervensystem und steuert sowohl das Ruheempfinden als auch die Verdauung und die inneren Organe. Singen ist also in Kombination mit der Konzentration auf die Atmung ein Mittel zum Stressabbau.
Nicht umsonst dreht sich die Atemtechnik beim Singen unter anderem um eine tiefe, entspannte Bauchatmung, um Klangvolumen und Stabilität zu gewinnen. Dabei werden Endorphine freigesetzt, die mit Freude, Wohlbefinden und Schmerzunterdrückung in Verbindung gebracht werden.
Good Vibes für Gehirn, Herz und Psyche
Zu den Menschen, die am meisten vom Singen profitieren, gehören diejenigen mit chronischen Atemwegserkrankungen. Das berichtet ein Team um Natasha Smallwood von der Monash University in Melbourne, das die Auswirkungen auf Menschen mit chronischer Kurzatmigkeit erforscht hat. Regelmäßiger Gesang brachte Erleichterungen für Patient:innen mit der schweren Lungenerkrankung namens COPD, für die es keine Heilung gibt.
Singen ist eine Möglichkeit, die allgemeine Gesundheit zu fördern. Es hat sich als Training erwiesen, das mit zügigem Gehen vergleichbar ist. Es kann das Immunsystem stärken, das Kuschelhormon Oxytocin durch den Körper schicken und trübe Stimmungslagen vertreiben. Außerdem hat es Vorteile für die Psyche von Menschen, die mit langfristigen chronischen Erkrankungen leben. Alex Street und seine Kolleg:innen haben die Auswirkungen der Teilnahme an eigens gegründeten Chören für Krebs- und Schlaganfallpatient:innen, Menschen mit Parkinson und Demenz sowie deren Pflegekräfte untersucht.
Fokus auf das, was wir können
Der gemeinsame Gesang verbesserte erstens die Artikulationsfähigkeit von Parkinson-Patient:innen, die damit im Krankheitsverlauf Probleme damit haben. Zweitens konnten sich alle auf das konzentrieren, was sie im Grunde können. „Es schafft eine Gleichheit im Raum, in dem die Pflegekräfte nicht mehr nur Pflegekräfte sind und auch die Ärzte das gleiche Lied auf die gleiche Weise singen“, meint Street. „Es gibt nicht viel anderes, das das bewirkt. Die positiven Reaktionen zeigen sich in helleren Stimmen, Mimik und Körperhaltung.“
Einige Anthropolog:innen sind der Ansicht, dass unsere hominiden Vorfahren schon sangen, bevor sie sprechen konnten, und mit Lautäußerungen die Geräusche der Natur nachahmten oder Gefühle ausdrückten. Dies könnte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung komplexer sozialer Dynamiken, emotionaler Ausdrucksformen und Rituale gespielt haben.
Singen ist Teil des Lebens. Unabhängig davon, ob man musikalisch begabt ist oder nicht, sind Gehirn und Körper von Geburt an offenbar darauf eingestellt sind, positiv auf Gesang zu reagieren. Also behängt euch mit jeder Menge Lametta und viel Spaß mit den Weihnachtsliedern! Fröhliche Weihnachten.
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Infos und Quellen
Quellen
- Frontiers in Psychology: Music structure determines heart rate variability of singers
- Website der ehemaligen US-Kongressabgeordneten Gabrielle Giffords
- Royal Society Open Science: The ice-breaker effect: singing mediates fast social Bonding
- European Respiratory Journal: Use of Singing for Lung Health
- Journals of the Voice: A Review of the Physiological Effects and Mechanisms of Singing
- Voice and Speech Review: The Role of the Vagus Nerve in Speaking and Singing
- National Library of Medicine: A Song for the Mind
- Brain Communications: Efficacy of a multicomponent singing Intervention
Das Thema in anderen Medien
- BBC: The world's most accessible stress reliever und Why singing is surprisingly good for your Health
- Bayern 1: Warum wir jetzt viel häufiger singen
- Science.orf.at: Herzen von Chorsängern schlagen synchron
- Die Presse: Singen ist oft der erste Schritt zur Heilung
- Planet Wissen: Warum singt der Mensch?
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