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Die zwiespältige Windkraft-Politik der FPÖ

7 Min
Die Windkraft hat mancherorts Migration als größtes Feindbild abgelöst.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die FPÖ hat in der Windkraft ein neues Feindbild gefunden: Sie sei ineffizient, zerstöre die Natur und mache krank. Doch in der Steiermark setzt die Regierung von FPÖ-Landeshauptmann Mario Kunasek voll auf Windenergie. Wie passt das zusammen?


    • Die FPÖ lehnt Windkraft in den meisten Bundesländern ab, in der Steiermark fördert Landeshauptmann Mario Kunasek jedoch den Ausbau.
    • Die Partei nutzt Ängste vor Landschaftsveränderung und präsentiert Windkraft als ineffizient und gesundheitsschädlich, obwohl wissenschaftliche Belege fehlen.
    • Trotz FPÖ-Kritik ist der Flächenverbrauch gering und Windkraft spielt eine zentrale Rolle für Österreichs Ökostrom-Ziele.
    • 1.447 Windräder in Österreich, 122 davon in der Steiermark
    • Windräder decken mit PV und Wasserkraft 94 % des Strombedarfs
    • Bis 2030 soll 100 % Ökostrom erreicht werden
    • Herstellung eines Windrads verursacht 2.000–4.000 Tonnen CO₂
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Das Feindbild der FPÖ steht auf dem Acker. 150 Meter hoch, Stahlbeton, glasfaserverstärkter Kunststoff, tonnenschwere Rotorblätter. Ein Windrad deckt den Strombedarf von rund 1.400 österreichischen Haushalten. Sauber, kostengünstig und direkt vor der Haustür. Doch die „Heimatpartei“ FPÖ kämpft gegen den heimischen Energieträger: Windräder seien ineffizient, sie würden die Landschaft verschandeln und krank machen. Mancherorts hat Windenergie Migration als größte Bedrohung abgelöst.

Die Freiheitlichen in den Ländern sind bei der Anti-Windkraft-Position ganz auf Linie. „In Salzburg machen Windräder keinen Sinn“, sagte Marlene Svazek 2023, damals noch FPÖ-Spitzenkandidatin in Salzburg. „Oberösterreich ist schlichtweg kein Windkraftland“, sagte Oberösterreichs FPÖ-Chef Manfred Haimbuchner Ende 2024. „Es wird keine weiteren Windräder auf den Kärntner Bergen und Almen geben“, sagt Kärntens FPÖ-Chef Erwin Angerer. „Keine Windräder ohne Volksbefragung“, sagt Niederösterreichs FPÖ-Energiesprecher Dieter Dorner im Februar 2026.

Steirische FPÖ als Windkraft-Vorreiter

Doch ein Bundesland schert aus. In der Steiermark bremst die FPÖ nicht bei der Energiewende. Im Gegenteil: Die blau-schwarze Regierung unter Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ) setzt voll auf Windkraft: „Wir bekennen uns zum Ausbau erneuerbarer Energiequellen wie Photovoltaik-, Windkraft- und Wasserkraftanlagen sowie Biomasse- und Biogasanlagen“, heißt es im Regierungsübereinkommen von FPÖ und ÖVP. „Weiß diese Partei eigentlich, was sie will, oder ändert sie ihre Meinung so schnell wie der Wind die Richtung?“, fragt sich ein FPÖ-Anhänger auf Facebook.

Aktuell liefern 122 Windräder in der Steiermark Strom. Nach den Plänen des gerade erst in Begutachtung gegangenen Sachprogramms Windenergie 2026 sind künftig neue Anlagen mit einer Leistung von 530 Megawatt möglich – deutlich mehr als die von FPÖ und ÖVP im Regierungsprogramm vereinbarten 400 Megawatt. Das Land legte 18 neue Vorrang- und Eignungszonen fest. Gleichzeitig wurde die Fläche, in der keine Windräder gebaut werden dürfen, um 40.000 Hektar erweitert. 27 Prozent der steirischen Landesfläche wurden als Ausschlusszone definiert.

Doch wie passt der steirische Kurs zur freiheitlichen Ablehnung von Windkraft? „Die Steiermark baut die Windkraft mit Bedacht aus“, heißt es dazu auf WZ-Anfrage aus dem Büro von Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ). Ein Sprecher betont, dass jeder Standort „sowohl die hohe technische Eignung als auch ein vertretbares ökologisches Profil aufweist.“ Während die FPÖ in Oberösterreich und Kärnten gegen jedes neue Windrad kämpft, will die Steiermark bis 2029 zwischen 105 und 164 neue Windräder installieren. Die steirischen Blauen als Erneuerbaren-Vorreiter also?

Das hat zum einen strategische Gründe. In Oberösterreich wird 2027, in Kärnten und Salzburg 2028 gewählt. Die FPÖ versucht sich hier klar, gegen Windräder zu positionieren. Sie greift in der Bevölkerung bestehende Vorbehalte gegen Windkraft auf und versucht damit, Wähler:innen zu mobilisieren. Zum anderen ist die FPÖ in Nieder- und Oberösterreich der Juniorpartner in der Regierung, in der Steiermark stellen sie den Landeshauptmann. „Als Regierungspartei zeigen sie sich progressiver. Gleichzeitig haben sie über die Auflagen sehr viel Kontrolle, was in Sachen Windkraftausbau passiert“, sagt der Politikwissenschaftler Robert Huber von der Universität Salzburg, der unter anderem zu Klima- und Umweltpolitik sowie Populismus forscht.

Neues Gesetz soll Windkraft-Ausbau beschleunigen

Der Windkraft-Ausbau stockt jedoch, durch langwierige Verfahren, fehlende Flächen, regionale Blockaden. 1.447 Windräder gibt es aktuell in Österreich. Sie decken zusammen mit Photovoltaik und Wasserkraft 94 Prozent des heimischen Strombedarfs. Bis 2030 will sich Österreich mit 100 Prozent Ökostrom versorgen. Die Windkraft muss ihre heutige Leistung bis dahin verdoppeln. 90 Prozent der erzeugten Windenergie werden derzeit von nur zwei Bundesländern gedeckt: Niederösterreich und Burgenland. In Salzburg, Tirol und Vorarlberg steht kein einziges Windrad.

Künftig müssen auch die westlichen Bundesländer ihren Beitrag zur Energiewende leisten. Die Regierung einigte sich vor kurzem auf das Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungsgesetz (EABG). Es sieht unter anderem verbindliche Ausbau-Ziele für jedes Bundesland und beschleunigte Verfahren vor. Noch ist das Gesetz nicht beschlossen. Es benötigt eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Nationalrat. Die FPÖ lehnt den Entwurf ab.

„Es macht Sinn, dass die FPÖ Windkraft als etwas Negatives sieht“, sagt Politikwissenschaftler Huber. Die Freiheitlichen warnen vor der Verschandelung der Landschaft durch Windräder. Sie präsentieren sich als Gegenentwurf zu den Grünen: als Umweltpartei, die Wälder, Wiesen und Tiere vor Windrädern schützen will. „Die Windkraft als industrielles Elitenprojekt passt gut in das rechtspopulistische Weltbild: Wir vertreten das Volk, nicht die Investoren“, sagt Huber. Die Partei nutzt die Ängste der Bevölkerung vor Veränderung und ihre Sorge um das Landschaftsbild. Zu Anti-Windkraft-Bewegungen gibt es ideologische Überschneidungen: „Für die Partei ist das attraktiv, weil sie gewisse Wählergruppen mobilisieren kann“, sagt Huber.

Mythen und einseitige Informationen über Windkraft

Laut blauer Erzählung machen Windräder krank, sie sind teuer, ineffizient und verbrauchen sehr viel Fläche. In Aussendungen liefert die FPÖ einseitige Informationen, in der sie die Nachteile der Windkraft betonen. Etwa, dass die „enorme CO2-Belastung eines Windrads gerne verschwiegen wird“. 2.000 bis 4.000 Tonnen CO2 verursache die Herstellung eines Windrads, wie es in einer Aussendung der FPÖ Oberösterreich heißt. „Die Zahlen kommen hin“, sagt Christoph Dolna-Gruber von der Energieagentur. Was die FPÖ jedoch nicht erwähnt: „Ein Windrad erzeugt über die gesamte Nutzungsdauer hinweg 20- bis 40-mal mehr Energie, als zu seiner Herstellung nötig war.“ Moderne Windkraftanlagen haben nach sieben bis neun Monaten so viel CO2 eingespart, wie durch Produktion und Errichtung angefallen sind.

Der Bau eines Windrads ist zweifellos ein Eingriff in das Landschaftsbild – doch ein streng reglementierter. Für den Bau einer neuen Windkraftanlage gelten viele Auflagen und Einschränkungen. Nationalparks, Natura-2000-Gebiete und Landschaftsschutzgebiete sind tabu. Zu Siedlungsgebieten muss ein Mindestabstand gewährleistet sein, in der Steiermark 1.000 Meter. Große Windkraftprojekte unterliegen dem Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz (UVP-G). Es werden Gutachten zu Sichtachsen, Schattenwurf, Lärm und etwa Flugkorridoren von Vögeln erstellt. In bestimmten Zonen (in der Steiermark Eignungszonen) braucht es die Zustimmung der Gemeinden.

Ein Windrad braucht weniger Fläche als ein Fußballfeld

Von einem „Zupflastern“ Österreichs, wie von der FPÖ gerne propagiert, kann keine Rede sein. In ganz Österreich sind lediglich 0,3 Prozent der Landesfläche für die Nutzung von Windenergie geeignet. In der Steiermark sieht das neue Windprogramm Eignungs- und Vorrangzonen von 4.800 Hektar vor. Eine Fläche, die nicht einmal einem Prozent der Landesfläche entspricht. Der Flächenverbrauch pro Windrad ist dabei gering. Er liegt bei 0,2 bis 0,5 Hektar – ein Fußballfeld hat 0,7 Hektar. Der Betonsockel versiegelt Boden, „doch die Flächen um das Windrad können zu 95 Prozent weiter landwirtschaftlich genutzt werden“, sagt Energieexperte Dolna-Gruber. Forststraßen und landwirtschaftliche Güterwege, die zu den Windkraftanlagen führen, sind meist schon vorhanden.

Das Hauptargument der FPÖ, die Windkraft sei teuer und ineffizient, zielt auf das Flauten-Problem ab: Weht kein Wind, wird auch kein Strom produziert. FPÖ-Chef Herbert Kickl spricht von „Zappelstrom“. „Keine Technologie allein kann für Versorgungssicherheit im Stromsystem sorgen“, sagt Dolna-Gruber. Nötig sei ein Mix an vielen Erzeugungsarten, kombiniert mit Speichern und robusten Stromnetzen. „Windkraft spielt eine entscheidende Rolle, denn im Gegensatz zu Photovoltaik und Wasserkraft liefert sie vor allem dann Energie, wenn unser Stromverbrauch am höchsten ist: in der kalten Jahreszeit.“ Windkraft ist darüber hinaus sehr gut prognostizierbar, auch Tage im Voraus.

Bleibt noch der gesundheitliche Aspekt. Machen Windräder krank, wie die FPÖ oft in den Raum stellt? „Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg für eine Gesundheitsgefährdung durch Infraschall von Windrädern“, sagt Energieexperte Dolna-Gruber. Infraschall ist der besonders niederfrequente Teil des Schallspektrums, das von jedem Geräusch ausgeht: von einem Auto, einem Bach oder einem Kühlschrank. Auch Windkraftanlagen haben diese Schallemissionen – sie nehmen jedoch mit der Entfernung ab. Auch deswegen gibt es Mindestabstände zu Wohnhäusern.

Sie werden auch in Zukunft eingehalten, wenn die Windkraft weiter ausgebaut wird. Auf Äckern und Wiesen werden sich Windräder drehen, die FPÖ wird gegen sie Stimmung machen. Nur in der Steiermark weht der Wind anders.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner

  • Gerold Fraidl, Sprecher Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ)
  • Presseteam freiheitlicher Parlamentsklub
  • Robert Huber, Politikwissenschaftler, Universität Salzburg
  • Maximilian Gutjahr, Büro Landesrätin Simone Schmiedtbauer (ÖVP)
  • Harald Grießer, Leiter der Landes- und Regionalentwicklung Steiermark
  • Christoph Dolna-Gruber und Günther Pauritsch, Energieexperten Österreichische Energieagentur
  • Gerhard Maier, Sprecher IG Windkraft

Daten und Fakten

  • Bisher finden rund 90 Prozent der gesamten Stromproduktion durch Windkraft in Niederösterreich und dem Burgenland statt. Die Bundesregierung will mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Beschleunigungs-Gesetz den Ausbau von Erneuerbaren Energien vorantreiben. Das Gesetz sieht verbindliche Ausbauziele für jedes Bundesland vor, auch für jene, in denen bis jetzt noch keine Windkraftanlage steht. Die Regierung ist sich bei dem Gesetz einig, für den Gesetzesbeschluss braucht sie aber eine Zweidrittel-Mehrheit im Nationalrat.
  • Sonne, Wind und Wasser liefern bereits 94 Prozent des Strombedarfs. Beim Gesamtenergieverbrauch gibt es hingegen noch ziemlich viel Luft nach oben: 43 Prozent werden derzeit von erneuerbaren Energien gedeckt.
  • Österreichs Ziel ist, bis 2030 den Strom vollständig aus Erneuerbaren Energien decken zu können. 17 Terawattstunden müsste die Windkraft bis dahin liefern, so sieht es das Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz vor. Übersetzt heißt das: Die Windkraft müsste ihre heutige Leistung bis dahin verdoppeln.
  • Aktuell sind in Österreich 1.447 Windräder mit einer Leistung von 4.221 Megawatt installiert. 2,7 Millionen Haushalte können damit mit Strom versorgt werden.

Quellen

Das Thema in der WZ

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