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Der Gedanke, dass Fleiß allein über Erfolg entscheidet, ist weit verbreitet – doch er verschweigt, dass nicht alle denselben Ausgangspunkt haben. Ein Kommentar von Maria Lovrić-Anušić.
„Ich habe den Master in der Regelstudienzeit abgeschlossen, das war voll machbar“, erzählte mir eine Kommilitonin an unserem Sponsionstag. „Und du?“, hakte sie nach. Ich zögerte. Noch bevor ich antworten konnte, überrollte mich eine Welle der Scham, denn ich hatte nicht zwei, sondern fünf Jahre gebraucht. In meinem Kopf begann es zu kreisen: Habe ich es nicht genug gewollt? Habe ich mich nicht ausreichend angestrengt? Der Stolz darüber, als erste in meiner Familie einen Masterabschluss zu haben, verschwand sofort.
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Solche Momente zeigen mir, wie tief sich bestimmte Überzeugungen in mein Denken verankert haben. Aussagen wie „Jeder kann alles schaffen“ oder „Man muss es nur wirklich wollen“ klingen zunächst motivierend, entpuppen sich aber bei näherem Hinsehen als unrealistische und zugleich problematische Traumvorstellungen.
Sie geben einem das Gefühl, dass wenn man etwas nicht erreicht, man zu 100 Prozent selbst dafür verantwortlich ist. À la: „Upsi, du hast es wohl nicht wirklich gewollt.“ Sie vertuschen strukturelle Probleme in der Gesellschaft wie Armut, Diskriminierung und Rassismus. All diese Dinge haben einen riesigen Einfluss darauf wie viele seiner Träume man sich wirklich erfüllen kann beziehungsweise, wie lange man bis dahin braucht.
In einer Befragung zur Chancengleichheit in Österreich gaben ganze 54 Prozent an, dass sie nicht daran glauben, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben. Ich würde mich dem anschließen. Oft hatte ich das Gefühl, für dieselben Ergebnisse mehr leisten zu müssen als andere. Ich komme nämlich nicht aus einem Akademiker:innen-Haushalt, vieles musste ich mir selbst aneignen: Wie inskribiert man sich an der Universität? Wie schreibt man eine gute Bewerbung, und wo findet man überhaupt Praktika?
Mir fehlte ein Auffangnetz, das es mir erlaubt hätte, mir diese Fragen nicht selbst beantworten zu müssen. Menschen, die aus einem finanziell abgesicherten Elternhaus kommen, psychisch und physisch gesund sind und ein unterstützendes Umfeld haben, können ihren Weg deutlich entspannter zurücklegen. Dennoch bin ich eine der Privilegierteren.
Doch ein Tobias zum Beispiel, der in Armut bei seiner alleinerziehenden Mutter aufwächst, die jeden Cent zweimal umdrehen muss, um über die Runden zu kommen, startet noch mehr Schritte hinter den anderen.
So auch eine Elif, deren Eltern als Gastarbeiter aus der Türkei nach Österreich gekommen sind. Sie ist von klein auf damit beschäftigt, sich durch Vorurteile zu kämpfen.
Beide brauchen länger und stoßen immer wieder auf Hindernisse. Und dann gibt es noch Menschen wie Tamara, die mit 15 chronisch krank wird. Sie muss ihren Traum von einem Moment auf den anderen aufgeben und sich umorientieren.
Strukturelle Probleme wie Armut, Diskriminierung und Rassismus schaffen ungleiche Ausgangsbedingungen, die sich nicht allein durch Fleiß oder Willenskraft überwinden lassen. Wer in Armut aufwächst, hat oft schlechteren Zugang zu Bildung, Netzwerken und finanziellen Ressourcen. Diskriminierung führt dazu, dass Menschen trotz gleicher Leistung weniger Chancen bekommen, sei es auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssystem oder im Alltag. Diese Hürden sind keine individuellen Schwächen, sondern gesellschaftlich verankerte Barrieren. Umso wichtiger wäre es, diese strukturellen Ungleichheiten zu erkennen und notwendige Veränderungen im System anzustoßen, anstatt sie zu ignorieren und allen die gleichen Chancen zuzuschreiben.
Ja, Anstrengung ist wichtig. Aber sie passiert nie im luftleeren Raum. Ich habe meine Ganze Studienzeit gearbeitet und schlecht bezahlte Praktika gemacht. Ich konnte es mir schlichtweg nicht leisten meine komplette Energie ausschließlich in mein Studium zu stecken. Doch ich wollte es genauso sehr wie alle anderen, vielleicht sogar etwas mehr.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- In einer in Österreich zwischen April und Mai 2024 durchgeführten Umfrage zur Chancengleichheit gab mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) an, nicht zu glauben, dass alle Menschen in Österreich die gleichen Chancen haben, womit sie eine wahrgenommene Ungleichheit ausdrückten. 18 Prozent der Teilnehmenden hingegen waren der Ansicht, dass tatsächlich für alle gleiche Chancen bestehen. Weitere 26 Prozent äußerten sich uneindeutig bzw. nahmen eine gemischte Position ein.
Quellen
Das Thema in anderen Medien
- Deutschlandfunk Nova: In Deutschland kann jeder alles schaffen. Stimmt das?
- Die Zeit: Glaub an dich! Reicht nicht.
- Moment.at: Warum Bildung kein Allheilmittel gegen soziale Ungleichheit ist, in 4 Punkten
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