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Die Vereinigten Arabischen Emirate haben tausende Gastarbeiter aus Pakistan verhaftet und abgeschoben. Dies hat nicht nur mit dem Iran-Krieg zu tun, sondern auch mit einem massiven Ausbeutungsapparat, der seit Jahren besteht.
Taxifahrten in Dubai sind für mich meist ein Erlebnis, denn ich sehe in den Fahrern Protagonisten mit interessanten Geschichten. Und auch sie sprechen mich gerne schnell an, vor allem, wenn sie meinen Vornamen, der in Indien und Pakistan sehr verbreitet ist, bemerken. Diverse Sprachkenntnisse helfen bei der Kommunikation: Ich beherrsche nur ein paar Fetzen Urdu, doch als Afghane spreche ich mehrere Paschto-Dialekte, die auch in solchen Situationen hilfreich sind.
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Warum? Viele von ihnen sind Paschtunen. In Afghanistan gehören Paschtunen zu den Hauptbevölkerungsgruppen des Landes. Sie stammen aus den Stammesgebieten an der afghanischen Grenze. Diese Gegend ist bekannt für Armut, Krieg und fehlende Infrastruktur, weshalb viele junge Männer sich gezwungen sehen, in die Golfregion auszuwandern, um dort zu schuften. In den meisten Fällen leben diese Arbeiter unter extrem prekären Umständen: Als Fahrer oder Bauarbeiter bekommen sie einen Hungerlohn, während sie oftmals jahrelang ihre Familien kaum sehen. Meist wird der Großteil des verdienten Geldes sofort in die Heimat geschickt.
Mehr von Emran Feroz
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Manchmal saß ich in Taxis, während der Fahrer nicht meine Herkunft bemerkte und in Telefongespräche vertieft war. Ich hörte dann manchmal mit, wie man sich um die Ehefrau, die Kinder oder die kranke Mutter Sorgen machte – und wie müde und erschöpft man vom Arbeitsalltag in Dubai war.
Das Elend hinter dem Luxus
Das ist nicht verwunderlich. Das luxuriöse Dubai würde ohne die Arbeiter aus Südasien nicht laufen, doch sie selbst haben nichts von den Skylines und den schicken Restaurants. Meist leben sie in den deutlich heruntergekommenen Vororten der Stadt, zusammengepfercht in kleinen Zimmern und Wohnungen.
Nun wurden auch noch Tausende von ihnen mit Gewalt abgeschoben. Konkret geht es um schiitische Arbeiter aus Pakistan – auch unter ihnen sind viele Paschtunen aus den Stammesgebieten. In ihrer Heimat gelten sie bis heute als unterdrückte Minderheit, die regelmäßig von Terroristen angegriffen wird. Die VAE werfen ihnen, höchstwahrscheinlich aufgrund ihrer Konfession, eine Nähe zum iranischen Mullah-Regime vor.
In den letzten Wochen und Monaten griff der Iran im Zuge der Kriegseskalation mit den USA und Israel die VAE mit zahlreichen Raketen an. Das Verhältnis zwischen den beiden Staaten hat einen Tiefpunkt erreicht, doch nun sind es ausgerechnet verarmte Arbeiter, die dafür den Preis zahlen müssen. Fakt ist nämlich, dass die meisten von ihnen – ja, höchstwahrscheinlich alle – nichts mit der Diktatur in Teheran zu tun haben, sondern viele iranische Geistliche aufgrund ihres schiitischen Glaubens respektieren und glorifizieren. Dies gilt im Übrigen auch für viele andere schiitische Muslime rund um den Globus. Da die VAE ein mehrheitlich muslimisches Land sind, sollte man dies dort wissen, doch stattdessen werden Repressalien gegen jene ausgeübt, die das System in den VAE am Laufen halten.
Abgeschoben aufgrund von Likes und Shares?
Besonders problematisch ist dabei, dass die abgeschobenen Arbeiter auch dem lokalen, berühmt-berüchtigten Überwachungsapparat der Golfdiktatur ausgesetzt waren. Das heißt, dass WhatsApp, Facebook und Co. massiv kontrolliert wurden. Womöglich haben deshalb bereits Likes und Shares gereicht, um als mutmaßlich fanatische Anhänger des iranischen Regimes abgestempelt zu werden.
Berichten zufolge wurden seit Mitte April mindestens 15.000 pakistanische Arbeiter mit schiitischem Hintergrund abgeschoben, oder ihnen wurde bei der Rückreise der Eintritt verwehrt. Die pakistanische Regierung, die zu den engsten Verbündeten der VAE gehört, behauptet, dass diese Entwicklungen nichts mit der Konfession der Betroffenen zu tun habe. Kritiker:innen sehen das anders. Auch andere schiitische Muslime, etwa aus Indien, sind von den jüngsten Repressalien betroffen.
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Infos und Quellen
Daten und Fakten
- Schiitentum als politisches Feindbild: Das Schiitentum ist nach dem Sunnitentum die zweitgrößte Strömung im Islam, zu der sich weltweit rund 10 bis 15 Prozent aller Muslime bekennen. Während schiitische Gemeinschaften über den gesamten Globus verteilt sind – darunter große Bevölkerungsanteile in Pakistan, Indien und im Irak –, fungiert das theokratische Regime im Iran als die nominell stärkste schiitische Macht. Diese religiöse Schnittmenge führt in den sunnitisch regierten Golfmonarchien wie den VAE zu einer tiefen Paranoia: Schiitische Migranten werden von den dortigen Sicherheitsapparaten pauschal unter den Generalverdacht gestellt, ideologische Gefolgsleute Teherans oder potenzielle Saboteure zu sein, selbst wenn ihre religiöse Praxis rein spiritueller Natur ist und keinerlei politische Bindung zum iranischen Staat besitzt.
- Berichten zufolge wurden seit Mitte April mindestens 15.000 pakistanische Arbeiter mit schiitischem Hintergrund abgeschoben, oder ihnen wurde bei der Rückreise der Eintritt verwehrt. Medien wie NewLines haben darüber berichtet, der Autor hat die Zahl von Kontakten vor Ort bestätigt bekommen.
- Das demografische Ungleichgewicht: Die Vereinigten Arabischen Emirate basieren auf einem demografischen Ungleichgewicht, bei dem rund 90 Prozent der rund 10 Millionen Einwohner:innen ausländische Arbeitsmigranten sind. Pakistaner:innen stellen dabei mit über 1,7 Millionen Menschen die zweitgrößte Expat-Gemeinschaft im Land. Sie bilden das Rückgrat der emiratischen Infrastruktur und schuften vor allem im Bauwesen, im Transportsektor und im Dienstleistungsbereich, während ihre Rücküberweisungen gleichzeitig eine der wichtigsten Säulen für die kriselnde Wirtschaft in ihrer Heimat Pakistan sind.
- Rechtliche Willkür durch das Kafala-System: Rechtlich organisiert wird diese Massenmigration über das berüchtigte Kafala-System (Bürgschaftssystem). Dieses bindet den Aufenthaltsstatus und das Visum eines Arbeiters strikt an einen lokalen emiratischen Arbeitgeber. Ohne dessen explizite Erlaubnis dürfen die Angestellten weder den Job wechseln noch das Land verlassen. Diese immense Machtasymmetrie führt in der Praxis dazu, dass Arbeiter ihren Arbeitgebern schutzlos ausgeliefert sind und kaum rechtliche Handhabe gegen Missbrauch haben.
- Systemische Ausbeutung im Alltag: Der Ausbeutungsapparat zeigt sich im Alltag durch systematische Menschenrechtsverletzungen, die von den Behörden weitgehend toleriert werden. Dazu gehören die illegale Konfiszierung von Reisepässen, monatelang einbehaltene Hungerlöhne und extreme Arbeitszeiten bei sengender Hitze. Abseits der glitzernden Skylines leben die Arbeiter meist isoliert und zusammengepfercht in maroden, überfüllten Lagern am Stadtrand – wer gegen diese Bedingungen protestiert, dem droht aufgrund der engen Verknüpfung von Arbeitsvertrag und Visum die sofortige Inhaftierung und Abschiebung.
- Die Eskalation des Regionalkonflikts: Der jüngste militärische Konflikt im Nahen Osten hat die Spannungen zwischen den VAE und dem Iran auf einen historischen Tiefpunkt getrieben. Im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und dem Iran gerieten auch die Emirate direkt ins Visier, da das iranische Regime und seine regionalen Verbündeten das Land mit Drohnen- und Raketenangriffen attackierten. Diese akute Bedrohungslage hat in Abu Dhabi zu einer drastischen Verschärfung der inneren Sicherheit geführt. Um vermeintliche „innere Zellen“ im Keim zu ersticken, greifen die emiratischen Behörden nun zu repressiven Kollektivstrafen und schieben verarmte Gastarbeiter allein aufgrund ihrer konfessionellen Zugehörigkeit ab.
Das Thema in anderen Medien:
NewLines Mag: Pakistani Nationals allege arbitrary detention and deportation from the UAE
MiddleEast Eye: 15,000 Pakistanis arrested and deported from UAE, savings seized
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