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Eat, Pray, Pfefferspray

6 Min
Als Frau allein auf Reise? Priska Seisenbacher ermutigt dazu.
© Fotocredit: Priska Seisenbacher

Immer mehr Frauen verreisen ohne Begleitung. Aber wie gefährlich ist es allein als Frau auf Reisen? Die Fotografin und Autorin Priska Seisenbacher bereiste unter anderem die Gebirge Zentralasiens allein und erklärt, warum ihr dabei niemand abging.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen
WZ I Helena Pichler

Warum reist du allein?

Priska Seisenbacher

Ich bin für über ein Jahrzehnt zusammen mit meinem Exfreund sehr viel gereist, unter anderem in Länder wie den Iran und Tadschikistan. Dann kam die Trennung. Für mich stand es jedoch niemals zur Debatte von da an auf die Reisen und die Länder zu verzichten. Aufgrund meiner Reiseerfahrung wusste ich, dass ich mich auch in schwierigen Situationen durchschlagen kann- egal ob mit oder ohne Begleitung.

WZ I Helena Pichler

Was sind Unterschiede zwischen den Reisen allein und den Reisen mit Partner?

Priska Seisenbacher

Was mir schnell aufgefallen ist: Vor allem Beamte und Behörden haben immer als erstes meinen Exfreund angesprochen. War ich nun allein unterwegs, gab es keine andere Wahl als mit mir zu sprechen. Auf meinen Reisen allein war ein ganz anderer Beziehungsaufbau mit den Menschen vor Ort möglich. Die Menschen sind viel offener auf mich zugegangen. Besonders Frauen, die mich oft zu sich nach Hause einluden. Da war es von Vorteil, dass kein Mann dabei war. Allein ist man der fremden Umgebung und den Menschen viel mehr ausgesetzt und das ist definitiv fordernd. Es ist aber auch sehr schön, weil ich so viel näher am Leben der Menschen dort bin.

WZ I Helena Pichler

Wie hat dein Umfeld auf deine Reisepläne allein reagiert?

Priska Seisenbacher

Meine Eltern haben meine Pläne nie in Frage gestellt. Sie hatten volles Vertrauen in mich und meine Selbsteinschätzung. Es gab aber auch andere Reaktionen. Teilweise wurde mir abgesprochen weiterhin lange Reisen auch ohne Begleitung machen zu können. Freunde hatten schlichtweg Angst um mich. Es kamen aber auch Sätze wie „Das ist vollkommen verrückt“, „Selbst schuld, wenn etwas passiert“ oder „Bisher hat dich ja ein Mann beschützt“. Mir war nicht bewusst, dass die Vorstellung herrschte, ich wäre ein Anhängsel meines Reisebegleiters, der allein alle Entscheidungen traf, auch wenn das real gar nicht so abgelaufen ist. Ich habe mich trotzdem entschieden zu gehen. Heute - nach mehreren Reisen allein- erfahre ich viel Zuspruch, wenngleich immer noch viel Verwunderung herrscht.

WZ I Helena Pichler

Die Orte, die du bereist hast, sind keine Touristenhochburgen oder sogar mit Reisewarnungen durch das Außenministerium versehen. Wie bereitest du dich auf Reisen vor?

Priska Seisenbacher

Ich setze mich vorher sehr detailliert mit der politischen Situation des Landes auseinander. Auch über einzelne Regionen muss man sich schon im Voraus informiert haben. Häufig bilden die einen Mikrokosmos mit eigenen Regeln. Unterkünfte buche ich dafür inzwischen gar nicht mehr. Das entscheide ich meist vor Ort. Für mich ist es wichtiger zu wissen, was gerade politisch vor sich geht. Außerdem lese ich viele Erfahrungsberichte von allein-reisenden Frauen. Das würde ich auch jeder Frau raten, die selbst allein verreisen möchte. Es gibt mittlerweile so viele Möglichkeiten sich zu vernetzen. Das kann eine große Stütze sein- sowohl in der Planung als auch vor Ort.

WZ I Helena Pichler

Bereiten sich Frauen auf Reisen anders vor als Männer?

Priska Seisenbacher

Mir wurde immer wieder vorgeworfen, naiv zu sein und fahrlässig zu handeln. Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist: Frauen, die sich entscheiden allein eine größere Reise anzutreten, wissen um das Risiko. Ein Mann ist vielleicht tatsächlich sorgloser in der Reiseplanung. Gewalt an Frauen ist auf der ganzen Welt omnipräsent. Es handelt sich dabei um eine geschlechtsspezifische Komponente, die für Männern wegfällt.

Es kommt darauf an welche Schlussfolgerungen man als Frau für sich zieht. Ich will mich nicht zuhause einschließen, weil andere sagen es sei gefährlich als Frau. Meiner Erfahrung nach beherrschen viele Pauschalurteile die Debatte, die häufig nicht stimmen.

Wenn ein Mann in die große weite Welt hinauszieht, scheint das für viele ein bewundernswertes Abenteuer zu sein, bei einer Frau hingegen eine bedauernswerte Dummheit. Das hat wenig mit der realen Erfahrung zu tun, als mit der Vorstellung, dass Frauen Schutz bedürfen und deshalb lieber daheimbleiben sollen.

WZ I Helena Pichler

Woher kommt die Angst um allein-reisende Frauen?

Priska Seisenbacher

Häufig herrscht in diesen Debatten ein defizitärer Blick auf Frauen. Das ist in allen Kontexten und somit auch auf das Reisen bezogen so. In jedem Fall wird es als Nachteil gesehen, dass man sich in einem fremden Land als Frau bewegt. Häufig wird übersehen, dass sich daraus Möglichkeiten ergeben können, die Männer nicht haben. Es kann auch ein Vorteil sein.

WZ I Helena Pichler

Was genau meinst du damit?

Priska Seisenbacher

Als Frau habe ich einen ganz anderen Zugang zu den Frauen vor Ort, der einem als Mann verwehrt bleibt. Gerade in den Ländern Kirgisistan, Tadschikistan, Afghanistan, sind den Geschlechtern andere Grenzen aufgesetzt.

Als westliche Frau wurde ich von den Männern vor Ort anders gesehen, als die Frauen vor Ort. Vorrangig war ich Gast. Ich konnte an Männerrunden teilnehmen und war zugleich in jeder Frauenrunde willkommen. In meinen Büchern erzähle ich davon, wie gesellig und bereichernd ich das Reisen als Frau erlebt habe.

Wenn ein Land als gefährlich (für allein reisende Frauen) beschrieben wird, dann bezieht sich das in den meisten Fällen auf Statistiken, die sich mit Femizidraten und sexueller Belästigungen befassen- also Umstände, von denen vor allem die Frauen aus den Ländern selbst betroffen sind.Wie unterscheidet sich das Bild, das eine Touristin von einem Land hat, von dem Bild einer Einheimischen?

Ich stehe zu den Reisen, die ich mache und zu meinen Entscheidungen, die dahinter liegen. Ich möchte sie aber auch nicht romantisieren und gesellschaftlich Konflikte der Länder, die ich besuche, kleinreden. Das ist mir sehr wichtig.

Natürlich herrschen in sehr vielen Ländern der Welt strikte Geschlechterzuschreibungen. Die Frauen kennen ihren Handlungsspielraum, einiges finden sie ungerecht, anderes vertreten sie. Der Punkt ist, dass in dem stereotypen Bild, das bei uns viele von anderen Ländern haben, die Frauen nur als Opfer gesehen werden. Sie sehen sich selbst aber nicht so. Viele von ihnen kämpfen gegen Ungerechtigkeit und wissen, dass sie weniger Möglichkeiten haben als Männer, aber sie leben ihr Leben, treffen Entscheidungen und sind nicht einfach passive Opfer. Diese Ansicht wird Ihnen nicht gerecht.

WZ I Helena Pichler

Sollte jede Frau einmal allein verreist sein?

Priska Seisenbacher

Ob man allein verreisen möchte, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Ich möchte nicht missionarisch auftreten. Mich haben die Reisen allein sehr geprägt und viele Dinge in meinem Leben zum Positiven verändert.

Es kommt darauf an welche Schlussfolgerungen man als Frau für sich zieht. Ich will mich nicht zuhause einschließen, weil andere als gefährlich empfinden als Frau zu verreisen. Meiner Erfahrung nach beherrschen viele Pauschalurteile die Debatte, die so häufig nicht stimmen.

Es ärgert mich, wenn Frauen ihr Urteilsvermögen abgesprochen wird. Ich möchte andere darin bestärken sich eigenständig zu informieren, Risiken abzuwägen und sich nicht von den erstbesten Zwischenrufen verunsichern zu lassen.


Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

  • Priska Seisenbacher beschäftigt sich vor allem mit den Menschen, die sie auf ihren Reisen durch Zentralasien getroffen hat. In ihren Werken thematisiert die Autorin und Fotografin unterschiedliche Lebensrealitäten, besonders jene von Frauen, und bietet Einblicke in die verschiedenen Kulturen Afghanistans, Pakistans, Kirgisistans und Tadschikistans. Länder, die sie vorrangig allein bereist hat. Im Februar 2024 ist die gebürtige Wienerin Teil des Alles-Leinwand-Festival, wo sie ihre Reise durch den Pamir präsentiert. https://priskaseisenbacher.com/

Daten und Fakten

  • Frauen müssen im Voraus alles detailliert planen und Männer buchen kurzfristig einen Tag im Voraus? Dieses Klischee können wir anhand unserer Buchungsdaten belegen! 65% aller Buchungen von Männer waren 1-3 Wochen vor Antritt der Reise. Bei den Frauen waren es lediglich 57 % aller Buchungen. Je weiter die Reise in der Zukunft liegt, desto häufiger wird sie hingegen von Frauen gebucht. Einige Frauen buchen sogar bis zu 27 Wochen im Voraus ihren Urlaub.

  • Die Medienberichterstattung über Straftaten gegen Touristen steht oft in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Risiko, was sich stark auf die öffentliche Wahrnehmung der Sicherheit an bestimmten Orten auswirkt.

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