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Feministische Forscher:innen blicken weit in die Vergangenheit zurück und identifizieren Faktoren, die Frauen stärken. Heiraten zählt nicht dazu.
Vor Kurzem habe ich eine Reportage über den Brauch des Polterns geschrieben und in diesem Zusammenhang festgestellt, dass Ehe eine patriarchale Erfindung ist, aus der in erster Linie Männer Nutzen ziehen. Die Behauptung hat zu vielen unterschiedlichen Reaktionen geführt und zu Fragen, ob das tatsächlich so sei, weshalb ich sie hier ausführen und untermauern möchte.
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Erstaunlich fand ich bei meinen Recherchen zum Poltern den Umstand, dass künftige Bräutigame bei Junggesellen-Abschiedsfeiern den Eindruck vermitteln, dass ihr Leben jetzt vorbei wäre. Es wurde bei den von mir beobachteten Feiern im Wiener Prater immer ein endgültiger Verlust von Freiheit und Selbstbestimmung beklagt. Auch die bedruckten T-Shirts, die von Heiratswilligen diverser Polterrunden getragen werden („Game over“, „Sorry Jungs, ich hab’s verbockt“, „Das war’s“, „Die Macht abgegeben“), legen das nahe.
Hochzeit – der schönste Tag im Leben jeder Frau?
Der Alltag lehrt jedoch, dass es vielmehr die künftigen Bräute sind, die mit dem Eintritt in den Ehestand sprichwörtlich die Angeschmierten sind. Immerhin sind Männer immer noch weit weniger von Doppelbelastung betroffen, lassen ihre Frau zu einem überwiegenden Teil den Haushalt machen und die Kinder versorgen und kümmern sich eher um ihre Karriere. Untersuchungen belegen, dass Männer ihre Ehefrauen emotional viel nötiger haben als umgekehrt. Dazu kommt, dass Männer länger leben, wenn sie verheiratet sind, Frauen hingegen kürzer.
Die Matriarchatsforschung liefert deutliche Hinweise darauf, warum Ehe im klassischen Sinn Frauen schadet. Sie hat drei Faktoren identifiziert, die für weibliche Stärke entscheidend sind: sexuelle Autonomie, ökonomische Unabhängigkeit und belastbare weibliche Netzwerke. Es sind drei Faktoren, die durch die in unseren Breiten übliche institutionalisierte Verbindung mit einem Mann nicht gefördert werden. Diese Erkenntnis vertritt das Autorenduo Carel van Schaik und Kai Michel in seinem Buch „Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern“.
In existierenden matriarchalen Gesellschaften kann das bedeuten, dass biologische Vaterschaft keine Rolle spielt. So ist es etwa beim Volk der Mosuo in Südwestchina. Von Eheschließung fehlt dort jede Spur: Frauen und Männer wählen sich ihre Liebesbeziehungen, wie sie wollen und wie lange sie wollen. Diese Gesellschaften sind in der Mutterlinie organisiert, die Menschen leben in großen Clans, die ausschließlich aus Verwandten der Mutter bestehen.
Auch der Besitz liegt in den Händen der ältesten Clan-Mutter, die alles Hab und Gut den Mitgliedern der Gemeinschaft zuteilt. Es erben nur die Töchter. Interessant ist, dass die Männer die Kinder ihrer Schwestern als ihre eigenen Kinder betrachten und diese gemeinsam großziehen. Der biologische Vater hat einen anderen Clan-Namen und betreut wiederum die Kinder seiner eigenen Schwester. Oft ist überhaupt nicht bekannt, wer der biologische Vater ist – es ist auch gänzlich unerheblich.
Ehe, Besitz- und Konkurrenzdenken
Unsere Gesellschaftsordnung, die sich an Ehe und Kleinfamilie orientiert, wurde mit der Sesshaftwerdung der Menschen in Agrargesellschaften etabliert, die vor rund 10.000 Jahren begann. Also zu dem Zeitpunkt, an dem Besitz- und Konkurrenzdenken maßgeblich wurden, wie van Schaik und Michel in ihrem Buch schreiben. Wie genau und wann die früher bestehenden mutterzentrierten Kulturen, die es nach heutigem Forschungsstand gab, durch Patriarchate abgelöst wurden, ist nicht geklärt. Die vorhandenen archäologischen Funde lassen nur vereinzelt gesicherte Schlüsse zu. Weitgehende Einigkeit besteht allerdings darüber, dass Matriarchate keine umgekehrten Patriarchate waren, in denen Frauen Macht auf unterdrückerische Weise ausübten.
Van Schaik und Michel weisen außerdem auf zentrale christliche Vorstellungen hin, die unser Geschlechterverhältnis prägen. Damit ist beispielsweise die zentrale biblische Geschichte gemeint, der zufolge Eva schuldig sei, weil sie angeblich nicht auf Gott, sondern auf die Schlange gehört und zur verbotenen Frucht gegriffen habe. Diese Geschichte rechtfertige die Idee weiblicher Minderwertigkeit bis heute, schreiben sie.
Warum aber freuen sich Frauen viel öfter auf ihre Hochzeit, ein Ereignis, das viele von ihnen immer noch als „schönsten Tag im Leben“ idealisieren, während Männer gefühlt ihrem persönlichen Niedergang entgegensehen? Vielleicht ist es so, dass sich Frauen das, was sie in einer Ehe erwartet, schönreden müssen. Und weil sich Frauen die unfaire Rollenverteilung längst nicht mehr gefallen lassen, wissen auch ihre künftigen Ehemänner, dass sie mit einer zu Recht unzufriedenen Frau an ihrer Seite möglicherweise nicht so glücklich werden, wie sie selbst es verdient hätten.
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Infos und Quellen
Quellen
- Carel van Schaik & Kai Michel: Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern, Rowohlt Verlag, 2021
- Friederike Oertel: Urlaub vom Patriarchat, KiWi Verlag, 2025
- Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat. Bände 1 bis 3, Kohlhammer-Verlag
- Warum romantische Beziehungen für Männer viel wichtiger sind als für Frauen
- Focus Online: Frauen leben länger, wenn sie ehe- und kinderlos sind
Daten und Fakten
- Es existieren heute nur wenige matrilineare Kulturen weltweit, und diese finden sich ausschließlich in geografischen Randlagen. Das sind unter anderem die Mosuo in China, die in den Ausläufern des Himalaya-Gebirges leben. Es gibt dort keine Ehen, stattdessen „Besuchsbeziehungen“, bei denen Frauen frei ihre Partner wählen. Kinder wachsen in den Großfamilien der Mütter auf. Die Minangkabau in West-Sumatra gelten mit über vier Millionen Menschen als das größte noch existierende Matriarchat der Welt.
- Archäolog:innen haben in Zentralanatolien die jungsteinzeitliche Stadt Çatalhöyük gefunden. Sie gilt als älteste große Ansiedlung, die je ausgegraben wurde, und hatte ihre Blütezeit etwa 7000 v. Chr. Die Forscher:innen haben dort erste Anzeichen dafür gefunden, was später zur Norm werden sollte, nämlich dass Frauen in den Haushalt ihrer Männer überwechseln mussten, was ihre soziale Stellung massiv geschwächt haben dürfte.
Das Thema in der WZ
- Poltern: der kulturgeschichtliche Sinn eines Sauf-Events
- Matriarchat-Verbot im Sinne der Emanzipation?
Das Thema in anderen Medien
- Der Standard: Das Matriarchat hat es nie gegeben
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