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Wie ich fast Zeuge Jehovas wurde

10 Min
Collage von mehreren Fotos und Grafiken. Einem Männerkopf im Vordergrund und einem Frauenkopf im Hintergrund mit Spinnennetz und ausgestreckten Händen.
Zeugen Jehovas Aufmacher
© Getty Images

Das Gemeinschaftsversprechen war verlockend. Aber der Preis war mir zu hoch. Mein Jahr mit den Zeugen Jehovas.


Jehovas Zeugen und ich? - Keine Berührungspunkte. Dort sie, ich da. Und niemals wird es eine Nähe geben.

Niemals.

Alles super gelaufen für mich. Matura. Studium der Theaterwissenschaft. Perfekte Beziehung mit Evelyn, Hochzeit nicht ausgeschlossen. Dann bekomme ich den Traumjob als Kulturredakteur in einem Medienunternehmen. Für mich ist alles super gelaufen, wirklich.

Bis jetzt.

Jetzt ist es … - Das Wort dafür fehlt mir. Zuerst trennt sich Evelyn von mir, einfach so, von heute auf morgen, ohne Begründung, nur: „Ich mag halt nicht mehr.“ Auch die angenehme Atmosphäre am Arbeitsplatz ist für mich vorbei. Und dann stirbt völlig überraschend meine Mutter, meine einzige Verwandte. Das Verhältnis war so sturmgeschwängert wie eng. Der Schock sitzt tief.

Mein Freund Richard hat gerade schwere eigene Probleme. Hanna und Marina, meine Arbeitskolleginnen, sind noch keine so guten Freundinnen, dass ich mit ihnen Privates besprechen will. Das kommt erst später. Kurz: Das Gefühl, an einem Ende angekommen zu sein, wird übermächtig.

Ein Ende - ein Anfang

„Denk daran: Ein Ende ist immer auch ein neuer Anfang“, sagt Barbara. Ich habe sie in einem Internet-Diskussionsforum für klassische Musik kennengelernt. Eine Fernfreundschaft zwischen Bonn und Wien. Eine Aufführung von meinem Lieblingsstück, Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“, am Theater Bonn, ist ein willkommener Anlass, einander persönlich kennenzulernen.

Es ist Sympathie auf den ersten Blick. Nach dem Treffen wird der Mail- und Telefonkontakt noch intensiver. Die langen Gespräche bauen mich auf, obwohl Barbara für meinen Geschmack ein bisschen viel von Gott und der Bibel redet. Für mich ist Gott ein Vielleicht. Die Bibel hat mich freilich schon immer als Teil der Kulturgeschichte interessiert. Und dank eines guten Religionsunterrichts in der Schule habe ich von Glaubensvorstellungen genug Ahnung, um zu merken, dass Barbara weder Katholikin noch Protestantin ist. Weihnachten - ein heidnisches Fest? Silvester nicht feiern aus demselben Grund? Ich stelle die Gretchenfrage: „Du bist eher nicht katholisch oder protestantisch, oder?“ – „Ich bin Zeugin Jehovas.“

Jehovas Zeugen sind für mich eine dubiose Sekte – und wenn sie in Österreich noch so sehr eine staatlich anerkannte Glaubensgemeinschaft und damit im Rang einer Kirche sind. Aber es ist Barbara. Mit ihr kann ich sogar über das Orchesterwerk „Lontano“ von György Ligeti reden. Ihretwegen, nur ihretwegen, interessiere ich mich für ihren Glauben. Wer „Lontano“ mag, kann kein Spinner, kann keine Spinnerin sein. Beim nächsten Treffen gibt sie mir ein Büchlein mit, zur Information. Ich lese es auf der Bahnfahrt zurück nach Wien.

Einfach einmal hineinschnuppern

Soll ich hineinschnuppern? Immerhin: „Wenn du bei den Zeugen bist“, sagt Barbara, „hast du nicht nur Freunde, du hast eine Familie. Wäre das nicht schön?“ Ja, das wäre schön, das weiß ich.

Ausprobieren kostet nichts. Mein Intellekt wird mich davor bewahren, mich fangen zu lassen. Mir kann das nicht passieren.

Ich google Ort und Zeit einer Versammlung und gehe hin. Dort frage ich einen der Männer, die in Anzug und Krawatte herumstehen und miteinander plaudern, ob ich an der Versammlung teilnehmen kann, quasi als Gast. Etwas Seltsames geschieht: Mir wird kein Misstrauen entgegengebracht. Im Gegenteil: Ich werde von einem zum nächsten geführt, mit strahlendem Gesicht vorgestellt, von jedem herzlich begrüßt. Ich fühle mich ohne Vorbedingung angenommen.

Das ist der Anfang.

Die Regeln und die Bibel

Weiter geht es mit einem Bibelstudium bei einem der Zeugen Jehovas und seiner Frau. Schadet nichts, denke ich, die Bibel etwas genauer kennenzulernen. Zusätzlich besuche ich weiterhin regelmäßig die Versammlungen.

Schon jetzt könnte ich merken, dass ich im Grund nicht die Bibel studiere, sondern die Lebens- und Verhaltensregeln von Jehovas Zeugen, die sie im Nachhinein mit Bibelstellen zu belegen versuchen.

Collage von einem Auge mit einem aufgeklappten Buch, das von einer Hand gehalten wird.
Die Lebensregeln werden von Stellen in der Bibel gestützt.
© Getty Images

Ich könnte – aber ich mag nicht. Viel zu wohl fühle ich mich in dem Kokon aus Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und, das vor allem, Achtung. Als ich eine Versammlung auslasse, weil mich ein Schnupfen heimsucht, ruft mich mein Bibellehrer an: Was ist geschehen? Kann er helfen? Essen bringen? Man kümmert sich um mich. Glücksgefühle zwischen Niesanfällen.

Es ist so schön

Wie schön, dass ich mich einmal einfach nur gut fühlen kann, ohne mir in mein Glück Sprünge und Risse hineinzudenken. Innerhalb von zwei Monaten lerne ich mehr Menschen kennen, die mich mögen, mir zuhören, mich zuhören lassen, mir ein Gefühl der Nähe geben, als in all den Lebensjahren zuvor.

Die Lehren selbst? Manches finde ich ohnedies sympathisch: den Pazifismus etwa, der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus‘ ins KZ brachte, die Ehrlichkeit, das über ethnische und sprachliche Grenzen hinweg reichende Gemeinschaftsgefühl, die gegenseitige Akzeptanz unabhängig von Bildungsniveau, Karriere und Geld.

Die Kehrseite des Glücks

Auf der Kehrseite der Medaille steht, dass ich mich aus politischen Prozessen heraushalten muss. Ich darf kein Mitglied einer Partei sein - akzeptabel, angesichts des Filmabends mit den Freunden aus der Versammlung am nächsten Samstag. Aber auch nicht wählen? Als Zeuge Jehovas lebt man im Königreich Christi. Irdische politische Konstruktionen sind von Jehova nur gestattet. Würde man wählen oder sich gar politisch engagieren, würde man zwei Herren dienen, nämlich Jehova und einer Partei oder deren Vertreter:innen. Als politischer Mensch schlucke ich. Doch im Moment stehen ohnedies keine Wahlen an. Ich verschiebe das Problem auf später.

Und jeden Moment droht das Ende der Welt. Deshalb muss man Jehova, um im Paradies von ihm neu erschaffen zu werden, günstig stimmen. Es gibt keine überlebende Seele. Aber wenn mich Jehova ganz neu erschafft – bin ich dann noch ich? Trost finde ich so nicht. Brauche ich ihn? Und wie stimme ich Jehova günstig? Predigen, die Versammlungen besuchen, die Gebote einhalten, wie sie vom „treuen und verständigen Sklaven“, so nennt sich die Leitende Körperschaft in den fernen USA, ausgelegt werden. Und viel Lebenszeit opfern – denn Jehova hat bereits alles andere, bloß Lebenszeit kann ihm der Mensch schenken.

Nur Barbara gegenüber äußere ich Bedenken. Aber sie lässt keine Kritik zu. Alles ist gut und richtig so, wie es der treue und verständige Sklave eingerichtet hat.

Kreationismus führt zum Grillfest

Ich ertappe mich bei einer Abwägung: Kreationismus und Grillfest in einer menschlichen Gemeinschaft, die mich aufrichtet, oder Evolutionstheorie und Einsamkeit. „Und nächste Woche machen wir eine Führung bei Zotter – Du kommst eh mit…?“

Ich beschließe, eine Kammer des geheimen Denkens einzurichten. Dort werde ich alles deponieren, was mir zuwiderläuft. Nummer eins: den Kreationismus.

Nummer zwei: die Vollbluttransfusion. Blut gehört Jehova, also darf man kein Blut zu sich nehmen. Blutwurst hat mich immer angeekelt. Auch das Steak muss durch sein. Aber eine Vollbluttransfusion ist keine Essensvorliebe. Steht das Leben nicht an höchster Stufe? Will Jehova, dass jemand stirbt, obwohl er mit einer Vollbluttransfusion gerettet werden könnte? Machen es die Umgehungsregeln mit Blutbestandteilen den Helfern nicht unnötig schwer? Kommt es Jehova im Ernst auf die Zusammensetzung des lebensrettenden Stoffs an? Zum ersten Mal windet sich mein Bibellehrer. Auch eine Woche später weiß er nur, dass der treue und verständige Sklave sagt…

Die Kammer des geheimen Denkens füllt sich.

Unzucht in der Oper

In einer Versammlung warnt der Gastvortragende vor dem Besuch von Georges Bizets Oper „Carmen“. Ausgerechnet sie, eine meiner Lieblingsopern, sei ein Hohelied satanischer Unzucht.

Dieses dauernde Gerede von der überall lauernden Unmoral, dieser süßen Verlockung Satans. Nicht einmal denken soll man daran. Weil man jedoch immer wieder mit der Nase darauf gestoßen wird, kann man nicht anders, als ständig daran zu denken. Und weil man ständig daran denkt, fühlt man sich ständig schuldig. „Willst Du, dass Jehova deinetwegen traurig ist?“ Am Freitag sehe ich „Carmen“ in der Wiener Staatsoper. Ich erschrecke über mich selbst, dass es mir ein schlechtes Gewissen bereitet.

Ein Zeuge Jehovas muss verkündigen, indem er an Wohnungstüren läutet in der meist vergeblichen Hoffnung, ein Gespräch religiösen Inhalts anzubringen. Ich habe keine missionarischen Ambitionen. Ich will niemandem einen Glauben einreden. Schon gar nicht einen, der meine Kammer des geheimen Denkens zunehmend füllt. Ich beginne eine Verzögerungstaktik, wohl wissend, dass der Moment der Entscheidung kommen wird.

Richtige Freund:innen

Jetzt, nach knapp eineinhalb Jahren, gelte ich als Musterschüler. Alles Nicht-Musterhafte ist abgelegt in meiner Kammer des geheimen Denkens. Doch nun fordert das geistige Doppelleben seinen Tribut. Sanft wird der Druck erhöht: Wie steht es mit dem Predigen? Habe ich mir die Taufe überlegt? Immer öfter werde ich ermuntert, meine Freundschaften „in der Welt“, also im normalen Alltag, zu überprüfen. Habe ich hier, in der Versammlung, nicht genug Freunde gefunden, die besser zu mir passen und auf mich achten?

Collage von einem Männerkopf der nach unten schaut und mehreren Grafiken um den Kopf.
Zeuge Jehovas ist man ganz oder gar nicht. Die Entscheidung muss fallen.
© Getty Images

Hanna und Marina will ich nicht aufgeben. Meine Arbeitskolleginnen sind mittlerweile echte Freundinnen geworden. Sie sehen meinen Flirt mit Jehovas Zeugen skeptisch. Sie sind mein Korrektiv geworden. Ohne sie verfiele die Kammer des geheimen Denkens zur Ruine.

Dann wächst sich meine Freundschaft mit Richard zum Problem aus, denn, das ist mir einmal herausgeschlüpft, Richard ist praktizierend homosexuell. Das sei eine Freundschaft, die Jehova traurig stimmt. Ob ich mir vorstellen kann, Richard langsam aus meinem Gesichtsfeld zu entfernen?

Heiß gekocht und heiß gegessen

Habe ich Angst, aus der gleichsam geschützten Gemeinschaft ganz und gar in die „Welt“ zurückzukehren? – Ja. Aber weder will ich mir den Rest meines Lebens Freundschaften noch meine Theater- und Opernvorlieben diktieren lassen. Ich möchte Carl Orffs „Trionfo di Afrodite“ hören können, ohne Jehova um Verzeihung für den Genuss des lustvoll auskomponierten Beischlafs zu bitten. Ich möchte Richard treffen und mit ihm über seine und meine Belange reden, lachen, ihn um Rat fragen, ihm raten können, ohne dass ich das Gefühl habe, Jehova sitzt traurig mit am Tisch und wässert ob meines unmoralischen Umgangs meinen Kaffee mit bitteren Tränen.

Ich schreibe meinem Bibellehrer eine ausführliche Mail, in der ich erkläre, weshalb ich so nicht weitermachen kann. Insgeheim hoffe ich, mein Bibellehrer würde zurückschreiben, dass nichts so heiß gegessen wird wie gekocht.

Das Gefühl der Freiheit

Doch die ersehnte Antwort bleibt aus. Das war’s dann. Jehovas Zeuge ist man ganz oder gar nicht. Ich teile Barbara mit, dass ich Jehovas Zeugen verlassen habe. Zuerst vertraue ich darauf, die Freundschaft mit ihr auf der Ebene fortsetzen zu können, auf der sie vor meinem Zeugen-Intermezzo begonnen hat. Schließlich bin ich noch nicht getauft. Ich bin kein Abtrünniger, den man ächten muss, nur ein Interessierter, der nicht dabeibleiben kann. Aber für Barbara bin ich als „Weltmensch" jetzt kein Umgang mehr. Sie nimmt meine Anrufe nicht mehr entgegen, ruft nicht zurück, beantwortet keine Mail und keinen Brief. Aus dem Internetforum, in dem ich sie kennengelernt hatte, ist sie schon vor einiger Zeit ausgetreten.

Ich gebe auf.

Ich bin zurück in der „Welt“. Ich spüre die Faust in der Magengrube. Doch nie zuvor in meinem Leben hatte ich dieses unbeschreibliche Gefühl der Freiheit.