)
30 Millionen versprochen, Container geblieben: Ein Budgetstopp lässt das bei jungen Menschen beliebte Naturhistorische Museum Wien im Provisorium verharren.
Ja, man kann trotz aller Budgetnot am falschen Platz sparen. Zum Beispiel, wenn der Platz der Eingangsbereich jenes Museums ist, das junge Menschen in Österreich mit Abstand am liebsten besuchen.
- Für dich interessant: Der „Tanzschein“ im Kopf: Wie wird ein Lied zum Ohrwurm?
Aber der Reihe nach. Es ist ein unfreundlich-kalter Frühlingstag und mein Neffe hat eine Vorliebe für Dinosaurier. Also ab ins Naturhistorische Museum, - dort gibt es einen Saal, in dem lebensgroße Dino-Modelle sich bewegen und dabei furchterregende Laute ausstoßen.
Doch der Weg in das historische Haus an der Wiener Ringstraße hat seine Hindernisse. Denn für die Karten müssen wir uns draußen anstellen, bei einem Blechcontainer vor dem denkmalgeschützten Bau. Vor uns zwei Reihen von gut 30 Personen, die so wie wir bei Nordwind und Regen auf eine kapitale Erkältung hinarbeiten. „Das ist derzeit so. Drinnen ist nicht genug Platz“, erklärt die Frau an der Kasse auf Nachfrage und gibt den Halberfrorenen Karten und Wechselgeld. Endlich steigen wir also die Stufen zum Haupteingang hinauf, öffnen das Tor, betreten die beeindruckende Untere Kuppelhalle – und müssen uns einmal mehr anstellen. Diesmal, um zu den Schließfächern in der Garderobe zu kommen.
Immerhin: Der Besuch des Dinosauriersaals entschädigt nicht nur den Neffen reichlich und die Präsentation der Reptilien und Amphibien vermag auch ältere Generationen zu beeindrucken. Warum aber verkauft ein Museum von Weltrang seine Eintrittskarten im Schiffscontainer vor der Tür? Weil der historische Bereich für die Kassenschalter in etwa so breit ist wie das Vorzimmer einer Wiener Altbauwohnung, was bei täglich 3000 Besucher:innen viel zu eng ist, und weil für bauliche Verbesserungen das nötige Geld fehlt.
Umbau war bereits paktiert
Ursprünglich wurde der Kassencontainer auf dem Maria-Theresien-Platz als temporäre Maßnahme aufgebaut, um auf langjährige Raum- und Budgetnöte aufmerksam zu machen. „Durch die hohe Anzahl der Besucher*innen mussten wir die Besucherströme neu lenken und eine klare Ein- und Ausgangssituation schaffen. Bei den historischen Kassen am Rande der Eingänge war das aber nicht umsetzbar. Sie entsprechen nicht mehr der aktuellen Gesetzgebung in Bezug auf Ergonomie und sind einfach zu klein“, bestätigt der Kaufmännische Geschäftsführer Markus Roboch auf Anfrage der WZ.
In der Folge schrieben die Vorgängerregierung und Kulturminister Werner Kogler für das NHM die Finanzierung eines neuen, barrierefreien Eingangsbereichs mit Aufenthaltsräumen mit einem Budget von rund 30 Millionen fest. Auch mit dem Kunsthistorischen Museum (KHM) und dem Belvedere wurden Budgets für derartige Umbauarbeiten paktiert. Doch die neue Regierung, die seit März 2025 im Amt ist, muss ein Sparprogramm fahren. Und nun hat die Museumsleitung zwar wie ursprünglich vereinbart die nötigen Vorbereitungen für die Umbauarbeiten durchgeführt, kann aber nicht in die Bauphase gehen, weil es die Mittel dafür nicht bekommen hat. „Wir haben keine dezidierte Absage bekommen, mit uns wurde kein Klartext geredet. Es fehlt also die finale Zusage, weswegen wir die Arbeiten zur Umsetzung stoppen mussten“, sagt NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland im Gespräch mit der WZ.
Vom Kassencontainer mit dem Rollstuhl zum Lift
Szenenwechsel in den Monat April und in den ersten Innenhof des NMH, welcher über einen Seiteneingang des Gebäudes zu erreichen ist. Eine größere Gruppe hat sich zur Eröffnung eines lange erwarteten Besucher:innen-Lifts versammelt, der immerhin erstmals einen barrierefreien Zugang zu allen Ebenen des denkmalgeschützten Hauses bietet. In ihrer Eröffnungsrede hält Vohland fest, dass die Aufzuganlage Teil einer Modernisierung des gesamten Eingangsbereiches zum Museum zu verstehen sei. Die zuständige Leiterin der Sektion Kunst und Kultur im Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, Theresia Niedermüller, gratuliert, wählt aber keine Worte, denen eine Unterstützung vonseiten des Bundes für die Umsetzung der restlichen Umbaupläne zu entnehmen wäre. Man zerschlägt, wie im Baugewerbe üblich, ein Glas – und begibt sich auf die Jungfernfahrt in den 42 Personen fassenden Aufzug.
Vom Kassencontainer also mit dem Rollstuhl ums Haus herum durch den Hof zum Lift? Aus heutiger Sicht sieht es danach aus. Denn mit eigenen Mitteln könne man einen neuen Eingang im Sinne des Denkmalschutzes nicht umsetzen, betont die Museumsleitung. Der Grund: Das NHM hat den höchsten Anteil an jungen Besucher:innen unter 19 Jahren, die keinen Eintritt bezahlen. Außerdem betreibt es besonders viel wissenschaftliche Forschung, und Forschungsarbeit kostet Geld. Wodurch sich eine Schere ergibt, die das Wirtschaften des Hauses zusätzlich erschwert.
Bis auf Weiteres heißt es: Bitte warten
Die Anfrage der WZ, ob der Umbau statt im laufenden Haushalt über das Doppelbudget 2027/28 umgesetzt werden könne, beantwortet das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS) so: „Die Museen haben im Zuge des Doppelbudgets 2025/26 die Zusage erhalten, dass sie Bauvorhaben bis zur Baureife weiterführen können – unter der Bedingung, dass diese Planungsarbeiten für den Bund budgetneutral (Anm.: ohne neue Kosten zu verursachen) ausfallen. Die Bedingungen haben sich seitdem nicht geändert. Das Kuratorium des NHM hat das Vorhaben aber leider vorerst abgesagt. Das ist sehr bedauerlich“, heißt es aus dem Ministerium, und: „Das BMWKMS steht zu diesen Projekten. So wie jedes Ministerium agieren aber auch wir aktuell unter beschränkten Budgetspielräumen. Eine finale Aussage können wir nach den Budgetgesprächen 2027/28 treffen.“
Ein Vorgeschmack auf dieses neue Budget, das bis Juni verhandelt werden soll: Die Bundesmuseen wurden vom Ministerium bereits angewiesen, budgetäre Szenarien für ein gleichbleibendes Budget sowie für eines mit minus 5 respektive minus 10 Prozent zu erstellen. „Unter Minister Kogler“, so ein Insider, „war das Geld mehr oder weniger abgeschafft und die Budgets sehr großzügig bemessen.“ Nur hätten sich diese Zusagen als unfinanzierbar erwiesen und die aktuellen Entscheidungsträger müssten sich mit den unangenehmen Folgen herumschlagen.
Zugang zu Bildung ist nichts für Weicheier
Bis auf Weiteres heißt es also: Bitte warten. Mit einer klaren Aussage ist vorerst nicht zu rechnen. In „normalen“ Geschäftsbeziehungen in der Privatwirtschaft wäre das völlig inakzeptabel und die Zusagen wohl auch einklagbar.
Als Regierung, die das Wort „Bildungsoffensive“ so gerne im Munde führt, widerspricht die Politik mit dieser Kürzung dem eigenen Anspruch. Ausgerechnet das bei jungen Menschen beliebteste Museum in Wien wird mangels Geldes in eine Situation gebracht, die für ein Haus von Weltrang beschämend ist. Und das, obwohl es ohnehin schwierig genug ist, junge Menschen für Forschung und Wissenschaft zu interessieren. Wer soll sich in der Wissenschaftsvermittlung noch kreativ etwas überlegen, wenn Vereinbarungen zur Umsetzung neuer Ideen nicht eingehalten werden?
Nach der Lift-Jungfernfahrt gehe ich durchs Museum bis in die Kuppelhalle zum Haupteingang. Dort schlängle ich mich durch die Schulklassen. Ich öffne das schwere Tor und betrete über die breite Treppe den Maria-Theresien-Platz. Zu meiner Linken steht, wie ein Mahnmal, der Kassencontainer, vor dem heute wieder zwei Schlangen mit gut 30 Menschen stehen. Auch diesmal im strömenden Regen. Im Sommer werden sie wohl in der Hitze brüten. Der Zugang zu Bildung ist halt nichts für Weicheier.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Katrin Vohland, Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin des Naturhistorischen Museums Wien.
- Markus Roboch, wirtschaftlicher Geschäftsführer des Naturhistorischen Museums Wien.
- Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS)
Daten und Fakten
Das Naturhistorische Museum Wien (NHM) ist mit knapp 1 Million Besucher:innen jährlich (Stand 2023/2024) eines der bedeutendsten Naturmuseen weltweit. Es beherbergt 30 Millionen Objekte, darunter die Venus von Willendorf und eine große Meteoritensammlung, und hat nach eigenen Aussagen den höchsten Anteil an jungen Menschen unter dem Alter von 19 Jahren unter Österreichs Bundesmuseen. Heuer feiert das NHM sein 150-jähirges Jubiläum.
)
)
)