Zum Hauptinhalt springen

Ein WM-Wunder zum Wundern

7 Min
Aufstieg für Algerien: Wie ist dieser WM-Erfolg einzuordnen?
© Illustration: WZ. Bildquelle: APA Images.

Österreichs Nationalteam hat erstmals seit 44 Jahren einen WM-Aufstieg geschafft – und trotzdem fast für eine historische Schande gesorgt. Einordnung eines erfolgreichen, aber seltsamen Turnierverlaufs.


Auf Instagram und TikTok ist das Spiel der Österreicher ein Renner. Auch, weil es fast wie ein inszenierter Netflix-Streifen wirkt, mit Drama, Spannung und irren Wendungen. 3:2 in der 93. Minute: Österreich raus. 3:3 in der 96. Minute: Österreich im WM-Sechzehntelfinale. Das lässt sich mit bunten Kurzvideos, peppigem Schnitt und schreienden Influencern gut verkaufen. Auf Social Media wirkt das WM-Entscheidungsspiel zwischen Österreich und Algerien wie ein Heldenepos. Man sieht Kicker in Ekstase, tanzende Fans und Hammer-Tore.

Wer die Partie aber in seiner Langfassung gesehen hat, über die 100 Minuten Spielzeit, der gelangt zu einem differenzierteren Bild. Österreichs Nationalteam hat zwar den ersten WM-Aufstieg seit 44 Jahren geschafft, aber trotzdem beinahe eine historische Blamage verursacht, weil man fast einen Nichtangriffspakt verloren hätte. „Es war teilweise unseriös“, betonte Marcel Sabitzer selbstkritisch. Wie ist dieser WM-Erfolg einzuordnen?

Österreich, das muss zuallererst erwähnt werden, hat ein schweres WM-Los erhalten: mit Weltmeister Argentinien und starken Algeriern. Der Datenanalyst Opta verwies gar auf die „schwierigste“ Gruppe. Nun wartet in der ersten K.O.-Runde mit Europameister Spanien der zweite große Brocken im vierten Spiel. Und auch das Duell um den Aufstieg gegen Algerien hatte komplizierte Voraussetzungen.

Naive Österreicher

Denn: Beiden Teams reichte ein Remis zum Aufstieg. Und das merkte man. Österreich ging zweimal in Führung und lud die Algerier mit ungewohnter Passivität zweimal zum Ausgleich ein. Beim Stand von 2:2 kam es dann zu einem Nichtangriffspakt. Beide, so schien es, hatten nun was sie wollten.

Und so ergab sich ein seltsames Spiel. Die Österreicher überließen den Algeriern komplett den Ball und wogen sich in Sicherheit. Das Problem: Das ÖFB-Team neigt eigentlich zum Angriff – und dementsprechend ungelenk vollführte man nun den Nichtangriffspakt. Die Algerier spielten sich seelenruhig den Ball zu, während die österreichische Mannschaft immer näher vor ihr eigenes Tor wanderte, ohne klare Grenzen zu setzen und getragen von einer Passivität, die in Rangnicks Ära nie zuvor praktiziert worden war. Und so kam es zu einer eigenartigen Situation kurz vor Schluss: Obwohl Algerien nicht mehr wirklich nach vorne spielen wollte, luden die ÖFB-Kicker aufreizend naiv dazu ein. Und gleichzeitig schienen sie felsenfest daran zu glauben, dass diese Einladung schon ausgeschlagen würde. Falsch gedacht. 93. Minute: 3:2 für Algerien.

Er hätte gar nicht anders gekonnt als zu treffen, rechtfertigte Torschütze Riyad Mahrez, der kurioserweise von seinen Mitspielern gerügt wurde. Denn: Der Sieg spielte ihnen nicht in die Karten, sondern brachte vielmehr einen großen Nachteil. Nun würden sie auf die starken Spanier treffen, anstatt bloß auf die Schweiz. Und so kam es doch noch zu einer Wendung – und Österreich in letzter Sekunde, wie durch ein Wunder, zum Ausgleich. 3:3!

Nun könnte man ekstatisch jubeln und über den Rest den Mantel des Schweigens breiten. Schließlich war das ein Entscheidungsspiel unter seltsamen Voraussetzungen, mit viel Druck aufgeladen und bei schwüler Hitze. Dazu gäbe es für Jubeltrubel auch gute Argumente. In der Amtszeit von Ralf Rangnick wurde ein Rekord nach dem anderen aufgestellt. Erst der EM-Gruppensieg vor Frankreich und den Niederlanden. Dann die erste WM-Qualifikation seit 1998. Und nun erstmals seit 44 Jahren ein WM-Aufstieg.

Doch mit bloßem Wegschauen würde man dem österreichischen Fußball keinen Gefallen tun. Denn Rangnick und sein Team plagen schon länger einige Baustellen, die aber von der WM-Euphorie überdeckt werden.

Alternde Athleten

Erstens: Die große Stärke des Rangnick-Teams, das mutige Offensiv-Pressing, ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Viele haben sich darauf eingestellt, spielen gegen Österreich defensiver und verhindern Balleroberungen. Sogar Weltmeister Argentinien passte sein Spiel an Rangnicks Taktik an. Dazu wurde Pressing im Unterschied zu den frühen Red-Bull-Jahren zu einem Massenphänomen, auch auf Nationalteamebene. Und jüngere Mannschaften sind beim kräfteraubenden Rambazamba-Spiel im Vorteil.

Rangnicks Truppe zählt aber mittlerweile zu den älteren Teams bei der WM. Marko Arnautović ist 37 Jahre alt, David Alaba 34, Marcel Sabitzer, Michael Gregoritsch und Philip Mwene 32. Auch der Rest der Startelf gegen Algerien steuert auf den Dreißiger zu. Jungstars, wie bei anderen Nationen, fehlen dagegen. Im Vorfeld hieß es, dass das höhere Alter wegen der Erfahrung ein Vorteil sei. Aber nicht für ein Pressing-Team. Alaba zwickt meist der Muskel, Arnautović schafft laut Rangnick kein Spiel über die volle Distanz. Viele ÖFB-Stars wirkten nach den Spielen, als würden sie nach einem Sauerstoffzelt lechzen. Dadurch entsteht ein Dilemma: Das intensive Spiel der ersten Rangnick-Jahre kriegt man kaum noch auf den Platz. Denn: Attackiert man hoch, nützen das die Gegner vermehrt für schnelle Gegenstöße, was die Österreicher in ihrem Offensivdrang hemmt.

Zweitens: Vor der WM verletzte sich Offensivstar Christoph Baumgartner, der mit seiner Technik und Pressing-Intensität an allen Ecken und Enden fehlt. In den USA ist Rangnick nun gezwungen, auf dieser Position herumzuprobieren – ohne Erfolg. Einmal spielte der kämpferische aber spielerisch maue Konrad Laimer in der Schaltzentrale. Dann versuchten sich Paul Wanner und Romano Schmid, die über eine gute Technik verfügen, aber weniger Kampfstärke besitzen. Rangnick, der Kompromisslose, muss vermehrt Kompromisse eingehen.

Drittens: Die hohe Erwartungshaltung im Land. Seit Rangnick hier Teamchef ist und überall verkündet, gegen jeden gewinnen zu wollen, wird er daran auch gemessen. Seine löbliche Ambition wurde zur Bringschuld. Österreich hat gegen Jordanien, Argentinien und auch in der ersten halben Stunde gegen Algerien durchaus passable Leistungen gezeigt. Aber nach Siegen in seiner Ära gegen Weltmächte wie die Niederlande und spektakulären Torfestivals gegen Norwegen oder Ghana wird im Land nun mehr erwartet, als gerade möglich ist.

„Das war dumm“

Österreichs Stärke speiste sich in den letzten Jahren aus mutigem Offensivdrang. Nun wirkt man ausgerechnet auf der großen WM-Bühne identitätslos. Rangnick versucht an seiner Strategie zu feilen. Gegen Algerien wurde aber deutlich, wohin er in seiner Trickkiste nicht mehr greifen sollte: Zum tiefen und passiven Verteidigen. Österreich hat seine Vorzüge in der Offensive, trotz aller Widrigkeiten. Sechs Tore in drei WM-Spielen sind kein schlechter Wert. Was nicht gut funktioniert: das Verteidigen. Sobald sich Österreich zurückzieht und die Partien verwalten will, wird es gefährlich. Sechs Gegentore bei drei WM-Auftritten belegen das.

Gegen Algerien verteidigte Österreich tiefstehend und passiv wie nie zuvor unter Rangnick. Nach jedem Führungstreffer wurde ein Rückzugsgefecht geliefert, als wäre Teamchef-Vorgänger Franco Foda wieder im Amt. „Mir hat das gar nicht gepasst“, erklärte Marcel Sabitzer nach dem Spiel. „Ich habe die ganze Zeit geredet, dass wir wieder nach vorne kommen müssen, weil das nicht gutgehen kann – und es auch nicht gutgegangen ist.“ Man habe „mit dem Feuer gespielt“, gab Michael Gregoritsch zu. „Das war dumm, fahrlässig und wäre fast bestraft worden.“ Österreich hätte nicht nur um ein Haar das wichtige Entscheidungsspiel vergeigt, sondern – und das ist grotesk – einen Nichtangriffspakt verloren, was einer historischen Blamage gleichgekommen wäre.

Hinterfragen statt Hype

Rangnick versuchte dennoch bloß den Allzeit-Erfolg zu betonen, das verrückte Spiel als Schlager zu verkaufen und die Passivität auf die Hitze zu schieben. Selbstkritik hörte man kaum heraus. Vielmehr betonte er, dass es „richtig war, im tiefen Block zu verteidigen“, auch wenn man dabei künftig „aktiver und mit mehr Druck auf den Ball“ agieren müsse.

Nun wartet Spanien im WM-Sechzehntelfinale. Ein tiefer Block, so wie ihn Österreich neuerdings praktiziert, könnte gegen die flinken Ballzauberer schnell in ein Debakel führen. Rangnicks Team muss also innerhalb weniger Tage seine Identität wiederfinden und sich das Spiel, das zu internationaler Anerkennung geführt hat, trotz aller Widrigkeiten zutrauen. Womöglich mit frischen und jüngeren Spielern, die bislang den arrivierten Stars weichen mussten: Kevin Danso, Patrick Wimmer, Carney Chukwuemeka. Denn die Ausgangslage ist trotz des übermächtigen Gegners reizvoll: Österreich hat gegen den Europameister nichts zu verlieren, aber kann mit Mut, Kampf und Offensive viel gewinnen.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Österreich hat erstmals seit 1982 einen WM-Vorrunden-Aufstieg geschafft. Das letzte K.O.-Duell bestritt man 1954, also vor über 70 Jahren. In der aktuellen WM-Vorrunde gewann Österreich gegen Jordanien 3:1, verlor gegen Argentinien 0:2 und spielte gegen Algerien 3:3. Nun trifft das ÖFB-Nationalteam im WM-Sechzehntelfinale am 2. Juli (21 Uhr, MEZ) auf Spanien, einen der großen Favoriten auf den Weltmeistertitel.

Ähnliche Inhalte