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Eine pinke Haarbürste

6 Min
Eine pinke Haarbürste in Israel als Sinnbild für den Krieg.
© Fotocredit: Matan Golan

Die in Israel lebende österreichische Schriftstellerin Sandra Gugić über das Leben vor und nach dem Angriff der Hamas.


Bisher hatte ich das Glück, jedes Mal zu Besuch in Europa zu sein, wenn die Hamas Raketen aus Gaza auf Israel abfeuerte. Wenn ich zurückkam, war es jedes Mal wieder vorbei. Die Vorfälle schienen schnell unter Kontrolle gebracht, fast so, als wäre nichts gewesen.

Diesmal erreichen mich die Nachrichten gleich nach dem Aufwachen. Erst will ich nicht glauben, was ich lese, dann stürze ich zwischen die Zeilen, verliere mich im Text. Meine Sinne laufen auf Notmodus.

Wtf is going on? This is freakin scary, schreibt mir A.

Ich bin in Nazareth, im Norden von Israel, um sie zu treffen, darauf haben wir beide uns lange gefreut. A. ist arabische Christin und in dieser Stadt geboren, sie kennt jede Ecke. Wir begrüßen uns wortlos, umarmen einander lange. Dann laufen wir los, als wären die Nachrichten im Gehen eher zu fassen. Ich bin es gewohnt, meinen Weg allein finden zu müssen. Es tut gut, diesmal einfach mitlaufen zu können. Es tut gut, den Schock über das Ausmaß der Ereignisse, die sich nach und nach auf unseren Displays ausbreiten, teilen zu können.

Die Stadt liegt still und ausgedünnt, die Blicke und Gesten der wenigen Menschen, denen wir begegnen, scheinen vorsichtig und suchend, es wird einander zugenickt, manchmal leise gegrüßt, was unter Fremden in einer Stadt selten ist.

Seit ich in Israel lebe, versuche ich zu begreifen, die vielschichtige Realität und Geschichte von Land und Menschen zu fassen zu bekommen. Auch im Austausch und im gemeinsamen Schreiben. Heute fehlt N. in unserer Runde, weil sie mit ihrer Familie den Shabbat einhält und Simchat Torah feiert. N. ist jüdische Autorin, die vor einigen Jahren mit ihrer Familie Aliyah gemacht hat.

Unsere junge Freundschaft verbindet verschiedene Lebensrealitäten, die der leidgeprüften Einheimischen und die der beobachtenden Ausländerin, dem Gast. Eine Christin, eine Jüdin und ich, eine Atheistin.

Später wird N. uns auf WhatsApp schreiben, dass sie sich zurückwünscht an den Tag vor einer Woche, an die Version von uns vor einer Woche. Ich erinnere mich, wie wir an meinem Küchentisch in Tel Aviv-Jaffa unsere Texte editiert haben und dabei in eine intensive Diskussion über die israelische Besatzung der Westbank geraten sind. Irgendwann höre ich auf zu sprechen, höre nur noch zu. Die Freundschaft und der Respekt, den die arabische wie auch die jüdische Frau einander im Diskutieren entgegenbringen, trotz aller Differenzen, beeindruckt mich. Eine andere Sache ist, wie unsere Texte aufeinander zu antworten scheinen, obwohl wir auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben.

Wir begegnen uns in einer scheinbar heilen Blase, in der zugleich alles Chaosrauschen präsent ist. Aber was ist die bestimmende Realität, das bestimmende Narrativ, und wie beeinflussen sie uns?

Die Ereignisse erscheinen durch ihre Grausamkeit zugleich so absurd und irreal.

Am Ende des Tages in Nazareth haben A. und ich uns müde gelaufen und geredet, wir umarmen uns still, ich verspreche, bald zurückzukommen.

Wir wissen nicht, was kommt. Wir wissen nicht um die Bilder und Grausamkeiten der kommenden Tage. Wir wissen noch nicht, wie unfassbar hoch die Zahlen der Ermordeten steigen werden. Wir wissen noch nicht, wie alleingelassen diese Menschen sein werden von ihrem Staat, der sie beschützen sollte.

Ich nehme mir vor, die viralen Bilder der Gewalt zu meiden, die kursierenden Videos der Massaker der Hamas-Terroristen, und ahne zugleich, ich werde mein Vorhaben nicht vollständig einhalten können, weil den Bildern nicht zu entkommen sein wird. Je mehr ich sehe und erfahre, desto mehr schwanke ich zwischen Entsetzen, Trauer und Wut. Die Bilder der um ihr Leben rennenden jungen Menschen, die einen Augenblick davor noch auf einem Open Air getanzt haben. Die Straße voll ausgebrannter und verlassener Autos aus der Vogelperspektive.

Die Ereignisse erscheinen durch ihre Grausamkeit zugleich so absurd und irreal. Genauso wie der Raketenalarm, auf den viele meiner Nachbarn in Jaffa überhaupt nicht reagieren, sondern einfach ungerührt weiter das machen, was sie eben gerade machen.

Als ich zu Hause ankomme und zuerst auf meinen Balkon hinausgehe, wie ich es immer tue, die Koffer stehen noch im Flur, wird ein Mann mit verbundenen Augen von einer schwerbewaffneten Einheit der Polizei abgeführt. Ich weiß nicht, ob ich ihn kenne, das Tuch bedeckt sein Gesicht. Aus dem Haus gegenüber, aus dem er abgeholt wurde, dringt das Weinen von Kindern.

Die Gewaltgeschichte wird weitergeschrieben werden.

Es gilt, einen Alltag aufrechtzuerhalten, weiter zu funktionieren, ich bin nicht allein. Der Kindergarten bleibt auf unbestimmte Zeit geschlossen. Wir sollen das Haus nur wenn notwendig verlassen. Meine Gedanken rasen im Leerlauf, ich verliere mich im Doomscrolling. Der erste Anruf, der tröstet, ist von der Kindergartenleitung, die fragt, wie wir zurechtkommen, wie es meinem Kind geht. Das Gesicht meines Kindes, das sich aufhellt, als kurz darauf ein Video kommt, auf dem die arabische Erzieherin das hebräische Gruppenlied singt und dabei die Namen aller Kinder nennt. Der Kindergarten ist ein lange gewachsenes Friedensprojekt, das (arabisch-)christliche, muslimische und jüdische Familien und deren Kultur verbindet. Auch wir als Ausländer haben einen Platz dort. Die Erzieherin nennt die Namen der Kinder, und ich denke an die ermordeten Kinder in den Kibbuzim, deren Namen ich nicht kenne; ich denke an die Kinder, die in Gaza sterben werden, deren Namen ich nicht kenne. Die israelische Regierung spricht offen von Vergeltung und Auslöschung, die Gewaltgeschichte wird weitergeschrieben werden.

Ich klettere mit meinem Kind aufs Flachdach des Hauses, Militärhubschrauber ziehen am Horizont Richtung Süden über das Meer. Ich öffne die WhatsApp von O., dem Trainer unserer Kinderfußballgruppe, der kurz und nüchtern schreibt, dass die kommenden Termine leider erst mal ausfallen, weil er eingezogen wurde. Da sind die Stimmen und Fragen von Kolleg:innen, Freund:innen, Familie, ich überschlage mich im Antworten und versichere, dass es mir gut geht, dass ich in Sicherheit bin. Immer wieder die Frage, ob ich ausreisen werde; während ich selbst noch nach Antworten suche und gar nichts mehr sicher sagen kann, erklären selbsternannte Expert:innen in Insta-Stories scheinbar die ganze Welt, kursieren schon erste Gerüchte und Desinformationen, als wären nicht genug Gräuel geschehen.

Die Straßen von Tel Aviv sind wie leergefegt, nur wenige Fahrzeuge sind unterwegs. An improvisierten Straßensperren stehen Einheiten der Polizei, die ratlos wirken. Es gibt die Soldat:innen auf Rollern und Fahrrädern, die unterwegs zum Treffpunkt ihrer Einheit sind. An anderen Sammelpunkten treffen sich Freiwillige, binden Kränze, packen Essenspakete. Menschen stehen Schlange, um Blut zu spenden. Es gibt die spontanen Kundgebungen von Israelis, die Vermittlungen fordern, die einen sofortigen Gefangenenaustausch ihrer nach Gaza verschleppten Angehörigen möglich machen könnten. Kleine Gruppen, die ernst und einsam mit von Hand geschriebenen Schildern stehen.

Es gibt das mediale Bild einer pinken Haarbürste, die auf dem Boden neben einem jungen Mann liegt, wir sehen nur seinen Rücken. Die Menschen sind aufgerufen, die DNA ihrer vermissten Angehörigen an die Behörden zu liefern. Die Bürste gehört seinem Bruder.


Infos und Quellen

Genese

Sandra Gugić lebt und arbeitet derzeit in Tel Aviv-Jaffa. Sie schreibt Prosa, Lyrik und Essays. Zuletzt veröffentlicht: „Zorn und Stille“ (Roman, Hoffmann und Campe 2020), „Flüstern“ (Essay, Verlagshaus Berlin 2022). Heuer erhielt sie den Caroline-Schlegel-Preis für Essayistik.

Ein Foto der Schriftstellerin Sandra Gugic.
Schriftstellerin Sandra Gugić.
© Fotocredit: Dirk Skiba

Daten und Fakten

  • Shabbat ist im Judentum der siebente Wochentag, ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Er beginnt laut dem jüdischen Kalender am Vorabend und dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag.

  • Simchat Torah ist der letzte der jüdischen Feiertage, die mit dem Laubhüttenfest (Sukkot) beginnen. An Simchat Torah wird die Vorlesung der Torah, der fünf Bücher Moses, in der Synagoge mit dem letzten Abschnitt des fünften Buches beendet und sogleich wieder mit dem ersten Abschnitt des ersten Buches von neuem begonnen. Das hat den Hintergrund, dass die Torah kein Ende hat, also immer wieder neu gelesen und studiert werden muss.

  • Aliyah, deutsch „Aufstieg“: Personen, die jüdischer Abstammung sind, haben das Recht, Aliyah zu machen, was bedeutet, nach Israel einzuwandern.

  • Kibbuz (Mehrzahl: Kibbuzim): jüdische Kollektivsiedlung auf dem Land mit basisdemokratischen Strukturen; der Begriff leitet sich vom hebräischen Kwuza (Gruppe) ab.