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Eine Stadt, gemacht für Frauen?

5 Min
Frauen wünschen sich breite Gehsteige, Parks, Orte zum Ausruhen, statt Straßen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Unsplash

Die Stadt ist für Männer geplant, die Bedürfnisse der Frauen werden nicht berücksichtigt. Wiens Stadtplanung denkt um.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Extrabreite Straßen, damit ein Schwerlaster mit 700 PS um die Kurve kommt? Oder doch lieber großzügige Gehsteige, die einer jungen Mutter beim Schieben ihres Kinderwagens genug Freiraum lassen? „Frauen und Männer haben im öffentlichen Raum unterschiedliche Bedürfnisse", sagt Eva Kail, zuständige Beamtin für gendergerechte Verkehrsplanung in Wien. Das liegt an den patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft, in denen es nahezu ausschließlich immer noch Frauen sind, die sich um die Kinder kümmern. „Verkehrsplaner können sich für die Straße oder für den Gehsteig entscheiden“, sagt Kail. Und deshalb könne auch von „feministischer“ Stadt- und Verkehrsplanung gesprochen werden − weil diese durchaus einen gesellschaftsverändernden „transformatorischen“ Anspruch habe.

Die „sakrosankte Lkw-Kurve“ sei jedenfalls das männliche „Killer-Argument“ schlechthin, sagt Kail − und es ist klar, dass älteren, gesunden und wohlhabenden Männern, die traditionell über die Widmung von Verkehrsflächen bestimmen, die Sache mit dem Kinderwagen weniger und die mit der Bewegungsfreiheit für schwere Boliden besser gefällt.

Andere Bedürfnisse

Studien besagen, dass Frauen zumeist auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Fahrrad angewiesen sind und viel mehr Wege zu Fuß zurücklegen als Männer. Letztere machen konkret doppelt so viele Kilometer mit dem Auto wie Frauen. Frauen müssen öfter kurze Strecken bewältigen, ihnen kommt entgegen, wenn Wohnort, Schule, Kindergarten, Arzt, Apotheke und Einkaufsmöglichkeiten möglichst nahe beieinander liegen und rasch erreichbar sind. Es ist immer noch vor allem unbezahlte Versorgungsarbeit, die von Frauen geschultert wird und die die Schaffung sogenannter kompakter Stadtviertel mit einer fußgängerzentrierten Straßengestaltung notwendig macht.

Eine Frage des Alters

Was aber wünschen sich Frauen in Wien, wenn sie konkret darauf angesprochen werden? Stimmen die oben angeführten Feststellungen? Rasch wird klar, dass die Kategorie „Generation“ auch eine bedeutende Rolle spielt: Drei ältere Damen etwa, die über den Wiener Praterstern flanieren, sind der Ansicht, dass es „viel zu viele Radwege“ gibt und den Autofahrern durch den Zwang zum Ausweichen unnötige Probleme entstünden. Und eine der drei traut sich am Abend nicht mehr allein von der Oper nach Hause, „weil die Kriminalität so hoch“ ist.

Maria, Mitte 40, ist Mutter zweier Kinder, wohnt in der Leopoldstadt und denkt anders. Sie findet gut, dass es bei ihr im „Grätzl“ viele Lokale mit Schanigärten gibt; das erhöht ihr Sicherheitsgefühl am Abend und sei besser als „leere Geisterviertel“: „Dort kann dir im Ernstfall keiner helfen.“ Abseits davon wünscht sie sich, dass es im Stadtbild Sitzplätze gibt, wo man sich „speziell mit Kindern“ niederlassen und Pause machen kann. Sie will viel Platz und verkehrsberuhigte Flächen. „Mehr Hindernisse auf den Straßen, nur so bekommst du die Autofahrer aus der Stadt.“ Und Nora, Studentin, Anfang 20, will mehr „grüne Alleen und Ruhe-Oasen“ zum Verweilen.

Gehen − „von Frauen entdeckt“

„In Wien wurde das Gehen von Frauen entdeckt“, bringt es Verkehrsplanerin Eva Kail auf den Punkt. Ihrer Ansicht nach ist die Stadt in puncto feministischer Stadtplanung international Vorreiter, was die „inhaltliche Breite“ und die „Tiefe der Bearbeitung“ betrifft. Und: „Die Frauenbewegung ist wieder schick“, freut sich Kail, die sich gut an den angefeindeten „Latzhosen-Feminismus“ der 70er-Jahre erinnert. 2002 wurde Mariahilf jedenfalls Pilotbezirk und es wurden viele Maßnahmen zur Verbesserung des Zufußgehens gesetzt – wie der Einbau von Rampen und Liften, um den Höhenunterschied auszugleichen. Schon 1997 errichtete die Gemeinde eine frauengerechte Mustersiedlung in Floridsdorf, die Frauen-Werk-Stadt. Dort gibt es Abstellplätze für Kinderwägen in jedem Stock, geräumige Stiegenhäuser und Waschräume im lichten Obergeschoß. Sämtliche für die Bewältigung des Alltags wichtigen Einrichtungen sind in unmittelbarer Nähe. Seit 2005 ist „Gender Budgeting“ Bestandteil des Budgetprozesses der Stadt Wien.

„Hätten wir auf die Feministinnen gehört“

Was die Bekämpfung des Klimawandels betrifft, sieht Kail große Synergieeffekte. „Hätten wir alle mehr auf die Feministinnen gehört, wären wir jetzt bei den Maßnahmen gegen die Erderwärmung besser aufgestellt“, sagt sie im Hinblick auf das Bedürfnis von Frauen nach Verkehrsberuhigung.

Als einen großen Erfolg ihrer Tätigkeit sieht die Diplomingenieurin die geschlechterneutrale Parkgestaltung in Wien − die relevanten Kriterien würden automatisch bei der Errichtung jedes neuen Parks angewandt. Nachdem Untersuchungen in den 90ern gezeigt hatten, dass sich Mädchen zwischen dem zehnten und 13. Lebensjahr oft aus den Parks zurückziehen, weil sie dort keine ansprechenden Angebote vorfinden, wurden ab 1999 Umgestaltungen im Bruno-Kreisky-Park und im Einsiedlerpark im 5. Bezirk erprobt. Ballspielkäfige, bisher überwiegend von Buben genutzt, wurden offener gestaltet, mittlerweile gibt es dort Volleyball- und Badminton-Plätze, Hängematten und viele unterschiedliche Sitzmöglichkeiten. Büsche wurden gestutzt oder überhaupt entfernt.

Das mögen nicht nur junge Mädchen. Und so weist Eva Kail darauf hin, dass feministische Ansätze im Bereich der Stadtplanung oft allen zugutekommen.

Eine Frage der Rolle

Auch Männer können von feministischen Planungsansätzen profitieren, wenn sie ihre traditionellen Rollen verlassen, betont Ursula Spannberger, Architektin und Mediatorin für Planungs- und Baufragen in Salzburg. „Es geht nicht nur um Frauen und Männer und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse, sondern auch um Rollen“, sagte sie kürzlich bei einer Diskussion aus der Reihe „Wissen schafft Diskurs“ der WZ im Rahmen des Programms „University Meets Industry“ der Universität Wien. Das heißt: „Ein junger Vater oder Student, der morgens mit seiner Tochter auf dem Fahrrad seine Wege macht, hat sicher andere Bedürfnisse als eine Universitätsprofessorin mittleren Alters, die aus einem Vorort kommt und mit dem Auto in die Tiefgarage der Uni fährt“, führte Spannberger aus. Allerdings stecken wir immer noch in tradierten und herkömmlichen Rollen.


Infos und Quellen

Gesprächspartnerinnen

  • Eva Kail: Die Obersenatsrätin ist Pionierin in Sachen feministischer Stadtplanung und hat während der letzten Jahrzehnte sämtliche Entwicklungen in dem Feld miterlebt. Sie geht demnächst in Pension. Im Gespräch mit WZ-Redakteur Michael Schmölzer hat sie zurückgeblickt und viel zu erzählen gewusst.

  • Jene Damen, die am 28. September in Wien Leopoldstadt spontan befragt wurden und von ihren Vorstellungen, eine ideale Stadt für Frauen betreffend, erzählt haben.

Daten und Fakten

Gender-Planning gibt es seit den 80er-Jahren. Ähnlich wie beim sozialen Wohnbau 1919 bis 1934 nimmt Wien hier eine international anerkannte Vorreiter-Rolle ein. Generell geht es darum, schwächeren Gruppen in der Stadtplanung mehr Raum zu geben. Die Umsetzung dieses Ziels hat zur Folge, dass der Autoverkehr abnimmt – eine wichtige Forderung der Klimaschützer.

Zum Thema Raumgerechtigkeit wird ein lebhafter Diskurs geführt, der sich darum dreht, wer viel und wer wenig Raum im Stadtgefüge einnimmt. Zu den eher Benachteiligten gehören Frauen, Kinder, Migrant:innen oder ärmere Schichten, zu den eher Bevorzugten Männer, wohlhabende Schichten oder Autofahrer:innen. Für Näheres findest Du hier das Video einer Diskussion aus der Reihe "Wissen schafft Diskurs" des Postgraduate Center der Universität Wien und der WZ.

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