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„Jede:r Ebola-Überlebende muss gefeiert werden“

9 Min
In der Demokratischen Republik Kongo wütet derzeit der 17. Ebola-Ausbruch in 50 Jahren.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images, Wiki Common

Medizinerin Kate White erzählt von ihrem Einsatz gegen die Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo.


    • Der aktuelle Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo ist der schwerste bisher, mit fast 4.000 Infektionen und über 1.700 Todesfällen.
    • Kate White betont die enorme körperliche und mentale Belastung für medizinisches Personal sowie die sozialen Folgen für Betroffene und Familien.
    • Die Bekämpfung von Ebola wird durch ein fragiles Gesundheitssystem, mangelnde Investitionen aus dem Globalen Nordn und die schnelle Ausbreitung des Virus erschwert.
    • Seit Mai 2026: Schwerster Ebola-Ausbruch im Osten der DR Kongo
    • Über 4.000 Infektionen, mehr als 1.700 Tote, davon über 300 Kinder
    • Sterblichkeit Bundibugyo-Virus: 25–60 %, fünf Provinzen betroffen
    • Ebola erstmals 1976 dokumentiert, 17. Ausbruch in der DR Kongo
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Es war eine Meldung, die jüngst durch die Medien ging, bei den meisten Leser:innen in Europa aber wohl bloß ein Achselzucken hervorrief: Der Osten der Demokratischen Republik Kongo erlebt seit Mitte Mai 2026 den bisher schlimmsten Ausbruch von Ebola mit bald 4.000 bestätigten Infektionen und mehr als 2.000 Todesfällen, darunter mehr als 300 Kinder.

Es ist der bereits 17. Ausbruch in jenem Land, in dem 1976 – also vor genau 50 Jahren – zum ersten Mal ein Ebola-Virus dokumentiert wurde. Doch die Epidemie war und ist weitgehend auf Westafrika beschränkt, weshalb wir im Globalen Norden uns nicht wirklich betroffen fühlen. Außer, es tauchen vereinzelte Fälle auf europäischen Flughäfen, auf oder die USA verweigern – wie jüngst – einer Maschine mit einem Passagier aus einem Ebola-Gebiet die Einreise.

Ein Leichensack mit einem Ebola-Toten wird abtransportiert
Mehr als 2.000 Menschen sind beim jüngsten Ebola-Ausbruch bisher gestorben.
© MSF/Alexis Huguet

Dieser Zwiespalt ist Kate White nur allzu bewusst. Die britische Ärztin war bis vor wenigen Tagen als Medizinische Einsatzleiterin für Ärzte ohne Grenzen in der DR Kongo im Einsatz. Im Interview schildert sie, wie anstrengend sowohl körperlich als auch mental der Kampf gegen die oft tödliche Krankheit ist und wie schrecklich eine Infektion in vielen Fällen verläuft. Sie spricht aber auch darüber, warum die Medizin dieser Zoonose, die von Tieren auf den Menschen überspringt, immer mindestens einen Schritt hinterher ist.

WZ | Mathias Ziegler
Wie kann man sich Ihren Einsatz im Ebola-Spital vorstellen?
Kate White
Du kommst in der Früh ins Behandlungszentrum und gehst am Abend heim. Es ist wirklich hart. Du trägst einen Ganzkörperschutzanzug, darin ist es heiß und feucht. Und du hast so viele Patient:innen, um die du dich kümmern musst, dass du jedes Zeitgefühl verlierst, und die Kolleg:innen müssen dich ans Aufhören erinnern. Und wenn du dann den Schutzanzug ablegst, bist du von deinem eigenen Schweiß so nass, als wärst du gerade schwimmen gewesen.
WZ | Mathias Ziegler
Und zu dieser körperlichen Belastung kommt noch die mentale, vermute ich.
Kate White
Ja. Ich bin schon seit zehn Jahren im Ebola-Einsatz und habe schon viele solcher Ausbrüche miterlebt. Aber aktuell ist es einer der schlimmsten. Er weckt viele Erinnerungen, und es findet eine so starke Übertragung innerhalb der Gemeinschaft statt, mit so starken Auswirkungen auf ganze Familien. Wir haben zum Beispiel ein Kleinkind zugewiesen bekommen, dessen Mutter und Großmutter an Ebola gestorben waren. Dann wurde es ebenfalls krank – und die Familie machte es für den Tod der beiden Frauen verantwortlich und wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Wir sprechen hier von einem 14 Monate alten Kind! Es geht also nicht nur um Medizin, es geht auch um Sozialarbeit, um mentale Gesundheit. Gerade eine Epidemie wie Ebola hat so viele weitere Auswirkungen über Gesundheit und Medizin hinaus. So weniges davon kann man kontrollieren, und das kann wirklich hart sein.
Es ist wirklich schrecklich mitanzusehen.
Kate White über Ebola-Patient:innen mit inneren Blutungen
WZ | Mathias Ziegler
Die Sterblichkeitsrate liegt je nach Ebola-Virus bei 25 bis 90 Prozent. Was genau ist es, das Ebola so schlimm macht? Was machen Infizierte durch?
Kate White
Das hängt ein bisschen davon ab, welches Virus man erwischt. Unter den fünf Viren, die Ebola auslösen, ist der Zaire-Stamm besonders tödlich. In der DR Kongo wütet derzeit vor allem das Bundibugyo-Virus, hier sehen wir eine Sterblichkeit von 25 bis 60 Prozent. Das Beängstigende ist, dass die Symptome am Anfang so harmlos wirken: Meist hat man Muskelschmerzen, Fieber und eine wirklich extreme Erschöpfung, bei der man nicht einmal den Kopf vom Polster heben möchte. Das sind sehr allgemeine Symptome, die nach anderen Krankheiten aussehen können, wie zum Beispiel Malaria oder Grippe. Aber im weiteren Verlauf, wenn der Körper gegen das Virus ankämpft, kommen weitere Symptome hinzu wie Erbrechen und Durchfall, manchmal auch mit Blut im Stuhl. Und wenn man da nicht rechtzeitig Hilfe bekommt, beginnt die Krankheit fortzuschreiten, oft mit inneren Blutungen. Für das behandelnde medizinische Personal ist das . . . Es ist wirklich schrecklich mitanzusehen. Ebenso für die Angehörigen. Aber ich glaube, genauso schlimm wie die Krankheit selbst ist für die Betroffenen und ihre Liebsten die Isolation, die damit einhergeht. Es erinnert an Covid, wo Familien auseinandergerissen wurden. Und dazu kommt die Angst der Angehörigen, dass sie selbst auch erkrankt sein könnten.
WZ | Mathias Ziegler
Gab es bei Ihrem Einsatz trotzdem auch positive Momente?
Kate White
O mein Gott, auf jeden Fall! Da gab es sogar sehr viele. Wenn ich an den ersten Patienten denke, der bei uns Ebola überlebt hat – das hat für uns wirklich etwas verändert. Manchmal fühlt sich ein Tag in einem Ebola-Ausbruch an wie eine Woche oder ein Monat. Aber wenn dann jemand entlassen wird, der wirklich schwer krank war und mit unserer Hilfe diesen Kampf gewonnen hat, dann muss man das einfach feiern. Es ist fantastisch zu sehen, wenn diese Patient:innen wieder mit ihrer Familie vereint sind. Und sie sind auch unsere besten Botschafter in der Bevölkerung, dass es sich lohnt, mit uns zusammenzuarbeiten, weil die Leute sehen, dass Ebola kein Todesurteil sein muss. Je rascher wir die Erkrankten behandeln können, desto besser können wir ihnen helfen. Aber wir müssen sie eben überhaupt einmal ins Spital bekommen.
Medizinisches Personal tanzt vor Freude über einen Ebola-Überlebenden
Ein Freudentanz mitten in der Katastrophe: Medizinisches Personal in Mongbwalu (Provinz Ituri) feiert die Entlassung von drei geheilten Ebola-Patient:innen.
© MSF/Alexis Huguet
WZ | Mathias Ziegler
Hatten Sie selbst jemals Angst, sich anzustecken?
Kate White
Nun, ich mache das jetzt schon sehr lange. Ein bisschen Angst ist gut. Wer keine Angst hat, wird nachlässig. Also ja, ich habe immer ein bisschen Angst. Aber die ist auch nicht unbegründet. Und sie hält mich nicht von meiner Arbeit ab. Auf der anderen Seite weiß ich genau, wie ich mich schütze, und bin auch sehr streng zu mir und den anderen, was das betrifft.
WZ | Mathias Ziegler
Ebola ist jetzt seit genau 50 Jahren bekannt. Mittlerweile gibt es Impfstoffe gegen einige Ebola-Viren, und gleich drei Hersteller arbeiten an Impfstoffen gegen das Bundibugyo-Virus. Und trotzdem erleben wir dort, wo es 1976 begonnen hat, nun den bisher schlimmsten Ausbruch. Liegt das daran, dass es bloß ein westafrikanisches Problem ist und keines des Globalen Nordens?
Kate White
Das ist eine sehr gute Frage. Ich denke, in erster Linie hängt es damit zusammen, dass es in einer Region auftritt, die uns seit langer, langer Zeit wirtschaftlich hinterherhinkt. Und der sogenannte Westen hat fast 40 Jahre lang so gut wie nichts in Diagnose, Behandlung und Impfstoffe gegen Ebola-Viren investiert – bis 2014.
Das Gesundheitssystem ist unglaublich fragil.
Kate White erklärt, warum sich Ebola in der Demokratischen Republik Kongo so rasch ausbreitet
WZ | Mathias Ziegler
Was war 2014?
Kate White
Da sind die ersten Ebola-Fälle in Europa und den USA aufgetaucht. Dann wurde plötzlich mehr geforscht, aber nur zu dem einen speziellen Virus, das mit diesen Infektionen zusammenhing. Man hat nicht gesagt: „Okay, mittlerweile gibt es mehrere verschiedene Ebola-Viren. Versuchen wir, sie alle zu bekämpfen.“ Und so werden wir immer wieder von Ausbrüchen mit jenen Viren überrascht, von denen wir zwar wissen, dass sie existieren, die aber länger nicht aufgetreten sind. Wahrscheinlich sollte das die Lehre aus der Epidemie sein: Wir brauchen einen breiten Ansatz und dürfen uns nicht bloß auf das eine oder andere Virus fokussieren. Ja, das ist teurer, aber am Ende wird es sich auszahlen. Zugegeben, in den vergangenen zehn Jahren wurde tatsächlich viel Geld in die Hand genommen. Und die Entwicklung von Impfstoffen wird inzwischen so schnell vorangetrieben wie kaum jemals zuvor. Aber es müsste noch schneller gehen. Denn die Übertragung durch die Zoonose ist uns immer mehrere Schritte voraus. Dazu kommt gerade in der DR Kongo ein unglaublich fragiles Gesundheitssystem, auch bedingt durch die vielen bewaffneten Konflikte im Land. Dort fehlt oft das Notwendigste, sodass es keine frühen Diagnosen und keine frühzeitigen Warnungen gibt. So bleiben viele Infektionen unbemerkt, und das Virus kann sich rasch weiter ausbreiten, auch durch die vielen kriegsbedingten Binnenflüchtlinge und Arbeitsmigrant:innen, die etwa zu Jobs im Bergbau quer durchs Land reisen und dann wieder zu ihren Familien zurückkehren – und das Virus mitbringen. All das sind die Zutaten für diese riesige Infektionswelle, die das Land überrollt. Im Mai hat es in der Provinz Ituri begonnen, mittlerweile sind fünf Provinzen betroffen. Es ist sehr schwierig geworden, das Virus einzudämmen.
WZ | Mathias Ziegler
Wie geht es den NGOs in der Region? Welchen Stand haben sie bei der Bevölkerung?
Kate White
Nun, es gibt eine Menge NGOs, die schon sehr lange hier aktiv sind. Gar nicht so sehr wegen Ebola, sondern mit humanitären Einsätzen. Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel ist seit 1977 in der DR Kongo bekannt. Das schafft Vertrauen, das neuere Akteure erst mühsam aufbauen müssen. Das ist nicht leicht bei einer Bevölkerung, die schon so lange in einem Konfliktgebiet lebt und auch aus ganz unterschiedlichen Gruppen besteht. Du musst dich konsequent und beständig in die Gemeinschaft einbringen und manchmal auch deine Arbeitsweise ändern. Denn wenn du den Menschen nicht zuhörst und nicht mit ihnen zusammenarbeitest, kann es passieren, dass sie sich gegen dich wenden. Beim Ebola-Ausbruch 2018 bis 2020 wurden zahlreiche unserer Behandlungszentren angegriffen. Deshalb investieren wir sehr viel Zeit in die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung, damit das nicht noch einmal passiert.
Ich denke, wir können einen Punkt erreichen, wo niemand mehr durch Ebola stirbt.
Kate White auf die Frage, ob die Krankheit jemals besiegt sein wird
WZ | Mathias Ziegler
Wird Ebola jemals besiegt sein?
Kate White
Sag niemals nie. Aber es wird unglaublich lange dauern. Vor allem deshalb, weil es eben eine Zoonose ist, die von Wildtieren kommt. Es wird also sehr schwierig bis unmöglich sein, Ebola wirklich auszurotten. Aber ich denke, wir können einen Punkt erreichen, an dem wir keine großen Ausbrüche mehr haben wie den jetzigen. Und wo es zwar kleine Ausbrüche gibt, die aber rasch eingedämmt werden können und bei denen niemand mehr stirbt, weil alle geimpft sind.
Sie sind gerade auf dem Weg in Ihre Heimat Großbritannien. Was ist Ihre nächste Aufgabe?
Ausruhen. Und im Oktober geht es zurück in die Demokratische Republik Kongo.

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Infos und Quellen

Gesprächspartnerin

Kate White ist Public-Health-Expertin aus Großbritannien und seit über 15 Jahren für Ärzte ohne Grenzen und andere Organisationen im Bereich hochansteckende Infektionskrankheiten und Migration tätig.

Daten und Fakten

Die Bezeichnung Ebola für die Erkrankung, die durch Viren ausgelöst wird, geht auf den gleichnamigen Fluss in der Demokratischen Republik Kongo zurück. Dort wurde 1976 der erste große Ausbruch gemeldet. Seither kam es zu zahlreichen Ebola-Epidemien, die allerdings meist auf Westafrika begrenzt waren. Ab 2014 tauchten allerdings auch vereinzelte Fälle in Europa auf. Seit Mai 2026 tobt im Osten der Demokratischen Republik Kongo erneut eine Infektionswelle – es ist die insgesamt 17. in jenem Land, in dem die Epidemie ihren Ausgang genommen hat.

Das Ebola-Fieber ist eine Zoonose, die durch Viren von Tieren – mutmaßlich von Nilflughunden, die mit den Fledermäusen verwandt sind – auf Menschen überspringt. Die Übertragung erfolgt durch den Verzehr von „Buschfleisch“, durch Körperflüssigkeiten oder durch kontaminierte Gegenstände. Die Inkubationszeit zwischen Infektion und Auftreten von Symptomen liegt meist zwischen 2 und 21 Tagen, am häufigsten sind es 8 bis 10 Tage. In dieser Zeit kann sich das Virus weiter ausbreiten. Bisher werden fünf Viren unterschieden, die Ebola auslösen: Das Zaire-, das Sudan-, das Taï-Forest- (früher Elfenbeinküste-) und das Bundibugyo-Virus (das gerade in der DR Kongo wütet) führen allesamt beim Menschen zu hohem Fieber in Verbindung mit Blutungen (hämorrhagisches Fieber). Bei der fünften Variante, dem Reston-Virus, ist der Ebola-Verlauf nicht ganz so schlimm. Je nach Virus liegt die Sterblichkeitsrate bei Ebola zwischen 25 und 90 Prozent. Im Durchschnitt stirbt rund die Hälfte der Infizierten.

Gegen einige Ebola-Viren gibt es prophylaktische Impfstoffe, jedoch nicht gegen das derzeit im Ostkongo grassierende Bundibugyo-Virus. Drei Hersteller arbeiten allerdings bereits intensiv an einem Impfstoff. Bisher können lediglich die Symptome behandelt werden. Seit 2018 werden in der Region auch immer wieder neue, noch nicht etablierte Medikamente experimentell eingesetzt, begleitet von klinischen Studien.

Quellen

Das Thema in der WZ

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