Zum Hauptinhalt springen

„Gaza ist eine Stadt der Ratten“

8 Min
Palästinenser:innen berichten der WZ aus erster Hand vom Leiden und Sterben in Gaza.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Trotz Waffenstillstands bleibt das Leben im Gazastreifen geprägt von Unsicherheit, Mangel und Gewalt.


    • Die Lebensbedingungen in Gaza sind katastrophal: zerstörte Infrastruktur, Überbevölkerung, Mangel an Wasser, Nahrung und medizinischer Versorgung.
    • Politische Blockaden verhindern ausreichende Hilfslieferungen; viele Menschen leiden an Unterernährung und behandelbaren Krankheiten.
    • Marcus Bachmann und Nour berichten von gravierenden humanitären Missständen, Gewalt, Rattenplagen und psychischem Druck durch ständige Bedrohung.
    • Über 800 Tote und mehr als 2.000 Verletzte seit Waffenstillstand laut UN
    • 2,2 Millionen Menschen leben in Gaza, über 80 % unter humanitärem Mindeststandard
    • 13 Personen teilen sich in Gaza-Stadt drei Zimmer, ein Bad und eine Küche
    • Über 220 Journalist:innen seit Kriegsbeginn getötet, mindestens 70 bei der Arbeit
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

„Ich habe vier Söhne im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren – ein einziges Chaos!“ Mohammed lächelt. Vor dem Waffenstillstand im Oktober 2025 verbrachten sie die meiste Zeit zuhause: „Niemand schickte seine Kinder mehr in die Schule. Es wurde überall bombardiert.“ Heute gibt es in Gaza-Stadt an drei Tagen pro Woche wieder Unterricht.

Mohammeds Wohnung wurde im Krieg zerstört. Jetzt teilt er sich mit der Familie seines Bruders ein zweigeschossiges Apartment. Das ist nicht selbstverständlich: Im zerbombten Gazastreifen ist Wohnraum rar und teuer. Dank seines Jobs bei einer UN-Organisation kann er sich die Miete leisten. Doch auch das ist nur ein Provisorium.

700 Meter nördlich des Apartments verläuft die sogenannte Gelbe Linie, die den Gazastreifen teilt. Das Gebiet zwischen der israelischen Grenze und der Gelben Linie, also der Norden, Süden und Osten des Landstrichs, wird von der israelischen Armee kontrolliert. Der Rest – etwas weniger als die Hälfte Gazas – steht unter Kontrolle der Hamas. Die Gelbe Linie ist nicht statisch. Sie verschiebt sich immer weiter Richtung Westen ans Mittelmeer. In dieser ständig schrumpfenden Enklave drängen sich rund 2,2 Millionen Palästinenser:innen.

Weil durch den massiven Beschuss des Gazastreifens die meisten Schulen zerstört wurden, findet der Unterricht in Notunterkünften statt. Die dort untergebrachten Familien müssen tagsüber weichen. Dann werden aus Paletten Sitzreihen für die Schüler aufgebaut. Neben Mathematik und Arabisch gibt es auch psychosoziale Betreuung. Mohammed weiß, dass drei Unterrichtstage pro Woche nicht ausreichen: „Ich habe eine Lehrerin engagiert, sie kommt zu uns und unterrichtet meine Kinder an den schulfreien Tagen.“


Platzmangel und Aggressionen

Mariams Familie besaß ein Haus in Gaza-Stadt. Doch das wurde im israelischen Raketenhagel gemeinsam mit ihrem Atelier zerstört. Jetzt leben sie im Apartment der Großmutter. Zusammen mit den Familien ihrer beiden Tanten: 13 Personen in drei Zimmern teilen sich ein Bad und eine Küche.

Privatsphäre gibt es keine. Mariam schläft auf einer Decke am Boden, neben ihrem Bruder und ihren Eltern. „Wenn du dich waschen oder aufs WC willst, musst du dich beeilen – draußen warten schon die Nächsten“, sagt Mariam.
Was früher Gewissheit war, wird zur Herausforderung. Für Trinkwasser muss sich Mariam in langen Schlangen an Tankwagen anstellen. Wird das Wasser knapp, kommt es immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen – manchmal fallen unter den Palästinensern Schüsse.

Das aus Gazas Brunnen gepumpte Wasser ist nur bedingt trinkbar und muss abgekocht werden. „Gas zum Kochen ist teuer und häufig nicht verfügbar“, erzählt Mariam. Dann müssen sie Feuerholz kaufen. Vielen Familien fehlt aber auch dafür das Geld. Sie trinken das Wasser dennoch und werden krank.

Obst, Gemüse und Eier sind teuer, Fleisch und in Flaschen abgefülltes Wasser sind für Mariams Familie Luxusgüter. Sind die Nahrungsmittel wieder einmal knapp, versucht sie es in einer der Gemeinschaftsküchen. Mit Glück bekommt sie dort gekochten Reis und Linsen. Manchmal sind aber auch diese Töpfe leer.

Wenn es die Sicherheitslage zulässt, unterrichtet Mariam Kinder im Malen und Zeichnen. Die Materialien sind jedoch teuer: „Man muss sich entscheiden: Leinwand und Farben – oder Lebensmittel.“


Tote trotz Waffenstillstands

Die Sicherheitslage in Gaza bleibt trotz der geltenden Waffenruhe angespannt. Als Mitarbeiter einer UN-Organisation ist der Familienvater Mohammed im gesamten Gazastreifen im Einsatz. Wenn er morgens im UN-Konvoi losfährt, finden sie manchmal Leichen am Straßenrand. Dann müssen sie die Hunde verjagen, die am Kadaver fressen, bevor sie die Überreste ins nächste Krankenhaus schaffen.
In Gaza-Stadt sei ein Vorankommen mit dem Auto nur langsam möglich: „Die Stadt ist völlig überfüllt. Überall Menschen, überall Zelte: auf den Straßen und Plätzen, zwischen den Trümmern der Häuser.“ Bei nächtlichen Einsätzen trifft Mohammed häufig auf Checkpoints mit vermummten Kämpfern der Hamas. Das sei normalerweise kein Problem, erklärt er: „Sie fragen nach Ausweisen und was wir im Kofferraum transportieren, ob wir Waffen haben – die übliche Sicherheitsroutine.“ Nach etwa einer Stunde bauen sie die Checkpoints wieder ab und verschwinden.

Trotzdem widerstrebt es ihm jedes Mal, anzuhalten. „Ihre Anwesenheit bringt uns in Gefahr“, sagt Mohammed. Jederzeit könne eine für die Hamas bestimmte Rakete einschlagen und sie alle töten. Vorfälle wie diese gibt es täglich. „Greifen die Israelis ein Ziel in Gaza an, trifft es für gewöhnlich nicht nur die Zielperson, sondern auch zwei, drei andere, die zufällig in der Nähe sind.“

Sicher ist es im Gazastreifen nirgendwo. Auf der Straße, im Auto, in der Wohnung – jeder kann jederzeit Opfer eines israelischen Luftschlags werden. Laut UN wurden über 800 Menschen seit dem Waffenstillstand getötet, mehr als 2.000 verwundet.

Marcus Bachmann war bis März 2026 Einsatzleiter für Ärzte ohne Grenzen in den palästinensischen Gebieten. „Über 80 Prozent der Bevölkerung Gazas muss unter den humanitären Mindeststandards leben“, sagt er. Als Bachmann letzten Winter in Gaza war, wurde er Zeuge, was Leben unter diesen Bedingungen bedeutet.

„Diese Menschen hausen in unzureichenden Unterkünften. Oftmals nicht einmal Zelte, sondern aus Brettern und Plastikplanen gezimmerte Verschläge.“ Diese Strukturen sind nicht stabil genug, um dem starken Wind in dieser Jahreszeit standzuhalten. Hinzu kommt der Winterregen. Weil es kein funktionierendes Kanalsystem gibt, fließt das Wasser nicht ab: „Die Zelte und Verschläge wurden überschwemmt, die Menschen und ihre Habseligkeiten komplett durchnässt.“


Menschen leben im Müll

Die Folgen sind gravierend: Sie litten an Unterkühlungen, darunter Neugeborene und Babys, so Bachmann: „Sehr viele Menschen mit Vorerkrankungen starben an Lungenentzündungen.“ Die sanitären Zustände sind katastrophal. Aufgrund zerstörter Müllfahrzeuge, beschädigter Straßen und mangelnden Diesels gibt es große Rückstände bei der Abfallbeseitigung. „Die Menschen leben zwischen Müllbergen“, erklärt Bachmann. Mit den steigenden Temperaturen wird der Gestank unerträglich: „Wegen des Wassermangels ist regelmäßige Körperhygiene kaum möglich.“ Neben anderen Hauterkrankungen verbreitet sich vor allem die Krätze.
„Gaza ist eine Stadt der Ratten“, sagt Nour. Die Palästinenserin berichtet seit 2024 als Reporterin aus Gaza. Wegen des Mülls und der zerstörten Kanalisation kam es im April zu einer Rattenplage. „Die Ratten sind überall, selbst in den Zeltlagern, wo sie Menschen beißen“, sagt sie. Rattengift sei auf dem Markt nicht in ausreichender Menge verfügbar: „Es ist eine Katastrophe.“

Bewegt sich Nour durch Gaza, ist das Summen israelischer Drohnen ihr ständiger Begleiter: „Manchmal sind sie direkt über dir, dann wieder weiter weg. Aber du hörst sie 24 Stunden am Tag.“ Mit diesen Drohnen werden auch Journalist:innen getötet. Laut Reporter ohne Grenzen starben seit Beginn des Krieges über 220, mindestens 70 davon während ihrer Arbeit.

Das letzte Opfer war Mohammed Washah. Der für den Sender Al-Jazeera arbeitende Reporter wurde im April getötet, als er die Küstenstraße entlangfuhr. Die israelischen Streitkräfte behaupteten, er hätte Beziehungen zu militanten Gruppen gehabt. Beweise gebe es keine, so Nour. Was bleibt, ist der psychologische Druck: „Wenn die IDF meine Kollegen töten können, was sollte sie davon abhalten, auch mich zu töten?“


Blockierte Hilfslieferungen

Seit dem Beginn des Irankrieges im Februar kam es zu einem massiven Rückgang an Hilfslieferungen. „Die Menge reicht nicht aus, um 2,2 Millionen Menschen zu versorgen“, berichtet Bachmann. Dabei sind Hilfsgüter in großen Mengen vorhanden. Hunderte Tonnen lagern versandbereit in Israel, Jordanien und Ägypten. „Sie sind verpackt und palettiert und könnten jederzeit nach Gaza geliefert werden.“

Dass das nicht geschieht, ist keine naturgegebene Entwicklung. „Es ist eine politische Entscheidung der israelischen Regierung“, sagt Bachmann. Das Werkzeug dieser Blockade ist die Bürokratie. „Unsere Anträge für die Lieferungen humanitärer Hilfsgüter werden von den israelischen Behörden nur sehr eingeschränkt bewilligt“, erklärt Bachmann.

Das liegt auch an Israels Definition von Dual-Use-Gütern – Waren, die nicht nur zivil, sondern potenziell auch militärisch nutzbar sind. Laut den Behörden fallen darunter Dinge wie Krücken, Rollstühle und Plastikverbrauchsteile für Sauerstoffkonzentratoren. „Teile, bei denen mir auch mit viel Fantasie nicht einfiele, wie ich damit jemandem Schaden zufügen könnte“, so Bachmann.

Die Auswirkungen dieser Politik sind verheerend. Die Zahl der Menschen, die akut mangelernährt in die Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen kommen, stieg in den letzten Wochen stark an, so Bachmann: „Das betrifft vor allem Kinder unter fünf Jahren, schwangere und stillende Frauen.“

Weil es an Impfstoffen, Labormaterialien und Antibiotika fehlt, sterben die Menschen an behandelbaren Krankheiten. Hinzu kommt ein Mangel an Reinigungs- und Desinfektionsmittel, wodurch die Gefahr von Krankenhauskeimen steigt, die lebensgefährliche Infektionen bei den Patient:innen verursachen können.

Schlimm steht es auch um jene, die durch Explosionen und Beschuss verletzt wurden. „Es fehlt an Fachärzten und Mitteln für die nötigen chirurgischen Eingriffe“, erklärt Bachmann. Für die Betroffenen bedeutet das: Dauerhafte Einschränkungen ohne Aussicht auf Rehabilitation.

Marcus Bachmann appelliert an politische Verantwortungsträger, das internationale humanitäre Völkerrecht zu respektieren. „Ich meine damit nicht nur die israelische Regierung, sondern alle Regierungen, inklusive der österreichischen Bundesregierung“, so Bachmann. „Wer eine besondere Beziehung zu Israel betont, hat auch die Verantwortung, auf die Einhaltung dieses Rechts zu drängen – auch wenn es unbequem ist.“ Doppelstandards untergraben das humanitäre Völkerrecht. Das Ergebnis ist ein Leben im dauerhaften Ausnahmezustand, an dem die Menschen in Gaza zugrunde gehen.


Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.


Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Mariam und Mohammed sind dem Autor von einer Recherche in Gaza im Jahr 2019 bekannt. Der Kontakt zu Nour wurde ihm durch einen Bekannten vermittelt. Alle Gespräche – auch jenes mit Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen – fanden über WhatsApp statt.

Daten und Fakten

  • Auslöser des Gazakrieges war der Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und einer Bodenoffensive im Gazastreifen.
  • Nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums und der Vereinten Nationen wurden über 71.000 Bewohner getötet und zehntausende weitere schwer verletzt.
  • Im November 2024 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, Verteidigungsminister Joav Gallant sowie den Hamas-Führer Mohammed Deif. Der Internationale Gerichtshof prüft den Vorwurf eines Völkermords durch Israel.
  • Im Oktober 2025 trat auf US-Initiative eine Waffenruhe in Kraft, deren Bestand ungewiss ist.

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

Ähnliche Inhalte