)
Jugendliche konsumieren immer mehr Energydrinks, weil ihnen in perfekt inszenierten Reels ein Lebensgefühl verkauft wird. Es ist Zeit für eine politische Antwort, die die Gesundheit junger Menschen schützt.
„Deine tägliche Dosis Unbesiegbarkeit“: Treffender lässt sich das Geschäftsmodell kaum zusammenfassen. Hersteller von Energydrinks verkaufen Jugendlichen schließlich nicht einfach Koffein, Zucker und Taurin. Sondern sie handeln mit Energie, Coolness, Sportlichkeit, Abenteuer und dem Gefühl, sein Leben im Griff zu haben. Das tun sie genau dort, wo junge Menschen einen großen Teil ihres Alltags verbringen – auf Social Media. Dass der Konsum von Energydrinks unter jungen Menschen steigt, überrascht deshalb wenig. Bemerkenswert ist die politische Antwort darauf.
- Kennst du schon?: Von Geisterteilchen und bösen Zwillingen: Nobelpreise 2026
Während Unternehmen mit Influencer:innen, Sportstars, Extremsport und perfekt inszenierten Instagram-Reels Milliarden verdienen, sollen Kinder und Jugendliche mit „Aufklärung“ und „bewusstem Konsum in Maßen“ dagegenhalten. So formulierte es kürzlich etwa SPÖ-Gesundheitssprecher Rudolf Silvan in einem Medienbericht: Ein Werbeverbot für Energydrinks sei nicht geplant. Die sozialdemokratische Koalitionspartnerin gibt somit die Verantwortung an die Jugendlichen ab, während die ÖVP laut dem Bericht die Zuständigkeit an die Länder delegiert.
Folgen für Schlaf, Herz und Kreislauf
Wie gut indes die Verkaufsmasche ankommt, zeigt eine neue Studie. Das Institut für Therapie und Gesundheitsforschung in Kiel hat die Daten des deutschen Präventionsradars – einer jährlich durchgeführten Befragung von Schüler:innen – von 100.000 jungen Menschen zum Konsum von Energiedrinks von 2020 bis 2026 ausgewertet.
Die Ergebnisse: In Deutschland hat fast jedes zweite Kind (46,0 Prozent) unter 12 Jahren und haben sieben von zehn Jugendlichen (71,7 Prozent) bis zum Alter von 15 Jahren bereits Energydrinks konsumiert. 6,1 Prozent der Jugendlichen trinken Energydrinks jeden Tag. „Seit 2020 zeigt sich ein kontinuierlicher Aufwärtstrend im Probierverhalten und der monatliche sowie wöchentliche Konsum erreicht Höchstwerte“, schreiben die Studienautor:innen im Fachmagazin Deutsches Ärzteblatt.
„Die Daten sind alarmierend. Insbesondere ein täglicher Konsum kann gravierende Folgen für das sich noch entwickelnde Herz-Kreislauf-System haben und unter anderem zu Bluthochdruck, Übergewicht und Störungen des Zuckerstoffwechsels führen“, sagt Felix Oberhoffer, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin an der Abteilung für Kinderkardiologie der Uniklinik München, in einer Expert:innenbefragung des Science Media Canter (SMC) Deutschland.
Energydrinks sind gesüßte Getränke, die mit Koffein und anderen Inhaltsstoffen versetzt sind, wie etwa Taurin, Glucuronolacton oder Aspartam. Die ersten zwei Zusatzstoffe kommen im Körper vor und erfüllen dort blutdruckregulierende und entgiftende Funktionen, während der dritte ein künstliches Süßmittel ist.
Ein ungleicher Wettbewerb
Die schädlichen Effekte der Getränke werden insbesondere auf die in den Drinks enthaltenen hohen Koffein- und Zuckermengen zurückgeführt, die Herz und Kreislauf belasten und Nervosität und Schlafstörungen fördern können. Untersuchungen sind jedoch im Experiment aus ethischen Gründen kaum möglich – speziell bei Kindern und Jugendlichen.
Ein 13-Jähriger sieht jedoch keine Dose mit der Botschaft: Achtung, zu viel Koffein und Zucker können Schlaf, Blutdruck und Stoffwechsel belasten. Sondern er sieht einen durchtrainierten jungen Mann, der schon nach dem ersten Schluck plötzlich bereit ist fürs Gewichte heben, um sich einen wohlproportionierten Körper anzutrainieren. Die Ware ist also nicht das Getränk, sondern das Versprechen: Trink mich und du wirst wacher, stärker, cooler, leistungsfähiger. Deshalb greift das Argument der Eigenverantwortung gerade bei Kindern und Jugendlichen zu kurz.
Länder wie Litauen, Lettland und Polen haben das Problem erkannt: Dort dürfen Energydrinks mit mehr als 150 Milligramm Koffein pro Liter nur an über 18-Jährige verkauft werden. Großbritannien will ab April 2027 den Verkauf von Energydrinks mit mehr als 150 Milligramm Koffein pro Liter für unter 16-Jährige verbieten. In Norwegen gilt seit Anfang dieses Jahres ein generelles Verkaufsverbot von Energydrinks an unter 16-Jährige.
Österreichs Energydrink für den Weltmarkt
In Österreich, Deutschland und der Schweiz hingegen dürfen Kinder und Jugendliche jeden Alters Energydrinks völlig legal im Supermarkt erwerben. Es gibt lediglich Vorgaben zur Kennzeichnung in Form von Hinweisen auf den erhöhten Koffeingehalt und entsprechende Warnhinweise auf den Dosen.
Verbraucherschutzorganisationen wie Foodwatch Österreich fordern ein Mindestalter von 18 Jahren. Laut einer Foodwatch-Analyse hat sich der Zuckerkonsum nämlich seit 2011 allein durch das Trinken von Energydrinks verdoppelt. Hierzulande trinken nicht sechs, sondern sogar acht Prozent der Kinder und Jugendlichen sie täglich. Das nimmt nicht wunder, denn immerhin wurden Energydrinks für den Weltmarkt genau hier erfunden. Der Salzburger Red-Bull-Konzern ist Weltmarktführer, einer der größten Sportsponsoren Österreichs, ein Medienunternehmen mit TV-Sender und Magazinen und Veranstalter von Großereignissen. Gründer Dietrich Mateschitz (1944-2022) erwarb 1982 in Thailand die Lizenzen für das Getränk Krating Daeng (,,Roter Stier“), um die Marke außerhalb Asiens zu vertreiben. 2025 verkaufte Red Bull 14 Milliarden Dosen Red Bull.
Zusammenhang mit Suchtverhalten
Die Forschenden des Instituts für Gesundheitsforschung in Kiel fanden Zusammenhänge des Konsums von Energydrinks mit Nikotin-, Alkohol- und Cannabiskonsum, erhöhten Bildschirmzeiten, riskanterem Verhalten, ungünstiger Ernährung, schulischen und psychischen Belastungen und dem elterlichen Monitoring. Gerade die Einnahme zusammen mit Alkohol sei gefährlich, sagt Katharina Rathmann, Professorin für Sozialepidemiologie der Fachhochschule Fulda zum SMC Deutschland. Koffein könne die Müdigkeit durch Alkohol überdecken, ohne die Beeinträchtigung von Reaktion, Urteilsvermögen und Koordination zu verringern. „Dadurch kann man sich nüchterner fühlen, als man tatsächlich ist, und eher mehr Alkohol trinken oder die Risiken unterschätzen“, warnt Rathmann.
Aufklärung kann Werbung allerdings nicht neutralisieren. Kinder und Jugendliche gegen milliardenschweres Marketing antreten zu lassen und dabei auf ihre Eigenverantwortung zu setzen, ist ein ziemlich ungleicher Wettbewerb, in dem einzig und allein das Marketing unbesiegbar bleibt. Wer Minderjährige schützen will, muss deshalb auch darüber reden, was man ihnen verkaufen darf.
Dir hat dieser Beitrag besonders gut gefallen, dir ist ein Fehler aufgefallen oder du hast Hinweise für uns - sag uns deine Meinung unter feedback@wienerzeitung.at. Willst du uns helfen, unser gesamtes Produkt besser zu machen? Dann melde dich hier an.
Infos und Quellen
Quellen
- Deutsches Ärzteblatt International: Konsum von Energydrinks unter Heranwachsenden. Ergebnisse des Präventionsradars von 2020–2026.
- Bundesinstitut für Risikobewertung: Energydrinks: BfR aktualisiert Bewertung der gesundheitlichen Risiken für Kinder und Jugendliche bei akutem und chronischem Verzehr
- Deutscher Bundestag: Altersgrenze für Energydrinks
- Präventionsradar Kinder- und Jugendgesundheit in Schulen
- Science Media Center Germany: Zuckersteuer: Argumente aus der Wissenschaft
- National Library of Medicine: The impact of social media on adolescent energy drink consumption
- Monatsschrift Kinderheilkunde: Energydrinks und ihre Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Funktion bei Kindern und Jugendlichen
- Foodwatch Österreich: Kinder im Visier von Energydrink-Herstellern
- Instagram: Energy Drink Ad
Das Thema in der WZ
- Zucker und Koffein: Die Menge macht das Gift
- It's giving Politics: Koffein für Kinder - warum zieht Österreich keine Grenzen?
)
)
)
)