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Engelbert Dollfuß – Versuch eines gerechten Porträts

8 Min
Ein verfremdetes Portrait von Engelbert Dollfuss.
Aus Liebe zu Österreich zum Diktator geworden? Oder doch ein skrupelloser Machtmensch, der sich mit Gewalt und Todesstrafen die Macht sicherte? Wer war dieser Engelbert Dollfuß?
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Der österreichische Bundeskanzler, der zum austrofaschistischen Diktator wurde: ein Irrweg, vielleicht gebaut aus gutem Willen.


Das Gesicht eines Schülers, vom Oberlippenbart kaum älter gemacht; der Körperbau klein, gerade einmal 1,51 Meter groß, die schlanke Figur wirkt durch den großen Kopf schmächtig, die Körperhaltung linkisch; der Blick treuherzig, so, wie ein sonst braver Gymnasiast dreinschaut, der gerade bei einem Streich erwischt wurde. 

Bei einem Streich, den er einem Lehrer gespielt hat, nicht bei dem Staatsstreich, den er verübt hat. 

Diesem Mann mit dem Gesicht und der Figur eines Schülers sieht man den Diktator nicht an. Er könnte der nette Nachbar sein, der am Morgen seinen Dackel äußerln führt und am Sonntag im Pyjama klingelt und fragt, ob man ihm eventuell Butter borgen könne, er habe gestern ganz vergessen, welche zu kaufen. Nichts von der grimmigen Miene, mit der sich Adolf Hitler auf Fotos inszeniert hat, nichts von der Imperatorenhaltung Benito Mussolinis. 

Alle Wertungen sind parteiisch

Engelbert Dollfuß also: Man bekommt ihn nicht in den Griff. Sein Erscheinungsbild und seine Handlungsweise passen nicht zusammen, und ebensowenig stimmt überein, was über ihn geschrieben und gesprochen wurde und wird. Alles ist parteiisch. Für die SPÖ-Sozialisierten ist er der Arbeitermörder, Faschist und Diktator; für die ÖVP-Sozialisierten ist er das Bollwerk gegen Adolf Hitler, der Patriot, der an Österreich glaubte, als es kaum jemand wagte; ein Opfer der Nationalsozialisten: bei einem Attentat 1933 verwundet, beim nationalsozialistischen Putschversuch am 25. Juli 1934 ermordet. Die Täter haben dem Schwerverwundeten beim Sterben zugeschaut. Sie haben ihm sowohl einen Arzt als auch einen Priester zur Erteilung der Sterbesakramente verweigert. Sie haben Engelbert Dollfuß, man kann es nicht anders sagen, krepieren lassen.

Das Wort „und“ 

Die Schwierigkeit im Fall des Engelbert Dollfuß besteht darin, dass statt des Gegensatzes das Wort „und“ zutreffender wäre: ein Arbeitermörder und eines der ersten Opfer des Nationalsozialismus, ein Faschist und ein Patriot, ein Diktator und ein Bollwerk gegen Adolf Hitler. Falls man überhaupt solche Vereinfachungen akzeptieren will.

Man bekommt ihn nicht in den Griff, diesen Engelbert Dollfuß. 

Seit seiner Kindheit ist er ein psychisch Beschädigter: Um den unehelichen Sohn der Bauerntochter Josepha kümmert sich weder der leibliche Vater, der Müllergehilfe Josef Wenninger, noch der Ziehvater Leopold Schmutz. Geborgen fühlt sich der Bub nur in der Kirche, wenn er ministriert. Priester will er werden. Der Pfarrer Simon Veith bringt den Bischof Johann Baptist Schneider dazu, Dollfuß ein Stipendium für das fürsterzbischöfliche Knabenseminar der Erzdiözese Wien in Oberhollabrunn zu gewähren. 1913 maturiert Dollfuß. Obwohl er das nach der Matura begonnene Theologiestudium nach wenigen Monaten abbricht und auf Jus umsattelt, wird er der katholischen Kirche aus Dankbarkeit, ihm eine Schulbildung ermöglich zu haben, die Treue halten. 

Er hadert mit seiner Kleinwüchsigkeit. Mag sein, dass sie zum Motor dafür wird, dass er sich um jeden Preis beweisen will: Als er sich im Ersten Weltkrieg in Wien freiwillig an die Front meldet und als untauglich abgelehnt wird, fährt er nach St. Pölten, um sich ein weiteres Mal an die Front zu melden. Diesmal hat er Erfolg.

Schlittert Dollfuß in die Rolle des faschistischen Diktators mehr hinein, als dass er sie angestrebt hat? 

Glaube an Österreich 

Als Bundeskanzler stemmt er sich gegen die allgemeine Depression nach dem verlorenen Krieg und die wachsende Sehnsucht von Politikern und großen Teilen der Bevölkerung, sich an den großen Bruder Deutschland anzuschließen. Allerdings macht er es mit den falschen Mitteln. Er glaubt an Österreich, nicht jedoch daran, dass die Demokratie stark genug sein könnte, die Selbstständigkeit des Landes, das sich noch nicht als Nation fühlte, zu erhalten. 

Seine Schwäche ist ein auf die katholische Kirche und die Bauern ausgerichteter Tunnelblick. Das Ergebnis ist ein Lagerdenken und eine daraus resultierende Unfähigkeit, sich mit der Sozialdemokratie konstruktiv auseinanderzusetzen – die allerdings ebenfalls nichts unternimmt, die Grenzen zum christlich-sozialen Lager zu überwinden. 

Wer ist schon demokratisch?

Versucht man nämlich, sich in die Zeit und in einen christlich-sozial sozialisierten Menschen hineinzudenken, erkennt man, dass es die Sozialdemokratie Dollfuß schwer macht, auf sie zuzugehen: Ihr Motto „Demokratie, das ist nicht viel / Sozialismus ist das Ziel“ klingt ebenfalls nicht nach der Einhaltung demokratischer Spielregeln, und ihre Strategie einer Fundamentalopposition und Verweigerung jeglicher Mitarbeit muss Dollfuß als Kampfansage verstehen. Ein weiterer verstörender Faktor mögen die Gemeindehöfe des „roten Wien“ sein: Sie sind zwar die weltweit fortschrittlichsten Sozialbauten, international bestaunt und nachgeahmt; bäuerlich geprägte Menschen verstehen sie freilich als Wehranlagen, als Festungen der Sozialdemokratie – was sich beim Kampf um den Karl-Marx-Hof während des Bürgerkriegs im Februar 1934 bewahrheitet. 

Dazu kommt das allmähliche Erstarken des Nationalsozialismus, den Dollfuß als größte Gefahr für die Selbstständigkeit Österreichs versteht. Dollfuß vermutet offenbar, die Sozialdemokraten könnten zugunsten des Anschlusses von Österreich an Deutschland für die Nationalsozialisten Partei ergreifen. Immerhin plädiert der sozialdemokratische Oppositionsführer Karl Renner für den Anschluss, den er in der Überzeugung, die Mehrheit der Österreicher:innen hinter sich zu wissen, mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker argumentiert.

In der Zwickmühle 

Dollfuß sieht sich in einer Zwickmühle zwischen Parolen und Systemen, die es alle mit der Demokratie nicht genau zu nehmen scheinen. Daher konstruiert auch er ein nicht-demokratisches System und eine Regierungsform ohne Parlament.

Dass Dollfuß im März 1933 einen Staatsstreich verübt, indem er das Parlament und damit die Demokratie ausschaltet, lässt sich nicht wegdiskutieren. 1932 hat er schon einmal mit dem Kriegswirtschaftlichen Ermächtigungsgesetz des Jahres 1917 am Parlament vorbei regiert, um die Bankenkrise auf seine Weise zu lösen. Das prägt sein Denken: Das Parlament steht der schnellen Problemlösung nur im Weg. Dollfuß ist nicht der geborene Diktator. An diesem 5. März 1933 wird er zu einem, weil er keinen anderen Ausweg sieht. Für ihn ist die Demokratie jetzt nur noch ein Gordischer Knoten, den er zerschlagen muss. 

Eine Lüge als Grundlage

So ganz traut er seiner eigenen Courage nicht. Er setzt in Umlauf, das Parlament habe sich selbst ausgeschaltet – eine glatte Lüge: Der Rücktritt aller drei Parlamentspräsidenten war lediglich eine Geschäftsordnungskrise, die in der nächsten Sitzung zu beheben gewesen wäre. Dollfuß hingegen nützt das Vakuum, um seine autoritäre Regierungsform zu etablieren.

Sukzessive folgen die äußeren Zeichen für Diktaturen: Die abgeschaffte Todesstrafe wird wieder eingesetzt und nach der Niederschlagung des bürgerkriegsähnlichen Schutzbund-Aufstands ausgiebig vollstreckt. In der österreichischen Sozialdemokratie gilt Dollfuß deshalb bis zum heutigen Tag als „Arbeitermörder“. Konkurrierenden Parteien wird die Arbeit erschwert, schließlich werden sie verboten.

In seiner Ablehnung des Nationalsozialismus bleibt Dollfuß allerdings konsequent. Das ist kein leeres Lippenbekenntnis, denn die Aversion äußert sich sogar in Kleinigkeiten, etwa: Als von Deutschland aus alle Cartellverband-Verbindungen (CV) gleichgeschaltet werden, gründet Dollfuß einen österreichischen Ableger, den ÖCV.

„Diktatur light“ 

Dollfuß sucht Unterstützung zur Sicherung der österreichischen Selbstständigkeit, hofft, mit Frankreich, dem damaligen Todfeind Deutschlands, eine anti-deutsche Allianz schmieden zu können, und lässt sich, als die Aussagen vage bleiben, mit dem italienischen Diktator Benito Mussolini und dem ungarischen faschistischen Ministerpräsidenten Gyula Gömbös ein. 

Freilich bewegt sich die austrofaschistische Nachahmung der faschistischen und nationalsozialistischen Repräsentation aus heutiger Sicht an der Grenze zur Lächerlichkeit: Ton- und Filmdokumente zeugen davon, dass Dollfuß die Rolle des faschistischen Imperators nicht liegt. Seine Sprache ist vom Dialekt gefärbt, der appellhafte Inhalt und der Tonfall, dem er mühsam Pathos abzuringen versucht, passen nicht zusammen; sein unsicheres Lächeln steht in Wechselwirkung zu seiner schlampigen Körperhaltung, die keine Uniform ausgleichen kann.

Dann erst die Symbole: Das Kruckenkreuz soll gleichsam ein Hakenkreuz sein, ohne ein Hakenkreuz zu sein; wenigstens grüßt man „Österreich heil!“ mit Bezug auf das Land und nicht auf eine Person. Über alles stellt Dollfuß die katholische Kirche als Stellvertreterin Gottes auf Erden, dem allein sich das austrofaschistische Regime bis in die Rechtsprechung verpflichtet fühlt: „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht, erhält das österreichische Volk für seinen christlichen deutschen Bundesstaat auf ständischer Grundlage diese Verfassung.“ Seine Dankbarkeit hat etwas Rührendes – doch damit lässt sich keine ernsthafte Politik betreiben.

Kasperliade mit Todesurteilen 

Dollfuß‘ Faschismus knirscht in allen Fugen. Gemessen an Mussolinis imperialen Feldzügen, Hitlers manischer Judenverfolgung und Stalins „Säuberungen“, mag das Dollfuß-Regime als „Diktatur light“ durchgehen, eine österreichische Kasperliade als Kommentar zu den Tragödien – wären da nicht die Toten des Bürgerkriegs und die zumindest in höchstem Maß fragwürdigen Todesurteile.

Man mag Dollfuß zugutehalten, dass er tatsächlich glaubte, Österreich nur durch eine Diktatur retten zu können. Doch am Ende bleibt stehen, dass Dollfuß‘ gottesrechtlicher Ständestaat eben doch eine faschistische Diktatur war.

Die polarisierende Gestalt

Doch könnte dieser Engelbert Dollfuß ein Diktator aus guten Vorsätzen gewesen sein? 

Otto Habsburg-Lothringen, Enkel von Karl I., dem letzten Kaiser Österreichs: „Es gibt kein anderes Land in Europa, das einen Kanzler gehabt hat, der in der Schlacht gegen Hitler gefallen ist. Darauf sollten wir auch stolz sein.“ 

Der österreichische Politikwissenschaftler Anton Pelinka: „Engelbert Dollfuß ist für mich in erster Linie ein Diktator, der seine demokratischen Anfänge aufgegeben hat zugunsten eines erklärbaren, aber aus meiner Sicht nicht rechtfertigbaren Weges in die Diktatur.“ 

Man bekommt ihn nicht in den Griff, diesen Engelbert Dollfuß.