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Der Klimawandel zerstört Inseln, Gletscher und Seen. Wer sie besucht, sieht auch, was mit unserem Planeten passiert.
Bevor ich in die Schule kam, lebten wir in einem kleinen Ort in der Nähe von Wien. Um die Ecke lag eine Hangwiese, auf der wir in der kalten Jahreszeit rodelten. Heute geht das nicht mehr. Die Rodelwiese ist weg. Und zwar nicht nur, weil sie verbaut wurde, sondern auch, weil der Schnee in dem Ort jetzt nicht mehr lange genug liegenbleibt, um einen guten Rodeluntergrund zu bilden.
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Schon 2024 war das wärmste Jahr der Messgeschichte. Doch die CO2-Emissionen, die die Erde erhitzen, steigen weiter. Laut dem jüngsten Bericht zum weltweiten Kohlenstoffbudget, dem Global Carbon Budget Report 2025, sind es um 1,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Die höheren Temperaturen lassen die Pole abschmelzen und den Meeresspiegel ansteigen. Und ähnlich wie mein Rodelhügel keiner mehr ist, trocknen Seen aus, schmelzen Gletscher ab und versinken Inselwelten im Meer.
Letzte-Chance-Tourismus und seine Kritik
Wir werden daher überlegen müssen, welche Orte wir noch besuchen wollen, bevor es sie nicht mehr gibt. Eines vorweg: Das hier ist keine Empfehlung für einen hektischen Letzte Chance-Tourismus - also den kontroversiellen Trend zum hektischen Besuch gefährdeter Orte, damit man sie noch gesehen hat, bevor es zu spät ist. Es geht nicht darum, die Naturwunder der Welt auf einer persönlichen Bucket List der Reihe nach abzuklappern. Sondern es geht um eine rationale und schmerzhafte Diagnose, dass viele Reisen bald nicht mehr möglich sein werden, weil wir zu wenig gegen den Klimawandel unternehmen und diese Wunder vernichten.
Um die Lage zu verdeutlichen: Selbst wenn sich die Erderwärmung noch bei 1,5 Grad stabilisieren lässt, ist schon heute mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent davon auszugehen, dass Warmwasser-Korallenriffe bald verloren sein werden. Das Gleiche gilt für die Gletscher der Niederalpen: In Österreich wurde heuer etwa am Hallstätter Gletscher der stärkste Massenverlust seit Beginn des Messprogramms im Jahr 2006 verzeichnet: Fläche und Masse des größten Eisriesen des Dachsteinmassivs sind seither um ein Drittel geschrumpft.
Reisen als Moment der Erkenntnis
Wer also ein:e begeisterte:r Taucher:in ist, wird die Unterwasserwelten am größten Korallenriff der Welt, dem Barrier Reef, nicht mehr ewig erleben können. Auch Skifahren am Dachstein wird nicht mehr lange möglich sein. Ähnliches gilt für Schwimmen an tropischen Stränden, Bummeln in Venedig oder Segeln am Neusiedlersee. Dieser größte Steppensee ohne Abwasserabfluss in Mitteleuropa trocknet jedes Jahr mangels ausreichend Regen weiter aus und mit ihm verschwindet eine einzigartige Schilf-Naturlandschaft.
Zugegebenermaßen ächzen bedrohte Gebiete schon jetzt unter dem Tourismus. Untersuchungen zeigen etwa, dass der Kraftstoffverbrauch für Reisen zu weit entfernten Zielen deren Niedergang sogar noch beschleunigen könnte. Allein die Zahl der Tourist:innen in der Antarktis hat sich zwischen 2013 und auf 104.076 im Jahr 2023 verdoppelt. Besonders dieses empfindliche Ökosystem bekommt die Belastung durch eingeschleppte Arten, die mitreisen, zu spüren.
Das Ende der Welt vor der Haustür
Befürworter argumentieren jedoch, dass die Besichtigung gefährdeter Orte bei verantwortungsbewusstem Handeln Reisende dazu inspirieren kann, genau die Orte zu schützen, die sie besuchen wollten. Denn das Erleben verstärkt die Empfindung für und die Bindung zu einem Ort, und Hinschauen ermöglicht, zu sehen und zu erkennen, wie es um den Planeten tatsächlich steht. Und das wiederum könnte das zukünftige Verhalten ändern und Menschen sowohl im Herzen als auch in ihren Alltagshandlungen zu Botschafter:innen für den Klimaschutz machen. Außerdem lässt sich die Welt auch auf klimafreundlichem Weg bereisen – nicht überall hin muss man fliegen oder mit dem Auto fahren.
Beispielhaft für den Erkenntnisgewinn, von dem hier die Rede ist, organisierte die texanische Rice University im Jahr 2018 eine Zeremonie in Island, die ein Begräbnis für einen Gletscher symbolisierte. Der französische Autor Cédric Duroux fuhr mit und empfand Begeisterung für die Okjokull-Gletscherspitze. Doch erst als er erfuhr, dass früher nicht nur die Spitze, sondern der ganze Berg aus ewigem Eis bestand, “begriff ich im Inneren, wie ernst die Lage ist, und selbst heute bekomme ich eine Gänsehaut, immer wenn ich an diesen Moment denke”, zitiert ihn die britische BBC, die ebenfalls an der Reise teilnahm.
Doch auch zu Hause lässt sich das Ende der Welt erleben. Meine Alltagshandlungen hat ein Marsch über einen Gletscher im Pitztal-Skigebiet im Sommer 2023 in Tirol verändert, bei dem unserer Gruppe unter Zuhilfenahme von historischen Bildern erklärt wurde, wie stark dieser in den letzten Jahrzehnten geschrumpft ist. Seither gehe ich wesentlich bewusster mit meinem Energieverbrauch um und ist mir nichts rund ums Klima egal. Besuche bedrohter Orte sind für mich zu Orten der Auseinandersetzung und der Empathie mit dem Zustand der Welt und ihrer Natur geworden. Und somit sie hier ein bewusstes Reisen empfohlen, das die Augen dafür öffnen kann, was mit dem Planeten tatsächlich passiert.
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Infos und Quellen
Quellen
- International Rescue Committee: 10 Länder, denen eine Klimakatastrophe droht
- Germanwatch: Klima-Risiko-Index
- Nature: Global greenhouse-gas emissions are still rising: when will they peak?
- Interaktiver Globus, Berliner Morgenpost: Wo unsere Erde unbewohnbar wird
- Polar Geography: Antarctic tourism: regional ambassadors or last-chance tourists?
- KU School of Law, University of Kansas: Last Chance Tourism, Ecological Grief, and the World's Disappearing Natural Wonders
- Journal of Destination Marketing & Management: ‘What if this is my last Chance?
Das Thema in der WZ
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