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Am Donaustädter Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy prallt alles ab. Der mächtige SPÖ-Politiker sitzt trotz Anklage und Ermittlungen fest im Sattel. Wie lange noch?
„Das dauert mir viel zu lange, ich fange schon einmal an“, witzelte Ernst Nevrivy und steckte einen Spaten in den Donaustädter Acker. Das Bundesverwaltungsgericht hatte gerade grünes Licht für den Lobau-Tunnel gegeben, ein bis heute hoch umstrittenes Straßenbau-Projekt. Und Nevrivy, Bezirksvorsteher der Donaustadt und großer Verfechter des Tunnels, gab den Spaßvogel.
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Das war 2018. Heute, acht Jahre später, sitzt Nevrivy auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Bestechlichkeit, Verletzung des Amtsgeheimnisses und Beitrag zur Untreue vor. Nevrivy soll dem Chef des Immobilienunternehmens Wienwert, Stefan Gruze, verraten haben, wo die Wiener Linien eine Remise bauen wollen. Gruze sollen die Infos Millionen gebracht haben. Nevrivy soll dafür Freikarten fürs Wiener Derby und das Nationalteam bekommen haben – und seine Lieblingsband „Wiener Wahnsinn“ eine Zuwendung von 36.000 Euro. Nevrivy bestreitet die Vorwürfe, er bekannte sich nicht schuldig.
Fußball und Austro-Rock, das passt zu Ernst Nevrivy. Er gilt als stur, hemdsärmelig und mächtig. Neben dem Wienwert-Prozess, in dem Nevrivy steckt, ermittelt die Staatsanwaltschaft auch in der 2023 von der WZ aufgedeckten Causa Kleingärten gegen ihn. Der Verdacht: Nevrivy soll die Umwidmung einer Kleingartenanlage in Bauland vorangetrieben haben und sei damit mit einem günstigen Grundstück belohnt worden. Nevrivys Anwalt betonte damals gegenüber der Austria Presse Agentur, sein Mandant habe sich zu 100 Prozent korrekt verhalten. Es gilt in beiden Fällen die Unschuldsvermutung.
All das prallt an Nevrivy ab. In der Wiener SPÖ hat er Gewicht. Trotz Anklage und Ermittlungen hält sie fest am Vorstadtkaiser Nevrivy. Wer ist der Mann mit den sieben politischen Leben und dem Rathaus im Rücken?
Der Bezirkskaiser
Nevrivy, der Spross einer Arbeiterfamilie, wuchs in einer Zweizimmer-Wohnung in einem Gemeindebau in Kagran auf. Hier ist er geboren und immer geblieben. Er spielte Fußball und wurde Fernmeldemonteur bei der Telekom. Mit 17 Jahren trat er der SPÖ bei – und arbeitete sich hoch: Erst Bezirkssekretär, dann Bezirksrat und Bezirksvorsteher-Stellvertreter. Als 2014 der rote Bezirksvorsteher Norbert Scheed überraschend an einem Herzinfarkt starb, übernahm Nevrivy.
Die Fußstapfen waren groß: Scheed hatte den landwirtschaftlich geprägten Bezirk zu einem urbanen Stadtentwicklungsgebiet umgestaltet. In seiner Amtszeit wurde das Großprojekt Seestadt Aspern gestartet. Nevrivy sollte es nun fortführen. Ambitionen auf höhere Ämter hatte Nevrivy – laut eigener Aussage – nie. „Ich habe ja schon das allerschönste Amt, das es für mich gibt“, sagte er gegenüber dem Bezirksblatt.
Dabei hat Nevrivy als Lokalpolitiker einen engen politischen Spielraum. Kindergärten, Straßen und Grünanlagen. Viel mehr Kompetenzen hat ein Bezirk nicht. Nevrivy gilt als fleißiger Politiker. Einer, der viel unterwegs ist und unter die Leute geht. „Er hat immer ein offenes Ohr, man bekommt schnell einen Termin bei ihm“, sagen Menschen aus der Donaustadt gegenüber der WZ. Nevrivy sei jemand, der alle Hebel umlegt, um zu helfen. Mit der WZ wollte er nicht reden, eine Anfrage blieb unbeantwortet.
Aus seiner Aversion gegen die Grünen und ihre Verkehrspolitik macht er keinen Hehl. „Von unseren Anträgen hält er nicht viel. Wenn wir etwas wollen, sollen wir zu ihm kommen“, sagt Wolfgang Orgler, Klubobmann der Grünen Donaustadt. Orgler stieg 2015 in die Bezirkspolitik ein. Damals regierte die SPÖ mit den Grünen im Wiener Rathaus. „Nevrivy hat zu mir gesagt: ‚Auf Bezirksebene gibt es keine Koalition mit den Grünen.‘“ Nevrivy pocht seit Jahren auf den Lobautunnel und die Stadtstraße. Gegen das Parkpickerl in der Donaustadt wehrte er sich vehement. 2022 führt die rot-pinke Stadtregierung das Parkpickerl, über Nevrivys Kopf hinweg, trotzdem ein.
Er habe einen rauen Umgangston, sein Politikstil sei autoritär, sagen seine Kritiker:innen. In der eigenen Partei ist der 58-Jährige nicht unumstritten. Dass er vergangenes Jahr trotz Anklage bei den Gemeinde- und Bezirksratswahlen kandidiert habe, kreiden ihm manche an. In der Donaustadt fuhr die SPÖ den höchsten Verlust bei den Bezirksvertretungswahlen ein, ein Minus von knapp acht Prozentpunkten. „Die Anklage haben die Leute nicht gutgeheißen”, sagt ein roter Funktionär, der nicht genannt werden will.
Der Bürgermeistermacher
Dass sich Nevrivy nicht durchsetzt, ist eine Seltenheit. In der Wiener SPÖ besitzt er erstaunliche Macht. Das hat viel mit dem Jahr 2018 zu tun: Über 900 SPÖ-Delegierte versammelten sich in der Messe Wien beim Sonderparteitag, um über die Nachfolge von Stadtvater Michael Häupl abzustimmen. Es ging nicht nur um den Bürgermeister-Sessel, sondern um einen Richtungsstreit innerhalb der Partei. Zur Wahl standen Andreas Schieder, linker Flügel und Teil der urbanen Bobo-SPÖ, und Michael Ludwig, rechter Flügel, Anhänger einer Law-and-Order-Politik.
Ludwig machte das Rennen – nicht zuletzt wegen Ernst Nevrivy. Denn der mobilisierte unter den Funktionär:innen für seinen Parteifreund. Und viele sollten auf Nevrivy hören. Der Bezirksvorsteher hat eine der mächtigsten Bezirksorganisationen hinter sich. Dementsprechend viele Delegierte – 600 stellen die Bezirke – kommen aus der Donaustadt. Die genaue Zahl ist ein gut gehütetes Geheimnis.
Als Mann aus dem größten Flächenbezirk – 228.000 Einwohner:innen und damit viele SPÖ-Wähler:innen zählt die Donaustadt – weiß Nevrivy, wen sie wollen. In der Donaustadt geht es nicht gegen die Grünen wie in Neubau oder Mariahilf. Nevrivy muss den Zustrom der Arbeiter:innenschaft zur FPÖ stoppen.
Diese Loyalität hat ihm viel Rückhalt gebracht. Den braucht Nevrivy auch. 2021 etwa, als bekannt wurde, dass die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) in der Causa Wienwert gegen ihn ermittelt. Ludwig zeigt sich unbeeindruckt. In Nevrivy habe er „so lange Vertrauen, bis ich vom Gegenteil überzeugt werde“. Die Vorwürfe der WKStA reichen dafür offensichtlich nicht. Acht Jahre haben die Behörden ermittelt. Seit Mitte Jänner läuft der Prozess gegen elf Personen. 300 Seiten lang ist die Anklageschrift der WKStA, 380.000 Seiten hat der Akt. Es geht um schweren, gewerbsmäßigen Betrug, Untreue und betrügerische Krida der Wienwert-Chefs. Nevrivy bekannte sich nicht schuldig. „Ich bin überzeugt, nichts Unrechtes getan zu haben“, sagte er beim vierten Prozesstag Ende Jänner.
Nevrivy ist eine Randfigur in dem Mega-Prozess – für die SPÖ ist er trotzdem heikel. Wird Nevrivy verurteilt, fällt der Bezirkskaiser. Die Stadt könnte sich als Privatbeteiligte dem Verfahren anschließen, um im Falle eines Schuldspruchs Schadenersatz zu erhalten. Immerhin geht es um 850.000 Euro Steuergeld. Bisher hat die Stadt davon abgesehen.
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Einfach Politik.
Innenpolitik-Journalist Georg Renner über Österreichs Politiklandschaft.
Der Kleingartenbesitzer
Und dann ist da noch der Kleingarten. Halb Wien steht auf der Warteliste für eine Parzelle Grün in der Stadt. Nur Nevrivy wurde sofort bedient, auch noch kurz vor der Umwidmung des Areals in eine höhere Bauklasse, bei der er als Bezirksvorsteher sein Wörtchen mitsprach. Seine Parzelle stieg sprunghaft im Wert. Und Nevrivys Sympathien in den Keller. Vordrängler sind in Wien in etwa so beliebt wie Schwarzkappler. Das zeigte sich auch bei der Gemeinderatswahl 2025: In der Donaustadt fiel die SPÖ um fünf Prozentpunkte auf 41 Prozent.
Den Wähler:innen stieß die Kleingartenaffäre sauer auf, die Staatsanwaltschaft rief sie auf den Plan. Die Behörde ermittelt wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch. „Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen“, teilt die Staatsanwaltschaft auf WZ-Anfrage mit.
Einsicht zeigt Nevrivy keine. Den Grünen, die das Thema im Bezirk aufgriffen, warf er eine „Hetzjagd“ vor. SPÖ-Parteichef Andreas Babler versprach damals Aufklärung. „Als SPÖ-Chef mache ich Politik für diejenigen, die es sich nicht richten können – weder durch ihre Millionen am Konto noch durch ihre politischen Kontakte“, sagte er. „Entsprechend diesem Grundsatz kann und werde ich es nicht dulden, wenn in den eigenen Reihen der Eindruck entsteht, dass genau das passiert.“ Gegen Michael Ludwig konnte er sich nicht durchsetzen. Wiens Bürgermeister hält Parteifreund Nevrivy die Stange. Noch.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Sprecherin Staatsanwaltschaft Wien
- Ernst Nevrivy (Anfrage nicht beantwortet)
- Wolfgang Orgler, Klubobmann der Grünen Donaustadt
- Toni Mahdalik, Gemeinderats- und Landtagsabgeordneter, FPÖ
Daten und Fakten
- Die Donaustadt ist der flächenmäßig größte Bezirk in Wien mit den meisten Einwohner:innen (228.158) und gilt als wichtigstes Stadtentwicklungsgebiet Wiens.
- Bei den letzten Gemeinderatswahlen 2025 erreichte die SPÖ in der Donaustadt 41,01 Prozent – 5,15 Prozent weniger als 2020.
- Ernst Nevrivy ist seit 2014 Bezirksvorsteher der Donaustadt.
Quellen
- wien.gv.at: Die Donaustadt in Zahlen – Statistiken
- wien.gv.at: Gemeinderatswahlen 2025
Das Thema in der WZ
- Der vergoldete Kleingarten des Bezirksvorstehers
- Der rote Schrebergarten-Cluster
- Der planierte Grünstreifen in Wien-Donaustadt
Das Thema in anderen Medien
- Die Presse: Ernst Nevrivy: Ein Genosse wie damals
- Falter: Newsletter
- Die Presse: Wienwert-Prozess: Warum (auch) Bezirkschef Nevrivy bangen muss
- Der Standard: Wiener Bezirksvorsteher Nevrivy nach Krisensitzung gestärkt
- ORF: Streit in SPÖ-Donaustadt um Chefsessel
- Der Standard: Wiener Bezirksvorsteher springt im Anzug ins Wasser
- Mein Bezirk: Nevrivy sieht Zuzug als große Aufgabe für die Donaustadt
- ORF: Kleingärten: Ermittlungen gegen Nevrivy
- ORF: Babler verspricht Aufklärung von Kleingartendeals
- Der Standard: Schieder und Ludwig kämpfen um Häupl-Nachfolge
- ORF: Nevrivy sagte erstmals im Wienwert-Prozess aus
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