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Erpressung mit Babybrei: Wenn Lebensmittel zur Waffe werden

7 Min
Für die Erpressung werden gezielt Produkte ausgewählt, die sich ohne großen Aufwand manipulieren lassen und zugleich besonders sensibel sind.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquelle: Apa Images.

Vergifteter Babybrei, zwei Millionen Euro Lösegeld, Ermittlungen in mehreren Ländern: Der aktuelle Erpressungsfall beim Babynahrungshersteller Hipp sorgt für Verunsicherung. Ex-Kripo-Chef Ernst Geiger über den Tatbestand Lebensmittelerpressung.


    • Unbekannte erpressten Hipp mit vergifteter Babynahrung und forderten zwei Millionen Euro, Polizei sucht weiterhin nach Gläsern.
    • Ernst Geiger und Frank Roselieb beschreiben verschiedene Tätertypen und betonen eine hohe Aufklärungsquote bei Lebensmittelerpressungen.
    • Frühere Fälle wie die Bahlsen-Erpressung zeigen, dass Täter oft durch Hinweise oder Überwachungskameras gefasst werden.
    • Erpresserschreiben an Hipp am 27. März mit Forderung von 2 Mio. Euro.
    • Vergiftete Hipp-Gläser in Österreich, Tschechien, Slowakei entdeckt.
    • Aufklärungsquote bei großen Fällen: 80 bis 90 Prozent laut Experten.
    • 2017: Täter vergiftete 5 Babynahrungsgläser, erhielt 12,5 Jahre Haft.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Ein Hipp-Glas mit Babybrei, das mit Rattengift versehen war. Am Glasboden des Gemüsegläschens klebte ein weißer Aufkleber mit einem roten Kreis. Die Polizei sucht immer noch nach weiteren vergifteten Gläsern.

Hintergrund der Causa ist ein Erpresserschreiben, das am 27. März beim Babynahrungshersteller Hipp Deutschland in einem allgemeinen Postfach eingegangen war – mit einer Zahlungsforderung von zwei Millionen Euro bis spätestens 2. April. Gehe Hipp nicht auf die Forderungen ein, würden die Unbekannten mehrere Gläser mit Babynahrung mit Rattengift versetzen und in Umlauf bringen. Hipp soll das Erpresser-Schreiben übersehen haben. Die Kritik wollte Geschäftsführer Stefan Hipp nicht auf sich sitzen lassen und erklärte in einem Interview mit der Tageszeitung Die Presse: „Das wäre so, als würden Sie einen Brief über den Zaun ins Firmengelände werfen und hoffen, dass es jemand findet.“

Die Ermittler:innen entdeckten bereits mehrere betroffene Produkte in Österreich, Tschechien und der Slowakei. Im Burgenland sucht die Polizei weiterhin nach einem zweiten Hipp-Glas, das mit Rattengift kontaminiert sein soll. Im Zuge dessen seien bereits sämtliche Krankenhäuser, Alters- und Pflegeeinrichtungen sowie Kindergärten und -krippen kontaktiert worden. Auch die ungarischen Behörden habe die Polizei informiert, weil die Babynahrung von Personen aus dem Grenzgebiet gekauft worden sein könnte. Während die Behörden weiter nach den Tatverdächtigen suchen, warnen sie Verbraucher:innen dringend vor dem Verzehr und bitten die Bevölkerung, Gläser mit einer weißen Markierung sowie einem roten Kreis am Glasboden oder bereits geöffnete Gläser zu melden.

Knapp 90 Prozent Aufklärungsquote

Einer, der solche haarsträubenden Fälle nur zu gut kennt, ist Ernst Geiger, Ex-Leiter der Mordkommission Wien und ehemaliger Kripo-Chef. „Als ich noch im Dienst war, gab es im Schnitt ein Dutzend Lebensmittelerpressungen pro Jahr. Besonders Anfang der 90er-Jahre traten diese häufiger auf“, sagt Geiger zur WZ. Wobei an dieser Stelle zu erwähnen ist, dass nicht jedes Opfer eine Erpressung auch tatsächlich bei der Polizei anzeigt. Aktuelle Fallzahlen gibt es auf Nachfrage beim Bundeskriminalamt Wien nicht, lediglich allgemeine Zahlen zum Tatbestand „Erpressung“.

Frank Roselieb, Direktor des Instituts für Krisenforschung in Kiel, sagte 2017 gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass bei den sieben bis zehn größten Lebensmittelkonzernen Deutschlands pro Woche etwa zehn bis zwölf Schreiben eingehen, also 70 Erpresserbriefe pro Woche. Laut Roselieb sind die Chancen jedoch groß, Lebensmittel-Erpresser zu fassen. Sie liegen sogar bei 80 bis 90 Prozent bei den großen Fällen, denn meistens werden Spuren hinterlassen: Bilder auf der Überwachungskamera, SMS oder letztendlich bei der Geld-Übergabe.

Die Vorgehensweise ist dabei laut Geiger simpel: Für die Erpressung werden gezielt Produkte ausgewählt, die sich ohne großen Aufwand manipulieren lassen und zugleich besonders sensibel sind. Betroffen sind laut Geiger vor allem gängige Lebensmittel, die täglich im Einkaufswagen landen und in großen Mengen verkauft werden, „etwa Süßigkeiten, Kindernahrung oder andere Produkte, die leicht kontaminierbar sind“.

Drei Tätertypen

Doch wer steckt hinter solchen Taten? Nach Einschätzung von Geiger handelt es sich häufig um Personen, die möglichst schnell an Geld kommen wollen, ohne dafür auf legale Wege oder aufwendigere kriminelle Methoden zurückzugreifen. „Erpressung erscheint ihnen als einfacher Weg, finanziellen Druck auszuüben und mit vergleichsweise geringem Aufwand hohe Summen zu fordern“, so der Ex-Kripo-Chef. Anders als bei Delikten wie Einbruch oder Diebstahl benötigen sie dafür weder besondere technische Fähigkeiten noch direkten Zugang zu Bargeld oder Wertgegenständen. Generell seien aber bestimmte Deliktformen wie etwa Einbruch aus der Mode gekommen. „Jedes Verbrechen hat seine Zeit. Heute haben wir mehr Internetkriminalität und Menschen, die sich als Polizisten verkleiden, um so an ihre Opfer zu gelangen,“ sagt Geiger.

Roselieb wiederum unterscheidet in drei Tätertypen. Auf der einen Seite stehen die Amateure, die es ausprobieren möchten und dann schnell feststellen, dass es wesentlich schwieriger ist, einen großen Konzern zu erpressen. Auf der anderen Seite gibt es jene, die bereits auf eine lange kriminelle Laufbahn zurückblicken. Sie haben schon oft Einbrüche begangen, handeln skrupellos und ziehen ihre Taten konsequent bis zum Ende durch. Solche Tatverdächtige werden häufig nicht gefasst, weil sie genau wissen, wann sie abbrechen müssen. Dazwischen gibt es einen Mischtyp: Personen mit etwas krimineller Erfahrung, die bevorzugt bekannte Marken aus ihrer Umgebung erpressen. Diese würden aber vergleichsweise oft geschnappt werden.

Verhandlungsstrategie hängt von Tätertyp ab

Auf die Frage, wie Ermittler:innen mit Erpresserschreiben wie im aktuellen Hipp-Fall umgehen, erklärt der Ex-Kripo-Chef mit 40 Jahren Diensterfahrung: „Entweder reagiert man zunächst gar nicht oder versucht, auf irgendeine Weise Kontakt mit dem Erpresser aufzunehmen und ihn hinzuhalten“, so Geiger. Nicht immer seien jene bereit, in einen direkten Austausch zu treten. Manche würden lediglich ihre Forderungen übermitteln und darauf hoffen, dass diese erfüllt werden.

Nimmt die Person jedoch Kontakt auf, versuchen die Ermittler:innen, die Kommunikation möglichst lange aufrechtzuerhalten. „Dann geht man darauf ein und versucht, ihn hinzuhalten“, erklärt Geiger. Diese Kommunikation läuft heute meist deutlich unspektakulärer ab, als es klassische Kriminalfilme vermitteln. „Das ist nicht so, dass ein Mediator mit psychologischen Tricks versucht, den Täter auszutricksen“, sagt Ernst Geiger. Während früher Nachrichten oft an vereinbarten Orten hinterlegt wurden, erfolge der Kontakt heute in den meisten Fällen digital, etwa per E-Mail.

Die Kommunikation mit Tatverdächtigen können zwar auch Vertreter:innen des betroffenen Unternehmens übernehmen, wenn dieses den Kontakt selbst führen wolle. „Die Polizei bevorzugt aber natürlich, dass sie diese Kommunikation selbst in die Hand nimmt“, sagt Geiger. Auf Basis dieser Kommunikation entscheiden die Ermittler:innen über das weitere strategische Vorgehen, ob sie auf die Forderungen eingehen, den Täter hinhalten oder andere Maßnahmen setzen. Welche Schritte im Einzelfall gesetzt werden, hängt laut Geiger wesentlich von der Einschätzung des Täterprofils und der kriminologischen Analyse ab.

Über die genauen Methoden sprechen Ermittler:innen bewusst nicht öffentlich. „Die konkreten Strategien werden aus ermittlungstaktischen Gründen natürlich nicht offengelegt“, betont der ehemalige Kripo-Chef.

Vergiftete Kekse in den 90ern

Der Fall erinnert an andere Erpressungen. 2017 etwa hatte ein Mann in Friedrichshafen am Bodensee fünf Gläser mit Babynahrung vergiftet und in Supermärkten deponiert. Er forderte einen zweistelligen Millionenbetrag, ansonsten würde er 20 Giftanschläge in Deutschland verüben. Die Polizei konnte den Täter fassen, nachdem sie ihn mittels Bilder aus Überwachungskameras in Supermärkten ausfindig gemacht haben. Der 54-Jährige wurde wegen versuchten Mordes und versuchter schwerer räuberischer Erpressung zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Ernst Geiger die Bahlsen-Erpressung aus dem Jahr 1993/1994. Damals ging ein Brief beim damaligen Geschäftsführer des Keksherstellers ein, in dem Geld gefordert und andernfalls damit gedroht wurde, vergiftete Kekse in Umlauf zu bringen. Geiger und sein Team rieten dem Unternehmen von einer Zahlung ab. „Der hätte das sonst wieder gemacht, wenn er damit durchgekommen wäre“, ist sich Geiger nach wie vor sicher. Die Kekse hatte der Täter mithilfe einer Spritze vergiftet.

Als der Erpresser schließlich ankündigte, die vergifteten Kekse sogar auf Spielplätzen auszulegen, kam Bewegung in den Fall: Ein Freund des Täters meldete sich bei der Polizei und lieferte entscheidende Hinweise, die zur Festnahme führten. „Als Kinder im Spiel waren, ging das dem Freund des Täters dann doch zu weit“, sagt Geiger.

Für den ehemaligen Chef-Ermittler folgte eine überraschende Wendung: Bei der Festnahme erkannte er zu seinem Erstaunen im Täter seinen früheren Rhetoriktrainer von der Verwaltungsakademie wieder, einen Wirtschaftsakademiker und Unternehmensberater, der verschuldet war und so zu Geld kommen wollte. „Ich war sehr überrascht“, sagt Geiger.

Drei Monate hatte es damals gedauert, den Bahlsen-Erpresser zu schnappen. Und Geiger ist sich auch beim Hipp-Fall sicher: „Der Täter wird bestimmt gefasst werden.“


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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Vergangene Woche sind sämtliche Babykostgläschen von Hipp bei Spar Österreich zurückgerufen worden.
  • Kurz darauf wurde ein mit Rattengift versehenes Hipp-Gemüsegläschen Karotte von der Polizei sichergestellt.
  • Bisher betroffen sind Gläschen aus Österreich, Tschechien und der Slowakei.
  • Die Ermittlungen und die Suche nach weiteren vergifteten Gläschen laufen derzeit auf Hochtouren.

Quellen

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