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Der weibliche Körper ist ein Schlachtfeld

5 Min
Körper sind Leinwände von Machtstrukturen.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser. Bildquellen: Getty Images.

Ob im Iran, der Ukraine oder privaten Karibikinseln: Frauen- und Mädchenkörper bleiben die am stärksten unterdrückten Territorien der Welt.


    • Weiblichen Körpern wird Selbstbestimmung nicht zugestanden. Auf sie werden Machtansprüche Dritter projiziert.
    • Besonders intensiv erfahren das jene, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind, wie arme, migrantische und nicht-weiße Frauen, Frauen mit Behinderungen sowie trans Frauen.
    • Sexualisierte Gewalt in Kriegen und Konflikten wird als gezielte Strategie zur Entmenschlichung und gesellschaftlichen Destabilisierung eingesetzt.
    • Ende Januar 2026 veröffentliche das US-Justizministerium mehr als 3 Millionen neue Epstein-Dokumente.
    • Systematische Vergewaltigungen und andere Formen von sexualisierter Gewalt werden als Kriegsverbrechen gewertet.
    Mehr dazu in den Infos & Quellen

Dieser Artikel behandelt sexualisierte Gewalt und Missbrauch. Der Inhalt kann belastend oder retraumatisierend wirken. Bitte lies nur weiter, wenn du dich emotional sicher fühlst. Eine Liste mit Unterstützungseinrichtungen findest du am Ende des Textes.

„Wo bist du gerade?“, fragt der französische Ex-Diplomat Olivier Colom in einer Mail im Juni 2018. „Auf meiner Insel in der Karibik, mit einem Aquarium voller Mädchen“, antwortet Jeffrey Epstein. „Manche sind wie Garnelen, man wirft den Kopf weg und behält den Körper.“

Der ganze Nachrichtenverlauf erstreckt sich über drei DIN-A4-Seiten: kurze Sätze, schwarz auf weiß. Er ist Teil von über drei Millionen neu veröffentlichten Dokumenten in der Causa Epstein. Jahrzehntlang missbrauchten der verurteilte Sexualstraftäter und sein Netzwerk Mädchen und junge Frauen. In den „Epstein-Files“ kann man nachlesen, wie ihre Körper bestellt, bewertet und umhergeschoben werden. „Nicht attraktiv, zu alt“; „in echt hässlich“; „bring es nach New York, bitte“; „du schuldest mir eine 20-Jährige“ – das sind nur Auszüge. Man stößt auf einen misogynen Abgrund nach dem anderen. Aus Menschen wird Material.

Your body is a battleground
Barbara Kruger

Die US-amerikanische Künstlerin Barbara Kruger hat vor fast 40 Jahren ein Plakat entworfen, auf dem in großen, dicken Buchstaben steht: „Your body is a battleground“ – „Dein Körper ist ein Schlachtfeld“. 2026 hat sich daran nichts verändert. Der weibliche Körper bleibt ein Politikum. Egal ob in den USA, in denen Abtreibungsrechte unter Beschuss stehen, in Irans Gefängnissen, in denen Behörden Protestierende strukturell sexuell misshandeln oder in der Ukraine, in der russische Soldaten Zivilistinnen strategisch vergewaltigen.

Machtschauplätze

Der Körper ist eine Leinwand von Machtstrukturen. Normen und Hierarchien manifestieren sich in ihm, Abweichungen dienen als Begründung für Ungleichheit, Ausbeutung und Gewalt. Schon der Philosoph Jean-Jacques Rousseau schreibt im 18. Jahrhundert: „Der Mann zeigt seine Mannheit nur in gewissen Augenblicken, die Frau dagegen bleibt Frau ihr ganzes Leben (...) hindurch. Unaufhörlich wird sie an ihr Geschlecht gemahnt“. Absolute körperliche Selbstbestimmung wird Frauen heute wie damals nicht zugestanden. Armen, migrantischen und nicht-weißen Frauen, Frauen mit Behinderungen und trans Frauen übrigens noch viel weniger.

Wenn Epstein also weiblichen Körpern wie bei Garnelen den Kopf abreißen und ihren Körper behalten will, geht es ihm um Macht. Um die Möglichkeit, sein Gegenüber zu objektifizieren, zu entmenschlichen. Die Körper der Mädchen und jungen Frauen, die er und sein Netzwerk über Jahre ausgebeutet, missbraucht und vergewaltigt haben, wurden zum Schauplatz für misogyne Machtspiele unter reichen, einflussreichen Männern.

Kriegsschauplätze

In einem Interview aus dem Jahr 1997 schreibt die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek: „Eine Frau ist kein Einzelschicksal wie ein Mann. Eine Frau hat kein Ich. Eine Frau steht für alle Frauen. (...) Man gesteht uns nicht zu, ‚Ich‘ zu sagen. Und im Grunde können wir es auch nicht.“

In Kriegen verdichtet sich das. Die US-amerikanische Feministin Susan Brownmiller erklärte schon 1975, dass systematische sexualisierte Gewalt keine zufällige Begleiterscheinung in Konflikten darstellt. Vielmehr sei sie eine gezielt gesetzte Botschaft unter Männern: für die einen ein Siegesbeweis, für die anderen ein Zeichen der Niederlage. Der weibliche Körper wird zum Werkzeug, einem Instrument, um Repression dauerhaft zu verankern. Es geht nicht mehr nur um die Verletzung und Erniedrigung eines einzelnen Individuums, sondern um die Untergrabung gesellschaftlicher Stabilität.

Eine Frau steht für alle Frauen.
Elfriede Jelinek

Schauen wir in die Ukraine. Als die russischen Streitkräfte Anfang April 2022 aus der Stadt Butscha abgezogen wurden, ließen sie 458 Leichen zurück, fast alle davon ukrainische Zivilist:innen. Die meisten von ihnen wurden erschossen, gefoltert oder erschlagen. Hinter Hecken und in Gebäuden fand man nackte Frauen-Leichname, die zuerst vergewaltigt und anschließend ermordet worden waren.

Ähnliches passierte 800 Kilometer weiter östlich. „Im Mai 2022 werden Hunderte von Frauen in Mariupol von Russland gefangengenommen. Einige von ihnen können nach einem Jahr befreit werden. Sie schildern die brutale Behandlung durch russische Soldaten“, schildert die ukrainische Historikerin Marta Havryshko im Spiegel-Podcast. „Sie erinnern sich an Schläge. Sie erinnern sich an erzwungene Nacktheit und daran, wie russische Soldaten Fotos von nackten ukrainischen Soldatinnen machten.“ Auch im Iran wurden Protestierende der „Frau, Leben, Freiheit“-Demonstrationen von Angehörigen des Geheimdienstes und Sicherheitskräften vergewaltigt und schwer sexuell misshandelt. Das Ziel: Einschüchterung, Bestrafung, Kontrolle.

Der weibliche Körper steht auch hier nicht allein für sich. Er wird zur Projektionsfläche – für Gegner, Territorium, Ideologie.

Das Plakat von Barbara Kruger hängt derweil in einem Museum in Los Angeles. „Die Kraft des Werkes liegt in der Zeitlosigkeit seiner Aussage“, steht in der Beschreibung.

„Your body is a battleground“ – „Dein Körper ist ein Schlachtfeld“.


Hilfe und Beratungsstellen

Wenn du selbst von sexualisierter Gewalt betroffen bist oder jemanden unterstützen möchtest, findest du hier Hilfe:

  • Der Helpchat, Online-Beratungsstelle für Frauen und Mädchen: online hier
  • Frauen- und Mädchenberatungsstellen: Tel.: 01 595 37 60, online hier
  • Frauenhelpline gegen Gewalt: Tel.: 0800 222 555, online hier
  • Gewaltschutzzentren Österreichs: Tel.: 0800 700 217, online hier
  • Männerberatung: Tel.: 0800 400 777, online hier
  • Rat auf Draht: Tel.: 147, online hier

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Infos und Quellen

Daten und Fakten

  • Ende Januar 2026 veröffentlichte das US-Justizministerium mehr als 3 Millionen Seiten an Ermittlungsakten, Fotos, Videos und E-Mails in Zusammenhang mit Jeffrey Epstein, bekannt als die „Epstein-Files“. Die Akten enthalten viele Kontakte Epsteins zu Politik, Wirtschaft und Prominenten sowie Hinweise auf sein Netzwerk und frühere Ermittlungen. (siehe U.S. Department of Justice, Epstein Library)
  • Der Russisch-Ukrainische Krieg begann Ende Februar 2014 in Form eines regionalen bewaffneten Konflikts auf der ukrainischen Halbinsel Krim. Im Februar 2022 griff Russland die Ukraine auf breiter Front an. Eines der bekanntesten russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine ist das Massaker von Butscha. Anfang April 2022 wurden in dem Vorort von Kiew nach dem russischen Abzug 458 Leichen gefunden. Fast alle Toten waren Zivilist:innen.
  • Im Iran kommt es derzeit zu schweren Menschenrechtsverletzungen: Die Islamische Republik geht mit Gewalt gegen die eigene Bevölkerung vor, tausende Menschen wurden festgenommen, es kommt zu willkürlichen Tötungen, Folter und anderen Verstößen gegen grundlegende Menschenrechte.
  • Seit 1998 werden systematische Vergewaltigung und andere Formen von sexualisierter Gewalt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und damit als Kriegsverbrechen gewertet.
  • In Österreich ist jede dritte Frau (ab dem Alter von 15 Jahren) von körperlicher und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. (siehe Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich, Prävalenzstudie beauftragt durch Eurostat und das Bundeskanzleramt, 2022)
  • Viele Daten zu sexualisierter Gewalt werden nur in binären Geschlechterkategorien erhoben. Eine europäische Umfrage zu queerfeindlichen Hassverbrechen zeigt jedoch, dass 29 Prozent der Transfrauen, 23 Prozent der Transmänner und 34 Prozent der intersexuellen Befragten in den letzten fünf Jahren physischer oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. (siehe Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, 2024)

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

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