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Ethik für wirklich alle

6 Min
Zusätzlich zum Religionsunterricht sollte für alle Schüler:innen in allen Schulstufen Ethikunterricht angeboten werden, sagen Expert:innen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Getty Images

Die Zahl der Schüler:innen im Religionsunterricht sinkt. Die einen melden sich ab, die anderen bekommen gar keinen angeboten. Sie haben stattdessen eine Freistunde. Doch es gäbe bessere Lösungen.


Ein klassisches Gemälde welches dazu aufruft, an der WZ-Feedback Aktion teilzunehmen

Die elfjährige Vanessa ist rumänisch-orthodox, der achtjährige Daniel ist evangelisch, der zwölfjährige David ist katholisch, und die zehnjährige Claudia ist ohne Bekenntnis. Was alle vier vereint: Sie besuchen keinen Religionsunterricht. Entweder findet er für ihre Konfession nicht statt – oder ihre Eltern haben sie abgemeldet. Stattdessen haben sie frei.

Jahr für Jahr besuchen in Österreich weniger Schüler:innen den Religionsunterricht. Das hat vor allem einen Grund: Der Anteil von Kindern ohne Bekenntnis wird stetig größer. Waren es vor 30 Jahren in Volksschulen und AHS-Unterstufen noch rund 3 Prozent, sind es inzwischen 14 Prozent. Von den katholischen Schüler:innen nehmen immerhin insgesamt rund 90 Prozent am Religionsunterricht teil – und auch ein Viertel der Schüler:innen ohne Bekenntnis meldet sich dafür an. Auch der islamische Religionsunterricht verzeichnet recht hohe Teilnahmequoten, obwohl er sehr oft erst am späten Nachmittag stattfindet. Laut Lehrplan werden im konfessionellen Religionsunterricht neben einem Überblick über die eigene und alle anderen Religionen auch verschiedene Werte vermittelt, die unsere Gesellschaft zusammenhalten.

Wir Menschen können religiös oder nicht-religiös sein, aber wir können nicht nicht-ethisch sein.
Religionspädagoge Anton Bucher (Universität Salzburg)

Weil aber alle Schüler:innen dieses Rüstzeug erhalten sollen, wird nach rund 25 Jahren Schulversuch seit dem Schuljahr 2021/22 ab der 9. Schulstufe das Pflichtfach Ethik als Alternative zum Religionsunterricht ausgerollt. Zu spät, meint der Religionspädagoge Anton Bucher von der Universität Salzburg, der sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt. Er fordert eine ethische Bildung auch in den unteren Schulstufen, denn: „Wir Menschen können religiös oder nicht-religiös sein, aber wir können nicht nicht-ethisch sein.“

Von der Kirche emanzipierter Religionsunterricht

Der römisch-katholische Theologe wünscht sich sogar einen Ethikunterricht für alle; also zusätzlich auch für jene, die jetzt den konfessionellen Religionsunterricht besuchen, der auf einem Gesetz basiert, „das aus dem Jahr 1949 stammt, als der religiöse Kontext noch ein ganz anderer und Österreich zu 90 Prozent katholisch war”. Abschaffen will Bucher ihn aber nicht, er solle schon an der Schule bestehen bleiben.

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Seine Forderung nach Ethik für alle ist auch keine Kritik am Religionsunterricht. Dieser sei „qualitativ vorzüglich“ und habe sich bis zu einem gewissen Grad von der Kirche emanzipiert, attestiert der Professor. „Eine größere Umfrage hat gezeigt, dass die Lehrenden ihre Aufgabe nur zweitrangig darin sehen, den Glauben ihrer Kirche zu vermitteln. In erster Linie geht es darum, das Phänomen der Religionen zu beleuchten, und nicht um Verkündigung oder Indoktrination. Das wurde auch von den befragten Schüler:innen attestiert.“ Er sieht die Religionslehrer:innen durchaus geeignet, Ethik zu unterrichten.

Gläubige befürworten zusätzlichen Ethikunterricht

Interessante Ergebnisse in Bezug auf Religions- und Ethikunterricht liefert der katholische Religionssoziologe Paul M. Zulehner in seiner von 1970 bis 2020 durchgeführten Langzeitstudie über das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Religionen. Sein Fazit: „Quer durch alle Subgruppen hindurch ist ‚kein Unterricht‘ keine Option. Eine große Mehrheit spricht sich klar dagegen aus, dass man sich ersatzlos vom konfessionellen Religionsunterricht abmelden kann.“ Interessanterweise ist die Zustimmung zu einem verpflichtenden Ethikunterricht für alle zusätzlich zum Religionsunterricht unter den christlichen und muslimischen Befragten höher als unter den Konfessionslosen.

Der Religionssoziologe bringt in seiner Befragung auch einen Religionen- und Ethikunterricht ins Spiel, also eine Kombination innerhalb eines Faches. Den Unterrichtsgegenstand neu entwickeln möchte auch Bucher, und zwar in Kooperation von Staat und Religionen. Warum der konfessionelle Religionsunterricht daneben bestehen bleiben sollte, erklärt er so: „Bei der Religion geht auch um ganz existenzielle Fragen, auf die die Ethik keine Antwort geben kann: Was passiert im Tod mit dem Menschen, woher kommen wir, wohin gehen wir? Die Ethik gibt auch keine Antwort auf die Sinnfrage; warum wir da sind, das beantworten in allen Kulturen die Religionen. Die Aufgabe der Ethik ist es, unser Leben und unser Zusammenleben so human wie möglich zu gestalten.“

Ethikunterricht auch für die Unterstufe

Am Wiener GRG23 in Alterlaa kommt die Ethik schon früher: Dort wurde bereits vor 17 Jahren im Rahmen der Schulautonomie das Pflichtfach „Philosophieren mit Kindern“ für die Unterstufe als Alternative zum Religionsunterricht eingeführt. „Hier geht es um die Schulung ethischer und philosophischer Kompetenzen, darunter die Förderung des selbstständigen Denkens und vernünftigen Handelns, die Wahrnehmung verschiedener Meinungen und Perspektiven sowie Verantwortung zu übernehmen“, erläutert Ethiklehrer Edward Szarzynski, der als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Ethik auch den Lehrplan für das Pflichtfach in der Oberstufe mitgeschrieben hat.

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Unterschiedliche philosophische Schulen werden ebenso behandelt wie Umwelt-, Technik- oder Medizinethik, Identitätsphilosophie und natürlich auch die verschiedenen Religionen. Szarzynski betont das Thema Selbstbestimmung: Die Schüler:innen sollen lernen, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, und die ethischen, gesetzlichen und kulturellen Kriterien verstehen, nach denen man sich dabei richtet. „Es ist ein sehr reflektierter Unterricht, der die Zielsetzung hat, die Schüler:innen zu kritischen Menschen zu erziehen.“

Am liebsten schon in der Volksschule

Angesichts der vielen Kirchenaustritte sieht Szarzynski, selbst gläubiger Katholik, einen wachsenden Bedarf an Ethik für alle – und zwar so früh wie möglich. „Die Grundlagen verstehen die Kinder schon in der Volksschule. Ich denke da an basale Dinge wie Benimmregeln, Gesetze, Normen oder die Goldene Regel.“ Letztere kennt wohl jeder in Form des Sprichworts: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.“

Die Grundlagen der Ethik verstehen die Kinder schon in der Volksschule.
Edward Szarzynski (Arge Ethik)

Dass der Ethik- dem Religionsunterricht Wasser abgraben könnte, diese Gefahr sieht er nicht. Und auch sein Kollege, der Religionslehrer Josef Zauner, findet das Fach besser als eine Freistunde, in der die Kinder womöglich sowieso eine Lehrkraft als Aufsicht bräuchten. Andrea Pinz, Leiterin des Schulamts der Erzdiözese Wien, berichtet sogar von einer positiven Auswirkung des neuen Pflichtfachs in der 9. Schulstufe: „Wir haben zum Beispiel im Bereich der Berufsbildenden Schulen in Wien seit der allgemeinen Einführung des Ethikunterrichts um zwölf Prozent mehr Teilnahmen am Religionsunterricht.“ Auch Carla Amina Baghajati vom Schulamt der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) berichtet mit Blick auf den BMS- und BHS-Bereich von einer steigenden Teilnahme.

Gemeinsamer Religionsunterricht aller Konfessionen

Im Rahmen der Ökumene arbeiten die christlichen Konfessionen an einer Weiterentwicklung des Religionsunterrichts innerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten. So findet in Wien an mittlerweile rund 60 verschiedenen Schulen ein sogenannter dialogisch-konfessioneller Religionsunterricht statt, den katholische, evangelische, orthodoxe, altkatholische und Freikirchen gemeinsam gestalten. „Das setzt natürlich das Vertrauen voraus, dass die jeweilige Lehrkraft nicht die eigene Konfession über die anderen stellt, sondern alle authentisch vermittelt“, sagt Pinz, die von dem Modell überzeugt ist, „weil die Klassen zusammenbleiben und die Gemeinsamkeiten in den Mittelpunkt gestellt werden, ohne die Unterschiede zu negieren. Die Kinder werden eigentlich auf das vorbereitet, was sie im weiteren Leben sowieso können müssen, nämlich miteinander umzugehen.“

Sie würde sich hier noch eine stärkere Einbindung aller Religionen und des Staates wünschen, „weil religiöse Bildung eine gemeinsame Aufgabe ist“. In der Oberstufe könnte sie sich zum Beispiel eine Art Ringvorlesung vorstellen, in der alle Religionen ihren Platz haben. „Ich denke, dass da in der nächsten Zeit noch einige Modelle auf den Weg geschickt werden.“

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Infos und Quellen

Genese

WZ-Redakteur Mathias Ziegler hat schon in seiner Schulzeit erlebt, dass sich Mitschüler:innen vom Religionsunterricht abmeldeten. Jetzt, als Vater eines AHS-Erstklässlers, ist ihm das wieder verstärkt aufgefallen. So kam er zu der Fragestellung, ob nicht der Religionsunterricht neu strukturiert werden müsste, weil so viele Volks- und Unterstufenschüler:innen weder Religions- noch Ethikunterricht haben, sondern einfach eine Freistunde.

Gesprächspartner:innen

Quellen

Das Thema in anderen Medien