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Haltung, Transport, Schlachtung: In der EU-Viehwirtschaft gibt es viele ungelöste Problemfelder.
Gut Ding will Weile haben, sagt der Volksmund. Gerade im europäischen Tierschutz geht es mit Verbesserungen aber oft viel zu langsam voran. Die EU hat hier mehrere dringende Baustellen, allen voran Tiertransporte und Haltung.
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Tiertransporte
14-1-14-24-14-1-14-… Die Zahlenreihe ließe sich theoretisch endlos fortsetzen und bedeutet: Rinder, Schafe und Ziegen dürfen in der EU im Lkw bis zu 14 Stunden am Stück transportiert werden, dann brauchen sie eine Stunde Pause, dann geht es 14 Stunden weiter, und nach 24 Stunden Pause darf das Ganze von vorne losgehen. Bei Schweinen sind sogar 24 Stunden durchgehender Transport erlaubt, wenn sie ständigen Zugang zu Wasser haben. Übrigens dürfen bereits zehn Tage alte Kälber auf stundenlange Transporte geschickt werden.
Dank der aktuellen Regeln können zum Beispiel trächtige Jungkühe aus dem Alpenraum, die ab 20 Grad in Hitzestress kommen, ins 6.000 Kilometer entfernte Usbekistan gekarrt werden, wo sie 40 Grad heißen Steppen- oder Wüstensommern ausgesetzt sind. Oder sie landen in Nordafrika, wo sie unter anderem ohne Betäubung geschächtet werden (bei dieser rituellen Schlachtung blutet das Tier langsam aus). Theoretisch gilt die EU-Tierschutzverordnung bis zum Zielort, auch wenn dieser weit außerhalb Europas liegt. De facto kommt aber irgendwann auf der Strecke der Punkt, wo zum Beispiel keine EU-konformen Raststationen vorhanden sind. Und außerhalb der EU kann EU-Recht nicht wirklich durchgesetzt werden. Ein eigenes Kapitel sind die oft desolaten Tiertransportschiffe: Diese gelten als schwimmende Ställe und haben gar keine Fahrzeitlimits.
Die WZ hat schon einmal über Kälbertransporte berichtet:
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Oft geht es für die Tiere, die bis dahin in einem dunklen Stall eingepfercht waren, erst einmal zu einer Versteigerung, was eine massive Reizüberflutung und Stress bedeutet, bis sie für den Transport zusammengetrieben und im engen Lkw weiter gestresst werden. Das Pikante dabei ist: Während Rinder 29 Stunden (mit einer Stunde Pause) unterwegs sein dürfen, sind für Lkw-Lenker:innen selbst bei zwei Personen an Bord maximal 20 Stunden Fahrzeit pro Tag erlauben – und zwar mit 45 Minuten Pause nach jeweils 4,5 Stunden und längeren Ruhezeiten nur im stehenden Fahrzeug. Der Fehler im System ist offensichtlich.
Ein EU-Untersuchungsausschuss hat schon vor vier Jahren klar festgestellt, dass die Transportverordnung veraltet ist und dringend überarbeitet werden muss. Dass die Vorgaben wissenschaftlich nicht mehr tragbar sind, darin sind sich sogar alle Parteien im EU-Parlament einig. Kurz vor der EU-Wahl 2024 schlug die EU-Kommission tatsächlich eine Neuregelung vor, über die das Parlament dann im Dezember 2025 abstimmen sollte. Doch stattdessen gibt es seither politisches Gerangel und Stillstand. Anfang Mai 2026 hat man neu zu verhandeln begonnen, und schon jetzt liegen rund 3.000 Abänderungsanträge auf dem Tisch. Viele davon, zum Beispiel die Forderung, noch längere Transportzeiten zuzulassen, würden sogar einen Rückschritt gegenüber der jetzigen schlechten Regelung bedeuten. Währenddessen geht das Tierleid auf Europas Straßen weiter, obwohl laut Eurostat-Umfrage 83 Prozent der EU-Bürger:innen kürzere Lebendtiertransportzeiten wollen.
Käfighaltung
In Österreich ist die Käfighaltung von Hühnern verboten, auf EU-Ebene sind sogenannte ausgestaltete Käfige erlaubt. Dabei werden die Hennen in Gruppen in mehreren Etagen übereinander gehalten, wobei jede mindestens 750 Quadratzentimeter Platz haben muss. Klingt viel, ist aber tatsächlich nur etwas größer als ein A4-Blatt. Eigentlich hätte im Jahr 2023 eine umfassende EU-Tierhalteverordnung samt Käfigverbot kommen sollen, nachdem 1,4 Millionen EU-Bürger:innen die Initiative „End the cage age“ unterschrieben hatten (laut Eurostat-Umfrage aus demselben Jahr wünschen sich 84 Prozent der EU-Bevölkerung bessere Haltungsbedingungen für die Nutztiere in ihrem jeweiligen Heimatland).
Doch der angeblich fertige Vorschlag verschwand wieder in der Schublade. Heuer soll es einen neuen Anlauf geben. Was auch in Österreich sehr wohl erlaubt ist: Muttersauen dürfen wochenlang in engen Käfigen fixiert werden, um die Ferkel vor dem Gewicht der Mutter zu schützen. Bei Rindern wiederum ist die dauerhafte Anbindehaltung EU-weit grundsätzlich verboten, in Ausnahmefällen aber noch erlaubt. Und temporär ist sie überall möglich, sprich: Viele Kühe haben drei Monate Auslauf, werden aber neun Monate lang in Kojen eingepfercht, in denen sie sich nicht einmal umdrehen können.
Vollspaltenboden
Tierschützer:innen weisen immer wieder darauf hin, wie schädlich der sogenannte Vollspaltenboden ist. Auf den harten Betonstreben werden Klauen und Gelenke verletzt, die Tiere können sich nicht richtig hinlegen, steigen einander öfter auf die Schwänze. Trotzdem ist der Vollspaltenboden bei Rindern und Schweinen weit verbreitet und ein Verbot auf EU-Ebene nicht in Sicht. Österreich führt für Schweine ab 2034 (für sogenannte Härtefälle ab 2038) einen neuen Vollspalten-Mindeststandard ein – der in Dänemark, Europas größtem Schweineproduzenten, schon seit 2015 gilt und von Tierschützer:innen ebenfalls als Qualhaltung eingestuft wird.
Antibiotika im Futter
Hier gibt es in Österreich ein Screening samt Register und Kontrollen auf nationaler Ebene. Ein Vorstoß, gewisse Antibiotika für die Tierhaltung zu sperren, um Antibiotikaresistenzen in der Humanmedizin vorzubeugen, wurde vor einigen Jahren abgelehnt. Die Landwirtschaft wehrte sich erfolgreich mit dem Argument, gewisse Tierarten wie Hühner würden nur bestimmte Antibiotika vertragen. Grundsätzlich gilt: Je besser Tiere gehalten werden, desto weniger Medikamente brauchen sie.
Kennzeichnungspflicht
Bei Eiern hat die EU bereits 2004 eine Tierhaltungskennzeichnung verordnet (0 = Bio, 1 = Freiland, 2 = Boden, 3 = Käfig). Für Fleisch und andere Tierprodukte wie etwa Käse gibt es hingegen im Supermarkt zwar eine Herkunftskennzeichnung, aber keine verpflichtende Haltungskennzeichnung. Die Forderung danach wird wohl noch lange nicht erfüllt werden.
Schlachtung
Die EU schreibt hier sehr viel vor – allerdings spielt das Tierwohl dabei kaum eine Rolle, sondern im Vordergrund stehen die Hygienestandards. Diese sind so hoch, dass eigentlich die EU schuld an den riesigen zentralen Schlachtbetrieben ist. Kleine, lokale Schlachter sind im Nachteil. Weide-, Hof- und mobile Schlachtungen würden den Stress für die Tiere reduzieren, werden aber durch sehr strenge Vorgaben massiv erschwert. Hingegen hat die EU-Gesetzgebung kein Problem damit, wenn Großbetriebe ihre Schweine für stundenlange Fahrten in Transportern zusammenpferchen, ehe sie dann in der Schlachtfabrik quasi am Fließband getötet werden. Eine Verbesserung im Sinne des Tierschutzes ist hier nicht in Sicht.
Pelztierfarmen
Zumindest dieses Problemfeld könnte sich früher oder später selbst eliminieren. Denn Europa ist zwar einer der größten Pelzproduzenten der Welt, doch angesichts drastisch sinkender Nachfrage ist die Branche in den vergangenen zehn Jahren um drei Viertel geschrumpft und soll mittlerweile einen ähnlichen wirtschaftlichen Input haben wie der physische Videoverleih. Vor drei Jahren haben mehr als 1,5 Millionen Menschen in 18 EU-Staaten die Europäische Bürgerinitiative „Pelzfreies Europa“ unterschrieben – es war damit eine der erfolgreichsten überhaupt.
Tierschützer:innen verweisen auch auf Umfragen, laut denen zwei Drittel der Bevölkerung sich ein Verbot von Pelztierfarmen und Pelzhandel wünscht. Kritisiert werden neben dem Tierleid (Wildtiere in engen Käfigen) vor allem die Umweltbelastung (Gülle im Abwasser, Chemikalien im Endprodukt) und die Gefahr von Virusmutationen wie bei Covid (damals waren Pelztierfarmen Hotspots).17 EU-Staaten, darunter auch Österreich, haben die Pelztierzucht bereits verboten. Für die übrigen sind aber eher nur striktere Standards zu erwarten.
Tierversuche
Auch hier gab es eine sehr erfolgreiche Europäische Bürgerinitiative (1,2 Millionen Unterschriften), die ein Ende der Tierversuche für Kosmetik forderte. Ob der Vorschlag der EU-Kommission, der hier erwartet wird, ein Verbot beinhalten wird, ist fraglich.
Tierschützer:innen bemängeln, dass auch im medizinischen Bereich oft lieber auf den bekannten und erprobten Tierversuch gesetzt wird, statt Alternativen zu suchen. Und der Verein gegen Tierfabriken (VGT) kritisiert, dass man in Österreich trotz Informationsfreiheitsgesetz zu den rund 200.000 Versuchstieren keine genaueren Daten bekomme, wer wo welche Versuche durchführt.
Illegaler Welpenhandel und Qualzucht
Zumindest in diesem Bereich tut sich etwas. Das EU-Parlament hat Ende April mit einer überwältigenden Mehrheit von 558 Ja-Stimmen gegenüber 35 Nein-Stimmen und 52 Enthaltungen die ersten EU-Vorschriften zu Standards für Zucht, Haltung, Rückverfolgbarkeit, Einfuhr und den Umgang mit Katzen und Hunden verabschiedet. Demnach müssen künftig sämtliche Hunde und Katzen in der EU verpflichtend gechipt und in nationalen Datenbanken registriert werden. Schlagend wird das für Verkäufer:innen, Züchter:innen und Tierheime in vier Jahren Zeit, für private Tierhalter:innen in zehn Jahren bei Hunden und in fünfzehn Jahre bei Katzen.
Inzest-Zucht wird ebenso EU-weit verboten wie sogenannte Qualzucht, Kupieren (Verstümmelungen), Anbinden an Gegenständen außer aus medizinischen Gründen sowie Stachel- und Würgehalsbänder ohne integrierte Sicherheitsvorrichtungen. Durch die Chip-Pflicht auch für Hunde und Katzen aus Nicht-EU-Ländern soll der illegale Welpenhandel unterbunden werden.
Das Grundproblem
Europas Landwirtschaft – mitsamt den Agrarförderungen – ist auf billige Exporte ausgelegt. Laut TRACES Bericht hat allein Österreich zuletz innerhalb eines Jahres fast 16 Millionen Tiere in die EU und fast 400.000 Tiere in Drittstaaten exportiert. Würde man von intensiver Haltung (viele Tiere auf möglichst wenig Raum) auf extensive Haltung (mehr Platz bei weniger Tieren) wechseln, würde das für den europäischen Markt immer noch genügen, aber wir hätten keine Tiere mehr für den Export. Solange dieser Kreislauf nicht durchbrochen wird, sind Änderungen im Tierschutz schwierig.
Und: Von spezifischen Ausnahmen für Kleinbetriebe profitiert auch immer die große Massentierhaltung. Das macht die Gesetzgebung so schwierig. Zudem ist der für Tierschutz zuständige EU-Kommissar Olivér Várhelyi umstritten. Seine Kritiker:innen hoffen nun, dass Ungarns neuer Premier Péter Magyar den von seinem Vorgänger Viktor Orbán nach Brüssel entsandten Politiker durch jemanden ersetzen wird, der oder die sich mehr für Tierschutz interessiert.
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Infos und Quellen
Quellen
- Europäische Bürgerinitiative „End the cage age“
- Europäische Bürgerinitiative „Pelzfreies Europa“
- Europäische Bürgerinitiative „Kosmetik ohne Tierquälerei und ein Europa ohne Tierversuche“
- Tierschutzstandards in Europa
- TRACES-Berichte zu Österreichs Tiertransporten
- VGT: Warum Vollspaltenboden schädlich ist
- Vollspaltenboden-Mindeststandard ab 2034 (Video)
- Neue EU-Verordnung zu Hunden und Katzen
- EU-Parlament zur Pelztierzucht (englisch)
- Tierversuche in der Kosmetik (englisch)
- EU-Debatte zu Tiertransporten (englisch)
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