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Fakten gegen Fake News: Wer bestimmt, was stimmt?

7 Min
Desinformation kann aus vielen Interessen gestreut werden. Was zählt, ist die Beeinflussung von Meinungen.
© Illustration: WZ, Bildquelle: Adobe Stock

Komplexe Forschung, leicht gemacht - geht das überhaupt? Die Antwort ist ja. Auf ihrem Insta-Kanal setzt Elka Xharo Verschwörungsmythen und Desinformation klare Fakten entgegen.


Wissenschaft, kompakt auf Social Media vermittelt: Nicht viele Menschen können das. Doch Elka Xharo gelingt es, komplexe Inhalte in wenigen Worten verständlich zu machen. Auf ihrem Instagram-Kanal thesciencyfeminist erklärt sie selbst vielschichtige Themen in kurzen Sätzen, ohne dabei allzu stark zu vereinfachen. So will die Medizinphysikerin Verschwörungsmythen und Desinformation entgegenwirken.

„Krebsfrüherkennung: An welche Untersuchungen solltest du denken?“, schreibt sie, und liefert einen Überblick über empfohlene Vorsorgeuntersuchungen, sodass man schnell im Bilde ist. In „3 Gründe, warum Astrologie Humbug ist“ wiederum widerlegt sie pseudowissenschaftliche Erzählungen über die Astro-Spalten in Medien, die viele von uns amüsant finden, aber hoffentlich nicht glauben. Und rund um den Frauentag am 8. März weckte sie mit einem Schwerpunkt namens „Frauen, die nach den Sternen greifen“ Neugierde für die Leistungen von Astronominnen im Lauf der Geschichte.

Geboren 1990 im albanischen Tirana, kam Elka Xharo schon als Kleinkind mit ihrer Familie nach Österreich und studierte hier Medizinische Informatik, Medizintechnik und Medizinphysik. Besonders Teilchen- und Quantenphysik vermochten es, sie zu fesseln. „Ich war so fasziniert vom seltsamen Verhalten der kleinsten Teilchen, die wie von unsichtbarer Hand über lange Distanzen verbunden sein können, dass ich das auch meinen Freundinnen und Freunden, die eher aus den Sozialwissenschaften kommen, vermitteln wollte“, sagt Xharo im Gespräch mit der WZ. Die quirlige und zugleich bedachte junge Frau wollte sich außerdem für Frauen in der Forschung engagieren. „Mich interessiert das Rollenbild, das nach wie vor besteht, besonders in technischen Fächern, und wie es sich verändern lässt“, sagt sie.

Mit Information gegen unwissenschaftliche Argumente

Xharo hat sich Routine in der Vermittlung von komplexen Themen aufgebaut. Schon als Teenager hatte sie Artikel geschrieben, Reden gehalten, sich politisch engagiert. Bei ihrem jüngsten Auftritt in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen der „Langen Nacht der Forschung“ ging es um die Frage, warum Verschwörungsmythen – insbesondere seit der Corona-Pandemie – so erfolgreich sind.

„Corona stellte die Medizin ins Zentrum der Aufmerksamkeit und machte ihre Vermittlung zur Priorität“, sagt sie. Immerhin waren nicht alle begeistert von der rasanten Erforschung des Erregers Sars-CoV-2. Vielmehr gaben zahlreiche Menschen der Forschung die Schuld für Kontaktbeschränkungen und Lockdowns und zweifelten sie gemeinsam mit der Politik, die diese Maßnahmen verordnete, demonstrativ auf den Straßen an.

Ein Foto von Wissenschaftsvermittlerin Elka Xharo.
Wissenschaftskommunikatorin Elka Xharo will ihren Follower:innen „Werkzeuge und Argumente in die Hand geben", mit denen diese im Umfeld von Skepsis argumentieren können.
© Fotocredit: Privat

„Viele Menschen standen der Wissenschaft ablehnend gegenüber und vertieften sich in Verschwörungsmythen, die krause Ideen verbreiteten, etwa dass die Corona-Impfung unfruchtbar mache oder einen Mikrochip im Körper abgebe“, blickt Elka Xharo zurück. Für sie selbst sei die Pandemie eine „tragische Zeit“ gewesen. „In Albanien gab es, anders als hierzulande, lang keine Impfung gegen Covid-19. Ich habe Familienmitglieder an das Virus verloren. Es macht mich wütend, dass Leute in einem Land wie Österreich, wo man das Glück hatte, sehr bald einen Impfstoff zu haben, das lebensrettende Vakzin mit völlig falschen und unwissenschaftlichen Argumenten ablehnten.“

Mächtiger Gegner mit vielen Gesichtern

Für die Informatikerin wurde es daher zum Anliegen, Falschinformationen etwas entgegenzuhalten. In ihrer Freizeit postet die 33-Jährige, die beruflich an der Fachhochschule Wien der Wirtschaftskammer Wien Studierende in die Fächer Informatik und Programmierung einführt, regelmäßig zu aktuellen Themen im Bereich Wissenschaft und Feminismus in dem Bemühen, sie richtig darzustellen

Die junge Frau hat einen mächtigen Gegner mit vielen Gesichtern. Falschinformationen reichen von plumpen Behauptungen, die zu durchschauen sind, über unabsichtlich verbreitete Missinformation, die ungeprüft weitergeleitet wird, bis hin zu absichtsvoll gestreuter Desinformation. „Desinformation ist die gezielte Veröffentlichung oder Weiterleitung von Falschinformationen in vollem Bewusstsein dessen, dass sie faktisch inkorrekt oder zumindest stark verzerrt dargestellt ist“, erklärt Axel Bruns, Professor für Medien- und Kommunikationsforschung an der australischen Queensland University of Technology.

Desinformation im Superwahljahr

Das ist insbesondere im heurigen Superwahljahr relevant. Denn Desinformation kann aus innenpolitischen, geopolitischen, ideologischen oder auch kommerziellen Interessen gestreut werden. Was zählt, ist die Beeinflussung von Meinungen, nicht nur lokal, sondern europaweit und global. Die Folgen können insbesondere bei kriegerischen Auseinandersetzungen verheerend sein. Man muss, wie es scheint, auf der ganzen Welt einen schreienden Mob auf seiner Seite haben, um Positionen eskalieren zu können. „Es ist eine Minderheit der Internetnutzer, die viel Desinformation konsumiert und selbst verbreitet. Das ist häufig politisch motiviert, weil mit Desinformation das politische Gegenüber angegriffen werden soll“, sagt Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement der deutschen Universität Leipzig.

Wissenschaftsvermittlerin Elka Xharo berichtet, dass für komplexe Mythen mehrere Desinformationen zu einem großen Zusammenhang oder gar zu einem Weltbild verknüpft werden. „Eine Verschwörungstheorie ist das Ergebnis vieler Desinformationen. Sie entsteht wie Stille Post: Jemand sagt etwas entweder als Scherz oder als Böshaftigkeit, und dann wird es immer weitergetragen und es kommt immer mehr dazu.“

Krisen lösen das Gefühl von Kontrollverlust aus. Man sucht nach Sündenböcken.
Elka Xharo

Verschwörungsmythen seien insbesondere in Krisenzeiten beliebt. "Krisen lösen das Gefühl von Kontrollverlust aus. Man ist auch der Suche nach Antworten und Sündenböcken und vor allem auch nach einem way out. Wenn man sagt, das Coronavirus ist im Labor gezüchtet und Bill Gates ist schuld daran, klingt das nach einer Lösung. Damit die Lage nicht aus Pech und Zufall besteht, wird nach Verknüpfungen und Verbindungen zwischen verschiedenen Faktoren gesucht.“

Erklärungen, die Bedürfnisse befriedigen

Unser Gehirn sucht nach Erklärungen. Es lernt, indem es Verknüpfungen (Synapsen) bildet. Verschwörungsmythen bieten fertige Erklärungen an, weil sie Dinge verbinden, die zusammengenommen eine Art Sinn ergeben, der auch das Bedürfnis zu befriedigen scheint, sich verstanden zu fühlen, frei nach dem Motto: Wir kennen das Problem und wissen, wie die Zukunft aussehen kann. Auf diese Weise würde einem auch vermittelt, zu einem Kreis dazuzugehören oder Anerkennung zu finden, meint Xharo.

Vor allem, wenn jemand das Gefühl hat, dass eine sogenannte Mehrheitsgesellschaft einen vielleicht für seine Meinung auslachen oder als Schwurbler:in bezeichnen könnte, sei es attraktiv, sich in eine Bubble zu begeben, in der man sich gegenseitig bestärken, aufwerten oder sogar erhöhen könne. „Dabei kann durchaus auch das Gefühl entstehen, zur Runde jener zu gehören, die die Wahrheit gesehen haben, und verstanden zu haben, wie die Welt funktioniert.“

Wie ist es aber möglich, dass im Informationszeitalter, wo Wissen auf Knopfdruck erhältlich ist, verlässliche Information abgelehnt wird? „Vielleicht ist es dermaßen zu viel geworden, dass man sich nicht mehr vertieft auseinandersetzt und nicht entscheiden kann und vor allem nicht mehr unterscheiden kann zwischen seriös und nicht seriös. Außerdem ist das Vertrauen in Politik und Medien gesunken. Daher muss man sich fragen, wie man dieses Vertrauen wieder herstellen kann“, sagt Elka Xharo.

Zwar ist sie nicht der Ansicht, dass sie mit thesciencyfeminist Hardcore-Wissenschaftsskeptiker:innen erreichen kann, die immerhin, laut einer Studie des Wiener Instituts für Höhere Studien, zehn Prozent der Bevölkerung darstellen. Aber sie will ihren Follower:innen „Werkzeuge und Argumente in die Hand geben, mit denen sie in einem solchen Umfeld argumentieren können“. Elka Xharo will Verschwörungsmythen, Miss- und Desinformation auf Fakten beruhende Information entgegensetzen.


Infos und Quellen

Genese

Über Social Media schwirrt eine Menge Desinformation in unsere Köpfe. Wir fanden es beeindruckend, mit welcher Präzision die Informatikerin Elka Xharo auf ihrem Instagram-Kanal dagegen ankämpft, und wollten sie kennenlernen. Das gelang am Rande ihres Vortrags an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen der diesjährigen ,,Langen Nacht der Forschung" in der Wiener Innenstadt.

Gesprächstpartner:innen

  • Elka Xharo, geboren 1990 in der albanischen Hauptstadt Tirana, kam als Kleinkind mit ihrer Familie nach Linz und dann später mit 14 Jahren nach Wien. Dort empfahl die Schulbehörde zunächst den Besuch der Hauptschule mit dem Argument, dass migrantische Kinder sich in den meisten Fällen schwer täten mit der deutschen Sprache. Für ihre Mutter, eine Elektrotechnikerin, kam das aber keineswegs in Frage. Elka maturierte im Endeffekt mit lauter Einsern.

    Sie absolvierte einen Bachelor in Medizinscher Informatik an der Technischen Universität Wien und einen Master in Medizintechnik sowie einen postgradualen Lehrgang zur Medizinphysikerin an der Meduni Wien. Für den musste sie einige Fächer nachmachen - darunter Teilchen- und Quantenphysik. Und die vermochten es, sie zu fesseln, sodass sie ihren Insta-Kanal thesciencyfeminist gründete, um die Wissenschaften zu vermitteln und sich für Frauen in der Technik, von denen sie eine ist, zu engagieren.

    Als Academic Expert and Lecturer der Fachhochschule Wien der Wirtschaftskammer Wien führt sie Studierende in die Fächer Informatik und Programmierung ein und hat eine kleine Lehrveranstaltung zu Genderrollen in der Technik.

  • Axel Bruns ist Professor für Medien- und Kommunikationsforschung, Digital Media Research Centre an der Queensland University of Technology in Australien. Seine aktuelle Forschung konzentriert sich auf Nutzeraktivitäten in sozialen Medien wie Twitter und deren Bedeutung für unser Verständnis heutiger Medienöffentlichkeiten, und baut dabei besonders auf innovative Methoden für die Auswertung von “big social data”.

  • Christian Hoffmann ist Professor für Kommunikationsmanagement, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der deutschen Universität Leipzig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des strategischen Kommunikationsmanagements mit besonderer Berücksichtigung der Herausforderungen und Chancen neuer Medien.

Quellen

Das Thema in der WZ

Das Thema in anderen Medien

  • Der Standard: Feministische Forscherin entzaubert Verschwörungsmythen

  • ORF: Wie den Verschwörungstheorien entgegenwirken