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Ein Ort im Tiroler Oberland muss sich nach einer neuen Studie mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Und unsere Autorin mit ihren Vorfahren.
Es ist Mai 1934 und vor der Stalltüre eines Bauernhofs am Imster Stadtplatz steht ein Gendarm und lauscht. In der Stadt im Tiroler Oberland leben zu diesem Zeitpunkt ungefähr 3.000 Menschen. Seit Kurzem gilt die neue Verfassung der Dollfuß-Regierung, die parlamentarische Demokratie ist Geschichte. Sozialdemokratische und kommunistische Organisationen sind genauso verboten wie Hitlers NSDAP, trotzdem brennen immer wieder Bergfeuer in Hakenkreuzform auf dem Nordhang des Tschirgants. Auch deshalb drückt sich der Polizist an jenem Sommertag ganz dicht an die Stallwand. Er hört gedämpfte Stimmen, es riecht nach Heu. Fünf Männer haben sich im Inneren versammelt, allesamt illegale NS-Anhänger. Mittendrin: Mein Urgroßonkel Fritz Perktold.
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92 Jahre später ragt der Tschirgant noch immer über der Stadt. Als Kind hat mein Opa oft auf dunkle Schatten im Felsen gezeigt und von vergessenen Stollen erzählt. Den Bauernhof hingegen gibt es nicht mehr. Ich stehe am Imster Stadtplatz unter den alten Kastanienbäumen und denke an Fotos aus dem Jahr 1940. Im Zuge einer NS-Parteiveranstaltung wehten hier dutzende Hakenkreuzfahnen, die Hitlerjugend und Blasmusikkapelle marschierten auf. Der Stadtplatz war damals ein Meer aus Hitlergrüßen, Hakenkreuzbinden und braunen Uniformen. Heute ist er ein Parkplatz.
Seit Mitte März 2026 ist eine US-Datenbank mit der Mitgliederkartei der NSDAP online aufrufbar. Fast zeitgleich hat die Historikerin Sabine Pitscheider eine Studie veröffentlicht, die sich mit dem Nationalsozialismus in Imst auseinandersetzt. Als ich mit der Recherche für diesen Artikel beginne, ist noch nicht klar, dass es am Ende eine Ich-Geschichte werden wird. Aber je länger ich alte Berichte lese, in Pitscheiders 800 Seiten langer Studie wühle und Verwandte befrage, desto mehr merke ich: Ich kann mich hier nicht herausnehmen. Immer wieder stoße ich auf die Namen meiner Vorfahren, auf Personen, die gleich heißen wie ich, und auf Orte, an denen ich als Kind gespielt habe.
Am Imster Stadtplatz schreibe ich also folgende Fragen in mein Notizbuch: Wie geht die Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, mit ihrer Vergangenheit um? Was ist damals passiert und was haben meine Verwandten damit zu tun? Und warum ist ein ehemaliger NS-Bürgermeister immer noch Imster Ehrenbürger?
„Imst war eine extrem radikale Gemeinde“
Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard schreibt in seinem Theaterstück Heldenplatz: „In Österreich musst du entweder katholisch oder nationalsozialistisch sein. Alles andere wird nicht geduldet, alles andere wird vernichtet.“ In Imst war man beides. Schon 1931 entsteht hier eine Ortsgruppe der NSDAP, wenig später folgt eine lokale Sturmabteilung (SA). Jene beherrscht ab 1932 die Straßen, stört die Veranstaltungen politischer Gegner, liefert sich brutale Schlägereien mit der austrofaschistischen Heimwehr, jenem paramilitärischen Verband, der vor allem gegen die Arbeiter:innenbewegung kämpft. Auf gewaltsame Auseinandersetzungen folgen Versuche der Austrofaschisten, sich mit den Nazis zu versöhnen – „der Feind steht links“, es gelte eine „Kampfgemeinschaft“ gegen den Marxismus –, nur um sich wenig später wieder die Köpfe einzuschlagen. 1933 macht der Imster Gemeinderat den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler zum Ehrenbürger der Stadt.
„Imst war eine extrem radikale Gemeinde, schon in den 30er-Jahren“, sagt Historikerin und Studienautorin Sabine Pitscheider. Ich treffe sie im Café Central in Innsbruck. Sie hat schon für mehrere Tiroler Gemeinden die wissenschaftliche Aufarbeitung des Nationalsozialismus übernommen. Gut fanden das nicht immer alle. „Egal in welcher Organisation, ob in Firmen oder Gemeinden, entsteht zwangsläufig eine gemeinsame Geschichte, ein gemeinschaftlicher Mythos. Dieser wird von Generation zu Generation weitergetragen“, sagt Pitscheider, „und dann kommt plötzlich jemand und stellt diesen Mythos infrage. Dadurch fühlen sich Personen angegriffen, die ihre Familiengeschichte und ihr Selbstverständnis auf diesen Mythen aufgebaut haben.“
1938 feiert Imst den Einmarsch der deutschen Schutzpolizei. Bürger:innen stehen jubelnd auf den Straßen, viele strecken ihren rechten Arm mit flacher Hand in die Luft. Am Stadtplatz hängt bald ein Banner mit dem Schriftzug: „Gleiches Blut gehört in ein gemeinsames Reich“. Eine „Adolf-Hitler-Eiche“ darf Imst trotzdem nicht pflanzen: Bei der Volksabstimmung über den „Anschluss“ an das Deutsche Reich im April hat es eine Nein-Stimme gegeben. Keine 100 Prozent, kein Baum. Die Rachelust ist groß.
In Österreich musst du entweder katholisch oder nationalsozialistisch sein.Thomas Bernhard, Schriftsteller
Zwei Wochen später versammeln sich hunderte Schaulustige am Stadtplatz. Sie tragen Fackeln, Schellen und Trommeln, schon den ganzen Tag geht im Ort das Gerücht um, dass es heute Abend „etwas zu sehen gebe“. Dann passiert etwas, dass später als „Schandumzug“ oder „Schreckensnacht“ in die Geschichte eingehen wird. SA-Männer zerren ehemalige Beamte aus ihren Wohnungen und treiben sie unter Schlägen und Tritten durch die Straßen. Sie werden bespuckt und misshandelt, man inszeniert Scheinhinrichtungen, lässt sie Gräber ausheben und droht ihnen, sie darin zu verscharren. Sie müssen Schubkarren voller Steine und Sand schieben oder Tafeln mit der Aufschrift „Freikarte nach Dachau“ tragen. In einer Zeugenaussage erzählt ein Opfer, dass sich der damalige Bürgermeister und Stadtarzt Ferdinand Jenewein vor Lachen den Bauch halten musste.
„Tun wir so, als sei nichts passiert“
Mein Urgroßonkel Fritz Perktold ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Imst, wahrscheinlich wäre er sonst ebenfalls durch die Stadt gejagt worden. Mit den Nazis hat er es sich nämlich verscherzt. Als 1937 seine illegale NS-Gruppe auffliegt, verpfeift er seine Parteikollegen. Nach Hitlers Machtübernahme kassiert er dementsprechend früh Schläge von ehemaligen Verbündeten – „so, da hast du gleich eine, du Verräter“ – und muss sieben Tage ins Bezirksgefängnis. Danach verlässt er Imst für einige Zeit.
„Fritz Perktold ist eine spannende Figur. Zuerst eifriger illegaler Nazi und dann Kronzeuge gegen seine ehemaligen Gesinnungsgenossen“, sagt Pitscheider. Nach Kriegsende sagt Fritz Perktold nämlich wieder aus.
Das gefällt nicht allen. Viele der Imster NS-Anhänger:innen möchten nach 1945 nämlich nichts mehr von einer nationalsozialistischen Gesinnung gewusst haben. Die „Schreckensnacht“ wird zu einem Faschingsumzug umgedeutet, Entlastungszeugnisse verhelfen dutzenden NS-Mitgliedern zu einer weißen Weste. Zeugen wie Fritz Perktold wird geraten, endlich ihre „Angebereien“ einzustellen.
Pitscheider erklärt: „Flapsig gesagt hat die Generation der NS-Täter:innen nach 1945 beschlossen: Tun wir so, als sei nichts passiert. Bilden wir uns unsere Vergangenheit neu.“ Nach der ersten freien Imster Gemeinderatswahl im Jahr 1950 sind die Hälfte der gewählten Mandatare ehemalige Mitglieder der NSDAP. 15 Jahre später verleiht die Stadt dem ehemaligen NS-Bürgermeister Ferdinand Jenewein die Ehrenbürgerschaft. 1976 benennt man eine Straße nach dem antisemitischen Mundart- und Nazidichter Jakob Kopp.
Auch meine Vorfahren haben sich regelmäßig weggeduckt. Mein Urgroßonkel Rudolf Plank zum Beispiel. 1933 setzt er sich ins Deutsche Reich ab und schließt sich einer Legion an, die für einen eventuellen deutschen Einmarsch in Österreich trainiert. Die ganze Familie ist zu diesem Zeitpunkt schon fanatisch nationalsozialistisch. Als er 1946 nach Imst zurückkehrt, will er davon allerdings nichts gewusst haben. Bei der Legion wäre er nicht freiwillig gewesen, bei der SA nur in der Musikkapelle. Auch an seine Parteimitgliedschaft kann er sich nicht mehr erinnern. Im Jänner 1948 verurteilt ihn ein Volksgericht wegen Hochverrat zu einem Jahr schweren Kerker. Aber schon Ende September verlässt er das Gefängnis. Sein Imster Netzwerk hat interveniert, seine Frau Paula schickte sogar ein Gnadenersuchen an den Bundespräsidenten, Begleitschreiben von SPÖ, ÖVP und der Kirche inklusive.
„Jemand kann ein radikaler Nazi und ein netter Papa gewesen sein“
Dass sich Imst momentan mit seiner Vergangenheit beschäftigt, kommt nicht von ungefähr. Erst kürzlich benannte man die Jakob-Kopp-Straße um, davor beseitigte man ein Denkmal im Putzenwald, das drei erschossenen NS-Soldaten huldigte. Sie waren Mitglieder der Waffen-SS und Totenkopf-Infanterie-Einheit gewesen; besonders letztere kennt man von schweren Kriegsverbrechen.
„Es ist für Mitglieder des Gemeinderats nicht leicht, mit Widerstand oder Unverständnis gegen beziehungsweise über die Aufarbeitung konfrontiert zu werden, weder in Imst noch in Seefeld oder in Kitzbühel“, sagt Pitscheider, „Menschen können oft nicht begreifen, dass die Welt nicht schwarz oder weiß ist. Wir funktionieren nicht nach null und eins. Die Welt ist grau. Jemand kann ein radikaler Nazi gewesen sein und ein netter Papa, das schließt sich nicht aus.“
Diese Studie ist erst der Anfang.Sabine Schuchter, Museumsleiterin
Nicht weit vom Imster Stadtplatz befindet sich das Museum im Ballhaus. Momentan kann man hier die Ausstellung „Nationalsozialismus in Imst“ besuchen, begleitend zu Pitscheiders Studie. An einem Freitagmittag steht die Leiterin Sabine Schuchter zwischen schwarz-weiß Fotografien und Nazi-Flugzetteln und knippst die Lichter an den hohen Decken an. In der NS-Zeit diente das Gebäude als Rathaus. „Wir haben in der Ausstellung mehrere NS-Propaganda-Plakate bewusst nicht auf Augenhöhe platziert. Die Besucher:innen müssen sich bücken“, sagt sie. Ich schaue in einen der Glaskästen und lese einen vergilbten Brief des Imster Bürgermeisters aus dem Jahr 1933 an die deutsche Reichskanzlei. In schwarz gesetzten Schreibmaschinenbuchstaben informiert er Adolf Hitler über seine Imster Ehrenbürgerschaft: „Die Ernennung erfolgt aus dem Grunde, weil Eure Exzellenz seit dem Kriege der erste Mann ist, der dem Bolschewismus und Marxismus wirksam entgegentrat und so das deutsche Volk vor dem drohenden Untergang errettete.“
Schuchter sagt: „Diese Studie ist erst der Anfang. Jetzt wissen wir, was passiert ist. Jetzt können wir beginnen, das Geschehene aufzuarbeiten.“
Als ich im Railjet von Imst zurück nach Wien sitze, fällt mir ein Satz aus Fritz Perktolds Geständnis ein. Er habe sich vor allem für die NSDAP engagiert, damit die Imster:innen nicht dem Kommunismus verfallen. Dann denke ich an das WLan-Passwort meiner Eltern: Rosa Luxemburg.
Ich schicke der Stadt Imst eine Anfrage und möchte wissen, ob die Stadtregierung vorhat, dem NS-Bürgermeister Ferdinand Jenewein seine Ehrenbürgerschaft abzuerkennen. Ob es Bestrebungen gibt, ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus zu errichten. Ich erhalte bis Redaktionsschluss keine Antwort.
In Imst wird normalerweise viel geredet. Es dauert nie besonders lange, bis der neueste Tratsch seinen Weg zu mir nach Wien findet. Umso mehr wundert es mich, dass die NS-Studie kaum besprochen wird. Wie viele andere Gemeinden tut sich auch Imst schwer, mit der Vergangenheit umzugehen, sich die Verbrechen einzugestehen, die in den Stadtgassen passiert sind. Viele möchten nicht an das große weiße Hakenkreuz denken, dass während der NS-Zeit an den Bergfelsen der Plattein prangte, an die Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen in den Imster Firmen, an die zwölf „Euthanasie“-Opfer.
Es ist April 2026. In Imst leben zu diesem Zeitpunkt mehr als 11.000 Menschen. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit hat gerade so richtig begonnen. Mittendrin: Mein Urgroßonkel Fritz Perktold.
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Infos und Quellen
Gesprächspartner:innen
- Sabine Pitscheider, Historikerin und Studienautorin von „‚Wahre Volksgemeinschaft‘: Nationalsozialismus in Imst“
- Sabine Schuchter, Leiterin des Museums im Ballhaus in Imst
- Pressebüro der Stadtgemeinde Imst
Daten und Fakten
- Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) war die antidemokratische, antirepublikanische und antisemitische Partei von Adolf Hitler.
- Die Sturmabteilung (SA) war eine paramilitärische Kampforganisation der NSDAP, die eine zentrale Rolle beim Aufstieg der Nazis spielte, indem sie Versammlungen schützte, politische Gegner durch Gewalt einschüchterte und den Straßenkampf führte.
- Die Bezeichnung „illegale Nationalsozialisten“ bezieht sich auf Personen in Österreich, die zwischen 1933 und 1938 Aktivitäten für die NSDAP ausführten oder ihr beitraten, obwohl die Partei durch ein Dekret des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß am 19. Juni 1933 verboten worden war.
- Die Heimwehr war ein paramilitärischer Verband in Österreich während der Zwischenkriegszeit, der sich als bewaffnetes Gegengewicht zur Sozialdemokratie verstand. Mit der faschistischen Zielsetzung, den Marxismus zu bekämpfen und die parlamentarische Demokratie zu stören, spielte sie eine zentrale Rolle bei der Zerstörung der Ersten Republik. Sie war eng mit dem bürgerlichen Lager verbunden.
- Der Austrofaschismus bezeichnet das autoritäre Regime in Österreich zwischen 1933/34 und 1938, angeführt von Engelbert Dollfuß und später Kurt Schuschnigg.
- Imst im österreichischen Bundesland Tirol ist die Hauptstadt des politischen Bezirks Imst und hat heute rund 11.000 Einwohner. Die Stadt liegt auf 828 Meter Seehöhe im Oberinntal, am Rande der Lechtaler Alpen.
Quellen
- Sabine Pitscheider: „Wahre Volksgemeinschaft“: Nationalsozialismus in Imst
- Thomas Bernhard: Heldenplatz
- Die Zeit-Datenbank mit der Mitgliederkartei der NSDAP
- US-Datenbank mit der Mitgliederkartei der NSDAP
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