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Fernweh – auf den Spuren unserer Sehnsucht

7 Min
Fernweh ist keine Erfindung der Smartphone-Generation. Der Begriff tauchte erstmals im 19. Jahrhundert auf.
© Illustration: WZ / Katharina Wieser

Wenn am kalten, grauen Wintertagen der Blick im Social-Media-Feed an Reisefotos hängen bleibt, meldet sich ein Gefühl: das Fernweh. Es zieht uns hinaus aus dem Alltag, dorthin, wo das Licht anders fällt.


Nur eine halbe Sonnenstunde: So wenig Himmelblau zählte Österreichs zentraler Wetterdienst an den meisten Dezembertagen in zahlreichen Regionen Österreichs. „Nichts wie weg – sonnige Wochen statt Sonnenminuten!“ Der Impuls, der sich breitmacht, wenn nebelige Schleier sich über die Straßen legen und die Kälte dorthin kriecht, wo sonst die Sommerfreude steckt, bekommt Verstärkung durch Social-Media-Feeds, aus denen die Postkartenwelten urlaubender Menschen entgegenleuchten: türkisfarbene Buchten, lange Sandstrände, tropische Regenwälder, leere Bergpfade. Bilder, die nicht nur Sehnsüchte nach der Ferne wecken, sondern sie auch formen.

Doch Fernweh ist keine Erfindung der Smartphone-Generation. Der Begriff tauchte erstmals im 19. Jahrhundert in Briefen von Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau, Generalleutnant, Landschaftsarchitekt, Weltreisender und Schriftsteller aus dem deutschen Görlitz, auf. Er prägte den Ausdruck für die Sehnsucht nach Ferne. Sein Leiden, wie er es nannte, sei nicht das klassische Heimweh, sondern vielmehr das Gegenteil, ein „Ziehen in die Welt hinaus“. Das Gefühl, das viele beim Scrollen verspüren, hatte also schon damals einen Namen und einen literarischen Klang.

Fernweh, Wanderlust oder doch Reiselust?

Fernweh kommt aus dem Inneren wie eine Intuition, für manche Menschen ist es sogar ein Drang. Wissenschaftlich ist diese Empfindung jedoch erstaunlich wenig erforscht. In Österreich beschäftigen sich wenige Fachleute mit dem Phänomen. Eine von ihnen ist Barbara Horvatits-Ebner. In ihrem Blog reisepsycho.com schreibt die forensische Psychologin aus Graz, die im Brotberuf mit Straftäter:innen arbeitet, darüber, warum uns Reisen verändert, warum manche Menschen förmlich „süchtig“ nach neuen Orten werden und weshalb Fernweh so viel mehr ist als eine kurze Lust auf Tapetenwechsel.

Denn eines steht fest: Es betrifft Menschen auf der ganzen Welt. „In den Wintermonaten drängt sich Fernweh zwar schneller auf, aber das Gefühl gibt es in jeder Region“, sagt Horvatits-Ebner zur WZ. In Japan kennt man den Zustand als „Ryoshū“, in Island als „ferðaþrá“ und in Portugal wie Brasilien als „Saudade de viajar“. Im englischsprachigen Raum wiederum ist Fernweh kein Schmerz, sondern eine Lust. Die Angelsachsen haben das deutsche Wort „Wanderlust“ übernommen, um die Freude am Umherziehen zu beschreiben.

Die Vorstellung vom schönen Leben

Philosophisch betrachtet ist Fernweh die Sehnsucht nach etwas, das nicht vor Ort ist, das man jedoch gerne hätte, oder aber nach etwas, das war, aber jetzt nicht mehr ist. Das heißt: Wenn ich eine schöne Reise gemacht habe und mir dann zu Hause die Fotos anschaue, kann ich Bedürfnisse nach diesen Momenten verspüren und danach, das Gefühl, das ich an jenem Ort hatte, erneut zu erleben. Oder aber ich kann mich nach Orten sehnen, die ich noch gar nicht kenne, indem ich eine bestimmte Vorstellung mit ihnen verbinde. „Fernweh kann also sowohl nach vorne als auch nach hinten gerichtet sein“, sagt die Psychologin.

Ob es das Lebensgefühl auf einer griechischen Insel ist, das atlantische Licht in Biarritz, der nordische Wind auf Sylt, die Skyline von New York oder das Lieblingslokal in Venedig: Sie alle regen die Gefühlswelt an. Im Grunde handelt es sich um das Bedürfnis, sich selbst zum ersten oder zum wiederholten Mal an anderen Orten zu spüren. Interessanterweise löst ein Lieblingsitaliener in Italien andere Gefühle aus als ein Lieblingslokal in der eigenen Umgebung.

„Fernweh hat mit Imagination zu tun und mit einer Leichtigkeit, die wir mit diesen Vorstellungen verbinden und von der wir im Alltag zu wenig haben“, sagt der Psychotherapeut Michael Stockert mit Praxis in Langenzersdorf nahe Wien zur WZ. „Diese Sehnsüchte haben sicherlich mit Urbildern zu tun. In diesem Zusammenhang sprach Carl Gustav Jung von Archetypen. Sie sind zwar für jeden Menschen anders, stellen aber eine romantische Vorstellung vom schönen Leben dar, die sich im Fernweh kristallisieren.“

Mit dem Finger auf der Landkarte

Wir streifen mit dem Finger über die Landkarte und suchen die Pazifikinsel Samoa. Dort würden wir gerne hinfahren, meinen wir, obwohl wir keine Ahnung haben, was wir dort finden würden. Ein befreundetes Paar aus Neuseeland hat dort einmal ein altes Haus gekauft und es in wunderschön bunten Farben hergerichtet, ihre Erzählungen zaubern eine von Urwald umgebene Frida-Kahlo-Villa in den Kopf. Aber welche Route nehmen wir nach Samoa? Machen wir einen Zwischenstopp in der grünen Metropole Singapur, wo westlicher Kapitalismus eine Symbiose mit asiatischer Feinsinnigkeit eingeht, die ein ganz eigenes Lebensgefühl erzeugt? Schon startet eine Recherche zu Flugpreisen.

Im Kern sitzt der Drang zu reisen tief in der menschlichen Natur. Die angeborene Neugier, eine neue Welt jenseits der unmittelbaren Umgebung zu erkunden, ist in der Evolution überlebenswichtig. Beim Reisen werden Glückshormone wie Dopamin und Serotonin ausgeschüttet. Dopamin ist mit Belohnung und Motivation assoziiert, während Serotonin mit allgemeinem Wohlbefinden in Verbindung gebracht wird. „Wenn Menschen von Reisen träumen oder an exotische Destinationen denken, kann der Anstieg dieser Neurotransmitter ein Gefühl von Freude und Erfüllung hervorrufen“, berichtet das Online-Magazin Das Wissen.

Fernweh-Gen steigert Abenteuerlust

Beim Reisen werden neue Erfahrungen gemacht, Freiheit, Entspannung und Achtsamkeit erlebt. Es steigert die Kreativität, weil die Zwänge des Alltags zu Hause bleiben. In diesem Sinn ermöglicht es persönliche Entwicklung und erzeugt positive Erinnerungen, die sich durch Vorfreude, die Reise selbst und die Nachbetrachtung ergeben. Die Sehnsucht nach all diesen Dingen ist also verständlich. Ein Problem wird es dann, wenn es einen belastet. Forscher:innen wollen sogar ein Fernweh-Gen ausgemacht haben, das unter anderem den Dopamin-Ausschuss im Körper beeinflussen und Eigenschaften wie Abenteuerlust, Neugier, Risikofreude und Rastlosigkeit potenzieren (siehe Infos und Quellen).

Fernweh manifestiert sich auch insbesondere dann, wenn man nicht reisen kann. Das zeigte sich während der Pandemie mit dem Coronavirus, als das Wegfahren stark eingeschränkt und zeitweise während der Lockdowns verboten war. Forschende beschreiben in diesbezüglichen Studien ein starkes Verlangen, wegzufahren, das Entzugserscheinungen auslösen kann. „Die Auswirkungen von Reisemangel können mit den kognitiven und emotionalen Zuständen verglichen werden, die Verhaltenssüchtige erleben, die sich in einem Entzug befinden“, berichten etwa Ariel Mitev und Anna Irimias von der Universität Budapest im Fachmagazin Annals of Tourism Research zu den Auswirkungen von Reiseverboten.

Wenn der Reisedrang das Leben dominiert

Fernweh kann also in Suchtverhalten ausarten. „Die Wortschöpfung Travel Craving kommt aus dem Suchtdiskurs, um zu beschreiben, dass Reiselust zu einem schmerzhaften Drang werden kann, wenn sie sich nicht erfüllen lässt“, erklärt Horvatits-Ebner. In explorativen Arbeiten tauche der Begriff der „Tourism Addiction“ auf, die entstünde, wenn der Drang zu reisen das Leben dominiert, sogar negative Konsequenzen erzeugt und dennoch kaum kontrollierbar bleibt. „Wer trauert, dass er oder sie nicht reisen kann, wird auf lange Sicht unzufrieden sein, Druck verspüren, grantig werden. Während der Pandemie etwa hatten Menschen, für die Reisen eine Strategie war, um mit psychischen Grundproblemen umzugehen, plötzlich eine stärkere Symptomatik“, erläutert die Reisepsychologin.

Verhalten wir uns weniger rational, wenn eine Reisesucht ausbricht? Etwa, indem wir einen Wochenend-Trip buchen, weil wir meinen, dass uns „das jetzt einfach guttut“, obwohl wir gar kein Geld dafür haben? „In einer gewissen Art und Weise verhalten wir uns tatsächlich weniger rational, sonst gäbe es keine Menschen, die Kredite aufnehmen für Reisen. Das ist problematisch. Ich würde jedem Menschen raten, sich die Welt anzuschauen, aber sich dafür zu verschulden, wäre keine Reise wert“, sagt sie. „Wenn man aufgrund von Reiselust und Fernweh in einen Schuldenstrudel kommt, ist das ähnlich, wie wenn man durch Substanzabhängigkeit in der Prostitution landet, weil man alles für die Substanz tut.“

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Lassen sich Formen von Fernweh klinisch screenen, um die Intensität zu messen? Und wenn ja, wie würde man bei der Anamnese vorgehen? „Ich würde auf einer Skala von eins bis zehn hinterfragen, wie häufig jemand Fernweh verspürt, ob es alltagsbestimmend und mit Herzschmerz verbunden ist, oder nur als Hintergrundrauschen oder Träumerei vorkommt“, sagt Horvatits-Ebner. Hat jemand viele Freunde an einem fernen Ort, oder will man eine heile Welt, die man dort erlebt hat oder zu erleben sucht? „Wenn es sich um ein diffuses, nicht zu unterdrückendes Gefühl handelt, das man nicht benennen kann, lohnt es sich, zu ergründen, was dahintersteckt.“

Selbstermächtigung und Belohnung

Woher kommt sie also, diese Sehnsucht nach einem langen Strand wie auf Hawaii? „Fernweh ist im Grunde nichts Plötzliches, das einen von einem Moment auf den anderen überfällt. Sondern es ist etwas, das in einzelnen Menschen schlummert und plötzlich in den Vordergrund treten kann“, sagt Michael Stockert. Nur selten deckt sich die Vorstellung davon, wie es auf der Karibikinsel aussehen wird, mit der Realität, die man dann dort vorfindet. Auch kann es beim zweiten oder dritten Besuch ganz anders sein als beim allerersten, weil ich ja jedes Mal zumindest ein Stück weit ein neuer Mensch bin. Den meisten Menschen ist das sogar bewusst – zu reisen bedeutet immer, das Risiko einzugehen, dass Erwartungen sich nicht erfüllen.

Die Befriedigung von Fernweh ist eine Art, für sich Verantwortung zu übernehmen.

Warum gehen wir das Risiko gerne ein? Vieles dreht sich um eine Art von Belohnung, dass man die Mühen des Alltags bewältigt und sich selbst dafür etwas Gutes tun will. „Die Befriedigung von Fernweh ist eine Art, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, also zu antworten auf seine Wünsche und Sehnsüchte. Das ist ein wichtiges Prinzip, das einen erwachsenen Menschen ausmacht, im Rahmen unserer Möglichkeiten auf uns selbst einzugehen und uns selbst ernst zu nehmen“, betont Stockert. Die Umsetzung eines Reisewunsches bringe die Erfahrungen von persönlicher Bestätigung und Ermächtigung.

„Viele dieser Vorstellungen und Sehnsüchte haben mit inneren Bildern und Erfahrungen von Wohlbefinden, Geborgenheit und Leichtigkeit zu tun. Es kann sein, dass wir Szenen aus der Kindheit in unser Erwachsenenleben und in die Vorstellungen, die wir bei Fernweh haben, hineinprojizieren“, sagt Stockert. „Eingebettet und mit allem verbunden zu sein ist eine Grundsehnsucht des Menschen, der auch eine spirituelle Dimension hat, die in vielen Menschen schlummert.“

Die Heizung hochdrehen, aufs Sofa legen und vom Meer träumen. Schon ist die Sonne zu spüren, das Rauschen zu hören und breitet sich die weite Welt im Herzen aus. Manchmal ist Fernweh auch das Bedürfnis nach Freiheit im Kopf.


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Infos und Quellen

Gesprächspartner:innen

  • Barbara Horvatits-Ebner, Forensische Psychologin in der Betreuung von psychisch kranken Straftäter:innen, Mitglied des Kriseninterventionsteams des Roten Kreuzes in Graz sowie Reisepsychologin und Autorin des Reiseblogs Reisepsycho.
  • Michael Stockert, Psychotherapeut mit Praxis im niederösterreichischen Langenzersdort und Lehrtherapeut in Wien und Langenzersdorf. Experte für Integrative Gestalttherapie, Supervision und Coaching.

Quellen

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